Sie können es einfach nicht lassen. Keine Berufsgruppe sagt so leidenschaftlich gern die Zukunft voraus wie die der Ökonomen. Und liegt dabei ständig falsch. Den aktuellsten Versuch hat Jeremy Rifkin, Wirtschaftsprofessor an der renommierten Wharton School der University of Pennsylvania, unternommen. Für sein neues Buch „Die Null-Grenzkosten Gesellschaft – Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“ ist er aktuell auf Werbetour in Deutschland. Wir nehmen seinen gestrigen Auftritt in Berlin mal zum Anlass, uns etwas genauer mit seinem neuen Werk auseinander zu setzen.
Seine These: Das Super-Internet der Dinge schafft die Grenzkosten ab
Der Titel sagt eigentlich schon sehr genau worum es geht: Eine neue Form des Wirtschaftens wird entstehen, weil technologische Umwälzungen die Grenzkosten vieler Produktionsprozesse auf nahezu Null reduzieren. Mit Grenzkosten bezeichnen Ökonomen die Kosten, die für jede zusätzlich produzierte Einheit eines Guts anfallen. Wenn die Grenzkosten gleich Null sind, kann man demnach quasi kostenlos produzieren, sobald die Fixkosten gedeckt sind. In der klassischen VWL geht man davon aus, dass der Preis für ein Produkt gleich den Grenzkosten ist. Rikfin dreht diese Argumentation nun weiter und behauptet: wenn die Grenzkosten fast Null sind, können Unternehmen auch keinen Profit mehr machen, und das führt langfristig in vielen Sektoren zu einem Rückzug des Kapitalismus.
Diese Lücke füllt dann die Sharing Economy, die gemeinsam mit dem zurückgedrängten Kapitalismus ein hybrides Wirtschaftssystem bildet.
Rifkin untermauert seine Kernthese mit zahlreichen Beispielen, etwa der Niedergang der Medien durch eBooks und Blogs, die Ablösung klassischer Universitäten durch Massive Open Online Courses (MOOCs) oder erneuerbare Energien, die uns von fossilen Brennstoffen unabhängig machen. Tatsächlich sind das alles Bereiche, in denen die Grenzkosten der Produktion seit Jahren sinken, aber brandneu sind diese Erkenntnisse nicht. Rifkins Buch unternimmt daher den Versuch, aus diesen Trends eine übergeordnete Entwicklung abzuleiten und vorherzusagen. Er prognostiziert, dass ein „Super-Internet der Ding“ entstehen wird, das die globale Infrastruktur der Kommunikation, der Logistik und der Energie miteinander vernetzt. Obendrein wird Hardware stetig billiger, wodurch in vielen weiteren Bereichen die Grenzkosten gesenkt werden.
Sein Motto: Übertreibung veranschaulicht
Warum die Reduktion von Grenzkosten auf nahezu Null zwangsläufig zum Rückzug des Kapitalismus führen soll, bleibt meiner Meinung nach teilweise unklar. Kann man nicht eher eine Ausweitung der Ökonomisierung der Gesellschaft beobachten, wie es erst kürzlich wieder Byung-Chul Han in der SZ beschrieben hat? Er schreibt pointiert: Airbnb ökonomisiere sogar die Gastfreundschaft. Die Sharing Economy sei also keine emanzipatorische Entwicklung, sondern die radikale Kapitalisierung aller Lebensbereiche. Ein beschleunigter, kein gebremster Kapitalismus.
Diese Kritik ficht Rifkin nicht an, sein Buch ist konsequent optimistisch. Er proklamiert die collaborative commons, also das gemeinsame Wirtschaften, als die Wirtschaftsform, die sich durchsetzen wird. Die Sharing Economy werde zwar vorübergehend von Airbnb, Uber und anderen gehackt, das Konzept an sich ist aber wesentlich älter und grundlegender als ein paar Silicon Valley Apps. Der Autor ist überzeugt, dass wir über kurz oder lang wieder zum gemeinnützigen und befreihenden Gedanken der Gemeingutökonomie zurückkehren werden. Die Organisation durch Genossenschaften sei dafür am besten geeignet. Um das zu verdeutlichen, treibt er seine Argumente teilweise schamlos auf die Spitze. Das wirkt mitunter übertrieben, aber der Autor weiß eben wie man sich Gehör verschafft.
Das kann auch vorteilhaft sein, denn Rifkin profiliert sich auch als überzeugender Kämpfer für Netzneutralität. Die notwendige Grundlage für die ökonomische Revolution, wie er sie prognostiziert, ist ein neutrales, offenes Internet. Wenn er dazu beiträgt dieses Thema und seine enorme Bedeutung wieder auf die Tagesordnung und in die Medien zu hieven, kann das kaum schaden.
Seine Vorlage: Yochai Benkler
Zum Schluss die wichtigste Frage: Woher stammen eigentlich Rifkins Ideen? Der Autor ist geschickt darin, seine Thesen als neu und bahnbrechend darzustellen. Grundlage und Inspiration für sein Buch dürfte allerdings Yochai Benklers „The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom“ (PDF) gewesen sein. Benkler prägte den Begriff der „common based peer-production“ und beschreibt bereits 2006 wie das Internet neue, gemeinschaftliche Arbeitsprozesse ermöglicht, die zu einer tiefgreifenden Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft führen. Seine Beispiele: Freie Software, Creative Commons, Blogs, Wikipedia. Nicht ganz unähnlich zu denen Rifkins.
Nichtsdestotrotz war Jeremy Rifkins Buch alles andere als uninteressant. Wer auf den ökonomischen Jargon klarkommt und kein Problem mit einigen etwas zu unumstößlich formulierten Prophezeihungen hat, dem sei die Lektüre durchaus empfohlen.
