Kultur

Andrew Keen und die Stunde der Stümper

Das Geschäftsmodell von Andrew Keen ist, kulturelle Entwicklungen durch das Internet einfach planlos zu kritisieren, darüber Pamphlete zu verfassen und als Kritiker auf Konferenzen eingeladen zu werden. Dafür gibt es einen Markt, und sicherlich pflichten ihm viele Internet-Ausdrucker, sowie ältere Entscheider und Journalisten in klassischen Medienunternehmen gerne zu. Das Internet zerstört unsere Kultur ist seine Hauptaussage. Lustig sind nicht nur seine aktuellen Äusserungen zur Finanzkrise: Hier behauptet er einfach mal, dass man es sich bald nicht mehr leisten kann, kostenlos für die Wikipedia zu schreiben oder an Open-Source-Projekten aktiv zu partizipieren. Behaupten kann man ja viel. Schade, dass er dafür dann von den oben genannten Gruppen euphorisch gefeiert wird, obwohl er einfach die Basics des digitalen Raumes und z.B. die nicht-monetären Motivationsgründe für die Partizipation in Open-Soure-Projekten schon mal gar nicht verstanden hat. Oder er hat sie verstanden und spielt nur mit dämlichen Aussagen den Kritiker, weil er damit mehr Geld verdienen kann? Dumm scheint er ja nicht zu sein, immerhin schaffte er es, ein Buch mit mehreren Seiten schreiben zu können und wird ständig von vielen Personen auf Diskussionsrunden für seine Positionen argumentativ auseinander genommen. Da müsste ja was hängenbleiben, sofern er in der Lage ist, die eigenen Positionen reflektieren zu können. Also scheint es tatsächlich nur sein Geschäftsmodell zu sein.

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Bei der Pressemitteilung für einen Auftritt in Berlin verstehe ich aber eine andere Sache nicht: Was sind denn Fernsehinformationsprogramme?

Andrew Keen ist ein bekannter Internet- und Medienexperte, dessen Kommentare und Einschätzungen von den renommierten Fernsehinformationsprogrammen gefragt sind.

Wer Andrew Keen noch nicht kennt: Sein Auftritt beim Colbert Report vor einem Jahr ist sehenswert. Dort schafft er auch tatsächlich die Aussage, die Nazis hätten keine Künstler arbeitslos gemacht, das Internet hingegen schon.

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21 Kommentare
  1. Ähm… wer ist eigentlich dieser Andrew Keen. Gehört oder gelesen habe ich bisher noch nicht von ihm. Mag ’ne Bildungslücke sein. Aber nach dem, was ich bis jetzt über ihn erfahren habe eine, mit der ich Leben kann.

    1. Muss man auch nicht kennen. Sein Buch „Cult of the amateurs“ erscheint bald erst auf deutsch. Dann werden wir leider regelmässig mit seinen Thesen in den üblichen Medien konfrontiert.

      1. Das Buch ist schon im September rausgekommen. Nach fünf Seiten musste ich aufhören, da ich dauernd überlegen musste, welche Aussage er nun aus welchem Zusammenhang gerissen hat.

  2. Ist nichts ungewöhnliches. Bei der Klimakatastropfe gibt es auch die handvoll Verdächtige, die jeder Wissenschaftlichkeit trotzen und groß in den Medien platziert werden. Liegt daran, dass krampfhaft alles zwei Seiten haben muss, weil man sonst nicht neutral berichtet hätte. Wobei es dort noch schlimmer ist, da diese mit viel Geld unterstützt werden.

  3. „Kulturverfall“ attestiert Andrew Keen, mit der Konnotation „Untergang des Abendlandes“, als Kernsymptom des von ihm mit unangenehm konvertitischer, mithin eifernder, Attitüde attackierten world wide web. Unerträglich scheint dem snobistischen Ideologen einer Art postmoderner Feudal-Autokratie, daß der auch im modernen Krähwinkel nur zum Schuften, Steuerzahlen, Maulhalten und Fallen im Kriege geeignete Pöbel öffentlich sich überhaupt äußern darf. Das jedoch steht im Keenschen Weltbild nur einer handverlesenen Herrenschicht, einer vermeintlichen Experten-und Systemelite zu, der er selber selbstredend angehört und die diese „unsere Kultur“ doch gar so prächtig zu gestalten weiß.
    Von Massenarbeitslosigkeit und Finanzkrise bis hin zu weltweiter imperialistischer Kriegsführung legt diese „Elite“ bekanntermaßen täglich beeindruckende Zeugnisse ihrer kulturellen Führungskompetenz ab.
    Genereller betrachtet, mag Mr. Keen mit seinem an altbekannte reaktionär-autoritäre Muster anknüpfenden Lamento über „Kulturverfall“ allerdings sogar recht haben – freilich anders, als er zu suggerieren trachtet. Denn es gab einmal Zeiten, als Autorennamen wie Elias Canetti und Theodor W. Adorno noch kennzeichnend waren für das Editions-Programm des Hanser-Verlages. Heute dagegen ist Hanser auf den Keen gekommen. Wenn das kein Symptom für Kulturverfall ist. Ebenso wie die unkritische Reflexhaftigkeit, mit der manche bildungsbürgerliche Kulturplapperer auch in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf den Keen-Zug aufspringen. Das elitäre Vorurteil gegen „Vermassung“ und die kulturapokalyptische Skepsis gegenüber der virtuellen Kommunikation wird damit immerhin bedient. Nur leider überwiegend mit Argumenten, die für eine fundiert kritische Wirkungsanalyse und Folgendebatte über „web 2.0“ letztlich untauglich sind.-

  4. (…) als er zu suggerieren trachtet (…)
    Da muss ich doch ein wenig schmunzeln.
    Die Kommentare hier zeigen doch genau
    das auf, was Keen meint:
    schade um die schöne Zeit.

  5. Warum aber auch fast auf jeder Homepage eine dermaßen dünne Schriftart gewählt wurde und wird, ist mir unerfindlich.
    Auch Sie werden einmal über 50 sein und dann werden Sie sich wundern, wie schlecht Sie dann eine solche dünne Schrift trotz oder gerade wegen der Brille sehen werden, die Sie ohne Brille überhaupt nicht sehen können, entweder weil Sie so kurzsichtig geworden sind, daß Sie sich förmlich mit der Nase an den Schirm heranpirschen müssen oder aber weil sie dermaßen weitsichtig geworden sind, daß es ohne Brille nicht geht und dann bei dünner Schrift aber der Kontrast wieder so gering ist, daß Sie nur fluchen werden über diejenigen, die solche Schriftart gewählt haben.

  6. Wer sich nicht erst seit der „Stunde der Stümper“ mit gesellschaftsrelevanten funktionalen Defiziten der schönen, neuen, „demokratisierten“ Informations- und Wissensgesellschaft im Web 2.0 beschäftigt, der versteht die teilweise zugespitzten Hinweise von Keen auf ihre potenziellen Gefahren ETWAS besser. Aber Bescheidenheit war ja nie eine Stärke unserer Gesellschaft. Heute glaubt jeder mehr denn je, ohnehin alles zu wissen und zu durchschauen…

  7. 6 Jahre später…was Propheten taugen, sieht man erst nach einer Zeitreise.
    Jaja, die Geschäftsmodelle. Der Autor obigen Artikels hat auch eins. Und, klar, ein paar wohlfeile Standard-Disses…wer Entwicklungen kritisch hinterfragt, gehört zum „Old Establishment“, yada yada. Taleb würde das “ Neomania“ nennen. Beide Extreme sind bescheuert.

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