Soll der Staat soziale Medien für Minderjährige verbieten – und sollen alle Nutzer*innen beweisen müssen, dass sie keine Kinder mehr sind? Darum geht es in der international brodelnden Social-Media-Debatte. Australien hat ein solches Social-Media-Verbot seit Dezember. Nachmachen möchten das unter anderem die CDU, Bundeskanzler Friedrich Merz und SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil sowie die Staats- und Regierungschef*innen weiterer EU-Länder.
In Umfragen klopfen Meinungsforscher*innen ab, wie Menschen in Deutschland das bewerten. Welche Social-Media-Regulierung ist gut, welche schlecht? Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Je differenzierter man fragt, desto differenzierter sind die Antworten.
Mehrheiten für Verbote: Es kommt aufs Alter an
Jüngst hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage mit 2.685 Menschen aus Deutschland veröffentlicht. Das australische Modell mit einer Altersgrenze von 16 Jahren fällt bei den Befragten durch: Die Mehrheit von 50,4 Prozent lehnt es ab, nur 33 Prozent finden es gut.
Mit einer niedrigen Altersgrenze von 12 Jahren dagegen könnten sich laut DIW die meisten anfreunden: 71 Prozent befürworten das.
Im Widerspruch zur DIW-Umfrage stehen ältere Umfragen des ifo Instituts und des Instituts Insa. Demnach befürworten die meisten Deutschen durchaus ein Verbot bis 16 Jahre. Die Befragten hatten aber nicht die Wahl zwischen mehreren Altersstufen. Eine breite Palette an Altersstufen bekamen dagegen die Befragten durch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung vorgesetzt. Die meisten (38 Prozent) entschieden sich für 14 Jahre.
14 Jahre ist auch die Grenze, auf die sich jüngst die CDU per Parteitagsbeschluss geeinigt hat. Wichtige SPD-Politiker*innen wollen sie ebenso haben. Hierzu gibt es auch eine Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer: Demnach finden das 81 Prozent der Befragten gut.
Wer nicht weiter bohrt, könnte an dieser Stelle den Eindruck gewinnen: Solange die Altersgrenze nicht zu hoch ist, dürfte ein Social-Media-Verbot bei den meisten Menschen in Deutschland auf Wohlwollen stoßen. Aber das greift zu kurz.
Alterskontrollen für alle: Die Frage, die fast niemand stellt
Ein Social-Media-Verbot allein würde zunächst wenig ändern, denn Altersgrenzen für soziale Medien gibt es schon heute. Viele der größten Plattformen schreiben ein Mindestalter von 13 Jahren vor und löschen Accounts, die mutmaßlich jüngeren Menschen gehören. Das betrifft etwa Instagram oder TikTok. Bei YouTube beträgt das offizielle Mindestalter sogar 16 Jahre. Würde es nach CDU und SPD gehen, dürften Kinder YouTube künftig schon früher legal nutzen als heute.
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Ob 12, 14 oder 16 Jahre, der Fokus auf das Alter verkennt den springenden Punkt: die Durchsetzung. Begleitet werden sollen die derzeit diskutierten Social-Media-Verbote nämlich in aller Regel von zuverlässigen Alterskontrollen.
Im Gespräch sind etwa Verfahren, bei denen alle Menschen gegenüber vielen wichtigen Plattformen per Ausweis belegen müssen, dass sie schon alt genug sind. Sonst können sie beispielsweise kein Video auf YouTube liken. Eine häufige Alternative zu Ausweiskontrollen sind biometrische Scans des Gesichts. Auf deren Grundlage soll eine (oft als KI bezeichnete) Software eine Schätzung anstellen. Dabei passieren häufig Fehler.
Solche und weitere Verfahren zur Durchsetzung von Alterskontrollen können sehr invasiv sein. Sie bedeuten nicht nur mehr Frickelei und mehr Hürden für alle Menschen im Netz, sondern greifen auch in die Privatsphäre ein; bergen die Gefahr von Datenschutz-Skandalen – und schließen Hunderttausende Menschen aus, die schlicht keine Papiere haben, um Kontrollen zu meistern. Hunderte Forscher*innen aus Technologie und IT-Sicherheit warnen deshalb eindringlich vor den Folgen von Alterskontrollen.
Das führt zu einer Kernfrage der Social-Media-Debatte: Sind Sie bereit, sich im Internet großflächigen Kontrollen Ihrer Ausweispapiere zu unterziehen oder Ihr Gesicht scannen zu lassen?
Dieser Aspekt fehlt in den Umfragen vieler Meinungsforscher*innen. Daran gedacht hat zumindest das Institut YouGov im Auftrag des Internet-Branchenverbands eco. Das Ergebnis: Die meisten Befragten wollen solche Kontrollen nicht haben.
- Eine Altersprüfung durch offiziell ausgestellte Dokumente befürworten demnach 44 Prozent.
- Eine KI-basierte Altersschätzung befürworten nur 10 Prozent.
Dennoch wollen die meisten der von YouGov befragten Menschen (82 Prozent) eine Altersgrenze für Social Media. Das legt den Verdacht nahe: Viele finden ein Verbot gut, solange es sie nicht selbst einschränkt.
Breite Mehrheiten für mildere Regulierung
Social-Media-Verbote sind das schärfste Mittel im Versuch, junge Menschen vor digitalen Risiken zu schützen. Sie schränken umfassend Grundrechte wie Teilhabe und Information ein. Es gibt aber auch mildere Mittel. Genau danach hat das DIW gefragt – und reihenweise Zustimmung geerntet. Zum Beispiel:
- „Kinder und Jugendliche sollten besser in Medienkompetenz geschult werden, um soziale Medien sicher nutzen zu können“ – rund 94 Prozent dafür.
- „Eltern sollten stärker darauf achten, wie ihre Kinder soziale Medien nutzen“ – rund 95 Prozent dafür.
- „Für Kinder und Jugendliche sollten nur eingeschränkte Konten (‚Basisaccounts‘) verfügbar sein, bei denen problematische Funktionen – etwa die Kontaktaufnahme durch fremde Personen – deaktiviert sind“ – rund 88 Prozent dafür.
Einen ähnlichen Tenor hatte die Umfrage einer Marktforschungs-Agentur mit 857 Eltern und Kindern, die wir im Januar besprochen haben. Demnach wollten die befragten Kinder, Jugendlichen und Eltern soziale Medien lieber einschränken als verbieten.
Diese Tendenzen zeigen: Es braucht Fragen nach alternativen Ansätzen zu einem Social-Media-Verbot, denn sie machen differenzierte Ansichten in der Bevölkerung überhaupt erst sichtbar.
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Soziale Medien: Mehrheit der Deutschen hat differenziertes Bild
Die meisten Menschen in Deutschland sehen offenbar, dass soziale Medien sowohl gut als auch schlecht sein können. Auch das zeigen die Ergebnisse der neuen DIW-Umfrage.
- Risiken sozialer Medien sieht die überwältigende Mehrheit der Befragten. Rund 90 Prozent sagen: „Soziale Medien stellen für Kinder und Jugendliche erhebliche Gefahren dar (zum Beispiel durch Mobbing, sexualisierte Inhalte oder Kontakte mit Fremden).“
- Chancen sozialer Medien sieht eine kleinere, aber immer noch absolute Mehrheit von rund 63 Prozent. Sie sagen: „Soziale Medien bieten Kindern und Jugendlichen wichtige Chancen (zum Beispiel sich auszutauschen, kreativ zu sein oder Zugang zu Informationen und gesellschaftlicher Teilhabe zu erhalten).“
- Sowohl Chancen als auch Risiken erkennt ebenso eine absolute Mehrheit von rund 57 Prozent.
- Nichts als Risiken in sozialen Medien sieht eine Minderheit von rund 19 Prozent, also rund jede*r Fünfte. „Zu dieser Gruppe gehören häufiger Ältere, Lehrkräfte sowie Personen, die soziale Medien nicht nutzen“, ergänzen die DIW-Forschenden.
Das ambivalente Bild der DIW-Umfrage zeigt: Es geht viel Information verloren, wenn Meinungsforschende nur nach Verboten fragen. Solche Zuspitzungen machen Abwägungen unsichtbar, die Menschen durchaus treffen würden, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt.
Umfragen sind keine Volksabstimmung
Ein typischer Medienbericht über Meinungsumfragen endet, sobald alle wichtigen Zahlen abgehandelt wurden. In der Folge können die verschiedenen Lager einer Kontroverse die Zahlen als Argument nutzen. Das dürfte auch hier der Fall sein: Das ZDF-Politbarometer gießt Wasser auf die Mühlen der Fans eines Social-Media-Verbots. Die DIW-Umfrage gießt Wasser auf die Mühlen der Kritiker*innen. In beiden Fällen drohen Fehlschlüsse.
Meinungsumfragen messen Meinungen; sie sind keine Volksabstimmungen. In der Social-Media-Debatte können Umfragen Hinweise liefern, welche Maßnahmen Menschen eher akzeptieren oder ablehnen würden. Was aber keine Meinungsumfrage messen kann: Ob eine Regulierung legitim, geeignet, erforderlich und angemessen ist. Dabei sind das die entscheidenden Fragen, an denen sich Regulierungen in einer Demokratie messen lassen müssen.
Wenn es um ein Social-Media-Verbot geht, spielt es dennoch eine große Rolle, wie sehr Menschen es akzeptieren. Denn so ein Verbot trifft alle unmittelbar. Alle müssten sich zu den neuen Hürden und Kontrollen verhalten. Man kann sich entweder fügen und den Ausweis zücken – oder sich widersetzen und die Kontrollen umgehen. Der Erfolg eines Social-Media-Verbots hängt eng damit zusammen, wie Menschen damit umgehen.
Die DIW-Forschenden schlussfolgern:
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine wirksame Regulierung der Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche nicht nur auf pauschale Verbote setzen sollte. Differenzierte Maßnahmenbündel werden von großen Teilen der Bevölkerung akzeptiert und haben daher größere Chancen auf Umsetzung.
Für ein einheitliches Social-Media-Verbot mit flächendeckenden Alterskontrollen bräuchte es neue Gesetze in der EU. Keine neuen Regulierungen bräuchte es dagegen für mildere Mittel. Denn dafür gibt es schon das relativ neue Gesetz über digitale Dienste (DSA). Gerade läuft sogar ein Verfahren gegen TikTok, weil die EU-Kommission findet: das „süchtig machende Design von TikTok verstößt gegen den DSA“.
Welchen Weg wollen Staaten einschlagen? Mit dieser Fragen beschäftigen sich gerade gleich zwei Expert*innen-Kommissionen: Sowohl auf Deutschland-Ebene als auch auf EU-Ebene sollen Fachleute bis Sommer Antworten zur Social-Media-Debatte vorlegen.

klingt doll doof…aber „betroffene“ sind selten gute „Richter“.
Betroffene reagieren oftmals emotional und irrational.
Ich bin für solch ein Verbot. Es erschreckend das immer so getan wird dass das heutige Social Media die Quelle für förderlichen Austausch ist. Das Menschen mit speziellen Herausforderung im einzelnen gleichgesinnten finden können und dann eben nicht mehr so allein sind.
Das eigentlich Problem ist, dass “ Social Media“ einfach nur noch ein Schlachtfeld für Konzerne ist die die Plattformen mit Werbung fluten, personenbezogenen Daten sammeln und verkaufen.
Influencer die Ihren müll verbreiten ob in Form von Gedanken oder Produkten, Meinungsmache, Propaganda und Manipulation.
Die Politik nutzt es gern als Deckmantel um ihren dreck drunter zu vergraben. Und dennoch geht es mir um den Schutz der Kinder.
Wir müssen endlich diese beschissene Ideologie aus den Kindergärten und Schulen bekommen. Kinder müssen lernen wie man sich wieder ein eigenes Bild schafft. Nicht auf Menschen zu hören, die glauben zu wissen was die Wahrheit ist und follow the since brüllen.
Wissenschafft ist die Neugier auf das was wir nicht wissen. nicht einfach alles glauben weil irgendwer Stiftung und studie schreit…
früher hielt man Alkohol für Gesund, Deutschland ist das einzige Land das begleitetes Trinken erlaubt. Heute wissen wir das Alkohol alles andere als Gesund ist und es niemanden gut tut, schon gar nicht Kindern.
früher war man Überzeugt, dass weiße besser waren als schwarze, ist es deshalb richtig gewesen?
nein, es war einfach nur dir Meinung einer „mehrheit“.
Schützt unser Kinder in dem wir sie zu Menschen erziehen die Nachdenken und nicht jeden scheiß einfach so glauben.
Sorgt für ausreichend Bildung, dann brauchen wir keine Verbote.
ps. ist das eine reine Meinungsäußerung?
Na ja, vielleicht braucht es doch klitze kleine Verbote, wenn Konzerne manipulieren und nach Meinung mancher Experten Suchteffekte auslösen? Erinnert man sich noch Facebook–Cambridge Analytica?
Vielleicht sollte man aber da bei den Verursachern anfangen und nicht Opfer zwingen, sich zu rechtfertigen und einen Seelenstrip auszuführen (gemeint ist, sich auszuweisen um Konzeren noch mehr Daten zu geben). Und ja, den Opfern hilft Medienkompetenz.
Einen interessanten Aspekt hat mindestens eine unserer christlichen Kirchen in die Debatte eingebracht: „Ihre“ Judendlichen nutzen soziale Medien um sich zu organisieren; eine entsprechendes Verbot letzterer könnte somit dem Recht auf freie Religionsausübung entgegenstehen. Solange die Religionen in unseren Gesetzen privilegiert sind, sollte man diesen Umstand noch nutzen.
Könnt ihr bei euren ganzen Beiträgen zur Social-Media-Debatte bitte einmal klar definieren, worüber wir überhaupt reden? Sind mit Social Media nur die globalen Kommerz-Plattformen gemeint oder bspw. auch ein souverän betriebener Klassenchat mit FOSS-Clients auf Schul-Infrastruktur? Was ist mit den Angeboten, die irgendwo dazwischen liegen? Wie kann man diese sehr unterschiedlichen Angebote klassifizieren?
Welche Regeln oder Verbote angemessen sind, hängt maßgeblich vom Charakter der Sache ab, über die wir sprechen. Mit dem Label „Social Media“ kann man sich aber auf alles mögliche beziehen. Ohne klare Definition bleibt offen, was eigentlich der Gegenstand der Diskussion ist und alle reden aneinander vorbei.
Aus meiner Sicht hat NP nur den Stand der Diskussion wiedergegeben. Du hast erkannt, woran die Diskussion krankt. In der Folge schreibt die Politik hier vor, was zu tun ist und nicht, was (warum) erreicht werden soll (abseits von pauschalem: „denkt niemand an die Kinder?“).
Zum Ziele definieren gehört eine Bestandsaufnahme und eine Begriffsdefinition. Dann kann man sehen, wie die Ziele erreicht werden können oder nachschauen, ob die überhaupt legitim sind.
Umfragen können hier helfen, auch wenn die Antworten nur im Kontext des Befragten zu bewerten sind.
Ich finde ein Social Media Verbot grundsätzlich richtig. D.h. aber nicht das man es mit flächendeckenden Altersverifikationen umsetzen muss. Oder daß es nutzlos ist wenn man auf Verifikationssysteme verzichtet, weil es dann umgangen werden kann.
Viel wichtiger als die Frage ob es Kinder trotzdem schaffen sich ein Konto anzulegen ist doch die Frage auf wenn Inhalte in Social Media ausgerichtet sind. Ob Algorithmen so angepasst sind um Kinder möglichst lange bei der Stange zu halten. Ob Kinder aufgefordert werden irgendwelchen Leuten die sie toll finden auf „Instagram“ zu folgen. Ob sich Werbung gezielt an Kinder richtet.
Alkohol ist auch ab 16, aber trotzdem können sich MInderjährige den relativ leicht beschaffen. Aber Alkohol wird nicht in Kindersendungen beworben. Tabak genauso. Ich kann mich noch gut erinnern wie früher im Kino selbstverständlich auch vor Kinderfilmen Marlboro Werbung lief.