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KW 8Die Woche, als wir Weinberge in einen Strand verwandelten

Die 8. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 113.517 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter

Liebe Leser:innen,

ich habe letztens mit einer bekannten Bildbearbeitungssoftware herumgespielt. Damit kann man inzwischen Bilder erweitern, das heißt: Die Software dichtet einfach neue Bereiche des Bildes hinzu, etwa mehr Himmel, mehr Strand, mehr Berge. Dabei wird beachtet, was auf dem originalen Bild zu sehen ist. Ich kann beim Erstellen auch zusätzliche Anweisungen geben, in welche Richtung das Bild erweitert werden soll. Oder den Bild-Hintergrund gleich ganz mit etwas anderem austauschen.

Ich wollte meine Eltern mit der neuen Technologie verblüffen. Also nahm ich ein Foto meines Vaters. Auf dem Bild sitzt er auf seinem absoluten Lieblingsplatz. Es ist eine Bank unter einem Mandelbaum. In nicht einmal einer Minute veränderte ich das Bild so, dass mein Vater von seiner Bank aus nicht mehr auf Weinberge schaute, sondern über einen langgezogenen Strand aufs Meer. Dieses Bild sah vollkommen realistisch aus. Ich schickte es meinen Eltern und war gespannt auf die Reaktion.

Doch das Bild machte ihnen Angst, und sie fragten mich, welchen Bildern sie noch vertrauen sollen? Ich habe gemerkt: Die Sache mit den Fakes fühlt sich viel stärker an, wenn sie einen erstmals persönlich betrifft. Es schockierte meine Eltern, als sie sahen, dass sich ihr Lieblingsplatz unterm Mandelbaum heute innerhalb einer Minute in eine Lüge verwandeln kann. Mich fasziniert vor allem die Technologie. Aber es verschwimmt immer mehr, was echt oder Fiktion ist. Wer in letzter Zeit mal Instagram genutzt hat, kann ein Lied davon singen.

Ein Kollege in der Redaktion sagt, das Thema beunruhige ihn gerade weniger. Bildern nicht vertrauen können – das gibt es durch Kino oder Fotomontagen doch schon immer. Bundeskanzler Olaf Scholz ist dagegen wohl ziemlich beunruhigt. Er beantragte beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen das Video einer Künstlergruppe, die ihm per Deepfake ein geplantes AfD-Verbot in den Mund geschoben hatte. Das Landgericht verbot die Verbreitung des Videos, wie ich diese Woche berichtet habe. Die Begründung: Es erschüttere „das Vertrauen in eine seriöse und verlässliche Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung und generell in eine verlässliche Berichterstattung“. Obwohl den meisten Zuschauer:innen sonnenklar gewesen sein dürfte, dass das Video eine satirische Fälschung war.

Auch wenn der Kollege recht hat, dass es Fakes schon immer gab: Sie waren nie so breit verfügbar, so schnell und so einfach umzusetzen und so gut zu verbreiten. Diese Woche hat das Unternehmen OpenAI „Sora“ vorgestellt, eine generative KI für bewegte Bilder. Anhand von Texten lassen sich damit täuschend echte Videos erstellen. Bald werden wir darüber lächeln, dass uns das bearbeitete Foto meines Vaters unterm blühenden Mandelbaum mal verblüfft hat – denn das dürfte nur der Anfang sein.

Ich wünsche ein echtes Wochenende

Markus Reuter

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Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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2 Kommentare zu „Die Woche, als wir Weinberge in einen Strand verwandelten“


  1. Treuer Leser

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    Was mir als langjährigem Leser von netzpolitik auffällt: Ihr schreibt viel über Grund- und Freiheitsrechte, das Versammlungsrecht ist euch besonders wichtig. Aber über die Repression gegen Demos für Palästina schweigt ihr. Über Gaza habt ihr überhaupt nichts geschrieben bisher. Sind die Menschenrechte von Menschen in Palästina egal, weil ohnehin alle „Terroristen“ sind?


    1. Markus Reuter

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      Doch, wir haben schon etwas dazu geschrieben: https://netzpolitik.org/2023/entgleiste-debatte-wer-grundrechte-nur-fuer-deutsche-fordert-will-die-gesellschaft-weiter-spalten/

      Und nein, Menschenrechte gelten für alle. Aber wir sind immer noch „netzpolitik.org“ und ein digitalpolitischer Bezug ist eine der Klammern unserer Berichterstattung. Davon gibt es Ausnahmen, aber in der Regel gibt es einen netzpolitischen Bezug.

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