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KW 29Die Woche, in der Databroker zur Gefahr für die nationale Sicherheit wurden

Die 29. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 26 neue Texte mit insgesamt 271.912 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter

Liebe Leser:innen,

manchmal vergraben sich Kolleg:innen in Recherchen und sind dann über lange Zeit etwas unsichtbarer in der Redaktion. Und dann kommt nach Monaten plötzlich die Anfrage, ob man nicht mal auf ein paar Artikel draufschauen könne. Dann stehst Du vor einem halben Dutzend Artikeln, liest gegen und denkst: Wow, darin haben sie sich also vergraben. Und gleichzeitig: WTF! Das wird ein richtiger Knaller.

Durch die Databroker-Recherche von netzpolitik.org und BR Data kam heraus, wie gefährlich Werbedaten werden können, die Apps aus unseren Handys abfließen lassen. Mit einem kostenlosen Probe-Datensatz, den die Kollegen von einem Datenhändler bekamen, konnten sie 3,6 Milliarden Standort-Daten auswerten.

Und diese Auswertung hat es in sich: In den Daten fanden sich die Bewegungsprofile von Mitarbeiter:innen von Militärs, Geheimdiensten und Ministerien, mittels der Daten konnten sie teilweise persönlich identifiziert werden. Ein Einfallstor für Geheimdienste anderer Länder, die wissen wollen, wer dort arbeitet und was diese Menschen in ihrer Freizeit machen. Denn die Standortdaten verraten viel über Lebensgewohnheiten, Hobbys, Suchterkrankungen und andere Dinge, die Menschen vielleicht nicht in der Öffentlichkeit sehen wollen. Standortdaten können Menschen erpressbar machen.

Für mich ist die Databroker-Recherche investigativer Journalismus vom Feinsten. Ein extrem komplexer Zusammenhang wird mit großem Aufwand heruntergebrochen und plötzlich erscheint sehr, sehr klar, was das Problem ist.

Die Geschichte hat ganz schön Staub aufgewirbelt, sogar das Pentagon ist eingeschaltet. Aber ob irgendwer in der Politik sich wirklich dem derzeitigen Modell der Werbe- und Datenindustrie mutig entgegenstellt oder zumindest die allerschlimmsten Datenschutzlücken schließt? Wir dürfen gespannt sein.

Eines ist jedoch sicher: Diese Methoden der Werbeindustrie und Datenhändler sind gesellschaftlich vollkommen unverantwortlich. Wir müssen sie beenden. So schnell wie möglich.

Ein standortdatenfreies Sommerwochenende und viel Spaß beim Lesen wünscht

Markus Reuter

Unsere Artikel der Woche

DegitalisierungSystemisch achtloses Vorgehen

Deepfake-Verbot, Online-Alterskontrollen und Registermodernisierung haben eines gemeinsam: Es fehlt der Blick aufs Ganze. Eine Kolumne und ein Appell für einen differenzierteren und systemischen Blick auf Probleme und vermeintliche Lösungen.

Facebook und InstagramTrump muss Meta nicht mehr fürchten

Meta kündigt an, dass Donald Trump keinen besonderen Beschränkungen auf Facebook und Instagram mehr unterliegt. Der Ex-US-Präsident soll so vor seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidat auf Metas Plattformen mit Amtsinhaber Joe Biden gleichgestellt werden.

PrivatsphäreFirefox sammelt jetzt standardmäßig Daten für die Werbeindustrie

Der eigentlich für guten Datenschutz bekannte Browser Firefox sammelt seit neuestem Daten über das Verhalten der Nutzer:innen. Das sei indirekt gut für deren Privatsphäre, sagen die Firefox-Macher. Gegner sehen hingegen darin eine weitere Schwächung der Privatsphäre. Die Funktion lässt sich abschalten.

Databroker FilesDieses Staatsversagen schadet uns allen

Unsere Recherche zeigt einen wuchernden Markt mit intimsten Daten. Gegen die Databroker sind aktuelle Gesetze machtlos. Das gefährdet nicht nur unsere Privatsphäre, sondern auch die nationale Sicherheit. Politik und Datenschutzbehörden müssen jetzt endlich handeln. Ein Kommentar.

Databroker FilesSo stoppt man das Standort-Tracking am Handy

Telefone von Millionen Menschen in Deutschland verraten der Werbeindustrie genau, wo sie sich gerade aufhalten. Bei unserer Recherche mit BR fanden wir massenhaft Bewegungsprofile von nichts ahnenden Nutzer*innen, erfasst von Handy-Apps. Mit wenigen Handgriffen lässt sich das stoppen.

AfD in TikTok-StudieMit der Erregungsmaschine in den Kaninchenbau

Die AfD wird in TikToks weiterführenden Suchvorschlägen öfter empfohlen als andere Parteien. Zudem sind über 20 Prozent der Vorschläge extremistisch oder dessen verdächtig. Die Autor*innen einer aktuellen Studie sehen darin eine systemische Bedrohung der Demokratie.

Standstill in EU ParliamentHow Conservatives are stalling the Digital Euro

The European Parliament is negotiating a law on the Digital Euro – until now, with no result. Leading the negotiations is the European People’s Party. The party has established connections to banks, which are critical of the project. We’re publishing a complaint from other Parliament groups.

Stillstand im EU-ParlamentWie Konservative den Digitalen Euro verzögern

Das Europäische Parlament verhandelt das Gesetz zum Digitalen Euro – bisher ohne Ergebnis. Federführend ist die konservative Europäische Volkspartei. Dort gibt es einige Verbindungen zu Banken, die sehen das Vorhaben kritisch. Wir veröffentlichen eine Beschwerde anderer Fraktionen.

Next Generation InternetEU will Open-Source-Förderprogramm wohl beenden

Das Next Generation Internet-Programm der EU-Kommission fördert seit Jahren freie, quelloffene Software. Nun scheint aber ein stilles Aus zu drohen. Laut einem internen Dokument könnte die Finanzierung bald enden. Entwickler:innen sind entgeistert und fordern das Weiterleben des Programms.

Next Generation InternetEU apparently set to end open source programme

The EU’s Next Generation Internet programme has supported free, open source software for years. But now a silent death seems to be looming: An internal document suggests that financing may soon end. Developers are surprised and call for the programme’s survival.

J. D. VanceKreuzritter voller Widersprüche

Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA biegt langsam in die Zielgerade ein. Diese Woche entscheiden die Republikaner über ihre beiden Kandidaten. Mit J.D. Vance hat sich nun Donald Trump für einen Stellvertreter entschieden, der enge Kontakte zu reaktionären Tech-Mogulen pflegt.

Databroker FilesADINT – gefährliche Spionage per Online-Werbung

Die Technologie hinter Online-Werbung lässt sich für Überwachung und Spionage missbrauchen. Um diese Risiken sichtbar zu machen, prägten Forschende vor sieben Jahren den Begriff ADINT. Unsere jüngsten Recherchen mit dem BR zeigen: Ihre Warnungen waren berechtigt, die Gefahr wird noch immer unterschätzt.

Open-Source-FörderungNoch mehr Kritik an Finanzierungsstopp der EU-Kommission

Wichtige Organisationen aus der Open-Source-Szene fordern, dass die Förderung für das „Next Generation Internet“-Programm fortgesetzt wird. Ein von der EU-Kommission selbst beauftragter Bericht bewertete das Programm erst vergangenen Monat positiv. Noch besser wäre eine langfristige Lösung.

Zum Abschied von Ylva JohanssonChatkontrolle mit der Brechstange

Die #Chatkontrolle wird in Zukunft von jemand anderem forciert werden. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson, die das Projekt mit allen Mitteln durchsetzen wollte, ist nicht wieder nominiert worden. Ein Kommentar zum Abschied.

Von der Leyen wiedergewähltWas in ihrem digitalen Fahrplan steht

Die alte und neue Kommissionpräsidentin hat Leitlinien für ihre zweite Amtszeit vorgestellt. Europa soll mehr KI entwickeln, das Personal von Sicherheitsbehörden soll verdoppelt und verdreifacht werden, das Buchen von grenzübergreifenden Zugfahrten einfacher werden. Die Chatkontrolle wird nicht erwähnt.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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