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Kann Hetenfeindlichkeit enthaltenEin optimistischer Ausflug in die analoge Welt

Diesen Monat geht es nicht ums Internet, sondern um Blutspenden. Und um eine verhalten positive Hoffnung unseres Kolumnisten, dass sich wirklich etwas verbessert.

Blutspende-Beutel in schwarz-weiß
Diskriminierung bei der Blutspende soll endlich aufhören. Charlie-Helen Robinson

Im vergangenen Monat ist meine Kolumne ausgefallen. Ich brauchte eine Pause. Denn ich war es satt, nur über Katastrophen zu schreiben. In der Nachschau stellte ich aber fest, dass mein Blick verengt war. Ich hatte es nicht geschafft, das Schöne zu sehen. Dabei gibt es dafür verschiedene Beispiele, über die ich heute schreiben will. Sie entstammen allerdings nicht der digitalen Sphäre. Deshalb nehme ich euch heute ausnahmsweise mit auf eine Reise in die analoge Welt.

Der Bundestag hat am 16. März das Transfusionsgesetz geändert. Die Tagesschau titelte daraufhin „Diskriminierung beim Blutspenden beendet“. Und auch der Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, jubelte auf Twitter: „Der Bundestag hat beschlossen, die bestehende Diskriminierung bei der #Blutspende beenden.“ (sic!).

Tatsächlich ist diese Reform mehr als überfällig gewesen. Denn die bislang geltende Regelung verlangte von allen Männern, die Sex mit Männern haben, (MSM) vier Monate Enthaltsamkeit, wenn sie nicht gerade in einer monogamen Beziehung lebten. Diese Regelung aus 2021 war schon eine Verbesserung zu den geltenden Regelungen, die sogar ein Jahr Enthaltsamkeit verlangte – auch wenn der schwule Sex in einer monogamen Beziehung statt fand.

Das neue Transfusionsgesetz besagt dementgegen: „Die Bewertung eines durch das Sexualverhalten bedingten Risikos, das zu einem Ausschluss oder einer Rückstellung von der Spende führt, hat auf Grundlage des jeweiligen individuellen Sexualverhaltens der spendewilligen Person zu erfolgen.“

Künftig soll bei Blutspenden also nicht die Frage „Bist du ein Mann, der Sex mit Männern hat?“ im Fokus stehen, sondern der Einzelfall bewertet werden. Die entsprechenden Regelungen arbeitet die Bundesärztekammer in den nächsten fünf Monaten aus.

Wo der Hund begraben ist

Es wird entscheidend darauf ankommen, wie diese Regelungen ausfallen. Denn das neue Transfusionsgesetz schützt noch nicht per se vor Diskriminierung. Dafür braucht es noch ein bisschen mehr.

Konkret heißt es im Gesetz: „Die Bewertung des Risikos, das zu einem Ausschluss oder einer Rückstellung von der Spende führt, ist im Fall neuer medizinischer, wissenschaftlicher oder epidemiologischer Erkenntnisse zu aktualisieren und daraufhin zu überprüfen.“

An dieser Stelle liegt jedoch der Hund begraben. Denn neueste Erkenntnisse sind kein Garant dafür, dass das medizinische Personal diese erstens kennt und sich zweitens auch daran hält. Fast alle meiner queeren Freund*innen haben im Gesundheitswesen Diskriminierungserfahrungen gemacht, für die es keinerlei medizinische oder wissenschaftliche Grundlage gibt. Diskriminierung von queeren Menschen lässt sich somit nicht einfach mit Hilfe neuester Erkenntnisse abstellen – auch nicht im Gesundheitswesen.

Ein Beispiel: Für viele Mediziner*innen gilt nach wie vor nur Sex mit Kondom als „Safer Sex“ – obwohl wir mittlerweile bei „Safer Sex 3.0“ angekommen sind. So können regelmäßiges Testen und die Prophylaxe PrEP ebenfalls eine Safer-Sex-Strategie sein, die gänzlich ohne Kondom auskommt. Oft ist diese Strategie aber nicht hinreichend bekannt oder das medizinische Personal akzeptiert diese nicht.

Hoffen auf eine positive Überraschung

Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass das neue Transfusionsgesetz MSM nicht länger pauschal als „unsicher“ abstempelt. Stattdessen nimmt die neue Regelung zu Recht sehr viel mehr Menschen als zuvor in den Blick. Auch cis hetero Personen leben pro­mis­ku­i­tiv und haben verschiedene Safer-Sex-Strategien, von denen einige ohne Kondom auskommen.

Und damit zurück zum vorsichtig optimistischen Ton zu Beginn der Kolumne: Ich hoffe, dass die Verantwortlichen auf dem Schirm haben, dass es fortan auf den Einzelfall ankommt. Sexualmoral und Heternormativität haben in den Regeln zur Blutspende hingegen nichts verloren. Andernfalls müssten nämlich grundsätzlich alle ausgeschlossen werden, die sich bislang noch nie oder nur sehr selten auf sexuell übertragbare Krankheiten getestet haben. Oder es müsste allen eine Blutspende verwehrt werden, die nicht nachweisen können, dass sie in ihrer Beziehung wirklich monogam sind.

Bei der Reform im Mai 2020 haben die Abgeordneten des Bundestages nicht auf wissenschaftlich fundierte Kritik gehört. Aber vielleicht – und das hoffe ich sehr – werde ich dieses Mal positiv überrascht. Das soll es ja auch geben.

Übrigens sind noch zwei weitere schöne Dinge passiert: Zum einen hat das spanische Parlament Mitte Februar ein progressives Gesetzespaket verabschiedet, dass nicht nur einen sogenannten Menstruationsurlaub vorsieht, sondern auch das Recht auf Schwangerschaftsabbruch modernisiert. Außerdem haben die Abgeordneten ein Selbstbestimmungsgesetz eingeführt, dass es Menschen fortan sehr viel einfacher machen wird, ihren richtigen Namen und Geschlechtseintrag zu führen.

Und zum anderen hat Maurice Conrad mit „Männersex“ jüngst einen Track veröffentlicht, der zwar vom Sound her aus der Zeit gefallen scheint, aber inhaltlich mit der Zeile „Mache Rap wieder gay“ treffend zusammengefasst ist. Und auch dieser Anspruch stimmt mich in diesen Zeiten vorsichtig optimistisch.

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2 Ergänzungen

  1. Der Fragebogen vor der Blutspende enthält mehr als 30 Fragen, dazu noch die anderen Untersuchungen… es gibt also sehr viele Gründe von der Blutspende ausgeschlossen zu werden, bis hin zu einer fehlenden Mahlzeit am Spendetag.

    Ich habe Zweifel, das durch die gesetzliche Änderung wirklich mehr Leute Blut spenden werden… reine Statistik…

  2. Es ist noch heute hierzulande nicht möglich, als jemand zu spenden, der mal in England in den 90ern länger als sechs Monate lebte – und das gilt auch für Vegetarier!!
    Sollte datentechnisch BSE nicht langsam mal abzuhaken sein?

    Ansonsten habe ich gerade die Verbindung von Thema und Netzwelt überhaupt nicht verstanden. Egal.

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