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Twitter für Demonstrationen?

Auf der Demonstration in Hamburg am 1. Mai wurde erstmals Twitter eingesetzt, um live zu berichten, was sich wo tut, speziell in Bezug auf den Nazi-Aufmarsch. Das liest sich dann so:

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Die ersten Nazis sind in Wellingsbüttel angekommen. Es sind nur wenige Antifas vor Ort. 05:49 PM May 01, 2008 from web

Nazis werden immernoch mit S1 Ri. Norden weggefahren. 05:41 PM May 01, 2008 from web
Pol. versuchte erfolglos Nazi Rieger festzunehmen, Nazis versuchten 1. Strophe N.Hymne zu singen, AntiFa zerstreut sich in Richt. Barmbek 05:13 PM May 01, 2008 from web

Die Nazi Abschlusskundgebung wurde von pol. abgebrochen, die ersten Nazis steigen in den S1-Sonderzug Ri. Norden ein. 05:04 PM May 01, 2008 from web

Nazidemo jetzt bei S-Ohlsdorf, relativ viele Antifas anwesend.. Nazis werfen Steine zurück, Cops greifen nicht ein 04:57 PM May 01, 2008 from web

Das erinnert an frühe Versuche, SMS-Broadcasting zu benutzen, um auf Demos live zu berichten.

Organisiert hat das Ganze das Freie Sender Kombinat (FSK), das sonst auch per Radio von diversen Aktionen berichtet. Meike Richter hat mit einem der FSKler gesprochen:

Ein Organisator erzählte mir, dass die Aktion ziemlich erfolgreich gelaufen ist. Über 360 Leute haben sich für den Dienst eingetragen. Die Initiatoren fühlten sich etwas unbehaglich, weil sie die Leute in die Arme von twitter getrieben haben. Ging aber nicht anders. Einen freien twitter-Dienst gibt es nicht. Und durch twitter haben sie um die 650 Euro SMS-Kosten gespart. Das Budget könnte FSK nicht aufbringen.

„Ging aber nicht anders“ – soso. Nicht nur hat jetzt Twitter eine Reihe neuer Kunden und den gesamten Live-Feed von der Demo auf dem Server, sondern man kann auch noch komplett öffentlich die Liste der über 360 Leute einsehen, die den Stream verfolgt haben, also mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Demo waren. Umgerechnet hat also jeder von diesen Leuten weniger als 2 Euro gespart, um sich dafür im Gegenzug als Mai-Demonstrant-Verdächtiger zu outen. Ging nicht anders? Man hätte es auch sein lassen können. Ich bezweifle nämlich auch, dass es neben dem puren Gefühl der Hyper-Präsenz einen realen Einfluss auf den Demo-Verlauf und damit den Demo-Erfolg hatte – insofern wäre auch mal über die Erfolgskriterien zu reden.

SMS-Broadcast wäre übrigens wahrscheinlich sogar billiger gewesen als 650 Euro, hätte aber das Problem nur begrenzt verringert. Die Empfängerliste wäre zwar nicht mehr öffentlich, aber wegen der Vorratsdatenspeicherung dennoch weiterhin beim SMS-/Telefonanbieter vorhanden und für die Polizei bei Bedarf abrufbar.

Meike schreibt zu der Twitter-Aktion:

„Fazit: Wohl den Aktivisten, die Nerds in ihren Reihen haben“

Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings sollten es dann echte Nerds sein, die ein wenig Ahnung von anonymer Kommunikation haben. Um Twitter zu nutzen, braucht es keine gesteigerten Programmierkenntnisse, das kann wirklich jeder DAU. Bin ja gespannt, wann jemand die erste Autonome Antifa als „nerdig“ lobt, weil sie GoogleGroups verwendet…

Wie hättet ihr das Problem gelöst? Mir fällt auf Anhieb auch nur Radio oder CB-Funk ein, oder ein HTTP- / RSS-Dienst per normalem Internet – dafür sind aber UMTS-Handies noch nicht weit genug verbreitet.

Update: Ich hatte übersehen, dass das FSK darauf hingewiesen hat, wie man den Dienst benutzen sollte – nämlich mit einem Wegwerf-Account bei Twitter, der über eine Wegwerf-Email angemeldet ist, und den Twitter-Stream dann mit einem gebrauchten Handy und einer anonymen Prepaid-Karte empfangen. Insofern haben sie sich schon Gedanken gemacht.

Ich bin aber, auch nach einem längeren Gespräch vorhin mit jemandem vom FSK, immer noch skeptisch, ob das reicht. Gerade bei so einer Art von Demo muss man schon ein wenig mehr auf die Risiken hinweisen. Man hätte hier verschiedene Sachen besser machen können:

– Darauf hinweisen, was passieren kann, wenn man das nicht genau so anonym benutzt. Ist den Twitter-Followern allen klar, dass sie jetzt öffentlich in einem sozialen Netzwerk einsehbar sind, das recht wahrscheinlich von der Polizei ausgewertet wird? Als Betreiber so eines Dienstes hat man hier eine gesteigerte Verantwortung. Das ist dem AK Vorrat (zu Recht) ja auch bei der SIM-Karten-Tauschbörse vorgeworfen worden.
– Vorher massiv dazu aufrufen, dass viele Leute den Twitter-Stream abonnieren, die nicht auf der Demo sind. Dann hätten die zumindest die Demo-Teilnehmer eine plausible deniability.
– Sich über andere Optionen Gedanken machen, hier auch mal mit CCC und anderen reden. Da gibt es massig Know-How über anonyme Telekommunikation.

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22 Kommentare
  1. Für RSS braucht’s kein UMTS. Wer ein Handy hat, das nicht älter als zwei Jahre ist, kann darauf RSS lesen. Das Problem ist Bedienung und Konfiguration, evtl auch die Datentarife der Mobilprovider.

  2. CB-Funk wurde von Demonstranten schon häufiger eingesetzt. Erfolg war hier auch nur mäßig, denn „der Feind hört mit“.

    Was man sonst einsetzen könnte? Jabber-Broadcasts. Evtl. sogar verschlüsselt. Nicht weniger kompliziert als getwittere.

  3. Wo ist jetzt das Problem damit, dass man als Teilnehmer einer legalen, angemeldeten Demonstration unterwegs war? Finde ich persönlich nicht schlimm. In Deutschland ist anonymes Demonstrieren ja eh nicht legal, siehe Vermummungsverbot, und das hat auch so seine Gründe, siehe Geschichte anno 1930.

    Entweder man demonstriert für einen guten Grund mit reinem Gewissen, dann kann es auch nicht so schlimm sein, wenn jemand den Twitter-Handle rausfindet. Oder man lässt es halt.

    Der ganze Gedanke beim Demonstrieren ist ja, öffentlich zu zeigen, dass man für bzw. gegen irgendetwas ist. Polemik: wenn man lieber vermummt Steine werfen will, ist eine öffentliche Demonstration vielleicht nicht das angemessene Medium.

  4. @3.

    Mit dem Unterschied das auf einer Demo eben nicht von jedem der Name oder eindeutig zuordbare Daten wie eine IP oder Email gespeichert werden…

  5. Sicher hat man keine Probleme als Teilnehmereiner friedlich verlaufenden Demo. Hier liegt der Fall aber bekanntlich anders. Wäre ich während der Demo in irgend etwas Unangenehmes verwickelt worden, oder bestünde der Verdacht, dass ich in irgend etwas Unangenehmes verwickelt gewesen sein könnte, oder hätte ich mich nur als Zeuge in unmittelbarer Nähe von etwas Unangehmen aufgehalten, dann ist es im Zweifel ganz nützlich, niemals auf der Demo gewesen zu sein.

  6. @ 1 / Torsten: Das meinte ich. Präziser wäre daher gewesen, wenn ich „Daten-Flatrates für Handies“ geschrieben hätte. Hab das nur mit UMTS verbunden, aber wahrscheinlich gibt es die auch für GPRS?

  7. @1: Klar, simples WAP reicht doch, um aktuelle Nachrichten zu verbreiten. Die Datentarife sind teils wirklich unfreundlich, aber z.B. die E-Plus-Reseller sind erschwinglich. Solange man keinen Minutentarif für WAP hat..
    Das wär doch was für Indymedia: Ein anmeldefreier Twitter-Klon, via RSS, WAP, HTML abzurufen. WAP-Surfen dürfte ja nicht unter die Vorratsdatenspeicherung fallen – wer allerdings die Logs der Mobilfunk-Gateways beschlagnahmt, weiß Bescheid..

  8. Beim CB-Funk kommt das Problem hinzu, dass Einsatzkräfte Funkgeräte von Demonstrationsteilnehmern als Anknüpfung genutzt haben, um Platzverbote zu erteilen: „Hej, hat der etwa nen schwarzen Kapuzi an, gleichfalls schwarze Sambas UND ein Funkgerät??? Der MUSS ja ein organisierter, militanter Autonomer sein, von dem eine Gefährdung ausgeht und ist daher mit einem Aufenthaltsverbot zu belegen!“ Da ist dann im übrigen scheißegal, wie friedlich du dein Demonstrationsgrundrecht tatsächlich auszuüben gedenkst.

    Klingt abwegig, kommt trotzdem vor. Ich gehe nicht davon aus, dass man bei bloßer Handynutzung mit vergleichbarem rechnen muss.

    Ich find die Twitterlösung jedenfalls nicht schlecht! Man kann Wegwerf-eMailadressen für die Anmeldung benutzen, ein gebrauchtes Handy kaufen und zudem eine Prepaid-Card verwenden. Anonymes Surfen ist ohnehin angezeigt. So ist es von Seiten des FSK übrigens vorgeschlagen worden.

    Darüber hinaus ist mir nicht ganz einsichtig, wieso bei einem RSS-Feed auf’s Handy die Voratsdatenspeicherung weniger relevant sein sollte?? Wer mehr weiß, möge es mir erklären. Bin eben ein DAU, vermute ich (was auch immer ein DAU sein mag…).

    Nicht-mobile Lösungen oder ein Radio im Ohr sind auf einer Großdemonstration schlicht und ergreifend keine Lösung! Dagegen sind aktuelle Informationen auf einer Demonstration wie in HH-Barmbek, die sich über ein erhebliches Gebiet verteilt, goldwert. Das müsste eigentlich jedem klar sein, der schon mal auf größeren Demonstrationen unterwegs war und nicht nur schilder- oder transparenthaltend mit dem DGB ne Strasse runtergelatscht ist!

    Vielleicht sollte so manch eine/r hier mal den Platz vor ihrem/seinem Rechner aufgeben, bereit sein, außerhalb der Privatssphärenproblematik zu denken, hinsichtlich grundlegender Freiheits- und Demokratiegrundrechte mal ein „Risiko“ einzugehen und sich öffentlich dazu bekennen, dass er/sie Nazis scheiße findet, statt darüber zu nörgeln, dass die Umsetzung neuer Technologien in praktische Politik auf der Strasse nicht ohne Risiken zu haben sind. Das gilt insbesondere dann, wenn die Nörgeler nicht einmal eine praktische Alternative anzubieten haben.

    Oh, habe ich mich jetzt durch diesen Post etwa als Demonstrant geoutet…?

  9. @ Christian: RSS ist wie anderer HTTP-Traffic nicht von der Vorratsdatenspeicherung betroffen. Und der Internet-Zugang unterliegt auch vom Handy der VDS erst ab 2009, im Gegensatz zu Telefonie oder SMS, wo jetzt schon gespeichert wird.

    Das mit dem Wegwerf-Twitter-Account, der Prepaid-Karte und dem anonymen Handy ist sicher eine Lösung, aber dann irgendwie auch recht unpraktisch. Wieviele haben das wohl genutzt?

    Im Übrigen habe ich bereits 1989 die erste Antifa-Demo bei uns in der Kleinstadt mitorgansiert und Anfang 2001 bei Telepolis über Indymedia geschrieben, als es das in Deutschland noch gar nicht gab. Soviel zum Datenschutz-Nörgler vor dem Rechner, der Technik für die Straße doof findet. ;-) Dennoch denke ich, dass eine Diskussion darüber, welche Art von Technik man für die politische Arbeit nutzt, in Zeiten der zunehmenden Überwachung immer wichtiger wird.

    Und ja, die datensparsamen Tools müssen erstmal da sein, damit sie genutzt werden können, das ist mir auch klar. Offenbar wird es wirklich langsam Zeit, mit dem Projekt „Freiheitsfrickler.de“ (analog zu Freiheitsredner.de) mal in die Hufe zu kommen.

  10. Wahrscheinlich auch ein Grund warum PTT (Push-To-Talk over Cellular) nie in Deutschland Fuß fassen konnte. Nur Nokia und zu wenige Großdemos für die sich ein Vertrag über 18EUR/Monat bei T-Mobile gelohnt hätten. Der PTT-Dienst bei T-Mobile wird zum 1. Juli 2008 eingestellt.

    Andere «freie» Möglichkeiten zur Gruppenkommunikation wären z.B:

    Für Jabber/XMPP gibt es mobile Clients, der Beste ist bezeichnenderweise ein russischer J2ME-Client, der auch Conference-Chat anbietet, Bombus bzw. BombusMod.
    Mit einem eigenen Jabber-Server und SSL wohl auch für paranoiageplagte Zeitgenossen hinreichend sicher.

    Für echte Nerds gibts auch noch mobiles IRC zB mit mIRGGI (wieder nur Nokias S60).

    Alles natürlich nur günstig nutzbar mit den entsprechenden Datentarifen, die wohl der gewöhnliche Demo-Teilnehmer noch nicht standardmäßig dazubucht.

  11. Ich verstehe die Kritik auch nicht.
    Funk ist zu auffällig, Miniradios/Mp3-Player mit Radio/Handy-Radio die ganze zeit am Ohr haben ist auch keine Lösung. Wenn wir nun davon ausgehen dass man auf Demonstrationen lieber ein altes zweit-handy (kann kaputt gehen, kein unnötiger oder belastender Kram drauf gespeichert) dabei hat, wirds auch schwierig mit dem WAP.

    Da ist diese Umsonst-SMS-Lösung doch super. Das Twitter nun meine Prepaidnummer hat…kann ich mit leben.

  12. Ich weiß nicht, welche Motive Radio FSK hatte, das so und nicht anders zu machen. Indymedia hat bspw. letztes Jahr zum G8 einen Ticker betrieben, der auch als RSS-Feed per Handy abrufbar war: http://de.indymedia.org/ticker/ und reichlich genutzt wurde. Eine Wap-Site gab es auch, und genauso ist eigentlich kein Problem, ein kleines Radio samt Ohrstöpseln dabei zu haben: es gibt also viele Möglichkeiten, die anonymer sind als Twitter.

    Ich habe gar keinen Twitter-Account, kann also die 360 Leute auch nicht ‚angucken‘, aber angesichts der behördlichen Datensammelwut finde ich das keine optimale Lösung, denn dass sich viele dafür interessieren, wer sich an Antifa-Demos beteiligt, ist doch klar.

  13. @Ralf:

    sondern man kann auch noch komplett öffentlich die Liste der über 360 Leute einsehen

    Das ist privatsphärentechnisch sicherlich ein Problem.

    Ich bezweifle nämlich auch, dass es neben dem puren Gefühl der Hyper-Präsenz einen realen Einfluss auf den Demo-Verlauf und damit den Demo-Erfolg hatte

    Ich bezweifle das nicht. Ich war zwar nicht auf dieser Demo, aber auf diversen anderen, auf denen FSK die Demoteilnehmer mit Infos versorgt hat. Die Lösung „Radio mit Ohrstöpseln“ war nie eine wirklich glückliche, es nimmt nicht jeder ein Radio mit, man kann nicht immer hören. Da leisten getwitterte Informationen bessere Dienste.

    Es wäre interessant, wenn sich die Initiatoren zu Wort melden könnten? Habe bisher nichts in Blogs gefunden, nur eben das Gespräch geführt.

    Und Ralf, ich schreibe mich mit „e“ – aufgrund prominenter Namensvetterinnen lege ich ehrlich Wert auf korrekte Schreibweise.

  14. @ Meike: Sorry, hab mich einmal vertippt bei deinem Namen. Ist korrigiert.
    Unklar ist mir immer noch, wie genau hier „Erfolg“ gemessen wird. Daran, dass die Leute mehr wissen, oder daran, dass sie auch besser darauf in Echtzeit auf der Demo reagieren? Du warst ja offenbar auf dem Flohmarkt, konntest also die Twitter-Experience nicht selber machen.
    Kann mal jemand berichten, ob und wenn ja wie sich das auf das reale Verhalten der Demo-Teilnehmer ausgewirkt hat? (Also jetzt nicht: „Sie haben öfter als sonst auf ihr Handy geschaut.“)

  15. Ich habe gerade gehört, daß FSK im Demo-Gebiet kaum bis nicht gehört werden konnte. Das ist – zumindest nachträglich – ein Punkt für Twitter.

  16. handys/SMS werden doch im zweifelsfall auch über die funkzelle und standortortung überwacht. bessere daten zu wer war auf der demo gibt es doch garnicht…

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