Kultur

Ubiquitäres Computing im Inforadio

Das Inforadio Berlin (UKW 93.1) strahlt gerade eine Sendung aus zum „flächendeckenden“ Computing, auch mit (wenn auch schwachen) kritischen Untertönen.
Insgesamt war die Stoßrichtung unkonkret und von der Richtung her akadamisch-weltfremd. „Die Informatisierung der Gesellschaft“ ist ein schönes Forschungsmotto, ja sicher doch, aber RFID und die Datenspuren, die wir alle so tagtäglich und unfreiwillig hinterlassen geben problemlos mehr Stoff her als akademische Diskussionen, nämlich praktischen Nutzen. Neben Kühlschränken, die automatisch frische Milch nachbestellen und der Servicewerkstatt, der man keinen Kaufbeleg außer dem eingebauten RFID-Chip mehr präsentieren muss (was wir uns als Verbraucher noch nie wirklich gewünscht haben) auch noch universelle Datenformate und eine maschinenbestimmte Kommunikationen – zum Nutzen auch von Geheimdiensten und zur Bildung von Konsumentenprofilen ohne Zustimmung. Verzeiht wenn ich etwas zynisch werde, ich hatte einfach im Beitrag mehr erwartet.


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Ein netten Aufhänger hatte sich die Redaktion gesucht: das Zitat von Ken Olson, Gründer von DEC, der neben der amüsanten Fehleinschätzung, dass niemand einen Rechner zu Hause haben wolle, Jahre später noch folgendes gesagt hat (bestimmt haben sie das Zitat auch aus der Wikipedia ;)

„I’m quoted all the time as saying (early during the PC revolution) that there was no reason to have a computer in the home. What I said, I said very carefully and knew exactly what I was saying because I had prepared it. I said, ‚I don’t think we want our personal lives run by computer.‘ If you steal something from the refrigerator at midnight, you don’t want it entered into the computer.“

Darauf baute ein Gutteil des Beitrags auf, was ich salopp kommentiere: wir wollen beim Datenverkehr nicht ertappt werden, wir wollen nicht belauscht werden, und doch haben wir keine Kontrolle darüber (außer durch totale Entsagung von der Technik). Der Handy-Trick gegen RFID wurde nicht erwähnt, nicht die kommende Vorratsdatenspeicherung, nicht die Alufolie. Nicht der Zuschlag dafür, dass wir das ganze mitfinanzieren. Auch die informationelle Selbstbestimmung kam nicht vor, dafür aber die digitale Langzeitdatenspeicherung und das digitale Vergessen. Bei einer etwa engen Zentrierung auf RFID auch nicht verwunderlich; das mach in etwa soviel Sinn wie allein das unter allgegenwärtige Computer zu subsummieren.

Womöglich wird der Beitrag nochmals wiederholt, ich konnte das gerade nicht beim Sender finden. Es wäre eine Chance gewesen, zumindest eine kritische Stimme unterzubringen, die nicht nur aus der akademischen Elfenbeinwelt kommt. Beispiele und Gegenargumente, sogar aktuelle statt visionäre, gibt es schon heute.

Update: Danke für den Hinweis in den Kommentaren, der Beitrag ist jetzt als MP3 verfügbar.

5 Kommentare
  1. Ich kenne den Beitrag. Aber Uni gleich als weltfremd und realitätsfern zu bezeichnen ist totaler Unfug. Dann wäre ich auch ein super Programmier, wenn ich 1 + 1 mit dem Taschenrechner ausrechne.
    An der Uni gibt es eben mehrere Bereiche, die einen schauen, was ist, die anderen überlegen, was sein könnte.
    Und beim Blick in die Zukunft, sollte man nicht schwarz sehen, sonst kann man auch in die Kirche eintreten. Probleme gibt es und die zu hauf!
    Wäre doch dennoch schön, wenn einige positive Visionen wahr werden. Wie wir verhindern, dass negative Folgen entstehen, bleibt davon unberührt und sollte immer einbezogen werden.
    Doch sollte jedem, der am Fortschritt interessiert ist, klar sein: Hinterher ist man immer schlauer.

  2. Sven, Du hast den schwachen Punkt meines ad-hoc Beitrags klar erkannt. :) Bestimmt ist die Technikfolgenabschätzung eine differenziertere Disziplin als ich das hier abreiße, und Siegfried Behrend das auch bewusster als die kurzen Interviewschnipsel ihm Zeit gegeben haben zu zeigen. In der gegebenen Form fühle ich mich stark an die Gründe erinnert, weshalb ich akadamisches Arbeiten punktuell durchaus noch mag. Bei Kurzfassungen bleibt sowas dann regelmäßig auf der Strecke.

  3. > Insgesamt war die Stoßrichtung unkonkret und von der Richtung her akadamisch-weltfremd.

    Bezieht sich das auf den Beitrag von Thomas Prinzler (Der allgegenwärtige Computer)? Falls ja: diese Auffassung teile ich nicht. Für einen Wissenschaftler äußert sich Behrendt doch erstaunlich konkret und verständlich. So sagt er beispielsweise, fahrerlose Autos seien in 10-15 Jahren denkbar. Seine Kritik am viel zitieren Beispiel "intelligenter Kühlschrank" ist auch nicht von der Hand zu weisen: Wie sinnvoll ist es, Alltagsroutinen zu automatisieren? Ebenfalls allgemein verständlich geht er auf den "zentralen Risikobereich Datenschutz/Privatsphäre/Sicherheit" sowie auf die Müll- und Verantwortungsproblematik ein. Insgesamt finde ich, daß er den Spagat zwischen wissenschaftlicher Differenziertheit und mediengerechter Darstellung gut gelöst hat.

  4. RiFID, ich hab den Link mal eben geradegerückt.
    Ich hör mir das jetzt auch nochmal an, das Programm hatte mich beim Kochen erreicht.

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