Von Kinderhilfswerk bis LehrerverbandSo breit ist die Kritik am Social-Media-Verbot

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) findet ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre sympathisch. Viele Organisationen aus Kinderschutz, Wissenschaft und Pädagogik lehnen das Verbot allerdings ab – und warnen vor Schäden für Kinder und Jugendliche. Die Übersicht.

Ein Kind und eine erwachsene Person halten sich an den Händen. Ihre Köpfe sind mit bunten Fäden umwickelt. Sie schauen auf digitale Geräte.
Wie führt man Kinder in die digitale Welt? (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten IMAGO/Westend61

Bekommt Deutschland ein Social-Media-Verbot nach australischem Vorbild? Druck machen zumindest wichtige Politiker*innen aus den Regierungsparteien SPD und CDU. Die Debatte kocht auch international, weil in Australien seit dem 10. Dezember ein solches Verbot gilt.

Medienwirksam sprechen sich Staats- und Regierungschefs für ähnliche Maßnahmen aus, darunter der französische Präsident Emmanuel Macron und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez. Unter Expert*innen gibt es aber viel Skepsis und Ablehnung. Das zeigen mehr als 20 Positionspapiere und Stellungnahmen von unter anderem Kinderschutz-Organisationen, Pädagog*innen, Schüler*innen und Forschenden.

Viele sprechen sich klar gegen ein Social-Media-Verbot aus und warnen vor gravierenden Folgen. Doch selbst Befürworter*innen eines Social-Media-Verbots argumentieren vorsichtig und nennen Altersbeschränkungen allenfalls als eine von vielen Maßnahmen. Ein Konsens ist erkennbar, dass vor allem Plattformen sichere Räume für Kinder und Jugendliche schaffen müssen.

Hier kommt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eine Übersicht wichtiger Stimmen und deren Argumente.


Deutsches Kinderhilfswerk: „Verbote entmündigen Kinder“

November 2025, „Unsere Haltung zu Social-Media-Verboten“

Wer ist das? Das deutsche Kinderhilfswerk ist ein 1972 gegründeter Verein. Dessen Mitglieder engagieren sich für „eine kinderfreundliche Gesellschaft, in der die Kinder ihre Interessen selbst vertreten“.

Was ist die Position? „Pauschale Verbote entmündigen Kinder und Jugendliche“, schreibt das Kinderhilfswerk. Sie stünden in krassem Widerspruch zum Recht auf digitale Teilhabe, das die UN-Kinderrechtskonvention garantiert. Den kompetenten und sicheren Umgang müssten Kinder und Jugendliche durch aktive Nutzung lernen. „Verbote würden die positiven sozialen Kommunikationswege in diesem Bereich abschneiden und Kindern einen Rückzugsort ihrer Lebenswelt ohne angemessenen Ersatz nehmen.“


UNICEF: „Verbote können nach hinten losgehen“

Dezember 2025: „Age restrictions alone won’t keep children safe online“

Wer ist das? UNICEF ist das 1946 gegründete Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Was ist die Position? „Social-Media-Verbote bergen eigene Risiken und könnten sogar nach hinten losgehen“, warnt die NGO auf Englisch. Gerade für isolierte oder marginalisierte Kinder seien soziale Medien eine „Lebensader“. Altersbeschränkungen müssten Teil eines umfassenderen Ansatzes sein, der auch das Recht junger Menschen auf Privatsphäre und Mitbestimmung achtet. Minderjährige sollten nicht in unregulierte, weniger sichere Bereiche des Internets gedrängt werden.


Save the Children: „falsches Sicherheitsgefühl“

Dezember 2025: „Policy Statement on Social Media Bans“

Wer ist das? Save The Children wurde 1919 gegründet und bezeichnet sich als weltgrößte unabhängige Organisation für Kinderrechte.

Was ist die Position? Save The Children unterstützt „wirksame, die Privatsphäre respektierende Altersüberprüfungen“. Dennoch ist die Organisation besorgt, dass altersbasierte Beschränkungen „unbeabsichtigte Schäden verursachen, ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und die Rechte und Möglichkeiten von Kindern einschränken könnten“. Weiter pocht sie darauf, dass Plattformen ihre Produkte „wirklich sicher und altersgerecht gestalten“.


Bundesschülerkonferenz: Medienbildung „an erster Stelle“

Februar 2026: „Verbote sind keine Lösung“

Wer ist das? Die Bundesschülerkonferenz engagiert sich für Bildungspolitik und Mitbestimmung von Schüler*innen in Deutschland.

Was ist die Position? Die psychische Gesundheit von Jugendlichen würde immer schlechter, schreibt die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. Social Media leiste dazu einen erheblichen Beitrag. Der Fokus der Debatte liege aber zu stark auf Verboten. „An erster Stelle muss bessere Medienbildung in Schulen stehen, denn sonst ist das Verbot nichts anderes als eine Problemverschiebung.“


Deutscher Bundesjugendring: Manipulative Designs verbieten

Oktober 2025: „Stellungnahme zur Konsultation zum Digital Fairness Act“

Wer ist das? Der Deutsche Bundesjugendring vertritt deutsche Jugendverbände und Landesjugendringe.

Was ist die Position? „Junge Menschen haben Rechte auf Schutz, Teilhabe und Befähigung – auch digital“, schreibt der Verein in einem Statement zum Digital Fairness Act, einem geplanten Digitalgesetz der EU. Der Bundesjugendring lehnt „pauschale Zugangsbeschränkungen“ ab und fordert sicher gestaltete Räume. Funktionieren soll das etwa über „verbindliche Verbote manipulativer Gestaltung“. Konkrete Beispiele seien „endlose Feeds, Lootbox-Mechaniken oder manipulative Abo-Taktiken“.


ACT Youth Advisory: Verbote können isolieren

November 2024: „The ACT Youth Advisory Council’s Response to the Online Safety Amendment“

Wer ist das? Der ACT Youth Advisory vertritt Jugendliche im „Australian Capital Territory“, wo auch die australische Hauptstadt Canberra liegt.

Was ist die Position? Der ACT-Jugendrat hätte das australische Social-Media-Verbot am liebsten verhindert. Statt Jugendliche auszusperren, so die Forderung, solle die Regierung die Plattformen regulieren. Die Jugend-Vertreter*innen sahen etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung in Gefahr – und das Recht auf sicheren und freien Zugang zu Informationen. Sie warnten außerdem davor, dass das Verbot vulnerable junge Menschen isolieren könne.


Deutscher Lehrerverband: „weder umsetzbar noch sinnvoll“

Juni 2025: „Digitale Teilhabe ist Realität und muss gelernt werden“

Wer ist das? Der Deutsche Lehrerverband ist eine der größten Organisationen von Lehrer*innen in Deutschland.

Was ist die Position? Eine gesetzliche Altersgrenze für soziale Medien ist „weder realistischerweise umsetzbar noch sinnvoll“, schreibt Verbandspräsident Stefan Düll. Kinder und Jugendliche müssten lernen, sich in der digitalen Welt sicher und verantwortungsvoll zu bewegen. Es könne nicht die Lösung sein, Jugendlichen „plötzlich mit dem 16. Geburtstag“ einen Zugang zu geben. „Wir sollten nicht ständig diskutieren, was Kindern verboten wird – sondern was wir ihnen ermöglichen.“


BzKJ: Völliges Verbot „zu weitgehend“

Dezember 2024: „Junge Menschen haben ein Recht auf digitale Teilhabe“

Wer ist das? Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz ist als Bundesbehörde zuständig für die Durchsetzung von Kinderrechten im Netz auf Grundlage des EU-Gesetzes über digitale Dienste (DSA).

Was ist die Position? „Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf digitale Teilhabe und darauf, digitale Lebensräume sicher zu erkunden“, sagte BzKJ-Direktor Sebastian Gutknecht bereits Ende 2024. „Das völlige Verbot von Social Media für unter 16-Jährige“ halte er für „zu weitgehend.“ Die Anbieter in der EU hätten die gesetzliche Pflicht, „ihre Plattformen für junge Menschen mit strukturellen Vorsorgemaßnahmen möglichst sicher zu gestalten“.


Landesanstalt für Kommunikation: „erhebliche Bedenken“

Februar 2026: „Social-Media-Verbot – Worum geht’s?“

Wer ist das? Die „Landesanstalt für Kommunikation“ (LFK) aus Baden-Württemberg ist eine von 14 deutschen Aufsichtsbehörden für privaten Rundfunk und Online-Medien.

Was ist die Position? Nach einer Sammlung von Pro- und Contra-Argumenten zieht die Behörde ein Fazit: Demnach sei der Schutz von Kindern und Jugendlichen komplex, und es bestünden „erhebliche Bedenken gegen vermeintlich einfache Lösungsvorschläge“. Insbesondere zu beachten seien „Fragen bezüglich der Umsetzbarkeit und der Reichweite eines Verbots“ sowie „unbeabsichtigte negative Folgen“.


BfDI: „keinesfalls“ undifferenzierte Altersgrenzen

Dezember 2025: Stellungnahme für den Thüringer Landtag

Wer ist das? Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) berät unter anderem die Bundesregierung bei Datenschutzgesetzgebung.

Was ist die Position? „Keinesfalls sollte undifferenziert für jedes soziale Medium in Gänze eine bestimmte Altersgrenze festgelegt werden“, schreibt Bundesdatenschutzbeauftragte Louisa Specht-Riemenschneider in einer Stellungnahme für den Thüringer Landtag. Kinder und Jugendliche hätten ein Recht auf soziale Teilhabe. Altersbeschränkungen müssten allenfalls risikobasiert sein. Aussehen könne das so: „Die Grundversion des Dienstes ist kinderfreundlich und für alle zugänglich. Erst wenn jemand eine Funktion anschalten oder einen Bereich besuchen möchte, der mit einem hohen Risiko verbunden ist, wird die Altersprüfung eingesetzt.“

Durchblick statt Schnellschüsse

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Berliner Psychotherapeut*innen: mehrstufiger Schutz

Januar 2026: „Psychotherapeutenkammer warnt (…) und fordert wirksamen Schutz“

Wer ist das? Die Psychotherapeutenkammer Berlin vertritt die Interessen approbierter Psychotherapeut*innen in der deutschen Hauptstadt.

Was ist die Position? Die Therapeut*innen warnen vor Schäden für die psychische Gesundheit durch „Überkonsum von Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube“, auch wenn bisherige Studien keine Kausalitäten zeigen. Deshalb fordern sie ein Mindestalter und Kontrollen. „Datenschutzkonforme technische Verfahren müssen sicherstellen, dass Kinder unter einem festgesetzten Mindestalter nicht einfach Accounts erstellen“. Die Therapeut*innen fordern aber auch „sichere Voreinstellungen und Schutzmechanismen gegen exzessive Nutzung“.


Australian Psychological Society: Warnung vor Einsamkeit

November 2025: „Psychologists call for consideration for young Australians‘ mental health (…)“

Wer ist das? Die „Australian Psychological Society“ (APS) bezeichnet sich selbst als „führende Organisation“ für Psycholog*innen in Australien.

Was ist die Position? Im Vorfeld des australischen Social-Media-Verbots mahnten dortige Psycholog*innen zur Vorsicht. Zwar könnte die Maßnahme junge Menschen vor Risiken schützen. Aber ohne sinnvolle Alternativen könne der Entzug sozialer Medien eine Lücke in ihr soziales Leben reißen und Gefühle wie „Einsamkeit, Angst und Kummer“ erhöhen.


BAJ: Zugang sicher gestalten

Januar 2026: „Prävention schafft Schutz – pauschale Verbote nicht!“

Wer ist das? Die im Jahr 1951 gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz setzt sich „für ein gutes und gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen“ ein.

Was ist die Position? Die BAJ ist gegen ein pauschales Nutzungsverbot von Social Media vor dem 16. Lebensjahr. Die zentrale Frage sei nicht, ob Minderjährige Zugang zu sozialen Netzwerken haben dürfen, sondern wie dieser Zugang gestaltet wird. Es gehe darum, dass Kinder und Jugendliche geschützt werden und sich entwickeln können. Wichtig sei es, Eltern zu unterstützen und bestehende Regeln durchzusetzen.


EKKJ: „vermeintliche Lösung für komplexes Problem“

November 2025: „Social Media: altersgerechter Zugang und Regeln statt Verbote“

Wer ist das? Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen ist eine staatliche Fachstelle aus der Schweiz, die Wissen für Bundesbehörden aufbereitet.

Was ist die Position? Aus Sicht der EKKJ sind „pauschale Verbote von Social Media für Kinder und Jugendliche nicht zielführend und nur eine vermeintliche Lösung für ein komplexes Problem“. Verbote seien bezüglich der negativen Folgen „weitgehend unwirksam“, so die Kommission weiter. „Gleichzeitig schränken sie positive und notwendige Lernprozesse ein, verhindern den Erwerb sinnvoller Kenntnisse und Kompetenzen und verunmöglichen wichtige Erfahrungen.“


Molly Rose Foundation: „Kinder brauchen Plattformen“

Januar 2025: „Joint statement (…) on a social media ban for under-16s“

Wer ist das? Die britische Molly Rose Foundation engagiert sich dafür, dass junge Menschen keinen Suizid begehen. Ihr Statement zum Social-Media-Verbot haben insgesamt 42 Organisationen unterzeichnet, darunter die 1884 gegründete britische Kinderschutzorganisation NSPCC.

Was ist die Position? „Gemeinsam glauben wir, dass Social-Media-Verbote die falsche Lösung sind“, halten die Unterzeichner*innen fest. Verbote würden dabei scheitern, Kindern Sicherheit zu bringen. Kinder, darunter queere und neurodivergente, bräuchten Plattformen für soziale Kontakte, Unterstützung durch Gleichgesinnte und vertrauenswürdige Hilfsangebote. Wenn Jugendliche die riskanten Plattformen dann mit 16 Jahren nutzen dürften, würden sie vor einer Klippe stehen.


Leopoldina: 13 Jahre als „verbindliches Mindestalter“

August 2025: „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“

Wer ist das? Die Leopoldina ist eine vom Bund und dem Land Sachsen-Anhalt finanzierte Gelehrtengesellschaft, die Politik und Öffentlichkeit beraten will.

Was ist die Position? „Strategien, die vorrangig auf Altersbeschränkungen setzen, greifen zu kurz“, schreiben die Forschenden. Dennoch empfehlen sie 13 Jahre als verbindliches Mindestalter für Social-Media-Accounts, pochen jedoch auf weitere Maßnahmen je nach Alter. Zudem kritisieren die Forschenden das „Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie“, also das Geschäftsmodell vieler populärer Plattformen. Das fördere „technologische Strategien zur Maximierung der Nutzerbindung“ und schaffe „gezielt suchtfördernde Strukturen“.


ÖAW: „Gefahr, dass das Ziel nicht erreicht wird“

Februar 2026: „Alterssperren auf Social-Media: Technische Grenzen und Möglichkeiten“

Wer ist das? Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist eine 1847 gegründete Gelehrtengesellschaft aus Wien.

Was ist die Position? Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW hat untersucht, wie sich ein Social-Media-Verbot durchsetzen ließe. Demnach könne Altersfeststellung im Internet „grundsätzlich Sinn machen“, es brauche aber eine breite gesellschaftliche Debatte. Weiter warnt die Studie vor der Gefahr, „dass trotz weitreichender Einschnitte für alle Internetnutzer:innen das Ziel, nämlich das eines besseren Schutzes von Minderjährigen, nicht erreicht wird“.


EDRi: Hürden werden umgangen

November 2025, „Why age verification misses the mark and puts everyone at risk“

Wer ist das? European Digital Rights (EDRi) ist der Dachverband von Organisationen für digitale Freiheitsrechte.

Was ist die Position? EDRi lehnt Social-Media-Verbote ab. Stattdessen plädiert der Verband dafür, die Ursachen für Gefahren im Netz zu bekämpfen. „Kinder brauchen und verdienen Online-Räume, in denen sie andere treffen können, Trost und Sicherheit finden, Ideen erproben und austauschen, Beziehungen aufbauen, lernen und spielen.“ Es sei sehr wahrscheinlich, dass junge Menschen Hürden umgehen.


Superrr: „Verbot ist Kurzschlussreaktion“

Februar 2025: „Nicht sehen, nicht sprechen, nicht hören“

Wer ist das? Superrr ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für feministische Digital- und Technologiepolitik einsetzt.

Was ist die Position? „Ein Verbot ist eine Kurzschlussreaktion, die eine Auseinandersetzung mit den wirklichen Problemen verweigert“, hält Superrr fest. Wenn auf einer Straße viel Verkehr sei, laute die Lösung auch nicht, Kinder zu Hause einzuschließen. „Viel von dem, was als schädlich für Kinder beschrieben wird, schadet uns allen.“ Deshalb stellt Superrr die Frage nach einer digitalen Welt ,“die nicht nur aus uns und unserer Zeit Gewinn schlagen möchte“.


GMK: Verbot „greift langfristig zu kurz“

Dezember 2024: „Zum australischen Social-Media-Verbot aus medienpädagogischer Sicht“

Wer ist das? Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur engagiert sich seit 1984 sich für Medienpädagogik und Medienkompetenz.

Was ist die Position? Ein Social-Media-Verbot könne kurzfristig attraktiv erscheinen, „greift jedoch langfristig zu kurz“, schreibt die GMK. Es würde weder die Bedürfnisse noch die Rechte von Kindern und Jugendlichen ausreichend berücksichtigen. Stattdessen brauche es unter anderem Hilfestellungen für Familien und Regulierung von Plattformen.


Stiftung Bildung: „Verbot schwächt Rechte junger Menschen“

Januar 2026: „Kinderrechte wahren, Medienkompetenz stärken, Teilhabe ermöglichen“

Wer ist das? Die Stiftung Bildung ist eine gemeinnützige Spendenorganisation, die sich für gute Bildung in Deutschland engagiert.

Was ist die Position? Die Stiftung spricht sich klar gegen ein Social-Media-Verbot nach australischem Vorbild aus. „Ein solches Verbot wird den komplexen Realitäten digitaler Lebenswelten nicht gerecht und schwächt langfristig die Rechte, die Resilienz und das Vertrauen junger Menschen“, schreibt die Organisation. Stattdessen brauche es einen Ansatz, der Schutz, Befähigung und Teilhabe verbinde.


Arbeiterwohlfahrt: „weder zielführend noch angemessen“

Januar 2026: „Gegen ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre“

Wer ist das? Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) engagiert sich für eine sozial gerechtere Gesellschaft.

Was ist die Position? Die AWO lehnt ein generelles Social-Media-Verbot bis 16 Jahre ab und zweifelt, ob es rechtlich und technisch durchsetzbar wäre. Mit Blick auf betroffene Jugendliche sei das Verbot „weder zielführend noch angemessen“. Es gehe an der Alltagsrealität der meisten jungen Menschen vorbei und schränke Teilhabe ein. Stattdessen brauche es unter anderem Medienbildung und Sozialarbeit; außerdem müssten Plattformen ihre Angebote jugendgerecht gestalten.

14 Ergänzungen

  1. Die Evidenz und Kritik juckt doch niemanden. Solange man sich moralisch empören kann und einfach behauptet man schütze damit Kinder werden solche Forderungen letzten Endes immer durchgehen. Hat man jetzt schon mehrmals erlebt.

    1. Wenn (vorgebliche) Moral und Kinderschutz immer reichen würde, hätten wir schon Tempo 30 in allen Innenstädten.
      Tatsächlich gehen „solche Forderungen“ durch, wenn in den entsprechenden Legislativorganen in formalen Verfahren eine qualifizierte Mehrheit zustimmt. Die öffentliche Debatte hat sicherlich Einfluß auf die Mehrheitsbildung, aber ein angeblicher Automatismus ist doch eine sehr simplifizierte Sichtweise.

  2. Ich finde es empörend, wie hier das Benutzen von Social Media zur Voraussetzung zur sozialen Teilhabe grundsätzlich anerkannt wird. Einerseits darf das Benutzen ausbeuterischer Technologie eben nicht notwendig sein, um bspw. den Termin der nächsten Kiezversammlung oder der inklusiven Disko mitzubekommen. Und als Argument gegen den Schutz von Kindern taugt es auch in der Sache nicht.

    Wie es um die Alternativlosigkeit in der techgläubigen Alltagskultur bestellt ist, zeigt dieses Statement gegen menschliches Miteinander:

    > Aber ohne sinnvolle Alternativen könne der Entzug sozialer Medien eine Lücke in ihr soziales Leben reißen und Gefühle wie „Einsamkeit, Angst und Kummer“ erhöhen.

    Die sinnvollen Alternativen haben sich vielfältig über ein paar hundertausend Jahre entwickelt, nutzen wir sie!

    1. Zumal zwischen Tracking und personalisiertem Targeting, sowie KI-basierter Zensur und Moderierung durch Menschen nicht unterschieden wird. Desweiteren nicht zwischen den Motivationen der Plattformbetreiber. Dann allerdings wird es knapp bei der Frage, wie Eltern denn was umsetzen sollten, abgesehen von etwas überhaupt zu bemerken.

      Bei Einsamkeit, Angst und Kummer allerdings, bin ich nicht sicher, ob das nicht bereits ein Artefakt der Invasion (u.a. durch Social Media) ist, also fast schon kollektives Suchtverhalten. Wenn es sich nur auf das wegnehmen der Social Media bezieht. Denn wirklich gemeinsam und sozial, womöglich noch nachhaltig, ist dort das Wenigste. Es soll dennoch als Ersatz hinhalten. Mir erschließt sich auch nicht ganz, warum werbegetriebene Social Media als Schwarzes Brett oder als Gruppenchat derart unabdingbar scheinen. Das würde ich eher noch als gesellschaftliches Versagen betrachten. Da schließt sich dann der Kreis zu den Verteidigern der Suchtanstalten.

      Selbstverständlich müssen die Kids lernen, dass man Werbung ignoriert oder blockt. Einfach Kinder in Social Media einfüllen verbietet sich eigentlich.

    2. Grundsätzlich stimme ich da zu. Wobei ich es weniger kritisch sehe, dass Bereiche der sozialen Teilhabe wie zB Events auch Social Media voraussetzen. Was ich aber kritisch sehe, ist dass fast alle Social Media Plattformen in den Händen von Unternehmen sind. Gesellschaftliche Teilhabe muss auch mit öffentlichen und/oder dezentralisierten Plattformen möglich sein.

      Die „sinnvollen Alternativen“ mögen sich vielfältig über ein paar hundertausend Jahre entwickelt haben, perfekt sind sie jedoch nicht.
      Minderheiten wie zB queere Jugendliche auf dem land haben meistens kaum Alternativen zu digitalen Räumen, wenn sie sich untereinander sicher austauschen möchten. Das hat weniger mit Techglauben zu tun und mehr mit Teilhabe bzw Ausgrenzung.

    3. Volle Zustimmung. Die Alternativlosigkeit ist eine der schlimmsten Lügen des Silicon Valley, ob in Social Media oder AI oder sonstigem. Finde es richtig erschreckend mit was für hohlen Phrasen die vermeintlich kinderschützenden Organe hier argumentieren.

      Social media hat aktiv alle Alternativen wie Foren, IRC Channels und sonstige Sammelpunkte zerstört. Es hat sie aber mal gegeben und sie haben ihren Zweck erfüllt. Ja, man könnte sagen ein queeres 13 jähriges Kind hat noch kein Vokabular um aktiv nach solchen Communities zu suchen und kann in algorithmusbasierten feeds viel intuitiver seine eigene Nische finden. Was aber viel zu kurz kommt ist die Aussage, dass dieser discovery Mechanismus nicht von der Toxizität abgekoppelt werden kann. Das Argument, dass diese Plattformen also die letzte Anlaufstelle sind, ist hochgradig monopolfördernd und schlichtweg falsch.

      Verstärkte Medienbildung hier anzuführen als Lösung ist auch extrem verblendet. Erstens verkennt es wieder die grundlegenden Mechanismen, welche neurologisch und verhaltensbasiert sind, und nicht auf Grund fehlender Informationen erfolgen. Zweitens lenkt das ganz bequem die Verantwortung wieder auf Eltern, Schulen und Communities und weg von denen, die dieses Gift in die Welt setzen. Das Wissen, um die Tatsache, dass Zigatten süchtig machen, hilft nicht gegen ihre negativen Auswirkungen.

      Und dann sowas wie: Kinder brauchen dieses Umfeld, um Medienkompetenz überhaupt erst zu lernen. Hier wird Technologie, die ein Affe benutzen kann, gleichgesetzt mit technologischer Kompetenz im Allgemein. Für die meisten Menschen unvorstellbar, aber Tech /= Smartphone Gedaddel auf Social Media. Wie wäre es mit Roboter bauen? Raspberry Pis programmieren? 3D Drucken? Dronen bauen/ fliegen? Das ist Technologie, die echtes Verständnis voraussetzt, nicht der Nachbarin ihr Bikini Foto im Mexiko Urlaub zu liken.

  3. Ich glaube ja, das der Kinderschutz ein Vorwand ist und die Regierungsvertreter in Wirklichkeit eine Generation von Elite-Hackern heranbilden will. Die Umgehung der Kinderschutzmaßnahmen durch VPN etc. ist eine großangelegte Rekrutierungsaktion. [/Ironie]

    Expertenmeinungen werden oftmals nur gehört wenn sie mit der Meinung der Entscheidungsträger übereinstimmt.

      1. @Kalle, ich versteh es auch nicht. Social Media ist gerade mal seit ca. 20 Jahren in der Breite der Gesellschaft angekommen, schon wird es quasi zum Menschenrecht erklärt.

        @Anonym Die Technologie wird ja nicht komplett verboten. Es gibt nur ein Mindestalter. Beim Führerschein stört das auch keinen, obwohl Mobilität auch ein essentielles menschliches Bedürfnis ist.

        Es gibt hier zwei Aspekte:
        1) Gefahren wie Gewaltvideos, Grooming, Mobbing, … Hier denke ich auf jeden Fall, dass Vierzehnjährige besser damit umgehen können als Zehnjährige.
        2) Die schiere Zeitdauer, die vor den Geräten verbracht wird. Der Tag hat halt nur 24 Stunden, und da gibt es auch noch eine Menge andere Dinge zu tun, zu lernen, sich zu erholen. Auch hier würde ich denken, dass die Selbstregulation mit dem Alter eher besser wird, auch wenn, zugegeben, auch viele Erwachsene ihre Mediennutzung nicht im Griff haben. Aber zumindest gäben wir den Kindern noch ein paar Jahre mehr Zeit, ihre analogen, sozialen, körperlichen, … Fähigkeiten zu entwickeln.

  4. Vielleicht sollte man endlich mal die echten Probleme dazu hier offen klarstellen.

    1. Es gibt kein europäisches Social Media nach unseren Werten und Regeln.

    2. Social Media wird aktuell aktiv missbraucht zur Politisierung, Fakenews, aktuell auch noch schön mit KI-Müll zusätzlich dekoriert.

    3. Es wird gemobbt, beleidigt, verfolgt und am schlimmsten ist

    4. die Datensammelwut und instransparente Weiterverarbeitung dieser Daten außerhalb der Nutzerreichweite. Bestimmte Informationen können das ganze Leben nachhaltig beschädigen. Die Daten sind eben erfasst. Ein falscher Like, ein blöder Kommentar und der nächste Job wird ggf. nichts.

    Dazu dann auch noch permanente 100% Überwachung, was generell allgemein Gesellschaftsschädlich ist.

    Da soll ich meine Kinder also reinstecken?

  5. Ich finde es immer interessant, dass sich alle Verbände gegen ein Verbot aussprechen.

    Ich erlaube meinen Kindern ja auch keinen Alkohol vor dem 16. Lebensjahr, damit sie schon mal darauf vorbereitet sind. Oder lasse sie Autofahren, Rauchen, etc.

    Der Hintergrund sowohl bei Drogen als auch bei Social Media ist doch eigentlich die Reife des Gehirns.

    Und nur weil Kinder nicht auf Social Media sind, heißt es doch nicht, dass sie sich digital nicht auskennen.

    Wenn ich ein Konto eröffnen möchte, kann ich Post Ident anwenden. Das funktioniert hervorragend. Warum sollten Meta und Co das nicht auch können?

  6. Mein Arbeitsleben habe ich mit der IT verbracht.
    Ich war froh, dass meine Kinder erst mit 16/17 ein Handy besaßen.
    Nur mal so: In der Stadt begegnete ich kürzlich einer Frau mit Kinderwagen.
    Sie hatte dem Baby (so 1/2 – 1 Jahr) ihr Smartphon vor der Nase gelegt, das ein Kindervideo abspielte…
    Ich stimme den beiden vorherigen Antworten von Silvia und Anonym zu.
    Meine Bitte: Haltet die Handys von der Schule fern. Niemand verpasst etwas. Niemand benötigt im Unterricht ein Handy. Der Lehrer oder die Lehrerin können Wissen vermitteln, das Handy nicht.
    Außerdem empfehle ich mal die Lektüre von Tristan Harris (Center for Humane Technology).
    Die Handy-„Sucht“ fängt übrigens schon mit dem Betriebssystem des Handys an.
    Wer hat eigentlich noch ein Notizblock (Termine) und nutzt es auch für die eigenen Telefonnummern ?
    Wer kann noch auswendig seine eigene Telefonnummer oder die der Großeltern ?

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