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KW 8Die Woche vor der Bundestagswahl

Die 8. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 15 neue Texte mit insgesamt 115.506 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

dafür, dass dieser Bundestagswahlkampf verkürzt war, kam er mir ziemlich lang vor. Und anstrengend. Ich mag es ja sehr, wenn Dinge übersichtlich sind. Informationen habe ich gerne ordentlich, schlüssig und sorgfältig. Im Wahlkampf ist das selten so.

Schon die Wahlprogramme sind Textwüsten, die nachweislich schwer verständlich sind. Obendrauf kommen populistische Punkte-Papiere und strategisch platzierte „Forderungen“ in Nachrichtenmedien, angeheizt vom unerträglichen Überbietungswettbewerb, wer am besten die rassistische Politik der AfD nachahmen kann.

Im Wahlkampf geht es nicht um Übersicht, es geht um Vibes. Vermittelt werden Vibes wie Härte oder Sicherheit, Besonnenheit oder Zuversicht. All das soll mich – und die 59,2 Millionen weiteren Wahlberechtigten – mobilisieren.

Ich verstehe schon, warum Parteien das tun. Weil sie glauben, dass es wirkt. Aber ich will nicht durch strategisch vermittelte Vibes mobilisiert werden. Ich will überzeugt werden von schlüssig dargelegten politischen Plänen, die auch genau so gemeint sind. Also machen wir unseren Job als Journalist*innen und stiften Ordnung, wo wir können.

Nach der Wahl wird es wieder substantieller. Dann dürften uns zunächst Koalitionsverhandlungen erwarten. Und wenn diese Verhandlungen glücken, wohl auch einen Koalitionsvertrag, den wir in gewohnter Manier auseinandernehmen werden, damit ihr es nicht tun müsst.

Wie gewohnt werden wir genau prüfen, was ein neues Parlament und eine neue Regierung für unsere (digitalen) Grund- und Menschenrechte bedeuten. Ob diese Nachrichten eher positiv oder düster sein werden, das hängt auch von eurer Wahlentscheidung ab.

Bis nächste Woche
Sebastian

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Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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