Dieser Artikel erschien zuerst in längerer Form und auf Englisch bei BIKEPACKING.com
Der Verkauf der beliebten Outdoor-App Komoot im März diesen Jahres traf die europäische Outdoor-Community aus heiterem Himmel. Entgegen aller Beteuerungen der Komoot-Chefs wurde die Plattform, mit der sich Wanderungen oder Radausflüge planen lassen, ohne Vorwarnung an das Tech-Konglomerat Bending Spoons aus Italien übertragen. Die sechs Gründer zogen sich mit dem Löwenanteil des 300-Millionen-Euro-Deals zurück, während die etwa 150 Angestellten und 45 Millionen Nutzer:innen um ihren bisherigen Traumjob und ihre Plattform bangten.
Über 80 Prozent der Angestellten wurden umgehend entlassen, was langjährige Mitarbeitenden mir gegenüber als „grausamen Verrat“ bezeichneten. Viele hatten Abstriche beim Gehalt hingenommen und waren aufs Land oder in die Berge gezogen, um sich der Arbeit in der „Komoot-Familie“ voll hinzugeben. Geschockt, wütend und traurig mussten sie sich nun im schlechten Arbeitsmarkt nach neuer Lohnarbeit umschauen – teils auch um ihre Aufenthaltstitel zu behalten.
Die Nutzer:innen meldeten ihre Empörung in Kommentarspalten und den sozialen Medien. Denn für viele war Komoot kein austauschbares Tool, sondern ein liebgewonnenes Erinnerungsbuch für ihre besonderen Naturerlebnisse und Urlaube. Und auch sie waren maßgeblich am Erfolg von Komoot beteiligt, denn es waren ihre Planungen, GPS-Aufzeichnungen und Reisedokumentation, die die Plattform mit Leben füllten.
Komoots Erfolg basiert auf diesem Nutzerdatenschatz: aufgezeichnete Routen, Punkte, Fotos und Notizen, sogenannter User-Generated Content, werden verarbeitet und anderen Menschen auf der globalen Karte, in Collections und in persönlichen Feeds dargestellt. So werden kurze oder auch längere Abenteuer ins Grüne vereinfacht, was wieder zu mehr Nutzer:innenaktivität führt und die Plattform somit attraktiver macht.
Kaltes Business hinter freundlichem Grün
Spätestens mit dem Verkauf offenbarte sich jedoch hinter Komoots freundlichem Grün kaltes Business As Usual. In der offiziellen Pressemeldung zu dem Verkauf beschreibt Ex-CEO Markus Hallermann Bending Spoons als „perfekten Partner, um Komoot in die Zukunft zu führen“ – eine Zukunft, die ohne die Angestellten und der Community entschieden wurde, die die Plattform groß gemacht haben und an ihrem Fortbestand interessiert waren. Die neuen Eigner in Mailand äußerten sich „enthusiastisch über das zukünftige Wachstumspotenzial“, sprich den Ausblick auf noch größere Profite. Die Angestellten wurden in der Pressemitteilung nicht erwähnt. Der Ausverkauf offenbart die Prekarität von Angestellten und Community, wenn diese nicht die Kontrolle über ihr Unternehmen und ihre Plattform haben.

Der Fall Komoot ist jedoch weder einzigartig, noch ist er als moralisches Versagen gieriger Gesellschafter zu verstehen. Vielmehr ist er Ausdruck eines kapitalistischen Systems, das solche Verrate an der Community laufend und unweigerlich wiederholt. Die Nutzer:innen von Couchsurfing, Reddit und Twitter können ein Lied davon singen. Und ob nun Komoot, Strava, AllTrails, RideWithGPS: Alle kommerziellen Anbieter im umkämpften Markt sind gezwungen, mittels ihrer Nutzer:innen und deren Inhalten maximalen Profit zu machen.
Wie genau beuten kommerzielle Plattformen wie Komoot ihre Nutzer:innen aus? Und was können wir aus dem Fall Komoot lernen für den Aufbau nachhaltiger digitaler Plattformen, die tatsächlich langfristig für die Community funktionieren?
Die unnachhaltige Datenmühle
Komoot ist ein Paradebeispiel des perfiden Wirkprinzips geschlossener, kommerzieller Plattformen. Komoot zieht Wanderer, Radsportler:innen, und Radreisende an, indem es vorgefertigte „Inspiration“, praktische Routenempfehlungen, und Turn-by-Turn-Anweisungen in einem Google-Maps-ähnlichen Dienst vereint.
Viele mächtige Funktionen der App ließen sich kostenfrei nutzen, die Weltkarte ließ sich mit einer Einmal-Zahlungen von 30 Euro dauerhaft freischalten. Ein Abo gab es auch, es schaltete lediglich Zusatz-Features wie Wetter-Infos und 3D-Karten frei.
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In einem Interview offenbarte Hallerman 2023, dass Komoots Umsatz sich zu etwa gleichen Anteilen aus Abos und Einmalzahlungen von neuen Nutzer:innen zusammensetzte, während Einnahmen durch Fremdwerbung nur einen geringen Anteil ausmachten. Somit musste Komoot ständig neue Nutzer:innen anziehen und neue Märkte erschließen, um im Geschäft zu bleiben. Wachstum ist also nicht bloß kapitalistische Ideologie, sondern finanzieller Zwang.
Entsprechend setzten die Komoot-Chefs, wie so oft bei Tech-Plattformen, den Fokus der Entwicklung darauf, die Nutzer:innenzahl und das Engagement auf der Plattform zu steigern. Das hat jedoch Grenzen, irgendwann sind alle möglichen Nutzer:innen einer Zielgruppe erreicht. 2024 hatte Komoot bereits 40 Millionen registrierte Nutzer:innen, das Wachstum des Unternehmens verlangsamte sich bedrohlich. Ein weiterer Grund für die Gründer, die unnachhaltige Firma abzustoßen?
Community oder „Community“?
Um Engagement zu fördern und ganze Nutzer:innengruppen einzufangen, manipulieren Tech-Firmen besonders gern das menschliche Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein und ihr beizutragen. So auch bei Komoot. Aber wenn wir etwas zu einer „Community“ oder besser gesagt einem Kundenstamm wie auf Komoot beisteuern, leisten wir vor allem auch unbezahlte Arbeit für das Wachstum der Plattform. Ein Mitbestimmungsrecht darüber, wie die Plattform funktioniert, haben wir nicht. Nutzer:innen zahlen sogar für das Vergnügen. Daran verdienen, das tun andere.
Das und der Ausverkauf von Komoot verdeutlichen unmissverständlich, dass eine solche „Community“ mehr Schein als Sein ist. Diese ausbeuterische Beziehung zwischen Nutzer:innen und Plattform ähnelt der Beziehung zwischen Arbeitskräften und Kapital, in der Bosse private Profite erwirtschaften, indem sie enormen Mehrwert von Arbeiter:innen abschöpfen.
Eine echte Community kann als Gruppe verstanden werden, die durch ein Commons verbunden ist, ein gemeinsames materielles oder immaterielles Gut. Bei Wanderern, Radsportlern, und Radreisenden stellen geteilte Strecken, bemerkenswerte Landmarken, Fotos und Ortswissen ein wichtiges Commons dar. Sie sind Grundlage für neue Unternehmungen und Veranstaltungen, die Menschen zusammenbringen, menschliche Beziehungen gedeihen lassen und zum Beitragen motivieren.
Plattformen wie Komoot stellen aber kein Commons dar, da keine gemeinschaftliche Kontrolle über die Plattform besteht. Kein Commons, keine echte Community. Kapital eignet sich das produktive Commons an und macht das gemeinschaftliche Gut zu privatem Profit. Dieser Vorgang bei Komoot und anderen digitalen Plattformen kann als digitale Einhegung betrachtet werden.
Ob digital oder physisch, die Einhegung ist oft fatal für die Vielfalt des Commons und schwächt das gesamte Ökosystem. Geschlossene Plattformen wie Komoot verhindern, dass der kommunale Datenschatz kreativ umgenutzt wird, beispielsweise für spezialisierte Tools und Datensätze für bestimmte Sportarten und Regionen. Er kann nicht in große digitale Commons wie Wikipedia oder OpenStreetMap einfließen, wovon noch viel mehr Menschen profitieren würden.

Zwischen der erklärten Mission, leichten Zugang zur freien Natur zu ermöglichen, und der exklusiven Nutzung entstandener Daten liegt ein eklatanter Widerspruch.
Ähnlich sieht es bei Komoots Kerntechnologie aus, die hauptsächlich auf Open-Source-Projekten beruht. Ohne die Leaflet-Karte, die Graphhopper-Routing-Engine und OpenStreetMap-Daten würde Komoot nicht existieren, jedoch werden die internen Weiterentwicklungen nicht grundsätzlich veröffentlicht. So bedient sich der Tech-Sektor immer gerne am Open-Source-Commons, ohne nennenswert zurückzugeben. Projekte, deren Bestand kritisch für allerlei Infrastruktur ist, bleiben oft chronisch unterfinanziert.
Operation Enshittification
Dem Ausverkauf der Komoot-Nutzerschaft wurden eigentlich schon mit der Aufnahme von Wagnis- und Bankkapital bei der Firmengründung die Weichen gestellt. Damit sind maximale Rendite und lukrativer Exit für die Investoren als oberste Ziele festgelegt. Der Zwang zur kurzfristigen Steigerung des Unternehmenswerts seitens des Managements stellt einen fundamentalen Widerspruch mit langfristiger Stabilität und Nutzwert für Angestellte und Nutzer:innen dar.
Der Verlauf dieses Konflikts wird gut durch die Enshittification-Theorie nach Cory Doctorow erklärt. Sie beschreibt den Verlauf kommerzieller Plattformen von nutzerfreundlichen Anfängen bis hin zum Raubbau der Plattform zur Maximierung von Profit und Unternehmenswert.
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In der Anfangsphase hatten es Komoot-Nutzer:innen verhältnismäßig gut. Eine erschwingliche Einmalzahlung für ein Kartenpaket, subventioniert durch ihre Daten, schaltete nützliche Funktionen dauerhaft frei. Die Leidenschaft der Angestellten für die Mission hinderte die Bosse daran, Features durchzusetzen, die die Nutzererfahrung sehr beeinträchtigen würden. Es gab zwar Ausnahmen wie die Flutung von Suchergebnissen mit zehntausenden KI-generierten Routen fragwürdiger Qualität. Es wurden jedoch keine Nutzerdaten verkauft und die Werbung im Feed war moderat.
Mit der Entlassung der meisten Angestellten fällt diese Gegenmacht weg. Die neuen Eigner können die Plattform auf pures Rent-Seeking ausrichten – die direkte Ausbeutung der gefangenen Nutzer:innen. Eine implizite Übereinkunft zwischen Plattform und Nutzer:innen wird zunehmend zugunsten der Eigner verändert, während sich die Nutzererfahrung auf der Plattform immer weiter verschlechtert.
Auch wenn es sich noch nicht unmittelbar in der Nutzererfahrung niederschlägt, Komoot ist im Zuge der Enshittification wie schon die Bending-Spoons-Zukäufe WeTransfer und Evernote. Überall in der App und auf der Webseite wird die kostenfreie Nutzung mit „kreativer“ Reibung verschlechtert, wie es schon bei WeTransfer geübt wurde. Mit neuen monatlichen und sogar wöchentlichen Abos wird die Monetarisierung vorangetrieben. Die Produktverbesserungen und das überfällige UI-Facelift, die in den letzten Monaten ausgerollt wurden, ändern nichts am Zwang zur maximalen Rendite.
Die Endphase, in der die Plattform bis auf den letzten Cent ausgequetscht wird, steht wohl noch bevor. Bei Evernote stieg der Preis nach der Übernahme schrittweise fast auf das Doppelte. Mehr gesponsorte Inhalte und Werbung im Produkt sind bewährte Mittel, um mehr Gewinn zulasten der Nutzererfahrung zu erwirtschaften. KI-generierte Inhalte – die weitere Entfremdung von anderen Menschen und der Natur liegen auf der Hand.
Im Endstadium der Enshittfication versuchen das Unternehmen, die Nutzer:innen so lange wie möglich am Abwandern zu hindern, um ihren Profit zu maximieren. Soziale Medien nutzen dafür Netzwerkeffekte, die bei Komoot aber weniger stark ausgeprägt sind. Stattdessen hält Komoot die persönlichen, teils umfangreichen Planungen und Dokumentationen von Reisen effektiv zurück. Ein nativer Batch-Datenexport wurde nach der Übernahme entfernt. Der Datenexport nach DSGVO ist praktisch unbrauchbar, da nicht im menschenlesbaren Format. Nutzer:innen müssen sich mit Export-Tools aus der Community behelfen, um ihre Daten aus den Klauen der Plattform zu retten.

Der Weg nach vorne
Komoot ist kein Einzelfall, sondern eine erneute Mahnung, dass geschlossene Plattformen unter der Kontrolle weniger Bosse langfristig nicht für echte Gemeinschaften funktionieren. Denn Unternehmen hegen ein, beuten aus und verkaufen die Community, trotz bester Absichten von Angestellten und möglicherweise manchen Eignern. Von der nächsten kommerziellen Routen-Plattform, die Komoot den Rang ablaufen will, ist nichts anderes zu erwarten. Tech-Kapital hat in unseren Gemeinschaften nichts zu suchen.
Stattdessen benötigen wir quelloffene, unkommerzielle Routen-Plattformen. Echte Community-Plattformen müssen sich der Profitlogik entziehen und vollständig unter der Kontrolle der Betreiber:innen, Entwickler:innen und Nutzer:innen stehen, damit ein Ausverkauf niemals möglich ist und die Plattform langfristig und nachhaltig gedeihen kann. Das Fediverse mit Mastodon, Matrix, Pixelfed und Co. macht es vor: ein wachsendes Ökosystem offener Protokolle und verteilter Diensten, das sich der Einhegung durch das Tech-Kapital widersetzt. Die dezentralisierte Routen-Plattform Wanderer.to ist ein Vorreiter in diesem Sinne, zwar noch unausgereift, aber Komoot wurde auch nicht an einem Tag gebaut. Wir brauchen diverse offene Werkzeuge und Plattformen für viele Nischen, die zusammen durch Föderation und Interoperabilität aufblühen.
Der Kampf um die Datenhoheit und unsere Plattformen ist freilich nicht wichtiger als andere Kämpfe wie gegen die Klimakatastrophe und weitere Krisen. Aber wie Cory Doctorow auch schreibt: „Freie, faire, offene Technologie ist notwendig, um diese anderen Kämpfe zu gewinnen. Den Kampf für bessere Technologie zu gewinnen wird nicht diese anderen Probleme lösen, aber den Kampf für bessere Technologie zu verlieren löscht jede Hoffnung aus, diese wichtigeren Kämpfe zu gewinnen.“
Als erfahrener Radreisender schreibt Joshua Meissner unter anderem für BIKEPACKING.com. Seine Recherchen, Profile und Essays begleitet er mit seiner Fotografie. Er studiert Mensch-Technik-Interaktion im Master Human Factors an der TU Berlin. Erreichbar ist Josh unter hello@joshuameissner.de.
Korrekturhinweis: Wir haben die Passage zur Nutzererfahrung und Bezahlschranken zu Navigationsgeräten sowie Abopreisen richtiggestellt und aktualisiert.

Danke für den Beitrag, und die Empfehlung für wanderer.to. Das kannte ich noch nicht. Dein Artikel endet hoffnungsvoll und: aus Dingen, die kaputt gehen, können neue wachsen.
wer ein E-Bike mit Bosch Motor fährt, hat beim Wechsel auf eine andere Routing App ein Problem:
nach meinem Wissen lässt sich nur Komoot direkt in die Bosch Flow App integrieren.
Gastbeitrag, aber kein Name des Autors/der Autorin!?
Ist mir zu viel Management-Bashing.
Ein Geschäftsmodell, das zu 50 % auf Einmalzahlung beruht und lebenslangen Zugang bietet, kann auf Dauer nicht funktionieren.
Der Autor steht über dem Text, seine Bio drunter.
Naja, man wird ja Träumen dürfen. Wer wollte die immer höhere Gegenmotivation verhindern? Seit dem Zusammenbruch der DDR und damit dem Ende des Kampfes zwischen Kapitalismus und Sozialismus, muss der „Westen“ nichts mehr beweisen. Also reduziert er sich ganz automatisch um jede Moral, da die immer Gewinn reduziert. Gegenbewegungen reduzieren sich auf Verweigerung innerhalb des Systems und sind daher logisch unterlegen. Denn nur wer baut bewegt. Wer aber für alle baut, baut auch für das System, welches aber immer mehr den individuellen Gewinn schützt. Gewinnen kann ganz logisch nur der, der das maximale Kapital rausholt. Oder meint wer, von zwei Personen, die das gleiche bauen, der eine für maximales Kapital, der andere für alle, hätte der letztere die Macht? Und wer ist wohl motivierter? Die Allgemeinheit, mag sich zwar gut anfühlen, die Yacht ist aber motivierender.
Zu dem Elefanten im Raum sage ich hier besser nichts, denn da kennt man hier nur, immer falsche, Brandmauern.
Liest sich wie eine exakte Beschreibung unserer gesellschaftspolitischen Verhältnisse. Eine kleine Gruppe elitärer Minderleister greift den, von der Community erzeugten Mehrwert ab um damit die eigenen Machtverhältnisse zu sichern und die Profitgier der sie umgebenden Netzwerke zu befriedigen.
Was verliert man schon als Teil der Komoot Community außer ein paar Tracks von Wanderrouten während unsere Regierung mit dem gleichen Verhalten ein ganzes Land ruiniert und jährlich tausende Existenzen vernichtet?
Die kapitalistische Wirtschaftsweise zwingt Akteure systematisch zu solcher Zuspitzung, das ist bei kommerziellen Anbietern wie Komoot immer einer war ( und die Angestellten haben bisher davon profitiert) geradezu regelhaft. Die Vorstellung, man müsse ein paar „gierige Minderleister“ (!) loswerden und dann sei alles wieder gut, ist so falsch wie gefährlich.
Die Vorstellung, man müsse ein paar „gierige Minderleister“ (!) loswerden und dann sei alles wieder gut, ist so falsch wie gefährlich.
Wer hat das behauptet?
Falsch ist, eigene Interpretationen des Gesagten als tatsächliche Aussage hinzustellen!
Das gezogene Resumee ist nicht so ganz nachvollziehbar. Das wurde nirgends behauptet. Um es in anderen Worten auszudrücken: Komoot ist ein ziemlich unbedeutendes Symptom von denen es Tausende gibt. Wir können natürlich täglich über irgendwelche Symptome jammern. Aber bringt uns das weiter. Warum benennt man nicht einfach mal die eigentlichen Ursachen und denkt berechtigte Kritik zu Ende? Hat da die Zentrale der Macht etwas dagegen?
Ich habe so eine Übernahme schon bei runtastic erlebt und das hat wirklich geschmerzt, weil ich Nutzer erster Stunde war und weil sie ein beliebtes Tool gecancelt haben (eine Seite mit den eigenen Laufstatistiken) und man die eigenen Daten sehr schwer runterladen konnte. Bei Komoot habe ich das Abo sofort gekündigt als ich das mit der Übernahme und den Kündigungen gehört habe. Momentan habe ich runalyze. Hoffe die verkaufen sich in Zukunft ebenso nicht. Ich suche aber regelmäßig nach einer Komoot Alternative mit einer coolen Commumity – bis jetzt nicht gefunden. Lg Martin
Der Artikel benennt sehr treffend viele Probleme rund um Komoot und ähnliche Plattformen. Die vielleicht wichtigste Lehre für alle, die „für die gute Sache“ arbeiten möchten: Schaut euch früh die Rechtsform und Eigentümerstruktur an. Ein e.V., eine Stiftung oder ggf. eine gGmbH verringern zumindest die Exit-Logik, während eine VC-finanzierte GmbH fast immer auf Verkauf und Rendite hinausläuft – mit allen bekannten Folgen für Beschäftigte und Community. Sofern noch nicht erfolgt, sicherlich ein tolles Artikelthema!
Wer dann noch Gehaltseinbußen akzeptiert und fürs „Familiengefühl“ in die Berge oder aufs Land zieht, trägt ein erhebliches Risiko – da braucht es einen echten Gegenwert jenseits von Luft und Liebe zur Mission. Modelle echter Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmenswachstum sind in Deutschland leider immer noch die Ausnahme.
Dazu kommt: Viele Digitalfirmen sind letztlich nur Vermittler – hier bauen Nutzer Routenvorschläge für andere Nutzer, während das Unternehmen die Plattform kontrolliert. In die Komoot-Routen fließen oft Arbeiten klassischer Wandervereine ein, die ihre Wege seit Jahren ehrenamtlich planen und pflegen. In der Praxis habe ich etliche „Top-Routen“ erlebt, die aus langen Straßenabschnitten ohne Gehweg, inzwischen gesperrten Pfaden oder Wegen durch Schutzgebiete bestanden. Spätestens nach diesen negativen Erfahrungen griff ich wieder lieber auf die klassischen, gut ausgeschilderten Wanderrouten zurück – beim Radnetz sah es teilweise ähnlich aus. Das einfache lag so nah und ist auch noch ziemlich gut.
Nachhaltig wäre natürlich ein System, das die eigentlichen Macher der Wanderwege stärkt: die Vereine und lokalen Akteure, die Markierungen pflegen und die Region touristisch attraktiv halten. Ein dauerhaft gewinnorientiertes Unternehmen mit Exit-Pflicht ist dafür strukturell kaum geeignet – genau das zeigt der Fall Komoot aus meiner Sicht sehr deutlich.
Stimme vielem zu – aber das Narrativ vom „Verrat durch Kapital“ greift zu kurz. Komoots Erfolg wurde nicht allein durch Nutzer:innen oder Wandervereine aufgebaut, sondern massiv durch die Szene selbst mitgetragen: Orbit360, unzählige Influencer:innen, Medienpartner, Microbrands, Agenturen – alle haben die Plattform mit Inhalten, Events und Reichweite gefüttert, ohne je die Eigentümerstruktur zu hinterfragen.
Jetzt auf die „gierigen Investoren“ zu zeigen, wirkt bequem. Die Wahrheit ist: Die Kommerzialisierung war ein Gemeinschaftsprojekt – und viele, die heute laut klagen, haben lange mitverdient oder profitiert.
Wer das Spiel mitspielt, sollte sich später nicht über die Regeln wundern. Wer auf dem Todesstern Content liefert, steht am Ende eben nicht auf der Seite der Rebellion.
Die Erbringung einer professionellen Dienstleistung benötigt die Bereitstellung professioneller Strukturen und Ressourcen. Diese kosten Geld, welches über den Verkauf der Dienstleistung erwirtschaftet werden muss. Die Alternative wäre dauerhaftes Ehrenamt: Wenige geben unentgeltlich und viele nehmen quasi kostenlos. Nur kann man damit im 21. Jhdt. kein professionelles Angebot aufrechterhalten. Auch Wanderer.to u.ä. kommen irgendwann an diesen Punkt.
Wanderer wird eher nicht an den Punkt kommen, da man die Plattform selber hosten kann.
Niemand spricht auch von unentgeltlich. Hier geht es um maximale Rendite.
Leider ist das nunmal so, dass sobald eine Plattform komplex wird, ein Team an Mitarbeitern benötigt wird. Und das lässt sich Open Source und unbezahlt nicht stemmen. Aber ja, komoots Entwicklung ist traurig. Ich hoffe, sie zerschießen die App nicht komplett.
Geld verdienen ist böse böse böse. Kapitalismus ist böse böse böse. Ehrlich jetzt?
Komoot ist seit der Übernahme viel besser geworden. Gerne mehr davon.
nein, ist es definitiv nicht.
die Qualität der Routen hat enorm nachgelassen.
für mich als Mtb-, Gravel- und Rennradfahrer, der mit letzterem auch gerne Schotter in Kauf nimmt, und zu den Komootnutzern der ersten Stunde gehört, ist es quasi unbenutzbar geworden. ich werde nur noch über Hauptstraßen und offizielle Radwege geführt. und wenn ich andere Routen „erzwinge“, sind diese häufig völlig veraltet. das neue ui ist kompliziert und unintuitiv – wichtige Funktionen wie z.B. den Ton der Navigation auszustellen sind 3 Ebenen tief versteckt – und in den neuen Karten sind Höhenlinien fast gar nicht mehr erkennbar. ich kann deine Aussage also überhaupt nicht nachvollziehen.
btw. ich wäre gerne bereit gewesen erneut 30€ für den Kartensatz zu zahlen, wenn ich dadurch die App hätte retten können. leider habe ich noch keine gute Alternative finden können – die in Frage kommenden OS Projekte sind auf jeden Fall z.Zt. noch immer nicht auf dem Niveau, auf dema komoot schon vor 10,12 Jahren war …
Wirklich schade – hier war die Gier irgendwann definitiv größer als die Leidenschaft. und richtig leid tut es mir (neben dem Verlust einer meiner Lieblingsapps) für die Angestellten, die davon nicht profitieren konnten.
Kritik aus zweiter Hand – vorgetragen vom Balkon des Todessterns
Der Text erschien zuerst auf bikepacking.com – dort wirkte er zumindest stilistisch geschlossener. In der deutschen Fassung auf netzpolitik.org bleibt davon vor allem eines: eine sauber kuratierte Zusammenfassung bereits bekannter Kritik. Doctorow, Enshittification, Commons, Fediverse – alles schon oft gesagt. Was fehlt, sind eigene Gedanken, eigene Reibung, eigene Analyse.
Im Kern referiert der Beitrag die Kritik anderer, ohne sie weiterzutreiben. Komoot als Beispiel für Plattformkapitalismus? Richtig. VC-Logik kontra Community? Bekannt. Digitale Einhegung? Lehrbuch. Aber wer hier eine neue Perspektive, eine präzise Machtanalyse oder wenigstens eine unbequeme Selbstverortung erwartet, wartet vergeblich. Die Argumente stehen nebeneinander wie Thesenplakate, nicht wie ein durchdachter Befund.
Besonders ironisch: Während „echte Community“ und digitale Selbstbestimmung beschworen werden, bleibt unerwähnt, dass der Originaltext auf einer Plattform erschien, die selbst tief in kommerzielle Routing‑Infrastrukturen und Affiliate‑Ökonomien eingebettet ist. Über die Rolle der Influencer, die Komoot groß gemacht haben – digitale Mietmäuler mit Rabattcodes und GPX‑Romantik – verliert der Text ebenfalls kein Wort. Kritik ja, Selbstkritik nein.
So bleibt am Ende ein Text, der sich radikal gibt, aber risikofrei ist. Viel Haltung, wenig Erkenntnis. Oder anders gesagt: Man hält eine flammende Rede gegen das Imperium – aber bitte nicht vergessen, dass sie vom Konferenzraum des Todessterns aus übertragen wird.
@Kritikal Mass: Ich sehe das exakt genauso.
Aber, ist nicht die bekannte Kritik eigentlich bereits vernichtend? Die Folgerung ist ja Niedergang der Zivilisation insgesamt, wenn man es etwas aufbauschen wollte.
Seit wann sind hier denn so viele Trolle mit durchsichtigen Motiven in den Kommentaren unterwegs? Gegen die Regierung als Hauptschuldiger, bikepacking als Todesstern – das riecht alles meilenweit nach einem Aggressor aus dem Osten. Würde mir sehr eine Ausblend-Funktion für Kommentare oder Kommentierende wünschen.
Nach den Kommentarregeln von netzpolitik.org geht es hier um Anmerkungen, Fragen und inhaltliche Ergänzungen zum Text. Pauschale Troll- oder Motivunterstellungen wie „Aggressor aus dem Osten“ tragen dazu nichts bei und lenken vom Thema ab.
Wenn einzelne Metaphern oder Argumente kritikwürdig sind, lässt sich das konkret benennen. Der Putin-Troll-Vorwurf ersetzt hier jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung und erklärt weder den Text noch die geäußerte Kritik.
Die angesprochenen Punkte – Plattformabhängigkeit, die Ökonomie vermeintlich „kostenloser“ Software sowie die Rolle von Medien und Influencern – sind seit Jahren Teil netzpolitischer Debatten. Sie als fremdgesteuert oder „durchsichtig“ zu etikettieren, entlastet rhetorisch, klärt aber nichts.
Wer widerspricht, kann das gern sachlich tun: Wo ist die Analyse falsch? Welche Alternativen werden übersehen? Wer profitiert konkret?
Debatten werden nicht besser, wenn man Stimmen ausblendet, sondern wenn man sie prüft.
Naja, Kapital böse wäre simplizistisch. Aber man kann schon gucken, was Risikokapital für welche Sorte Unternehmen bedeutet, und inwiefern das wo wann wessen Problem ist.
Um einen Kontrast zu bieten: Batteriestartup, oder irgendwie Internetplattform mit Community.
Bei letzterer ist der Zyklus mit den Daten, also Tracking und Vermarktung beinahe vorprogrammiert. Im Zusammenhang mit Community ist das erwiesenermaßen toxisch. Ist das der Fall oder wie weit oder nicht? Kenne das Ding nicht…
Auch wenn die Übernahme alles andere als menschlich abgelaufen ist und das Auspressen der Kund:innen sehr offensichtlich wirkt, fehlt diesem Artikel der ganzheitliche Blick.
Fakt ist: Komoot ist über die Jahre tatsächlich „staubig“ geworden und in Teilen spürbar unzuverlässiger – insbesondere bei der Wegewahl. Das Schlagwort „got komooted“ kommt nicht von ungefähr und ist Ausdruck realer Frustration vieler Nutzer:innen.
So sehr ein offenes oder genossenschaftliches Modell für eine solche Plattform auch ein Traum wäre: Der Artikel berücksichtigt kaum, wie sich die Plattform nach der Übernahme organisatorisch und strukturell verändert hat, etwa im Hinblick auf neue Teamstrukturen oder Nutzer:innenbeteiligung. Gerade diese Aspekte stehen in starkem Kontrast zu früheren Entwicklungsprozessen und werfen strukturelle Fragen auf.
Die Geschwindigkeit der aktuellen Änderungen wirft zudem Fragen auf, wie bisherige Entwicklungsprozesse organisiert waren und welche systemischen Einschränkungen das alte Team hatten.
Das Verhalten der Gründer wirkt dabei besonders verstörend. Menschen, die Komoot aufgebaut haben, derart zu behandeln – insbesondere vor dem Hintergrund von Aufenthaltsgenehmigungen und existenziellen Abhängigkeiten. Sowas sollte jedem Leser/privatwirtschaftlich Angestellten eine Lehre sein: Es ist äußerst schwierig, eine langfristig tragfähige Community in rein renditeorientierten Unternehmensstrukturen aufzubauen. Es gibt Ausnahmen aber ob diese solche langfristig bleiben ist ebenfalls nicht garantiert.
Wenn die aufgebaute Expertise der ehemaligen Entwickler:innen und die Community, die unter ihnen entstanden ist, erhalten bleibt, könnte sie sich unabhängig von renditegetriebenen Strukturen neu organisieren. So wäre es möglich, langfristig nachhaltige Plattformprojekte zu entwickeln, frei von Quartalsdruck und zentralisierter Unternehmenslogik, die echten Nutzen mit Weitblick stiften.
Part 1:
Es muss sich halt erst mal jemand finden, der aus Überzeugung heraus die eigentliche Basisarbeit leistet. Open Source hört sich immer toll an, aber zu Projektbeginn ist es oftmals schwierig, Leute ins Boot zu holen.
Zu Projektbeginn werkelt dann häufig eine einzelne Person – z.B. Student, für den sich solch ein Projekt später als echter Door-Opener erweisen kann -, die viel Zeit opfert.
Sollte sich das Projekt später als zukunftsfähig erweisen, dann steigt auch die Begeisterung und wenn es (sehr) gut läuft, schließt sich auch der ein oder andere weitere Entwickler dem Projekt an. Mitunter lassen sich die aktiven Entwickler aber weiterhin an einer Hand abzählen, dafür preschen immer mehr Leute ins Projekt vor, die ihre Chancen und Rollen als potentielle Projektmanager sehen. Häufig sind diese Leute gut vernetzt oder verstehen es, sich gut zu verkaufen, was nicht selten dazu führt, dass die später ins Boot gestiegenen überproportional an solchen Projekten partizipieren.
Bei webbasierten Projekten, die die Community stark einbinden, ist es dann noch einmal etwas schwieriger, weil die Geschichte ja irgendwie finanziert werden muss (Entwicklung, laufende Serverkosten und vieles mehr, was nötig ist, einen öffentlichen Webservice stabil zu unterhalten). Und wenn die Community dann argumentiert, dass sie ja mit ihren Daten zahlt und es daher anrüchig wäre, dass die eigentlichen Betreiber ‚Gewinn‘ einfahren, dann wird’s superkomplex.
Die Arbeitszeit der Entwickler/Betreiber, die klammert man gerne aus, man ist maximal bereit, sich an den Hostingkosten zu beteiligen – man nutzt ja cloudbasierten Speicherplatz, den irgendjemand zur Verfügung stellen bzw. anmieten muss – aber selbst das wird mitunter hinterfragt, in dem man die eigenen Community-Beiträge gegenrechnet, ohne die so ein Community basierter Webdienst natürlich keinen Sinn macht.
Part 2:
Wenn wir ehrlich sind, viele von uns haben sich schon mal in der einen oder anderen Position vorgefunden und man neigt dazu, sich die eigene Position im Falle des Falles schön zu reden.
Kurz gesagt, mit dem Donation-Prinzip alleine wird man sowas nicht dauerhaft stemmen können und der Wunsch/Wille alleine wird’s auch nicht richten. Selbst Wikipedia muss um jede einzelne Spende kämpfen, die Spendenaufrufe in Thunderbird werden auch immer häufiger eingeblendet und das wird einen Grund haben.
Kann sich noch jemand an das geniale GPSies erinnern? Auch da wurde am Ende vieles kritisiert, weil der community driven Dienst, den ein einziger Entwickler/Maintainer alleine gestemmt hat, irgendwann verkauft wurde, weil das ganze Projekt vermutlich am Ende zu ‚groß‘ für ihn wurde und die Spendenbereitschaft realiter doch nicht so ausgeprägt ist, wie man es gerne postuliert.
Später wurde in diversen Sport- und Wanderforen weiterdiskutiert, viele potentielle Projektmanager fühlten sich berufen, ein analoges komplett community driven Nachfolgerprojekt ‚einzufordern‘, nur leider konnten/wollten diese Projektvisionäre keine Entwicklungsarbeit beisteuern, sondern man beschränkte sich darauf, das fiktive Lasten- und Pflichtenheft zu erstellen und kundzutun.
Man/Frau/wir sollten uns da schon etwas ehrlich machen, auch ich habe schon auf beiden dieser Seiten gestanden, bin also in der Beziehung auch kein Engel, sondern muss manchmal zu Investionen (sprich ‚echte‘ Ausgaben für Dinge, die ich nutze) gezwungen werden.
Am Ende muss es halt jemand machen!
Hat jemand schon mal versucht, Kontakt mit den Machern von Komoot aufzunehmen? Die vermittelten Darstellungen verunsichern mich…
Ich bin bisher zu 80 % sehr zufrieden mit der Komoot-Plattform (Reise- und ADFC-Tourenplanung). Ich nutze die Weltkarte (30 EUR). Die Premium-Version ist für mich keine brauchbare Option.
Die Plattform „gpsies.com“ habe ich seinerzeit auf Spendenbasis unterstützt. Komoot ist sicherlich kein Wohltätigkeitsverein, aber der Betrieb (Personalkosten, Rechner, Strom etc.) verschlingt sicherlich nicht wenige Kosten. Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass die vielen gespeicherten Bilder beträchtliche Ressourcen an Cloudspeicher und Energie verbrauchen (Umweltbelastung).
Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich die Entwicklung zum Positiven entwickelt.
Die „Macher von Komoot“ sind jetzt Bending Spoons, und deren Vorgehen ist aus vorherigen Übernahmen bestens bekannt.