Vor dem Internet haben vor allem wissenschaftliche Verlage die Erkenntnisse öffentlich finanzierter Wissenschaft publiziert: Sie erhielten Artikel von Wissenschaftler*innen, ließen sie begutachten und veröffentlichten sie in gedruckten Zeitschriften. Bibliotheken abonnierten diese Zeitschriften, damit Forschende und Studierende auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft aufbauen konnten.
Offenere Wissenschaft durch Digitalisierung?
Mit der Digitalisierung sollte die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse viel günstiger werden, da aufwändige Verlagsprozesse wie Druck und Eintrag in Datenbanken deutlich einfacher wurden. Diese Kostensenkung hat den Markt für Wissenschaftsverlage enorm konzentriert und hochprofitabel gemacht: Allein Elsevier, einer der größten Verlage, hat 2022 einen Gewinn von über einer Milliarde Euro erwirtschaftet, und das mit einer Gewinnmarge von 38 Prozent.
Weitere große Verlage folgen der gleichen Tendenz, zum Beispiel Springer Nature mit einer Marge von 27 Prozent und Wiley mit 23 Prozent. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Marge der fünf großen Tech-Konzerne Alphabet, Apple, Meta, Amazon und Microsoft belief sich 2022 auf 21 Prozent.
Mit den großen Plattformen haben die Verlage nicht nur ihre beachtliche Profitabilität gemeinsam, sondern auch Teile des Geschäftsmodells. So wie Plattformen Anbieter*innen und Käufer*innen oder Werbende und Nutzende zusammenbringen, bedienen Verlage Wissenschaftler*innen in verschiedenen Funktionen: als Autor*innen, Leser*innen und als Gutachter*innen, die die eingereichten Artikel beurteilen.
Alle Seiten wollen, dass die jeweils anderen Seiten möglichst gut vertreten sind, das sind die sogenannten Netzwerkeffekte. So können die Verlage von mehreren Seiten Geld verlangen.
Das etablierte Geschäftsmodell der Verlage war, für die veröffentlichten Zeitschriften bei den Leser*innen eine Abo-Gebühr zu verlangen. Üblicherweise waren das staatlich finanzierten Bibliotheken. Dieses Modell zog zunehmend Kritik auf sich, unter anderem wegen steil steigender Abo-Preise. Für Forschende an weniger gut finanziell ausgestatteten Einrichtungen, insbesondere außerhalb von Industrieländern, waren die nicht bezahlbar.
Die Antwort darauf sollte Open Access sein. Open-Access-Publikationen sind frei zugänglich für die wissenschaftliche Community und sogar die breite Öffentlichkeit. Damit wird Wissen viel freier geteilt und erlaubt einen offenen Austausch jenseits von Paywalls. Doch dafür nehmen die Verlage Geld von den Autor*innen der Artikel, die sie veröffentlichen. Diese Gebühren, die „Article Processing Charges“, stellen weiterhin sicher, dass Wissenschaftsverlage exorbitante Gewinne erwirtschaften.
Offenheit ist nicht genug
Open Access verbreitet sich zunehmend. Aktuelle Schätzungen gehen von der Hälfte der Neuveröffentlichungen aus. Doch das Open-Access-Modell löst nicht alle Probleme: Weiterhin sind es nur wenige Verlage, die einen Großteil des Marktes kontrollieren und aufgrund ihrer etablierten Reputation weiterhin die besten Artikel anziehen.
Je besser das Ansehen, umso höher der Preis: Einige Zeitschriften von Springer Nature haben 2021 9.500 Euro für jeden veröffentlichten Artikel verlangt. Solche Preise machen es insbesondere jüngeren Forschenden und solchen aus weniger reichen Ländern oder Institutionen nahezu unmöglich, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen und zum geteilten Wissen beizutragen. Die tatsächlichen Kosten für eine Veröffentlichung werden auf etwa 400 US-Dollar geschätzt. Denn der Hauptaufwand, die Begutachtung der Einreichungen, erfolgt ehrenamtlich.
Hinzu kommt, dass statt eines qualitativ hochwertigen Wettbewerbs neue Zeitschriften sprießen, die gern verzweifelten Wissenschaftler*innen Geld abknöpfen für eine fragwürdige Begutachtung. Solche „Predatory Journals“ fluten den Markt mit Veröffentlichungen, in einem Fall mit 187.000 Artikeln in 17.000 Spezialausgaben in nur einem Jahr. Das wiederum senkt die durchschnittliche Qualität veröffentlichter Artikel und erschwert es neuen Zeitschriften, sich von Predatory Journals abzuheben und sich am Markt durchzusetzen.
Während der Zugang zu Erkenntnissen unter Open Access kein Problem mehr ist, ist es der Zugang zur Veröffentlichung: Forschende mit begrenzten Ressourcen müssen sich zwischen überteuerten etablierten Zeitschriften und qualitativ fragwürdigen, bezahlbareren Alternativen entscheiden.
Für die Verlage sind beide Varianten außerordentlich lukrativ. Denn Steuerzahlende kommen gleich doppelt für sie auf: Die meisten Artikel in Zeitschriften basieren auf öffentlich finanzierter Forschung. Und unabhängig davon, ob die Forschenden für die Veröffentlichung oder den Zugang zu Veröffentlichungen zahlen, fällt es auf die öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen und Bibliotheken zurück.
Für eine offene, unabhängige Wissenschaft
Die Problematik ist auch in Deutschland bekannt. Doch wie man dagegen vorgehen sollte, ist noch unklar. In einem Fall haben 40 Verleger*innen als Reaktion auf überhöhte Veröffentlichungsgebühren Elsevier verlassen, um nicht-gewinnorientierte Alternativen aufzubauen.
Mehrere Länder verhandeln mit den großen Verlagen, damit einzelne Universitäten nicht von den Forderungen überrumpelt werden. 2018 eskalierten diese Verhandlungen in mehreren europäischen Ländern insbesondere wegen Vorbehalte der Verlage gegenüber den Open-Access-Wünschen der Forschenden und kamen teilweise erst 2023 zu einem Abschluss.
Zudem setzen sich viele Beteiligte dafür ein, das „Platin-Modell“ von Open Access weiter durchzusetzen: Hier übernehmen öffentliche Einrichtungen, Zusammenschlüsse von Universitäten oder anders geformte wissenschaftliche Gruppen die Qualitätskontrolle selbst und vermeiden so Veröffentlichungs- und Abogebühren.
Die Forschungsförderung kann noch stärker die frei zugängliche Veröffentlichung von Ergebnissen zur Bedingung für Finanzierung machen, um so auch etablierte Forschende dazu zu bewegen, nicht weiterhin in aktuell noch angesehenen „geschlossenen“ Zeitschriften zu veröffentlichen.
Ein weiterer Hebel erscheint besonders gut geeignet, um die Exzesse der Verlage zu beschränken: Bei Online-Plattformen haben die Untersuchungen von Wettbewerbsbehörden wie dem Bundeskartellamt und der Europäischen Kommission dazu beigetragen, dass sie inzwischen deutlich mehr Maßnahmen ergreifen können, um den Missbrauch von Marktmacht zu verhindern.
Das kann auch bei Wissenschaftsverlagen funktionieren: Beispielsweise kann das Bundeskartellamt seit der diesjährigen Kartellrechtsreform auch in Märkte eingreifen, wenn in einer Sektoruntersuchung eine Störung des Wettbewerbs auch ohne Rechtsverstoß nachgewiesen wird. Es geht auch um die Freiheit von Wissen – es würde sich lohnen, diese Option genauer zu untersuchen.
