Jeder zwölfte Mensch in Deutschland war schon einmal direkt von Hate Speech im Internet betroffen. Das hat eine im Auftrag von Campact e.V. durchgeführte Studie ergeben. Besonders betroffen sind Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr als die Hälfte aller Befragten gab an, sich wegen Hass im Internet seltener zu einer politischen Meinung zu bekennen.
Dass die Umfrage vorgestern veröffentlicht wurde, war kein Zufall: Gestern war der offizielle Start der neuen Initiative HateAid. Diese Initiative will Opfer von Hass im Netz rechtlich und psychologisch unterstützen. HateAid ist eine als gemeinnützige GmbH organisierte Zusammenarbeit von Campact mit der von Gerald Hensel gegründeten NGO FearlessDemocracy.
Für diese „bisher größte deutsche repräsentative Online-Befragung“ wurden 7.349 Teilnehmende zwischen 18 und 95 Jahren befragt. Durchgeführt wurde die Befragung im April und Mai von YouGov, ausgewertet wurde sie vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.
Im Rahmen der Studie fordert Campact landesweite Betroffenenberatungsstellen zu Hass im Netz, zentrale Ermittlungsstellen bei den Staatsanwaltschaften, speziell geschulte Polizist:innen und schulische Fortbildungen für Lehrer:innen und Schüler:innen. Dazu bräuchte es außerdem vereinfachte zivilrechtliche Klagemöglichkeiten.

Im Westen mehr Betroffene als im Osten
Von den acht Prozent der Betroffenen sagten 39 Prozent, sie wären wegen ihrer politischen Ansichten angegriffen worden. Darauf folgten Aussehen (31 Prozent), Herkunft (18 Prozent) oder sexuelle Orientierung (12 Prozent). Die Umfrage war nach Bundesländern aufgefächert: In Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen fühlten sich anteilig mehr als doppelt so viele von Hate Speech betroffen wie in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen.
Vier von zehn Befragten haben online schon einmal direkt oder indirekt Hate Speech wahrgenommen. Dabei ist der Anteil der Jüngeren (18 bis 24 Jahre) mit beinahe drei Vierteln wesentlich höher als der von 25- bis 44-Jährigen (Hälfte) oder Über-60-Jährigen (ein Viertel). Ungefähr die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund gab an, schon einmal Hate Speech wahrgenommen zu haben. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 38 Prozent.
Insgesamt waren 76 Prozent der Meinung, dass Hate Speech im Netz in den letzten Jahren zugenommen hat.
Mord an Lübcke wirft Schatten
Drei Viertel sorgen sich außerdem, dass Aggressionen im Internet auch zu mehr Gewalt im Alltag führen könnte. „Spätestens seit dem Mord an Walter Lübcke zeigt sich, dass Hassrede den Nährboden für Gewalt außerhalb des Internets bereiten kann“, sagt dazu ein Sprecher von Campact. Auch nach der Ermordung des Regierungspräsidenten hörten die Hasskommentare gegen diesen nicht auf.

Mehr Depressionen, weniger Meinungen
Beinahe ein Fünftel der Betroffenen gab an, als Folge von Hate Speech an Depressionen gelitten zu haben. Ein Viertel hatte Probleme mit dem Selbstbild, 15 Prozent hatten Schwierigkeiten bei Arbeit oder Ausbildung. Auch hier waren Jüngere besonders betroffen: bei ihnen berichten 31 Prozent von Depressionen. Der Anteil von negativen Auswirkungen war bei Frauen allgemein höher.
Mehr als die Hälfte der Befragten bekennt sich wegen Hate Speech seltener zu ihrer politischen Meinung, beinahe so viele beteiligen sich weniger an politischen Diskussionen im Internet.
„Das bedeutet, dass Menschen durch Hassbotschaften systematisch aus Onlinediskussionen vertrieben werden und sich vertreiben lassen, auch wenn sie (noch) nicht persönlich durch Hate Speech angegriffen wurden, sondern diese nur beobachtet haben. Darunter leiden die betroffenen Personen, der Meinungspluralismus im Netz und somit letztlich die demokratische (Diskurs-)Kultur“, so die Autor:innen der Studie.
