Öffentlichkeit

Hate Speech: Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund besonders betroffen

Laut einer Umfrage von Campact wurden acht Prozent der Deutschen schon im Internet angefeindet. Doch negative Folgen hat das für die gesamte Gesellschaft: Wegen Hate Speech bekennt sich die Hälfte aller Befragten seltener zu ihrer politischen Meinung im Netz.

Nicht alles im Netz ist schön. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Andrés Canchón

Jeder zwölfte Mensch in Deutschland war schon einmal direkt von Hate Speech im Internet betroffen. Das hat eine im Auftrag von Campact e.V. durchgeführte Studie ergeben. Besonders betroffen sind Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr als die Hälfte aller Befragten gab an, sich wegen Hass im Internet seltener zu einer politischen Meinung zu bekennen.

Dass die Umfrage vorgestern veröffentlicht wurde, war kein Zufall: Gestern war der offizielle Start der neuen Initiative HateAid. Diese Initiative will Opfer von Hass im Netz rechtlich und psychologisch unterstützen. HateAid ist eine als gemeinnützige GmbH organisierte Zusammenarbeit von Campact mit der von Gerald Hensel gegründeten NGO FearlessDemocracy.

Für diese „bisher größte deutsche repräsentative Online-Befragung“ wurden 7.349 Teilnehmende zwischen 18 und 95 Jahren befragt. Durchgeführt wurde die Befragung im April und Mai von YouGov, ausgewertet wurde sie vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.

Im Rahmen der Studie fordert Campact landesweite Betroffenenberatungsstellen zu Hass im Netz, zentrale Ermittlungsstellen bei den Staatsanwaltschaften, speziell geschulte Polizist:innen und schulische Fortbildungen für Lehrer:innen und Schüler:innen. Dazu bräuchte es außerdem vereinfachte zivilrechtliche Klagemöglichkeiten.

„Waren sie selbst schon von Hate Speech im Internet betroffen?“ Campact e.V.

Im Westen mehr Betroffene als im Osten

Von den acht Prozent der Betroffenen sagten 39 Prozent, sie wären wegen ihrer politischen Ansichten angegriffen worden. Darauf folgten Aussehen (31 Prozent), Herkunft (18 Prozent) oder sexuelle Orientierung (12 Prozent). Die Umfrage war nach Bundesländern aufgefächert: In Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen fühlten sich anteilig mehr als doppelt so viele von Hate Speech betroffen wie in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen.

Vier von zehn Befragten haben online schon einmal direkt oder indirekt Hate Speech wahrgenommen. Dabei ist der Anteil der Jüngeren (18 bis 24 Jahre) mit beinahe drei Vierteln wesentlich höher als der von 25- bis 44-Jährigen (Hälfte) oder Über-60-Jährigen (ein Viertel). Ungefähr die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund gab an, schon einmal Hate Speech wahrgenommen zu haben. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 38 Prozent.

Insgesamt waren 76 Prozent der Meinung, dass Hate Speech im Netz in den letzten Jahren zugenommen hat.

Mord an Lübcke wirft Schatten

Drei Viertel sorgen sich außerdem, dass Aggressionen im Internet auch zu mehr Gewalt im Alltag führen könnte. „Spätestens seit dem Mord an Walter Lübcke zeigt sich, dass Hassrede den Nährboden für Gewalt außerhalb des Internets bereiten kann“, sagt dazu ein Sprecher von Campact. Auch nach der Ermordung des Regierungspräsidenten hörten die Hasskommentare gegen diesen nicht auf.

„Der Staat sollte die bestehenden Gesetze gegen Beleidigungen, Hassrede und Verleumdung auch im Internet konsequent durchsetzen.“ Campact e.V.

Mehr Depressionen, weniger Meinungen

Beinahe ein Fünftel der Betroffenen gab an, als Folge von Hate Speech an Depressionen gelitten zu haben. Ein Viertel hatte Probleme mit dem Selbstbild, 15 Prozent hatten Schwierigkeiten bei Arbeit oder Ausbildung. Auch hier waren Jüngere besonders betroffen: bei ihnen berichten 31 Prozent von Depressionen. Der Anteil von negativen Auswirkungen war bei Frauen allgemein höher.

Mehr als die Hälfte der Befragten bekennt sich wegen Hate Speech seltener zu ihrer politischen Meinung, beinahe so viele beteiligen sich weniger an politischen Diskussionen im Internet.

„Das bedeutet, dass Menschen durch Hassbotschaften systematisch aus Onlinediskussionen vertrieben werden und sich vertreiben lassen, auch wenn sie (noch) nicht persönlich durch Hate Speech angegriffen wurden, sondern diese nur beobachtet haben. Darunter leiden die betroffenen Personen, der Meinungspluralismus im Netz und somit letztlich die demokratische (Diskurs-)Kultur“, so die Autor:innen der Studie.

5 Ergänzungen
  1. Wer seine politische Meinung äußert, läuft Gefahr angefeindet zu werden. Das passiert offline und online und ist Teil der demokratischen Auseinandersetzung. Auf vielen Demos gibt es Leute, die das eigene Anliegen nicht teilen und einen daher verbal anfeinden.
    Von strafbaren Beleidigungen, über Hass sind wir inzwischen bei „Anfeindungen“. Wer bereits Anfeindungen verbieten möchte, schadet der Meinungsfreiheit. Eines sollte zudem klar sein, Rechte werden auch gerne von Linken angefeindet. Böhmermann hat dazu eine öffentliche Prangerliste. Das wollen wir doch nicht wirklich alles verbieten.
    Bin enttäuscht darüber, dass Netzpolitik.org sich nicht stärker für die Meinungsfreiheit einsetzt, sondern vielmehr sich einreiht in die Gruppe der Leute, die hier die Strafbarkeit ausweiten wollen. In den USA gibt es in den großen Zeitungen keine Karrikaturen mehr. Es ist wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis bissige Karrikaturen dort ebenfalls als strafbar gelten.
    Übrigens, die Meinungsfreiheit wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter eingeschränkt. So wurde zuletzt der Straftatbestand der Volksverhetzung erweitert. Dahinter steckt zwar eine positive Motivation, aber Meinungsfreiheit ist eben auch die Freiheit der unschönen, bösen Meinung. Schöne, gefällige Meinungen brauchen keinen Schutz.
    Dass Mordaufrufe strafbar sind und verfolgt werden müssen, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Wenn aber ähnlich wie bei der RAF Terroranschläge missbraucht werden, um die Meinungsfreiheit einzuschränken, sollten alle Demokrat*innen dagegen aufstehen.

    1. Bin enttäuscht darüber, dass Netzpolitik.org sich nicht stärker für die Meinungsfreiheit einsetzt, sondern vielmehr sich einreiht in die Gruppe der Leute, die hier die Strafbarkeit ausweiten wollen.

      Da hätte ich jetzt dann doch gerne den Beleg, wo netzpolitik.org sich einreiht und die Strafbarkeit ausweiten will. Das ist doch totaler Quatsch.

  2. „Mehr als die Hälfte der Befragten bekennt sich wegen Hate Speech seltener zu ihrer politischen Meinung, beinahe so viele beteiligen sich weniger an politischen Diskussionen im Internet.“

    Ziel also erreicht. Über diese Gefahr wurde ja NIE diskutiert.
    Das freut die ganzen Zensur- und Moralapostel. Tolle Zeiten!

  3. Ja, wenn netzpolitik die Strafbarkeit nicht ausweiten will, wie soll es denn gehen? Wir haben ja folgendes Problem: da kommentieren welche an der Grenze der Strafbarkeit und der Moderator/die Moderatorin muss das alles lesen! Was wäre denn die Alternative, ein Skript, das die Kommentare „vorsortiert“ und so den Nerv bei der Moderation minimiert? Habt ihr schon mal über so etwas nachgedacht oder setzt ihr es vielleicht schon ein @MarkusReuter?

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