Öffentlichkeit

Umfrage: Mehr als 40 Prozent aller Journalisten wurden im Vorjahr vom Publikum angegriffen (Update)

Hasserfüllte Angriffe, von der Beleidigung bis zu Körperverletzung, gehören für viele Journalisten mittlerweile zum Berufsleben. Besorgniserregend ist auch, dass die Angreifer mit ihren Einschüchterungsversuchen bei etwa einem Achtel der Redaktionen eine Änderung der Berichterstattung erreichen.

Quelle: Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld hat in einer Studie erstmals die Auswirkungen von Hass auf Journalisten untersucht. An der Umfrage nahmen 783 Journalisten teil, 400 beantworteten alle Fragen. Über 40 Prozent der Befragten sagen, dass sie in den letzten zwölf Monaten mit einem Angriff des Publikums – wobei die Studie von der Beleidigung bis zur Körperverletzung alles zählte – konfrontiert waren. Zwei Drittel der Journalisten sagen, dass hasserfüllte Angriffe des Publikums im vergangenen Jahr angestiegen wären.


Netzpolitik.org ist unabhängig, werbefrei und fast vollständig durch unsere Leserinnen und Leser finanziert.

Die Studie fragte auch danach, was nach Ansicht der Journalisten der Grund für den Angriff war:

Viele der Journalisten, die angegriffen wurden, fühlen sich durch die Attacken in ihrem psychischen Wohlbefinden oder auch in ihrem Privatleben belastet. Die Studie untersucht leider keine Effekte von Hass auf die redaktionelle Auswahl von Themen oder Änderungen in der Berichterstattung durch Einschüchterungsversuche. Oftmals gaben die Befragten aber in einem Freifeld an, dass durch die Übergriffe eine „Schere im Kopf“ entstehe. Das würde bedeuten, dass die Angriffe einen direkten Effekt auf die Berichterstattung hätten.

Update 2. März:

Die Verantwortlichen der Studie haben sich bei uns gemeldet. Sie haben die Auswirkungen auf die Berichterstattung abgefragt, nur aus Platzgründen und des Fokus der Studie floss das nicht in die Veröffentlichung ein.

Es gab folgende Ergebnisse, die mithilfe einer 5-stufigen Antwortskala („trifft überhaupt nicht zu“ bis „trifft voll und ganz zu“*) beantwortet wurden:

  • „Meine Redaktion hält sich nach solchen Vorfällen mit bestimmten Themen stärker zurück.“
    trifft nicht zu: 67,9 Prozent, trifft zu: 12,7 Prozent
  • „Meine Redaktion bedenkt nach solchen Vorfällen eine Änderung in der Art und Weise der Berichterstattung.“ trifft nicht zu: 64,6 Prozent, trifft zu: 12,0 Prozent
  • „Meine Redaktion ist nach solchen Vorfällen besorgt um ihren Ruf.“
    trifft nicht zu: 65,4 Prozent, trifft zu: 15,8 Prozent
  • „Meine Redaktion ist nach solchen Vorfällen besorgt um unsere Sicherheit.“
    trifft nicht zu: 43,8 Prozent, trifft zu: 32,4 Prozent.

Die Angreifer erreichen mit ihren Aktionen bei etwa einem Achtel der Redaktionen eine Änderung der Berichterstattung. Das ist besorgniserregend, weil Einschüchterung und Angriffe indirekt belohnt werden.

Maßnahmen gegen Hate Speech oft gefährlich

Die Umfrage des Instituts zeigt, dass Angriffe und Hate Speech einen Effekt auf die betroffenen Personen und auch die Berichterstattung haben können. Gleichzeitig sind viele Vorschläge in der Hate-Speech-Debatte gefährlich für Grundrechte. So fordern Union und SPD in Positionspapieren die Einführung eines zivilrechtlichen Auskunftsrechtes bei Persönlichkeitsverletzungen. Das würde ein Klarnamen-Internet durch die Hintertüre einführen und so die Meinungsfreiheit einschränken. Das Thema Hass im Netz wird neben Fake News zudem zum Türöffner für Zensur.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
23 Kommentare
  1. Die Beleidigungen haben definitiv zugenommen, selbst bei scheinbar harmlosen Themen. Letzte Woche berichtete ich vom neuen elektronischen Reisepass 3.0 und bekam unflätige Mails von „Reichsbürgern“, für die der Pass keine Gültigkeit hat. Beim ePass 2.0 anno 2005 und beim ePass 2.0 anno 2007 gab es keine derartigen Reaktion.

    Neben der „Schere im Kopf“ kann die Reaktion auch „Ansporn zum Recherchieren“ sein.

  2. Wie können zwei Drittel der Journalisten sagen, dass hasserfüllte Angriffe des Publikums im vergangenen Jahr angestiegen wären, wenn insgesamt nur 40 Prozent der Befragten sagen, dass sie in den letzten zwölf Monaten mit einem Angriff des Publikums konfrontiert waren?
    Irgendwas stimmt an dieser Logik nicht.

      1. Genau. Die Zeit drückt es deswegen so aus: „Zwei Drittel der befragte Journalisten beklagen, dass hasserfüllte Angriffe zunehmen, 42 Prozent schildern das aus eigener Erfahrung.“ [http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/hate-speech-kritik-journalismus-studie]

      2. Mir ist bei der Studie nicht ganz klar, wo die Autoren und die Befragten die Grenze zwischen scharfer Kritik und Anfeindung ziehen.

        https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Studie-hatespeech.pdf

        Ich denke mit scharfer Kritik müssen auch Journalisten umgehen können, das kann per Definition kein „Angriff“ sein.

        Ich vermute mal es sind zwei von mir subjektiv wahrgenommene Trends, die zu mehr Reibungen führen. Einerseits verschwimmt die Grenze zwischen Berichterstattung und Kommentar immer mehr, auch die Presse ergreift stärker Partei und teilt härter aus (Siehe Trump, AfD Berichterstattung), was zu einem Verfall der Umgangsformen beitragen könnte.

        Andererseits erschliessen sich Medien durch die kostenfreie Publikation im Internet neue Zielgruppen, die sie dann vielleicht doch gar nicht erschliessen wollten und erhalten so Feedback, das sie nicht gewohnt sind, Nebenwirkung der Digitalisierung.

        Und warum sind Journalisten eigentlich nicht froh, wenn sie von ihren Lesern mal aus ihrer Filterblase geholt werden? :)

        1. So sehe ich es auch, Journalisten wollen (oder sollen) manipulieren, und verwischen Berichterstattung und Kommentar, fällen Urteile und geben Handlungsanweisungen. So, wie platte Beleidigungen als Satire verkauft werden. Kommt es hart zurück erleben wir die feige aber-ich-bin-doch-Brillenträger-Masche. Zeitgeist.

  3. „Wer lügt oder Halbwahrheiten verbreitet wird eben vom Konsumenten abgestraft.“ Klar, Egon, da darf der „Konsument“ dann auch mal handgreiflich werden, oder wie ist das? Weil ja völlig „[…] zweifelsfrei […] alle Berichte in Nachrichten“ erstunken und erlogen sind.

    Herrje.

    1. Sollte eigentlich unter den Quatsch von Egon.

      [Anm. der Moderation: Wir haben den Quatsch von Egon gelöscht, weil plumpes Lügenpresse-Geschrei und die Rechtfertigung von Gewalt gegen Journalisten hier keinen Platz haben und nichts zur Debatte beitragen. Danke für Deine Gegenrede.]

        1. Upps, Text fehlt.
          Liebe Moderation,

          es ist aber leider Teil der Debatte (man könnte sogar behaupten, daß es genau darum ginge) und daher tut sich der Journalismus mit der Löscherei keinen Gefallen, sondern kippt damit womöglich Wasser auf die Mühlen der Schreihälse.
          Daher der obige Link „Setzt Euch doch politisch mit uns auseinander.“

  4. Was ist also passiert?
    Früher ™ gab es BILD und Tagesschau. Was dort kam stimmte.
    Es war die Wahrheit.
    Das ist nicht mehr so.
    Die Anspruchshaltung des Konsumenten auf die „Wahrheit“ bleibt aber.
    Es bleibt aber unerfüllt von denen man es erwartet …
    schlimmer noch … sie schreiben Unwahrheiten. o.O
    Das Konzept „Wahrheit“ kollidiert mit der Realität.
    Und aufgepasst … „Wahrheit“ ist hier der moralische Kompass der einem induziert wird,
    nicht etwa die Faktenlage.
    Fakten lassen sich belegen oder widerlegen … das ist noch der leichte Kram.
    Warum wir Jugoslawien zerbombt haben ist da schon schwieriger.
    Und jedes mal wenn ein Konsument die „Unwahrheit“ detektiert
    fühlt er sich hintergangen und belogen.
    Er wird verletzt … und das triggert Wut und Ablehnung.
    Ein Beispiel
    „Warum habt ihr mich mit den KZ’s in Jugoslawien belogen.
    Das war für mich der Grund Krieg zu befürworten.
    Ich hab es befürwortet und bin (mit)schuldig.
    Ihr habt mich belogen, ihr seit schuld das ich mich schuldig fühle.
    Ich hasse euch.“

    Nötig wäre es diese Anspruchshaltung beim Konsumenten aufzulösen.

    Aber stattdessen sieht man seine Felle wegschwimmen und salbadert von „Fake-News“ …
    als würde es so etwas wie „True-News“ geben … so ein Blödsinn.

    Das der Gegenwind für die Betroffenen stärker und rauher wird ist betrüblich,
    war/ist aber zu erwarten. Das wird sicher noch zunehmen.
    Zumal sich immer noch an die alten Verhaltensmuster geklammert wird.

    Jeder Beruf bringt ein gewisses Ansehen mit sich …
    und die Journalisten merken gerade wie sich das anfühlt,
    wenn das Ansehen des Berufsstandes im freien Fall ist.
    Von der 4ten Gewalt (was übrigens durch nichts legitimiert, und höchst undemokratisch, ist)
    zum Schmierfink und Papierbeschmutzer.
    Die Menschen werden in Kriege geschrieben … sie sollen Menschen hassen …
    heute Trump … morgen wieder Putin … dann Assad …
    wir müssen leider bomben … für den Frieden.
    Isis ist voll doof … Saudi Arabien voll gut.
    Der Wulff ist ein ganz schlimmer … der Steinmeier ist toll.
    Wir müssen Menschenrechte und Demokratie, einer Fackel gleich, in die Welt tragen …
    wir kürzen Hatzer unter das Existenzminimum und halten die eigene Bevölkerung für unmündig.

    Und die Journalisten kolportieren das …
    und das ist ein Konzept das im 21ten Jahrhundert eben nicht mehr geht.
    Und da müssen beide lernen …
    Die Journalisten müssen sich selbst anders wahrnehmen …
    vermutlich „umschulen“ auf Blogger o.ä.
    Und der Konsument muss aufhören die Schuld für seine Unmündigkeit in den Medien zu suchen.

    Sapere aude, incipe … alle beide. =)

    1. „Caren Miosga (“Tagesthemen”), Marietta Slomka (“heute-journal”) und Peter Kloeppel (“RTL Aktuell”) erhalten stellvertretend für ihre Redaktionen die Goldene Kamera 2017 in der Kategorie “Beste Information”.“

      Ähhhh….ja…aha *facepalm*

    1. Journalisten können sich auch super gegenseitig zerfleischen: http://meedia.de/2017/03/01/herausgeber-juergen-kaube-erklaert-warum-die-faz-die-solidaritaetsanzeige-freiheit-fuer-deniz-nicht-druckte/
      Ob solch Zirkus „dem Journalismus“ so zuträglich ist?

      NEIN, das soll keinerlei Rechtfertigung jeglicher Angriffe sein!
      Das soll nur zeigen, daß „der Journalismus“ sich auch gern an die eigene Nase fassen darf.

      „Der Journalismus“ in Anführung, weils den so monolithisch nicht gibt, sondern so betrachtet wird, bzw sich mangels Abgrenzung selbst gern so darstellt.

  5. Wie sind in der Hinsicht eigentlich die Erlebnisse des netzpolitik.org Teams? Gab es schomal (und wenn ja in welchem Umfang) Angriffe oder Einschüchterungsversuche in irgendeiner Form auf einen eurer Schreiber? Z.B während der Landesverrat Sache? Und wie würdet ihr mit sowas umgehen? Ist ja ne ziemlich ernste Sache bes. für kleinere Redaktionen.

    1. Was hier vermutlich die meisten Redaktionsmitglieder schon und auch mehrfach erlebt haben, sind verbale Ausfälle und Beleidigungen in den Kommentaren. Wir löschen das weg und man kriegt da ein dickes Fell, auch wenn es nervt und belastet. Sonst ist es relativ ruhig.

      Bei manchen Themen (Migration, Geschlechterfragen, Daten-Bias, usw.) gibt es generell mehr Schaum vor dem Mund. Da sind dann auch die Beleidigungen schneller ausgepackt. Das führt in der Redaktion dazu, dass man sich bei manchen Themen fragt, ob man jetzt wirklich Lust hat, die nächsten zwei Tage mit Moderation zu verbringen. Ich selbst bin da der Meinung, dass man sich nicht von so etwas einschüchtern lassen darf, weil sonst die aggressiven/beleidigenden Kommentatoren ihr Ziel erreichen – und Themen unterdrücken können. Deswegen würde ich sagen, dass diejenigen die wegen der Themenauswahl beleidigend werden, eher das Gegenteil erreichen, weil dafür eine Sensibilität da ist.

      Wir versuchen generell immer wieder auf die Kommentarkultur hinzuweisen und würden uns wünschen, wenn es mehr inhaltliche Debatte und sachliche Auseinandersetzung geben würde. Da haben wir das mal aufgeschrieben: https://netzpolitik.org/2017/kommentarkultur-in-einer-idealen-welt/

      Landesverrat war ein anderes Thema, da es sich um einen Einschüchterungsversuch von Staatswegen handelte. Ich würde das nicht vergleichen wollen, war aber damals noch gar nicht Mitglied der Redaktion.

  6. Was ist von meinem Gedanken zu halten, daß das hier „nur“ ein Aspekt eines grundsätzlichen Problems, nämlich Gewalt in der Gesellschaft ist?
    Ich würde mich nicht wundern, wenn z.B. bei einer Umfrage unter Einzelhandelsmitarbeitern und -innen ähnliches heraus käme. Bei Zugbegleitpersonal wirds auch nicht anders sein.

    1. Gewalt in der Gesellschaft ist Mittlerweile beliebig geworden, der Grundlevel ist massiv gestiegen =>http://m.focus.de/panorama/welt/wochenende-ohne-internet-16-jaehriger-randaliert-in-uromas-wohnung_id_6705087.html , da fehlt nicht mehr viel bis zur Offenen Gewalt!
      Der Link soll nur verdeutlichen, wie Dünnhäutig die Gesellschaft geworden ist, leider!
      Ausrasten, nur weil kein WLAN vorhanden ist? Hat der kein LTE?
      Wie vorbelastet kann ein solcher Jugendlicher sein?
      Wie steht es mit Erwachsenen, die noch mehr unter Druck stehen?
      Was wir hier zu sehen bekommen sind lediglich die ersten Symptome einer Ausgebrannten Gesellschaft, alle sind vollkommen über und ausgereizt, auf Krawall gebürstet, nur um dem Stress + Frust ein Ventil zu bieten!
      Unsere Politiker bzw. deren Berater scheinen da eine größere Welle auf uns zukommen zu sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.