Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld hat in einer Studie erstmals die Auswirkungen von Hass auf Journalisten untersucht. An der Umfrage nahmen 783 Journalisten teil, 400 beantworteten alle Fragen. Über 40 Prozent der Befragten sagen, dass sie in den letzten zwölf Monaten mit einem Angriff des Publikums – wobei die Studie von der Beleidigung bis zur Körperverletzung alles zählte – konfrontiert waren. Zwei Drittel der Journalisten sagen, dass hasserfüllte Angriffe des Publikums im vergangenen Jahr angestiegen wären.
Die Studie fragte auch danach, was nach Ansicht der Journalisten der Grund für den Angriff war:
Viele der Journalisten, die angegriffen wurden, fühlen sich durch die Attacken in ihrem psychischen Wohlbefinden oder auch in ihrem Privatleben belastet. Die Studie untersucht leider keine Effekte von Hass auf die redaktionelle Auswahl von Themen oder Änderungen in der Berichterstattung durch Einschüchterungsversuche. Oftmals gaben die Befragten aber in einem Freifeld an, dass durch die Übergriffe eine „Schere im Kopf“ entstehe. Das würde bedeuten, dass die Angriffe einen direkten Effekt auf die Berichterstattung hätten.
Update 2. März:
Die Verantwortlichen der Studie haben sich bei uns gemeldet. Sie haben die Auswirkungen auf die Berichterstattung abgefragt, nur aus Platzgründen und des Fokus der Studie floss das nicht in die Veröffentlichung ein.
Es gab folgende Ergebnisse, die mithilfe einer 5‑stufigen Antwortskala („trifft überhaupt nicht zu“ bis „trifft voll und ganz zu“*) beantwortet wurden:
- „Meine Redaktion hält sich nach solchen Vorfällen mit bestimmten Themen stärker zurück.“
trifft nicht zu: 67,9 Prozent, trifft zu: 12,7 Prozent - „Meine Redaktion bedenkt nach solchen Vorfällen eine Änderung in der Art und Weise der Berichterstattung.“ trifft nicht zu: 64,6 Prozent, trifft zu: 12,0 Prozent
- „Meine Redaktion ist nach solchen Vorfällen besorgt um ihren Ruf.“
trifft nicht zu: 65,4 Prozent, trifft zu: 15,8 Prozent - „Meine Redaktion ist nach solchen Vorfällen besorgt um unsere Sicherheit.“
trifft nicht zu: 43,8 Prozent, trifft zu: 32,4 Prozent.
Die Angreifer erreichen mit ihren Aktionen bei etwa einem Achtel der Redaktionen eine Änderung der Berichterstattung. Das ist besorgniserregend, weil Einschüchterung und Angriffe indirekt belohnt werden.
Maßnahmen gegen Hate Speech oft gefährlich
Die Umfrage des Instituts zeigt, dass Angriffe und Hate Speech einen Effekt auf die betroffenen Personen und auch die Berichterstattung haben können. Gleichzeitig sind viele Vorschläge in der Hate-Speech-Debatte gefährlich für Grundrechte. So fordern Union und SPD in Positionspapieren die Einführung eines zivilrechtlichen Auskunftsrechtes bei Persönlichkeitsverletzungen. Das würde ein Klarnamen-Internet durch die Hintertüre einführen und so die Meinungsfreiheit einschränken. Das Thema Hass im Netz wird neben Fake News zudem zum Türöffner für Zensur.
