Bits und Bäume: Die Arbeitsbedingungen des Apple-Lieferanten Foxconn in China

Rund um die Uhr werden bei dem Technologiekonzern Foxconn iPhones und andere Geräte produziert. Wie die Bedingungen für die Arbeiter*innen aussehen, nimmt kaum jemand wahr. Auf dem Gelände des Unternehmens gab es bereits mehrere Suizide, Menschen sind nur ein Zahnrad einer großen Maschinerie.

Arbeiter bei Foxconn in Shenzen
Wie auf einer Schnur aufgereiht sitzen die Arbeiter*innen auf ihren Plätzen. CC-BY 2.0 Steve Jurvetson

Jenny Chan ist Assistenzprofessorin an der Polytechnischen Universität Hongkong. Sie ist außerdem die Ko-Autorin des Buches „Dying for an iPhone: Apple, Foxconn, and the Lives of China’s Workers“ (mit Mark Selden und Pun Ngai). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Arbeitsmarktpolitik, Staatspolitik und soziale Bewegungen.

Am 9. Januar 2017 feierte Apple den zehnten Geburtstag der Einführung des iPhones. Das iPhone X mit Kaufpreisen ab 999 US-Dollar wurde im November 2018 herausgebracht. Die allgegenwärtige Nutzung digitaler Technologie hat auf vielen Ebenen unseren Alltag neu definiert. Aber was bedeutet das für das Leben der Menschen, die diese Technologie herstellen?

Von der Produktion bis zum Konsum, befasst sich dieser Beitrag mit der Herstellung von iPhones in China. Unter dem Aspekt sozialer Nachhaltigkeit fragt er nach dem notwendigen Schutz von Arbeitsrechten und -interessen im Kontext von lokalen Kämpfen und internationaler Solidarität. Wenn nicht anders vermerkt, stammen die Interviewpassagen des Textes direkt aus einer Undercoverrecherche der Autorin in den Fabriken von Apples Hauptlieferantenfirma Foxconn.

Das iPhone: Designt in den USA, zusammengebaut in China

Der Apple-Gründer Steve Jobs „wollte die Dinge perfekt haben“, schrieb Malcolm Gladwell im New Yorker, „und nahm sich Zeit herauszufinden, was perfekt war“. Heute sind ein vollendetes Design und eine einfache Bedienung die unverwechselbaren Kennzeichen der iPhones.

Jony Ive, Apples Industriedesigner, erinnert sich an die Einführung des iPhones im Januar 2007: „Wir waren sehr nervös – wir waren besorgt, wie Menschen den Übergang schaffen würden von physischen Knöpfen, die sich bewegen, die Geräusche machten … zu einer Glasoberfläche, die sich nicht bewegt. [Aber] es ist unheimlich wichtig, dass man eigene Annahmen ständig hinterfragt.“

Zehn Jahre nach der Einführung wurden eine Milliarde iPhones weltweit verkauft. Bereits 2010, nur drei Jahre nach Einführung des ersten iPhones, war die Foxconn Technology Group der weltgrößte Elektronikhersteller und der exklusive Hersteller von iPhones. Eigentümer ist der taiwanesische Milliardär Terry Gou.

Foxconn hat weltweit Produktionsstätten: In Asien, Amerika und Europa, darunter sind mehr als 30 Megafabriken an Chinas Küste und im Landesinneren. 2010 gelang es Apple, außergewöhnliche 58,5 Prozent des Verkaufspreises des iPhones als Gewinn einzustreichen, ein beispielloser Erfolg in der weltweiten Fertigung. Besonders bemerkenswert ist, dass die Arbeitskosten in China den kleinsten Anteil ausmachten: nur 1,8 Prozent oder fast 10 US-Dollar bei einem Verkaufspreis von 549 US-Dollar.

Amerikanische, japanische und südkoreanische Firmen, die die komplexen elektronischen Komponenten herstellten, schöpften über 14 Prozent des Wertes des iPhones ab. Die Kosten der Rohmaterialien betrugen nur rund ein Fünftel des gesamten Wertes (21,9 Prozent). Kurz gesagt: Während Foxconn sich eine Nische als Endmonteur des iPhones geschaffen hatte, floss der Löwenanteil des Profits an Apple.

In der internationalen Arbeitsteilung fließt also wenig Gewinn an Foxconn und noch weniger an die Arbeiter*innen in der Elektronikverarbeitung und Montage. Doch der Maßstab von Foxconns Produktion erreicht gigantische Maßstäbe.

Foxconn ist ein Key Player im globalen Netzwerk, in dem die Produktion, die Montage und der Versand der fertigen Produkte rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag und an 365 Tagen im Jahr stattfinden. Neben Apple ist Foxconn Hauptlieferant von IBM, Microsoft, Alphabet (früher Google), Intel, GE, HP, Dell, Cisco, Amazon, Black-Berry, Vizio, Philips, Sony, Panasonic, Toshiba, Fujitsu, Nintendo, Samsung, LG, Acer, HTC, Lenovo, Huawei, ZTE, Xiaomi und anderen Tech-Konzernen.

Von der Rohstoffgewinnung über die Verarbeitung bis zur Endmontage hat Foxconn ein Netzwerk aufgebaut, das auf vertikaler Integration und flexibler Koordination zwischen verschiedenen Anlagen und der 24-Stunden-Montage basiert.

Bemerkenswert ist, dass im fiskalischen Jahr 2017 die Profite von Foxconn [offiziell Hon Hai Precision Industry, Anm. d. Red.] höher lagen als die der meisten seiner Kunden, darunter Sony (4,4 Milliarden US-Dollar), Hitachi (3,3 Milliarden US-Dollar) und Amazon (3 Milliarden US-Dollar). Allerdings fielen Foxconns 4,6 Milliarden US-Dollar klein aus im Vergleich mit Apple, dem wertvollsten Technologiekonzern der Welt. Im Jahr 2017 erzielte Apple den Spitzengewinn von 48,4 Milliarden US-Dollar.

Chinesische Arbeiter*innen in der globalen Elektronikproduktion

Zwischen Januar und Dezember 2010 begingen 18 Arbeiter*innen Selbstmordversuche auf dem Foxconn-Gelände. 14 von ihnen starben, vier überlebten mit schweren Verletzungen. Die Betroffenen waren im Alter von 17 bis 25 Jahren. Sie alle kamen aus dem ländlichen Raum und waren noch im Jugendalter, ein Sinnbild für die neue chinesische Arbeiter*innenklasse.

Lui Kun, Foxconns Leiter für öffentliche Kommunikation, wies darauf hin, dass die Firma im Mai 2011 mehr als eine Million Angestellte allein in China beschäftigte und die Gründe für die Selbstmorde vielfältig seien. „Im Verhältnis zu der Größe des Unternehmens ist die Selbstmordrate bei Foxconn nicht unbedingt weit entfernt von Chinas recht hohem Durchschnitt“, schreibt der Guardian.

Doch der Vergleich mit dem nationalen Durchschnitt führt in die Irre. Selbstmord ist nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Es ist überaus wichtig zu beachten, dass die Selbstmorde von jungen Mitarbeitenden begangen wurden, die für ein Unternehmen in der Großstadt arbeiteten.

Die Konzentration der Foxconn-Selbstmorde weist auf etwas Neues hin, das im Kontext des Unternehmens, der Industrie und der Gesellschaft nach einer Erklärung verlangt. Die engen Zeitabläufe der Elektronikproduktion und -lieferung sowie plötzliche Spitzen und Rückgänge des globalen Konsums sind eine Herausforderung für Fabrikarbeiter*innen auf der ganzen Welt.

Bei Foxconn zählt jede Sekunde für den Profit. Ein Arbeiter erzählt: „Nimm eine Grundplatine vom Fließband, scanne das Logo, packe sie in den antistatischen Beutel, klebe ein Etikett auf, und lege das Ganze wieder aufs Fließband. Jeder dieser Arbeitsschritte dauert zwei Sekunden. Alle zehn Sekunden schließe ich fünf Arbeitsschritte ab.“ Elektronische Teile und Komponenten fließen vorbei, und die Jugend der Arbeiter*innen wird unter dem Rhythmus der Maschinen zermürbt.

Jedes iPhone hat mehr als hundert Bestandteile. Jede*r Arbeiter*in spezialisiert sich auf einen einzelnen Arbeitsschritt und führt mit hoher Geschwindigkeit stündlich, täglich und monatlich sich immer wiederholende Bewegungen aus. Das „fortschrittliche Produktionssystem“ zerstört menschliche Gefühle wie die Freude an Abwechslung und den Stolz auf die eigene Leistung.

Eine Arbeiterin beschreibt sich selbst als Zahnrad in der Maschine:

Ich bin ein Zahnrad in meiner Arbeitsstation „Visuelle Inspektion“, die Teil des Fließbands „Statische Elektrizität“ ist. Während der benachbarte Lötofen eine Smartphone-Grundplatine herausgibt, strecke ich beide Hände aus, um die Platine zu ergreifen. Meine Augen bewegen sich von der linken Seite der Platine nach rechts und starren dann von oben nach unten, ohne Unterbrechung.

Und wenn etwas nicht am richtigen Platz ist, rufe ich. Und ein anderer, mir ähnlicher menschlicher Teil [der Maschine] wird zu mir rennen, nach der Ursache des Fehlers fragen und ihn beheben. Ich wiederhole dieselben Arbeitsschritte tausendmal pro Tag. Mein Hirn rostet.

Die Arbeit am Fließband entmenschlicht die Arbeiter*innen langsam. Zahlreiche Arbeiter*innen sind „aus der Fabrik entkommen“, um etwas Neues auszuprobieren, wie zum Beispiel Essen auf der Straße zu verkaufen oder kleine Geschäfte zu eröffnen. Aber viele dieser Unternehmungen scheitern, und ihre Besitzer*innen kehren zur Fabrikarbeit zurück.

Außerhalb der geistbetäubenden und anstrengenden Fabrikroutine verbringen die jungen Arbeiter*innen gern ihre Zeit in der Eislaufhalle, in der High-Speed-Internet-Bar und in Klubs und Bars in der Nähe der Fabrik. Discokugeln in den Tanzhallen reflektieren bunte Lichter auf den jungen Gesichtern und Körpern. Die Lichter flackern zum Rhythmus der lauten Musik.

Provokativ angezogene Kellnerinnen navigieren zwischen dem Sitz- und dem Stehbereich. Freitagabend nach Mitternacht beginnen die jungen Menschen hin einzuströmen.

„Junge Menschen sind unsere Hauptkunden“, sagt der Klubbesitzer. Karaoke Bars, Klubs und Massagesalons zieren die Industriestadt. „Die Leute kommen, trinken und entspannen sich. Sie vergessen ihre Sorgen. Wenigstens für eine Stunde oder zwei.“

Hinter der Fassade des Wohlstands der Stadt beendete der Arbeiter und Dichter Xu Zizhi sein Leben am 30. September 2014. Er war 24 Jahre alt. Geboren in der ländlichen Provinz Guangdong in Südchina, scheiterten seine zahlreichen Versuche, eine Stelle abseits des Fließbands zu bekommen, etwa die des Fabrikbibliothekars.

Er hinterließ sein letztes Gedicht neben seinem Sterbebett.

Auf meinem Sterbebett

Ich möchte noch einmal auf das Meer schauen,
die Weite der Tränen eines halben Lebens erblicken.
Ich möchte noch einen Berg erklimmen,
um zu versuchen, die Seele zurückzurufen,
die ich verloren habe.
Ich möchte den Himmel berühren,
dieses Blau so leicht spüren.
Doch unfähig, irgendetwas davon zu tun,
verlasse ich diese Welt.
Alle, die von mir gehört haben,
sollten über mein Gehen nicht überrascht sein.
Umso weniger solltet ihr seufzen oder trauern.
Mir ging es gut, als ich kam und als ich ging.

Xu Lizhi, 30. September 2014

Die Netze rund um die Produktionsgebäude und Wohnheime, die Sprünge in den Tod verhindern sollen, sind eine düstere Erinnerung an die Not der Arbeiter*innen und an das gemeinsame Versagen von Foxconn, Apple und anderen Tech-Unternehmen sowie an die Unfähigkeit des chinesischen Staates, die Rechte der Arbeitnehmer*innen zu garantieren.

Arbeiter*innenkämpfe und sozialer Wandel

Wie können wir die Probleme angehen, die die Herstellung, die Nutzung und die Entsorgung der iPhones verursachen? Die Liste dieser Probleme ist lang. Sie umfasst den Abbau der Rohstoffe und die Kinderarbeit in illegalen Minen, den Überstundendruck und die Beschleunigung der Arbeitsvorgänge, die Selbstmorde von Arbeiter*innen, den Konsumwahn und die geplante Obsoleszenz, Elektroschrott und Umweltkatastrophen auf der ganzen Welt.

Aufgebrachte Arbeiter*innen – darunter die suizidalen Foxconn-Arbeiter*innen – haben versucht zu verdeutlichen, dass Hightechgeräte nicht in einer Silicon-Valley-Utopie hergestellt werden. In den vergangenen Jahren haben Arbeiter*innen und ihre Unterstützer*innen die Blockchain-Technologie genutzt, um offene Briefe, Kampagnenerklärungen und Onlinepetitionen zu veröffentlichen und damit für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu kämpfen.

Als Reaktion darauf unterdrückt die chinesische Regierung unter Xi Jinping zunehmend Unterstützer*innengruppen und hat in Kampagnen involvierte Arbeitende, Studierende und Anwält*in-nen festgenommen. Auch die Internetzensur wurde verschärft.

Aber es gibt wirkungsvolle Wege, Druck auszuüben, damit Apple, Foxconn und andere Digitalkonzerne ihre Praktiken ändern und ihre Arbeiter*innen menschenwürdig behandeln. So haben Behörden in Europa ihre Macht bei der öffentlichen Beschaffung genutzt, um den Kauf von Elektronikprodukten nach ethischen Maßstäben zu fördern. Dies sind wertvolle Anstrengungen für den sozialen Wandel!

Die Konferenz „Bits & Bäume“ brachte im Jahr 2018 erstmals im großen Stil Aktive aus der Zivilgesellschaft zusammen, um die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu diskutieren. Jetzt ist das Konferenzbuch „Was Bits und Bäume verbindet“ erschienen. Als Medienpartner der Konferenz veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Beitrag daraus. Das ganze Buch ist auch als Download verfügbar und steht unter der Lizenz CC­ BY-NC-SA­ 3.0­ DE.

4 Ergänzungen
  1. „Wie können wir die Probleme angehen, die die Herstellung, die Nutzung und die Entsorgung der iPhones verursachen?“

    DIe Firma Fairphone versucht es besser zu machen (allerdings ohne so viel Geld wie Apple). Sehr spannend finde ich dabei, dass die Firma auch Berichte über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken veröffentlicht: https://www.fairphone.com/wp-content/uploads/2016/11/Fairphone-Hi-P-Social-Assessment-Program_Updated042016.pdf Daran sieht man deutlich, wie viel selbst bei besten Vorsätzen noch im Argen liegt und wieviel noch zu tun bleibt.

  2. Ich frage mich, warum in der Presse, und auch in diesem Artikel, immer die Rede vom „Apple-Lieferant Foxconn“ die Rede ist. Nicht, daß das nicht zutreffend ist, aber es entsteht der Anschein, daß dies ein reines Apple-Thema ist. Tatsächlich lassen viele andere namhafte Firmen, einige sind ja auch im Artikel namentlich genannt, bei Foxconn fertigen. Damit möchte ich jetzt Apple nicht in Schutz nehmen, es ist einfach ein generelles Problem der Branche(n), und das sollte so m.E. auch dargestellt werden – der alleinige Fokus auf Apple trifft nicht den Kern der Sache. Abgesehen davon sehr guter Artikel!

  3. Schon fatal, dass menschliche Arbeit bei Foxconn viel billiger als ein Roboter ist….
    Obendrein ist diese Arbeit durch die Monotonie so vernichtend, dass menschlicher Geist und Hirn dabei rosten, der Mensch in seiner Kreativität abstirbt.
    Aber für Profit geht der Mensch bekanntlich über Leichen ….

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