Bits & Bäume: Auf Kosten des globalen Südens

Die mineralischen Rohstoffe in unseren Smartphones stammen meist aus Ländern des Globalen Südens. Dort werden sie oft unter Bedingungen abgebaut, die die Menschenrechte verletzen und eine Bedrohung für Menschen, Tiere und Pflanzen darstellen. Damit sich das ändert, müssen wir unser Konsumverhalten ändern und Unternehmen Verantwortung übernehmen.

Lithium-Mine in Argentinien aus der Vogelperspektive
Wo Lithium abgebaut wird, muss das Wasser weichen. Hier in Argentinien. CC-BY-SA 2.0 Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE

Dr. Sabine Langkau ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI im Competence Center „Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme“. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Bewertung der Nachhaltigkeit von innovativen Technologien, Umweltauswirkungen des Rohstoffabbaus und Auswirkungen neuer Technologien auf die Rohstoffnachfrage.

Sven Hilbig ist Referent für Welthandel und globale Umweltpolitik. Er setzt sich gemeinsam mit Partner*innen von Brot für die Welt für eine zukunftsfähige Handels- und Rohstoffpolitik ein, auf nationaler wie internationaler Ebene.

Sozial-ökologische Auswirkungen der digitalen Transformation

Von der Digitalisierung erhoffen sich viele Menschen die Lösung dringender sozialer und ökologischer Herausforderungen. So soll die Digitalisierung zur Entmaterialisierung der Produktions- und Konsummuster beitragen und somit unseren ökologischen Fußabdruck verringern. Die von der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO) herausgegebene Studie „Accelerating clean energy through industry 4.0.“1 betont, dass die digitalen Technologien die Umstellung auf erneuerbare Energien bei der Produktherstellung vorantreiben, die CO2-Emissionen vermindern und die Energienutzung optimieren können. Eine wachsende Zahl von Akteur*innen sieht die Digitalisierung somit als einen entscheidenden Schlüssel zur Umsetzung der Agenda 2030 und ihrer 17 Globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs).

Wird mit der Digitalisierung alles besser?

Grundsätzlich ist es in einigen Produktions- und Konsumbereichen durchaus möglich, mithilfe der Digitalisierung den Ressourcenverbrauch zu senken. Insgesamt wird aber keine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch beobachtet. Und sie wird auch nicht für die Zukunft erwartet.2, 3 Im Gegenteil: Die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der Digitalisierung treten immer deutlicher zutage. Etwa 33 Millionen Tonnen CO2-Emissionen im Jahr werden durch den Betrieb des Internets und internetfähiger Geräte in Deutschland verursacht – so viel wie durch den innerdeutschen Flugverkehr.4 Global wird der Anteil des Internets am gesamten Elektrizitätsbedarf auf zehn Prozent geschätzt.5

Aufgrund des exponentiell wachsenden Datenvolumens wird die Nachfrage nach Energie in den kommenden Jahren ebenfalls drastisch steigen. Konservative Berechnungen von Seagate prognostizieren alle 20 Monate eine Verdoppelung der globalen Datenmenge. Demnach erhöht sich das Datenvolumen in den kommenden acht Jahren um den Faktor zehn.6 Hauptursache für diese zukünftige Entwicklung ist der massive Ausbau des „Internet der Dinge“ (Industrie 4.0, Smart Cities, Smart Home, Smart Everything). Die stoffliche Basis der Digitalisierung fußt aber nicht nur auf Energie und Strom, sondern auch auf mineralischen Rohstoffen. Die Kombination vieler verschiedener Rohstoffe in jeweils geringen Mengen pro Produkt erschwert das Recycling und ein nachhaltiges Lieferkettenmanagement.7 Die ökologische Belastung proproduzierter Tonne der verwendeten Metalle ist hoch, bereits geringe Mengen sind für die Umwelt sehr schädlich.8

Für die Entwicklungspolitik hat der Rohstoffverbrauch eine entscheidende Bedeutung

Die mineralischen Rohstoffe für die Zukunftstechnologien stammen zu einem großen Teil aus Ländern des Globalen Südens, wo sie oftmals unter Bedingungen abgebaut werden, die die Menschenrechte der Arbeitenden verletzen. Und sie verursachen ökologische Schäden, wie das Beispiel der E-Mobilität verdeutlicht.

Der Umstieg von fossilem Treibstoff auf Elektroenergie wird von der Automobil-industrie gegenwärtig stark vorangetrieben. Laut der von der Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Ende 2018 heraus-gegebenen Aral-Studie „Tankstelle der Zukunft“ sollen 2040 weniger als ein Prozent der Neuwagen noch konventionell angetrieben werden. Der Ressourcenverbrauch von Autos ist grundsätzlich hoch, ungeachtet der Antriebstechnik. Für die Produktion von Akkus für Elektrofahrzeuge werden obendrein zusätzliche Rohstoffe benötigt, wie Nickel, Grafit und Seltene Erden. Der Verbrauch von Kobalt und Lithium steigt bei einem weltweiten Umstieg auf Elektroautos sogar dramatisch an: um den Faktor 19 bei Kobalt und um den Faktor 29 bei Lithium9 Bereits ab 2030 könnte pro Jahr viermal so viel Lithium in Elektroautos verbaut werden, wie gegenwärtig weltweit ab-gebaut wird.10

Aufgrund dieser Prognosen werden in vielen Ländern des Globalen Südens neue Lizenzen für den Abbau vergeben. Im sogenannten Lithiumdreieck (Argentinien, Bolivien, Chile) lagern 70 Prozent des weltweiten Lithiumvorkommens in Salzseen inmitten hochandiner Steppenregionen, die durch extrem hohe Sonneneinstrahlung und Trockenheit gekennzeichnet sind. Diese Landschaft ist die Heimat zahlreicher indigener Gemeinden, die dort seit Jahrhunderten leben und Viehzucht und Landwirtschaft betreiben. Aufgrund seines sehr hohen Wasserverbrauchs stellt die Lithiumproduktion im südlichen Lateinamerika eine Bedrohung für Menschen, Tiere und Pflanzen dar: Für eine Tonne Lithium werden 20 Millionen Liter Wasser benötigt. Damit wird auch ein wertvolles Ökosystem unwiederbringlich zerstört.

Die gesamten Umwelt- und Sozialauswirkungen im Blick behalten

Wie schlimm sind nun aber die ökologischen und sozialen Auswirkungen der digitalen Welt im Ver-gleich zu anderen Lebens- und Wirtschaftsbereichen? Und welche Konsequenzen müssen am dringendsten vermieden oder zumindest abgemildert werden? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns alles anschauen, was zur Bereitstellung digitaler Produkte und Dienstleistungen erforderlich ist: den Abbau von Rohstoffen für Strom und Produkte der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), die Herstellung von Komponenten und Produkten, die eigentliche Nutzung und schließlich die Entsorgung oder Verwertung aller Komponenten.

Eine Möglichkeit, diese Auswirkungen gebündelt zu betrachten, ist der ökologische Rucksack. Er beinhaltet alle Rohstoffe, die für ein Produkt über seinen ganzen Lebensweg hinweg aufgewendet werden müssen. Bei einem Mobiltelefon sind die benötigten Rohstoffe beispielsweise rund 75 Kilogramm. 11 So werden die versteckten Dimensionen begreifbar.

Zu beachten ist allerdings: Nicht jedes Kilogramm hat die gleichen Umweltauswirkungen. Letztere erfasst eine Ökobilanz, welche nicht nur den gesamten Weg eines Produkts in den Blick nimmt, sondern auch alle damit verbundenen Umweltprobleme. Dazu zählen neben der globalen Erwärmung auch die Überdüngung und Versauerung von Böden und Gewässern, die Abgabe giftiger Stoffe und der Flächenverbrauch. Nicht immer sind die Ergebnisse so eindeutig und vorhersehbar, wie man sie sich wünschen würde. So vermindert beispielsweise ein Elektroauto gegenüber einem konventionellen PKW zwar die Treibhausgasemissionen, verursacht aber, über den ganzen „Lebensweg“ betrachtet, höhere Emissionen humantoxischer Stoffe, die vor allem bei der Fahrzeugherstellung anfallen.12, 13 Ähnlich kompliziert wird es beim Vergleich von DVD und Streaming.

Mithilfe der Ökobilanz lassen sich nicht nur Umweltauswirkungen von Produkten berechnen, sondern diese Auswirkungen lassen sich auch auf die einzelnen Phasen des „Lebenswegs“ aufteilen. Dabei gewinnen wir weitere überraschende Erkenntnisse. So entstehen für einen Laptop mehr als 50 Prozent der negativen Umweltauswirkungen während des Rohstoffabbaus und der Herstellung. Durch den Laptop verursachte CO2-Emissionen entstehen nur zu rund acht Prozent in der Nutzungsphase und können somit durch den Stromverbrauch nur in geringem Umfang beeinflusst werden.14

Erweitert man den Blickwinkel auf die sozialen Auswirkungen, entdeckt man auch hier, was man sonst nicht sieht und vielleicht auch lieber nicht sehen möchte: Kinderarbeit und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen sind leider typisch für die Rohstoffgewinnung, die Herstellung und auch das Recycling von IKT-Produkten in Ländern des Globalen Südens.15

Kann doch noch alles besser werden?

Ökologische und soziale Perspektiven zeigen: Die Digitalisierung macht die Welt nicht automatisch nachhaltiger. Wir können allerdings versuchen, die digitale Transformation so ökologisch und sozial wie möglich zu gestalten. Bloß wie?

Bei vielen Umweltproblemen haben technische Lösungen die Situation stark verbessert, so hat zum Beispiel die Kühltechnik ohne Fluorchlorkohlenwasserstoffe die Problematik des Ozonlochs entschärft. Auch die neuen digitalen Technologien bieten Verbesserungspotenziale. Wenn eine Videokonferenz eine Flugreise ersetzt, können CO2-Emissionen reduziert werden. Regelt ein intelligenter Thermostat die Heizung, verbraucht diese im Idealfall nur noch Energie, wenn sie wirklich gebraucht wird.

Einsparungen durch eine höhere Effizienz fallen in der Praxis allerdings oft geringer aus, als ihr technisches Potenzial verspricht. Insbesondere in der IKT haben Effizienzsteigerungen vor allem Leistungserweiterungen und eine zunehmende Verbreitung begünstigt. Im Gesamttrend konnte somit nie eine Verringerung der Umweltauswirkungen der IKT-Branche erreicht werden – im Gegenteil, die Umweltschäden steigen.16

Ohne Änderungen im Konsumverhalten werden die mit der Digitalisierung verbundenen sozialen und ökologischen Probleme nicht gelöst werden können. Das gilt auch in anderen Bereichen, nur wachsen IKT und digitale Medien neben der Mobilität zu einer wesentlichen Stellschraube heran. Es bedarf einer drastischen Senkung des Ressourcenverbrauchs in Deutschland und anderen Industrienationen auf ein global gerechtes und ökologisch verträgliches Niveau.

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist eine Mobilitätswende, in deren Mittelpunkt eine Reduzierung der Autoflotte sowie die Herstellung von kleineren und leichteren Autos stehen. Auch bei digitalen Medien und IKT müssen wir uns als Konsument*innen und auch als Gesellschaft fragen, wie viel wir tatsächlich brauchen und verantworten können. Wenn wir weniger Zeit und Geld in Dinge investieren, die unser Leben eigentlich nicht besser machen, und dafür mehr in Dinge, die die Welt für uns und andere tatsächlich verbessern, sind wir auf dem richtigen Weg.

Die Konsument*innen allein können aber nicht die Umwelt- und Sozialprobleme der digitalen Welt lösen.17 Die globalen Wertschöpfungsketten von IKT-Produkten sind zu komplex, um von jedem*r Einzelnen überblickt zu werden. Unternehmen müssen die Verantwortung für die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Produkte übernehmen, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Dass dies möglich ist, beweisen Firmen und Initiativen wie FairMagnets, NagerIT, Fairphone und Fairlötet. Sie zeigen uns, was wir erreichen können, wenn wir mit kleinen Schritten anfangen und entlang des Weges wachsen. Damit verantwortliches Handeln kein Nischendasein führt, muss eine erweiterte Produzenten- und Unternehmensverantwortung das Ziel sein. Sie muss international verbindlich vereinbart und global durchgesetzt werden. Die wohlhabenderen Länder der Welt haben die Möglichkeiten und die Verantwortung, dabei voranzugehen.

Die Konferenz „Bits & Bäume“ brachte im Jahr 2018 erstmals im großen Stil Aktive aus der Zivilgesellschaft zusammen, um die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu diskutieren. Jetzt ist das Konferenzbuch „Was Bits und Bäume verbindet“ erschienen. Als Medienpartner der Konferenz veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Beitrag daraus. Das ganze Buch ist auch als Download verfügbar und steht unter der Lizenz CC­ BY-NC-SA­ 3.0­ DE.


Fußnoten

  1. UNIDO. Accelerating clean energy through Industry 4.0: Manufacturing the next revolution: Report of the United Nations Industrial Development Organisation (2017)
  2. Günther, J., & Golde, M. Gesamtwirtschaftliche Ziele und Indikatoren zur Rohstoffinanspruchnahme. Umweltbundesamt: Hintergrundpapier (2015)
  3. Langkau, S., & Tercero Espinoza, L. A. Technological change and metal demand over time – What can we learn from the past? Sustainable Materials and Technologies 16, 54–59 (2018)
  4. Klumpp, D. Energiefresser Internet: Die Ökobilanz eines Mausklicks. (2018)
  5. Renzenbrink, T. How Much Electricity Does the Internet Use? (2013)
  6. IDC. The Digitization of the World. From Edge to Core. (2018)
  7. UNEP. Metal Recycling: Opportunities, Limits, Infrastructure: Report of the WorkingGroup on the Global Metal Flows to the International Resource Panel. (2011)
  8. Nuss, P., & Eckelman, M. J. Life Cycle Assessment of Metals. A scientific Synthesis. PloS one 9, e101298 (2014)
  9. Misereor, Brot für die Welt & Powershift (2018). Weniger Autos, mehr globale Gerechtigkeit. Diesel, Benzin, Elektro: Die Antriebstechnik allein macht noch keine Verkehrswende. (2018)
  10. Brot für die Welt. Lithium, das weiße Gold (2018)
  11. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. 18 Factsheets zum Thema Mobiltelefone und Nachhaltigkeit. (2013)
  12. Helms, H., et al. Weiterentwicklung und vertiefte Analyse der Umweltbilanz von Elektrofahrzeugen. (2016)
  13. Bauer, C., et al. The Environmental Performance of Current and Future Passenger Vehicles: Life Cycle Assessment based on a Novel Scenario Analysis Framework. Applied Energy 157, 871–883 (2015)
  14. Ciroth, A., & Franze, J. LCA of an Ecolabeled Notebook. Consideration of Social and Environmental Impacts Along the Entire Life Cycle. (GreenDeltaTC, 2011)
  15. Ebd.
  16. Mattern, F. Wieviel Strom braucht das Internet. (2015)
  17. Bodenheimer, M. Transition towards Socially Sustainable Behavior? An Analysis of the Smartphone Sector. Fraunhofer ISI Working Paper Sustainability and Innovation, No. S06/2018 (2018)

Eine Ergänzung
  1. „Wenn eine Videokonferenz eine Flugreise ersetzt, können CO2-Emissionen reduziert werden. “
    Schöner und vor allem richtiger Ansatz. Ich frage mich, wieso sich Politiker für Millionen zu einem Gipfel wie z. B. G 20 verabreden, den man genauso gut auf die eben zitierte Weise durchführen könnte…will sagen: die restlichen Probleme liessen sich mit einem einzigen Zauberwort zu einem beachtlichen Teil in den Griff kriegen: (Globale) BESCHEIDENHEIT!

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