Bits & Bäume: Alle Macht den Plattformen?

Genossenschaften, Freie Software und die Möglichkeit einer sozial-ökologischen Plattformisierung: Egal ob Einkaufen, Musik hören oder Videos schauen – einige große Plattformen teilen das Internet unter sich auf, Konkurrenten haben es schwer. Was es bräuchte, um Plattformen sozialer und ökologischer zu gestalten.

Es gibt nur wenige dominante Plattformen. Und schon gar keine ökologischen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Martin Reisch

Santje Kludas, Jonas Pentzien und Clara Wolff sind Mitarbeitende am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Kludas Schwerpunkte sind unter anderem politische Ökonomie alternativen Wirtschaftens, Plattformökonomie und Plattformkooperativismus. Pentzien promoviert zum Plattformkooperativismus und zur politischen Ökonomie der Plattformisierung.

Wolff promoviert zu Plattformökonomik und zweiseitigen Industrien aus einer komplexitätsökonomischen Perspektive. Dominik Piétron ist Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Schwerpunkte sind digitale soziale Innovationen, Plattformökonomie und Plurale Ökonomik.


Was ­Anfang­ der ­2000er Jahre­ mit ­eBay, ­Amazon ­und ­Preisvergleichsplattformen für Flüge und Hotels begann, wurde spätestens mit Airbnb und Uber zum Geschäftsmodell „par excellence“: die digitale Plattform. ­Heute­ liefert ­Spotify­ die ­Musik ­und ­foodora­ das ­Essen, Taxis und Hotels werden ebenso über Plattformen gebucht wie Bestattungen, Haushaltshilfen oder Rechtsberatungen. In einigen Branchen wie dem Tourismus werden bereits über 40 Prozent des Marktvolumens über digitale Plattformen abgewickelt.1

Gemein ist diesen Plattformen, dass sie eine digitale Infrastruktur für die Zusammenführung unterschiedlicher Nutzungsgruppen bereitstellen und sich dadurch als Intermediäre zwischen Anbieter und Nachfrager schalten.2

Aus sozial-ökologischer Perspektive ist dieser Prozess der Zentralisierung von Transaktionen auf einzelnen digitalen Plattformen, kurz „Plattformisierung“, kritisch zu sehen. So lässt sich in „sozialer Hinsicht“ die Entstehung eines digitalen Prekariats beobachten, das in zunehmende Abhängigkeit von einigen wenigen Plattformunternehmen gerät.3

Da sich Konsument*innen aufgrund der größeren Angebotsvielfalt und günstigen Preisen mehr und mehr für Onlineshops entscheiden, haben traditionelle Anbieter oft keine andere Wahl, als selbst ihre Dienste und Waren auf Plattformen anzubieten – und die Plattformen dadurch zusätzlich aufzuwerten.4 Hierdurch wird die Verhandlungsmacht von externen Händlern und Dienstleistern untergraben.5

Aus ökologischer Perspektive waren anfangs positive Erwartungen mit der Plattformisierung verbunden. Gerade die Praxis des über Plattformen vermittelten Teilens wurde vielfach als Chance gesehen, Ressourcen effizienter zu nutzen und so zu einer Reduktion von Treibhauseffekten beizutragen.

Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass digitale Plattformen mit ihrer On-Demand-Kultur sowie der Schaltung personalisierter Onlinewerbung eher addi­tiven­ Konsum­ als suffiziente­ Lebensstile­ fördern und den Ressourcenverbrauch durch Verpackungsmüll und Paketlieferungen sogar zusätzlich steigern.6 7

Kooperativismus und freier Code: Gegenentwürfe zur kommerziellen Plattformisierung

Konstruktiver Widerspruch zu diesen Entwicklungen erfolgt seit einigen Jahren vor allem durch zwei zivilgesellschaftliche Bewegungen, die auf unterschiedliche Weise die negativen sozial-ökologischen Effekte der Plattformisierung adressieren: auf der einen Seite die Plattform-Kooperativismus-Bewegung, die auf eine Kollektivierung des Besitzes an den Plattformen zielt, sowie ­auf­ der­ anderen ­Seite ­die­ Free-/Libre-and-Open-­Source-Software-(FLOSS)-Bewegung, ­die­ den­ Zugang­ zu und die Rechte an Softwarecodes transformieren möchte.

Was genau versteckt sich hinter diesen Bewegungen? Erklärtes Ziel des Plattformkooperativismus ist es,­ Plattformen­ aufzubauen,­die­ nicht ­Profit,­ sondern sozial-ökologische Werte in den Vordergrund stellen.8 Um dieses Ziel zu erreichen, knüpft die Bewegung an die traditionellen Genossenschaftsprinzipien Solidarität, gemeinschaftliches Eigentum und demokratische Governance an, anhand deren sowohl­ die ­Verteilung­ erwirtschafteter­ Profite­ wie ­auch der Besitz an der Plattform an sich gemeinschaftlich gestaltet werden soll.9

Damit verbunden ist die Hoffnung, dass Plattformkooperativen relativ unabhängig vom Kapitalmarkt agieren und sich da-durch stärker an den Bedürfnissen ihrer Nutzer*in-nen orientieren können. Hierdurch soll der Konsum nachhaltiger Produkte gefördert und die sozial-ökologische Frage mit digitalem Handeln zusammengebracht werden.­

Die­ FLOSS-Bewegung­ fokussiert­ sich­ auf­ Eigentumsformen, Transparenz und Nutzungsrechte von jeglicher Art von Software. Dies beinhaltet somit auch den Softwarecode, der die technische Infrastruktur digitaler Plattformen und daher eine relevante Dimension im Prozess der Plattformisierung darstellt.

Der Code einer Plattform legt nicht nur fest, wie diese designt ist, sondern auch ihre konkrete Funktionsweise: welches Angebot oder welche Nachricht als erster Treffer gelistet, welche Preisempfehlung für ein Angebot ausgesprochen wird und welche Metadaten über Nutzer*innen erhoben und gespeichert werden.10

Handelt es sich dabei um proprietäre Software – also um Software, deren Code weder frei zugänglich ist noch durch Dritte weitergegeben oder angepasst werden darf -, können weder Nutzer*innen noch staatliche Institutionen nachvollziehen, wie solche algorithmischen Entscheidungen getroffen und welche Daten erhoben und gespeichert werden. Als ­Alternative­ zu­ proprietären­ Lösungen­ propagiert die Bewegung die Entwicklung, Verbreitung und ­Nutzung­ sogenannter­ „Freier“ ­Lizenzen.­

„Freie­ Software“ muss vier Bedingungen erfüllen: die Freiheit der Ausführung des Programms, wie und wofür man möchte; die Freiheit der Veränderung des Codes; die freie Weiterverbreitung des ursprünglichen Programms sowie die Veröffentlichung darauf aufbauender, veränderter Versionen.11 Eng damit verwandt sind „Open-Source“-Lizenzen.­

Während­ beide­ Konzepte­ sich in ihren konkreten Anforderungen nahezu gleichen, fokussiert Open Source auf pragmatische Vorteile ­Freier ­Lizenzen, ­wohingegen­ „Freie­ Software“­ mit einer wertegetriebenen sozialen Bewegung verbunden ist.12 ­Beide ­beschriebenen­ Formen­ der ­Lizensierung ermöglichen, dass Software – in diesem Falle der Code digitaler Plattformen – quasi zum transparenten Gemeingut wird, das einerseits von allen kontrolliert und kritisiert und andererseits zum kostengünstigen Aufbau von sozial-ökologisch ausgerichteten Plattformmodellen genutzt werden kann.13

Potenziale und Grenzen bewegungsübergreifender Initiativen

Beide Bewegungen, der Plattformkooperativismus und­ FLOSS, ­sind­ sich­ darin ­einig,­ Plattformen­ oder­ die­ zugrundeliegende Software in gemeinschaftlichen Besitz bringen zu wollen. Dennoch agieren beide Bewegungen­ derzeit­ noch ­häufig ­getrennt ­voneinander.

Dies verwundert, da doch gerade die Zusammenführung beider Bewegungen Potenziale für das Voranbringen einer sozial-ökologischen Plattformisierung bieten könnte: Plattformkooperativen, die keine Unterstützung durch Risikokapital bekommen, haben ­in­ der­ Gründungsphase ­häufig ­Schwierigkeiten­ damit, ­die­ Erstellung ­von­ Code­ zu­ finanzieren.

­Unter ­der Voraussetzung, dass Plattformkooperativen Zugriff auf frei lizensierten Code bereits bestehender ähnlicher Plattformen haben, könnten diese Gründungsprozesse erleichtert und dadurch Marktmacht leichter aufgebrochen werden. Schlussendlich könnte dies die Grundlage für neue Plattformen mit sozial-ökologischen Standards schaffen.

Erste Versuche, Elemente beider Bewegungen zu verbinden und damit Potenziale für eine sozial-ökologische Plattformisierung zu heben, lassen sich bei­ den­ Organisationen­ Fairmondo­ und ­CoopCycle ­beobachten.

Fairmondo wurde 2013 mit dem Ziel gegründet, eine Alternative zu den großen Plattformen im Onlinehandel zu schaffen. Sozial-ökologisch will Fairmondo dabei in zweierlei Hinsicht sein: Zum einen soll durch das genossenschaftliche Governancemodell sichergestellt werden, dass die Plattform – im Gegensatz zu Marktführern wie Amazon­ oder ­eBay­ -­ vollständig ­im­ kollektiven­ Besitz der Plattformgenoss*innen bleibt. So will man nachhaltig wirtschaften, ohne auf Wachstum fixiert zu sein.

Zum anderen will die Plattform gezielt Anreize für nachhaltigen Konsum setzen, indem sie für den (Ver-)Kauf fairer und ökologischer Produkte die Transaktionsgebühren reduziert.

Im Gründungsprozess versuchte Fairmondo darüber hinaus auch, die oben skizzierten Anforderungen Freier Software zu erfüllen, indem der Softwarecode der Plattform öffentlich über GitHub bereitgestellt wurde.14 Aufgrund der Komplexität des Codes wurde dieser aber bisher noch von keiner anderen Plattform genutzt, womit die Ausgangsintention, den Gründungsprozess anderer Plattformen zu vereinfachen, bisher nicht realisiert werden konnte.15

Auch ­CoopCycle,­ eine ­Kooperative­ aus ­Frankreich, ­die nicht-proprietäre Software für genossenschaftliche Fahrradkurierplattformen bereitstellt, setzte von ­Anfang an­ darauf,­ Ideen­ aus­ der­ FLOSS-Bewegung mit einer genossenschaftlichen Governance zu verbinden.

Dass sich die Prinzipien von Freier Software nur bis zu einem gewissen Grad mit der Idee des Kooperativismus vereinbaren lassen, zeigt sich ­aber ­auc­h hier: ­Weil ­die ­Kooperative­in ­ihrer­ Lizenz die Softwarenutzung durch Dritte explizit an sozial-ökologische Ziele koppelt, weicht sie in den Augen­ der­ FLOSS-Bewegung ­zu­ stark ­von­ den­ vier ­festgeschriebenen Freiheitsprinzipien ab, um mit ihrem Code noch zur Bewegung zu zählen.16

Voraussetzungen für eine sozial ökologische Plattformisierung

Die hier skizzierten Beispiele zeigen, dass die bestehenden bewegungsübergreifenden Initiativen die erhofften­ Synergieeffekte­ derzeit­ nur begrenzt­ realisieren können. Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass bereits existierender frei lizensierter Code in der Regel ­an­ die­ spezifischen­ Bedürfnisse der jeweiligen Plattform angepasst werden muss. Diese Anpassung ist vielfach mit großem zeitlichen und personellen ­sowie­ finanziellen ­Aufwand verbunden.

Ein zweiter Grund mag darin liegen, dass aus dem restriktiven ­Freiheitsverständnis ­der ­FLOSS-Bewegung­ resultiert, dass andere normative Aspekte wie beispielsweise „ökologische Nachhaltigkeit“ nicht über den der „Freiheit“ gestellt werden können.

Dies wirft aus ­sozial-ökologischer­ Perspektive­ den­ Konflikt ­auf, ­dass Freie Software auch Akteuren zur Verfügung steht, deren Praktiken einer sozial-ökologischen Plattformisierung potenziell im Wege stehen.

Um eine sozial-ökologische Plattformisierung wirklich realisieren zu können, braucht es also zweierlei: Im ersten Schritt ist ein größeres Bewusstsein von Plattformbetreiber*innen für das Zusammenspiel von Plattformisierung und Softwarecode ­notwendig. ­Die ­Entscheidung,­ welcher­ Typ ­von Code einer Plattform zugrunde gelegt wird, ist nicht neutral, sondern hat aus sozial-ökologischer Perspektive weitreichende Konsequenzen.

Im zweiten Schritt braucht es eine Weiterentwicklung und Verbesserung­ nicht­-­proprietärer­ Lizenzen,­ die­ die ­­Errungenschaften­ der FLOSS-Bewegung­ aufgreifen, ­aber auch eine Kopplung der Nutzungsrechte an sozial-ökologische Kriterien ermöglichen. Denn nur so können beide Bewegungen tatsächlich zu einer sozial-ökologischen Plattformisierung beitragen.


Fußnoten

  1. Statista. E-Commerce-Anteil am Gesamtumsatz nach Branchen in Deutschland (2018)
  2. Srnicek, N. Platform Capitalism (Polity,­ 2016)
  3. Staab, P., & Nachtwey, O. Die Digitalisierung der Dienstleistungsarbeit. Aus Politik und Zeitgeschichte 66, 24–31 (2016) (2018)
  4. Armstrong, M., & Wright, J.Two-sided markets, competitive bottlenecks and exclusive contracts. Economic­ Theory­ 32,­ 353-380 ­(2007)
  5. Wood, A. J., et al. Good Gig, Bad Gig: Autonomy and Algorithmic Control in the Global Gig Economy. Work,­ Employment­ and­ Society 3, 56–75­(2018)
  6. Ludmann, S. Ökologische Betrachtung des Peer-to-Peer Sharing. In Behrendt, S. et al. (Hrsg.). Digitale Kultur des Teilens: Mit Sharing nachhaltiger wirtschaften (Springer-Gabler, 2018)
  7. Peuckert, J., & Pentzien, J. Nachhaltige Governance des Peer-to-Peer Sharing. In: Behrendt, S., et al. (Hrsg.) Digitale Kultur des Teilens: Mit Sharing nachhaltiger wirtschaften (Springer-Gabler, 2018)
  8. Scholz, T. Plattform-Kooperativismus. (2016)
  9. Battilani, P., & Schröter, H. G. The Cooperative Business Movement, 1950 to the Present. Comparative Perspectives in Business History (Cambridge­ University­ Press,­ 2012)
  10. Caplan, R., et al. Algorithmic Accountability. A Primer.­ (2018)
  11. GNU. Freie Software. Was ist das? (2018)
  12. Peterson, S. K. What’s the difference between open source software and free software? (2017).
  13. FSFE. Who owns Free Software? (2012)
  14. Fairmondo.­ Copyright.­ (2017)
  15. Weth, F. Platform-Cooperativism, data ownership and free software: Podiumsdiskusion. (18. November 2018)
  16. CoopCycle. CoopCycle.­ (2019)

Die Konferenz „Bits & Bäume“ brachte im Jahr 2018 erstmals im großen Stil Aktive aus der Zivilgesellschaft zusammen, um die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu diskutieren. Jetzt ist das Konferenzbuch „Was Bits und Bäume verbindet“ erschienen. Als Medienpartner der Konferenz veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Beitrag daraus. Das ganze Buch ist auch als Download verfügbar und steht unter der Lizenz CC­ BY-NC-SA­ 3.0­ DE.

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