Bestandsdatenauskunft: Verfassungsschutz fragt 750.000 Namen und Anschriften ab

Der Inlands-Geheimdienst hat letztes Jahr fast 750.000 Bestandsdaten abgefragt, dabei beobachtet er nur 80.000 „Extremisten“. Seit Jahren fordern wir mehr Transparenz über diese massenhaften Abfragen. Das BKA hingegen kann angeblich keine Zahlen nennen, die Polizei führt keine Statistik.

Kalender mit Strichliste
Kann der Verfassungsschutz, aber nicht das BKA: Strichliste führen. Gemeinfrei Alfred Derks

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat im Jahr 2018 fast 750.000 Bestandsdaten bei Telekommunikations-Anbietern abgefragt. Der Inlands-Geheimdienst hat die Inhaber von 728.549 Telefonnummern, 2.915 IP-Adressen und 1.026 E-Mail-Adressen ermittelt. Dazu kommen 11.171 Namensersuchen, also Abfragen welche Telefonnummern einer bestimmten Person gehören.

Mit der als „Behördentelefonbuch“ bekannten Bestandsdatenauskunft können über 100 staatliche Stellen wie Polizei und Geheimdienste Kundendaten ohne Richterbeschluss abfragen. Letztes Jahr gab es 14 Millionen solcher Abfragen. Leider gibt es keine Aufschlüsselung nach einzelnen Behörden oder Datentypen, deshalb hat die Linkspartei-Abgeordnete Martina Renner nachgefragt.

Verfassungsschutz: 80.000 „Extremisten“ und 750.000 Datensätze

Renner bezeichnet „die schiere Anzahl“ der Datenabfragen durch Sicherheitsbehörden wie den Verfassungsschutz als „beängstigend“. Laut Verfassungsschutzbericht gibt es in Deutschland knapp 80.000 „Extremisten“. Für jede dieser Personen fragt der Inlandsgeheimdienst statistisch gesehen fast zehn Telefonnummern ab.

Während Telefonnummern automatisiert und zentralisiert von der Bundesnetzagentur beauskunftet werden, müssen Internetdaten wie IP-Adressen und E-Mail-Adressen direkt bei den Anbietern manuell erfragt werden. Mit fast 3.000 IP-Adressen und über 1.000 E-Mail-Adressen sind diese Abfragen deutlich niedriger, vielleicht auch weil pro angefragtem Kundendatensatz 18 Euro Kosten anfallen.

BKA: „Keine Statistiken oder systematische Aufzeichnungen“

Neben dem Verfassungsschutz hat Renner auch das Bundeskriminalamt gefragt, wie viele Bestandsdaten die Polizeibehörde abfragt. Das BKA kann diese Frage nicht beantworten, da keine Statistiken vorliegen. Renner bezeichnet die Nicht-Antwort zwar als „wenig überraschend“, aber auch als „erhebliches Problem für den demokratischen Rechtsstaat“:

Die Behörden erhalten immer neue Befugnisse und niemand kontrolliert, was sie damit tatsächlich anfangen. Die mangelnde Kontrolle von Überwachungspraktiken und verdeckten Ermittlungen sei es beim BfV, den Polizeien oder auch dem Zoll führt zu einem echten Demokratiedefizit.

Wir fordern regelmäßig Transparenz, welche Behörden wie viele Bestandsdaten abfragen, besonders seit der Ausweitung auf Internet-Daten 2013. Das Wirtschaftsministerium lehnt es ab, Telekommunikations-Anbieter zum Zählen der Abfragen zu verpflichten. Das wäre eine „erhebliche Belastung“ für die Unternehmen.

Dann sollen eben die Behörden zählen, wie viele Daten sie abfragen. Der Verfassungsschutz zeigt, dass es geht. Der Bundestag könnte alle Behörden zu einer solchen Statistik verpflichten – wenn der politische Wille da wäre.

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