Ob Facebook oder Google, Instagram oder YouTube – längst findet der Bundestagswahlkampf auch im Netz statt. Wen Parteien und PolitikerInnen online mit welchen Botschaften erreichen wollen, bleibt dabei jedoch oft im Dunkeln. Facebook und andere Social-Media-Plattformen bieten Anzeigeformate an, die nur für die ausgewählte Zielgruppe zu sehen sind, sogenannte „Dark Posts“. Die US-amerikanische Rechercheplattform ProPublica will in Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung, Spiegel Online und Tagesschau.de nun Licht in dieses Halbdunkel bringen.
Hierfür haben die US-amerikanischen DatenjournalistInnen von ProPublica die Browsererweiterung „Political Ad Collector“ entwickelt. Mit ihrer Hilfe können NutzerInnen politische Anzeigen auf Facebook sammeln lassen. Die so entstehende Datenbank des politischen Targetings soll öffentlich zugänglich und gemeinsam mit den deutschen Medienpartnern ausgewertet werden: Wer nutzt die Technik mit welcher Strategie? Wer versucht, wen mit welcher Botschaft und welcher Tonalität zu überzeugen?
Warum intransparentes Polit-Targeting ein Problem ist
Ein besonders krasses Beispiel für intransparentes politisches Microtargeting stammt aus dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Das Team des heutigen Präsidenten Donald Trump nutzte die Technik, um potenzielle WählerInnen seiner Konkurrentin Hillary Clinton zu demotivieren, überhaupt zur Wahl zu gehen. So bekamen NutzerInnen mit der von Facebook zugeordneten „ethnischen Affinität African American“ von seiner Kampagne beispielsweise einen Video-Ausschnitt aus den 90er Jahren zu sehen, in dem Hillary Clinton den rassistisch aufgeladenen Kampfbegriff „Superraubtiere“ („super predators“) für Jugendbanden nutzte. Junge Frauen bekamen Werbung eingeblendet, die auf die sexuellen Ausschweifungen von Clintons Ehemann Bill verwiesen.
Aber auch ohne den Einsatz der Technik für Negativkampagnen und Zweifel an der datenschutzrechtlichen Konformität ist politisches Microtargeting fragwürdig: Wahlplakate, Radio- und Fernsehspots konnten bislang von allen BürgerInnen und auch von der politischen Konkurrenz rezipiert werden. Damit waren die verbreiteten Botschaften für alle vergleich- und vor allem anfechtbar. Widersprüchliche Versprechen an unterschiedliche Gruppen konnten entlarvt und öffentlich diskutiert werden. Andere politische AkteurInnen konnten widersprechen und auf dieser Grundlage einen politischen Diskurs führen. BürgerInnen und JournalistInnen konnten Vergleiche ziehen oder tatsächliches politisches Handeln mit gegebenen Versprechen abgleichen. Dark Posts im Wahlkampf verhindern das.
Facebook und die meisten Parteien wehren sich gegen Transparenz
Sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum fordern ExpertInnen deshalb seit längerem öffentliche Transparenzregister, in denen Parteien und PolitikerInnen diese Informationen zur Verfügung stellen. Von den Internetkonzernen selbst kommt keine Transparenz darüber, wer ihre riesigen Datenbestände für die zielgerichtete Ansprache nutzt – selbst wenn Facebook gegenüber ErmittlerInnen des US-Kongresses gerade zähneknirschend zugeben musste, dass eine russische Firma im Wahlkampf mitmischte und politische Anzeigen im Wert von 100.000 Dollar auf der Plattform schaltete.
Eine Recherche von netzpolitik.org hatte zudem erst kürzlich gezeigt, wie sehr auch die meisten etablierten Parteien in Deutschland bei diesem Thema mauern. Lediglich Linke und Grüne waren bereit, ausführliche Auskünfte zu ihrem Einsatz von Microtargeting zu geben. Während die Unionsparteien uns mit allgemeinen Informationen abspeisten, antworteten SPD und FDP irgendwann gar nicht mehr. Und selbst die Grünen, die als bislang einzige Partei auf ihrer Webseite Einsicht in alle online geschalteten Anzeigen gewähren, informieren nicht konkret darüber, auf welche Gruppen sie mit welcher Botschaft abzielen.
Der „Polical Ad Collector“ soll hier Abhilfe schaffen. Er filtert die Anzeigen aus dem Facebook-Newsfeed der NutzerInnen und ermöglicht ihnen, einzelne Anzeigen in eine gemeinsame Datenbank zu übertragen, die dann ausgewertet werden kann. Langfristig soll die Software, die zunächst für Chrome angeboten wird und bald auch für Firefox zur Verfügung stehen soll, lernen, politische Anzeigen selbstständig zu erkennen. Die InitiatorInnen um die Pulitzer-Preisträgerin Julia Angwin versprechen, dass dabei keinen personenbezogenen Daten gesammelt werden.
Erste Erkenntnisse aus anderer Recherche veröffentlicht
Eine ähnlich funktionierende Browsererweiterung hatten kürzlich auch Buzzfeed Germany und t‑online.de gemeinsam mit der britischen Initiative whotargets.me an den Start gebracht. Heute veröffentlichten sie erste Erkenntnisse. Besonders krasse Fälle von Negativwerbung konnten demnach bislang noch nicht beobachtet werden. Dafür entdeckte das Team interessante Unterschiede beim Einsatz von Microtargeting in Deutschland im Vergleich mit dem englischsprachigen Raum: Statt großer Kampagnen durch die Bundesparteien nutzen offenbar vor allem regionale Ableger und einzelne KandidatInnen die Technik.
Auch diejenigen, die keine Browser-Erweiterung installieren möchten, können mithelfen, den digitalen Schattenwahlkampf auszuleuchten: Unter dem Hashtag #politikAds dokumentieren NutzerInnen auf Twitter politische Anzeigen und die dazugehörigen Targeting-Parameter.
