Baden-Württemberg nutzt die Software Precobs, die vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) in Oberhausen vermarktet wird. Precobs verarbeitet Falldaten früherer Straftaten. Die Statistiken können mit weiteren Informationen angereichert werden, darunter zum Wetter oder anderen frei verfügbaren Daten. Möglich ist auch, die Bevölkerung über Push-Meldungen mittels einer App über das Risiko bevorstehender Einbrüche zu informieren.
Zuerst hatte das bayerische Landeskriminalamt die Software testweise für Prognosen genutzt, mittlerweile ist Precobs landesweit im Einsatz. Derzeit ist die Anwendung auf Wohnungseinbrüchen beschränkt, laut dem bayerischen Staatsministerium könnten auch Autodiebstähle oder andere Kriminalitätsphänomene hinzukommen. Die Innenminister aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz haben mittlerweile eine Kooperationsvereinbarung zur Weiterentwicklung von „Predictive Policing“ geschlossen.
Precobs und IBM konkurrieren um deutschen Markt
Wie Hamburg oder Baden-Württemberg prüft auch Brandenburg die Einführung von Precobs. Andere Bundesländer, darunter Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, interessieren sich für eine Software von IBM, die von den Kriminalämtern mit eigenen Entwicklungen angepasst werden kann.
Das nordrhein-westfälische System firmiert als „System zur Kriminalitätsanalyse und Lageantizipation“ (SKALA) und soll nicht nur Einbrüche vorhersagen. Auch das dortige Landeskriminalamt (LKA) will die Vorhersagesoftware mit weitere Daten füttern. Der LKA-Direktor Dieter Schürmann nennt Wohnorte von PendlerInnen oder GSM-Karten in Handys. Beide Datenquellen seien „ein guter Prädiktor für die Straftaten reisender Täter“. Ebenfalls dürfte die Software „rechtlich unbedenklich“ den aktuellen Wasserverbrauch und den Stromverbrauch einzelner Bezirke verarbeiten. Schließlich könnten auch „Echtzeitdaten“ von Telefonen genutzt werden. Vermutlich sind damit Funkzellenabfragen gemeint.
Schürmann kritisiert das Precobs-System als „Blackbox“, da unbekannt sei, welche Daten angeliefert würden. Der Ansatz der Firma aus Oberhausen gehe „nicht weit genug“. Der Precobs-Manager hingegen hält die IBM-Software für ungeeignet, da diese „nicht speziell für Predictive Policing entwickelt wurde“. Das IBM-System basiert auf dem weit verbreiteten Analysts‘ Notebook, das zunächst allgemein Entitäten unter verschiedenen Personen, Objekten oder Vorgängen anzeigen kann.
Neues deutsch-französisches Forschungsprojekt
Der Wettlauf um die Anreicherung der Vorhersagesysteme mit weiteren Datenquellen geht weiter. Spektrum der Wissenschaft zitiert einen ungenannten Experten, der als „nächsten Ausbauschritt“ soziale Netzwerke nennt. Entsprechende, bereits vorgefilterte Daten könnten die Polizeibehörden selbst anliefern. Detlef Borchers berichtete gestern über „rsNetMAn“, die eine Integration von Sozialen Medien in die alltägliche Polizeiarbeit besorgen soll. Die Software stammt von der Oberhausener Firma rola Security, die mittlerweile von T‑Systems übernommen wurde.
Mit einer solchen Anwendung könnte die Polizei während eines Einsatzes Hashtags oder Geodaten bei Twitter verfolgen. Für die Lagebeurteilung wäre beispielsweise von Vorteil, sich Tweets von Fußballfans oder Demonstrierenden georeferenziert anzeigen zu lassen, um daraus Rückschlüsse auf notwendige Einsatzmaßnahmen zu ziehen. In späteren Ermittlungen könnten mit „rsNetMAn“ auch Verbindungen unter einzelnen NutzerInnen gesucht werden. Die Software greift auf Datenströme von T‑Systems zu, darunter die Auswertung von 150 Millionen Webseiten und 500 Millionen täglichen Tweets. Einem rola-Manager zufolge ermöglicht „rsNetMAn“ auch die Recherche nach Bildern, darunter „ISIS-Flaggen“, laut Borchers auch „rechts- und linksradikale Symbole“.
Weitere Verfahren könnten in einem deutsch-französischen Forschungsprojekt zu polizeilicher Vorhersagesoftware entwickelt werden. Der deutsche Bundesinnenminister hatte sich für eine Förderung des Vorhabens durch die Europäische Union eingesetzt, laut einem Ratsdokument erfolgt dies nunmehr im Rahmen des EU-Programms „Internal Security“ (ISEC). Ein ähnliches Projekt namens „Internationale Bekämpfung der grenzüberschreitenden Eigentumskriminalität durch reisende Täter“ hat das Bundeskriminalamt soeben beendet.
