Öffentlichkeit

Ein Jahr nach dem Tod von Aaron Swartz

Heute vor einem Jahr haben wir über den Selbstmord von Aaron Swartz am 11. Januar 2013 berichtet. Aaron war ein bekannter Aktivist und gehörte zu den Mitgründern von Reddit und Demand Progress. Er hatte bereits mit 14 Jahren an der Entwicklung des RSS-Standards mitgewirkt und war Stipendiat an der Harvard-Universität. Später hat er sich von der Firma hinter Reddit ausbezahlen lassen und sich vollständig dem Aktivismus gewidmet – gegen SOPA und PIPA und für Open Access und Open Goverment.

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2011 kamen Probleme auf und Aaron  wurde vom MIT angeklagt – er habe sich illegal über das MIT Zugang zur Journal-Datenbank JSTOR verschafft und dort 4,8 Millionen Dokumente heruntergeladen. Ihm drohten, obwohl JSTOR keine Ansprüche mehr stellen wollte, 35 Jahre Haft und eine enorme Geldstrafe, da die Staatsanwaltschaft den Fall weiterverfolgte. Das Urteil wurde im April 2013 erwartet und es wird angenommen, dass sein Selbstmord eine Konsequenz der Anklage war.

Es gab in Folge der Ereignisse viele Nachrufe, einer der bekanntesten stammte von Cory Doctorow auf boingboing.net, der ihn nur eine Stunde nach Eintreffen der Todesnachricht bei ihm verfasste. Doch sein Tod rief auch Proteste hervor – gegen eine Welt, in der man angeklagt wird, weil man Wissen befreien und mit der Welt teilen will. Als Zeichen der Missachtung des Verhaltens des MIT, das von Aarons Eltern für seinen Tod mitverantwortlich gemacht wurde, legte Anonymous deren Netzwerk für beinahe drei Stunden lahm und ersetzte bei einer zweiten Aktion eine Instituts-Webseite durch einen Nachruf auf Aaron.

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In der Zeit nach seinem Selbstmord wurde Aarons Gesicht zu einer Verkörperung des Internetaktivisten, der versucht hat, gegen ein ungerechtes System zu kämpfen – bis ans Ende seiner Kräfte. Er wurde zum Opfer absurd restriktiver Gesetze gegen die sogenannte ‚Computerkriminalität‘. Das hat viele motiviert, seinen Kampf weiterzukämpfen. Als dann im Juni die Überwachungsenthüllungen an die Öffentlichkeit kamen, verschwand seine Präsenz fast vollständig und Edward Snowden trat an die Stelle des Verfolgten und Verurteilten. Die beiden waren in ihrem Streben vereint, Informationen und Wissen zu befreien – wenn auch anderer Art. Umso wichtiger, dass wir uns ein Jahr nach seinem Tod wieder an ihn erinnern.

Die Electronic Frontier Foundation hat einen sehr schönen Erinnerungsnachruf verfasst, der uns zur Nachfolge seiner Bemühungen aufruft:

Man braucht einen gewaltigen menschlichen Geist, um sich das Scheitern der Institutionen um uns herum anzusehen – vom Zusammenbruch von angemessenen Kontrollmechanismen gegenüber der Regierung über deren Krieg gegen Whistleblower bis zu dem gewaltigen Einfluss von Unternehmen bei der Umsetzung von nutzerfeindlichen Praktiken – und dabei nicht zu verzweifeln. Aaron hat uns gezeigt, dass wir nicht verzweifeln müssen. Er hat Menschen nicht aus grenzenlosem Optimismus dazu inspiriert, große Herausforderungen anzunehmen, sondern weil er geglaubt hat, dass wir, wenn wir den ersehnten Wandel in der Welt vor Augen haben, auch mächtig genug sind, ihn wahr zu machen.

Am 11. Februar wurde von verschiedenen Organisationen, darunter auch EFF, reddit und boingboing.net, zu einem Protesttag unter dem Motto ‚The Day We Fight Back‚ gegen Massenüberwachung aufgerufen. Am Freitag davor hackte Anonymous eine Seite des MIT und ersetzte deren Inhalt mit einer Referenz auf den obigen Protest.

Um an das Wirken und die Ziele von Aaron zu erinnern wird Brian Knappenberger vermutlich noch in diesem Jahr die Dokumentation The Internet’s Own Boy veröffentlichen (Update: Sogar schon in ein paar Tagen auf dem Sundance Festival, danke für den Kommentar!). Hoffentlich lässt sich damit das Andenken an Aaron Swartz erhalten. Wir haben es bitter nötig, denn erst letzte Woche wurde in den USA ein Vorschlag zur Änderung des Personal Data Privacy And Security Act eingebracht, der nicht nur die Strafen für „Hacking“ erhöhen, sondern auch Hackversuche mit erfolgreichen Hacks strafrechtlich auf eine Stufe stellen würde.

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19 Kommentare
  1. Danke für den Text, die Dokumentation „The Internet’s Own Boy“ wird das erste mal auf dem Sundance Film Festival in ein paar Tagen zu sehen sein.

  2. schöner text. aber wenn man es schon so wichtig mit (politisch) korrekter sprache hat wie manche hier, sollte es wohl besser „suizid“, statt „selbstmord“ heissen. mal „mord“ nachschlagen, dann lichtet sich der nebel.

    1. Ich denke, das ist Geschmackssache. Ich stehe Lulzsec auch nicht unkritisch gegenüber, für mich hat das Bild aber eine symbolische Wirkung. Die Autorschaft von Lulzsec ist für mich persönlich da nicht im Vordergrund.

  3. Versteh ich jetzt nicht wer ist Lulzsec und warum mögen die Anonymus nicht?
    ich verstehe leider zu wenig über den Hacker-Aktivimus, aber vielleicht klärt mich mal einer auf…;-)

    1. was is jetzt mit sabu in dem context.
      sabu is der FBI doppelagent der sich in tunesien feiern ließ und andere auf weisung des FBI angestiftet hat damit diese dann leute verhafen können.

    1. Ich habe die Sendung auch gerade gesehen und bin geschockt, dass ich damals so wenig von Aarons Geschichte mitbekommen habe, während Edward Snowdens Geschichte viel ausführlicher in den Medien behandelt wurde.
      Ich denke, man muss wirklich sehr wachsam und aufmerksam beobachten, was in unserem direkten Umfeld geschieht. Leute wie Aaron müssen unterstützt werden, denn sie werden gebraucht.

      1. Auch ich habe soeben die Doku gesehen und bin tief bewegt. Und stark motiviert, mich viel mehr mit diesem Thema zu beschäftigen – es geht hier schließlich um die „Welt von Morgen“! Man darf sie einfach nicht den Mächtigen der „Welt von Gestern“ überlassen, die ja auch unser Heute tagtäglich vergiften. Aber wie fängt ein Laie wie ich damit an? Wie und wo kann ich mehr darüber lernen, Gleichgesinnte finden, mich einbringen? Kann mir Einer der „nurds“ hier weiterhelfen?

  4. Ich habe die Doku auch gesehen. Wirklich erstaunlich was er in seinem leider recht kurzen Leben geleistet hat. Meinen Respekt dafür. Interessiert leider 99,9% der Leute kein bisschen. Lieber ziehen die Leute sich irgendwelchen Trash rein.

    Auch schade wie wenig Resonanz netzpolitik bekommt wenn ich mir so angucke wie viele Kommentare eure Artikel durchschnittlich haben. Jedenfalls danke für eure Arbeit! Ich selbst schreibe auch nie Kommentare, gucke aber desöfteren mal vorbei.

    Vielleicht lässt sich ja doch der ein oder andere noch zum Nachdenken anregen…

  5. Liebe Netzpolitiker, Liebe Anna,
    vielen Dank für Eure und Deine Arbeit.
    Ich überlege geraume Zeit, auf welche Weise Aarons Arbeit eine würdige Fortsetzung finden kann.
    Ein Aspekt ist: Kritik allein macht keine neuen Wege und die Aufdeckung der Skandale und Unfähigkeiten der Bürokratie auch nicht. Vielleicht könnten es prägnante Texte mit systematischen Strategien sein, die eine neue Netzkultur begründen können. Denken wir an die Pentagon – Papiere oder den neuen Test auf Bauchspeicheldrüsenkrebs.
    Das beste Wissen nützt nix, wenn man es nicht hat. Und im Dschungel des Internet braucht man oft ein gerüttelt Maß an Fachkenntnis, um für sich gute Entscheidungen treffen zu können.

    Mit freundlichen Grüßen
    POM

  6. Wir vergessen schnell.. daher mache ich den Vorschlag, dass man den Menschen die großes geleistet haben, wie z.B. Aaron Swartz, immer an seinem Todestag gedenkt.

    1. Wir sollten uns vor allem am 6. Januar beim MIT zahlreich und den ganzen Tag dafür bedanken, dass sie Aaron verraten haben:

      On the night of January 6, 2011, Swartz was arrested near the Harvard campus by MIT police and a U.S. Secret Service agent.

    2. Aaron setzte sein Leben ein für eine bessere Welt.
      Aaron verlor sein Leben. Die Welt verlor Aaron.

      Aaron’s death is not simply a personal tragedy. It is the product of a criminal justice system rife with intimidation and prosecutorial overreach. Decisions made by officials in the Massachusetts U.S. Attorney’s office and at MIT contributed to his death. The US Attorney’s office pursued an exceptionally harsh array of charges, carrying potentially over 30 years in prison, to punish an alleged crime that had no victims. Meanwhile, unlike JSTOR, MIT refused to stand up for Aaron and its own community’s most cherished principles.

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