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US-Netzaktivist Aaron Swartz hat sich das Leben genommen

40377370222Der US-Netzaktivist Aaron Swartz ist gestern mit 26 Jahren verstorben. Ich hab ihn nie persönlich kennen gelernt, war aber über verschiedene Netze mit ihm verbunden und wollte ihn auch immer schon mal auf einer re:publica haben. Er galt als Wunderkind, das mit 14 am RSS 1.0 Standard mitgearbeitet hat, dann bei der technischen Details der Maschinenlesbarkeit der Creative Commons Lizenzen dabei war, und diverse andere Netzprojekte unterstützte. Er gilt als einer der Mitgründer von Reddit (zumindest frühen Mitarbeiter), ließ sich irgendwann auszahlen und wurde danach zum Vollzeitaktivisten, der u.a. Demand Progress mit seinem Geld und seiner Zeit aufbaute, eine Kampagnenplattform, die zu den Keyplayern der Stop SOPA-Kampagne wurde. Aaron Swartz litt nach eigenen Angaben bereits seit mindestens fünf Jahren an Depressionen. Seit 2011 wurde gegen ihn wegen des Scrappens von wissenschaftlichen Daten aus dem MIT-Netz ermittelt, wobei ihm bis zu über 30 Jahre Haft und der finanzielle Ruin drohten. Er hat sich gestern das Leben genommen.

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Cory Doctorow beschreibt sein Wirken auf BoingBoing:

The post-Reddit era in Aaron’s life was really his coming of age. His stunts were breathtaking. At one point, he singlehandedly liberated 20 percent of US law. PACER, the system that gives Americans access to their own (public domain) case-law, charged a fee for each such access. After activists built RECAP (which allowed its users to put any caselaw they paid for into a free/public repository), Aaron spent a small fortune fetching a titanic amount of data and putting it into the public domain. The feds hated this. They smeared him, the FBI investigated him, and for a while, it looked like he’d be on the pointy end of some bad legal stuff, but he escaped it all, and emerged triumphant.

Lawrence Lessig erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staatsanwalt und die Gesetzeslage: Prosecutor as bully.

In that world, the question this government needs to answer is why it was so necessary that Aaron Swartz be labeled a “felon.” For in the 18 months of negotiations, that was what he was not willing to accept, and so that was the reason he was facing a million dollar trial in April — his wealth bled dry, yet unable to appeal openly to us for the financial help he needed to fund his defense, at least without risking the ire of a district court judge. And so as wrong and misguided and fucking sad as this is, I get how the prospect of this fight, defenseless, made it make sense to this brilliant but troubled boy to end it.

Fifty years in jail, charges our government. Somehow, we need to get beyond the “I’m right so I’m right to nuke you” ethics that dominates our time. That begins with one word: Shame. One word, and endless tears.

Peter Eckersley schrieb einen Nachruft für die EFF und erkärt noch einmal konkret den Fall: Farewell to Aaron Swartz, an extraordinary hacker and activist.

In 2011, Aaron used the MIT campus network to download millions of journal articles from the JSTOR database, allegedly changing his laptop’s IP and MAC addresses when necessary to get around blocks put in place by JSTOR and MIT and sneaking into a closet to to get a faster connection to the MIT network. For this purported crime, Aaron was facing criminal charges with penalties up to thirty-five years in prison, most seriously for „unauthorized access“ to computers under the Computer Fraud and Abuse Act. If we believe the prosecutor’s allegations against him, Aaron had hoped to liberate the millions of scientific and scholarly articles he had downloaded from JSTOR, releasing them so that anyone could read them, or analyze them as a single giant dataset, something Aaron had done before. While his methods were provocative, the goal that Aaron died fighting for — freeing the publicly-funded scientific literature from a publishing system that makes it inaccessible to most of those who paid for it — is one that we should all support.

Moreover, the situation Aaron found himself in highlights the injustice of U.S. computer crime laws, and particularly their punishment regimes. Aaron’s act was undoubtedly political activism, and taking such an act in the physical world would, at most, have a meant he faced light penalties akin to trespassing as part of a political protest. Because he used a computer, he instead faced long-term incarceration.

New York Times: Aaron Swartz, Precocious Programmer and Internet Activist, Dies at 26.

Von der Freedom to connect Konferenz aus dem vergangenen Jahr gibt es das Video einer Keynote von Aaron: „How we stopped SOPA“.

Ganz viele Nachrufe werden in einem Tumblr-Blog zusammengetragen.

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13 Kommentare
    1. @Christoph: deswegen steht da ja u.a. wegen. Depressionen kommen und gehen immer wieder. Aktuell war das drohende Verfahren laut verschiedener Nahrufe wohl ein Grund für ein wiedererstarken. Hast Du einen besseren Formuierungsvorschlag?

      1. @Markus, auch mit Blick auf den Kommentar von Michael (dem ich mich auch sonst anschließe) bietet sich vielleicht Folgendes an:

        Aaron Swartz litt nach eigenen Angaben bereits seit mindestens fünf Jahren an Depressionen.
        Seit 2011 wurde gegen ihn wegen des Scrappens von wissenschaftlichen Daten aus dem MIT-Netz ermittelt, wobei ihm bis zu über 30 Jahre Haft und der finanzielle Ruin drohten. Er hat sich gestern das Leben genommen.

  1. Depressionen sind einerseits umfassend erforscht, ihre Herkunft und Behandlung trotzdem immer noch umstritten. Eine Kausalität zwischen äußeren Ereignissen und dem Auftreten einer Depression anzunehmen ohne wirklich sehr viel über Einzelheiten zu wissen, wäre mir als Betroffener zu spekulativ. Implizit könnte die Depression auch als Vorläufer oder Ursache des späteren Suizids gedeutet werden, ohne dass dies der Fall sein muss. Die Informationen insofern zu entkoppeln und deren Verbindung offen zu lassen, wird Aaron vielleicht am ehesten gerecht.
    Ich finde aber schön, dass Du ihn in einem Nachruf würdigst, sehe meinen Beitrag also nicht als Korrektur, sondern als Ergänzung.

    1. Vielleicht mal Assange und die Jungs von PirateBay fragen, die leben ja noch trotz des Drucks …

      http://www.wired.com/threatlevel/2013/01/aaron-swartz/
      Wired zitiert ein Statement der Eltern und Freunde:

      „[..] Aaron’s death is not simply a personal tragedy. It is the product of a criminal justice system rife with intimidation and prosecutorial overreach. Decisions made by officials in the Massachusetts U.S. Attorney’s office and at MIT contributed to his death. The US Attorney’s office pursued an exceptionally harsh array of charges, carrying potentially over 30 years in prison, to punish an alleged crime that had no victims. Meanwhile, unlike JSTOR, MIT refused to stand up for Aaron and its own community’s most cherished principles.“

      Siehe auch den Selbstmord von Jonathan James: „Either way, I have lost control over this situation, and this is my only way to regain control.“

  2. Die Aktion mit der JSTOR Datenbank war Teil eines grundsätzlichen Konfliktes, in dem es um Open Access für wissenschaftliche Publikationen geht.

    Viele Wissenschaftler und Forscher sind seit langem empört, dass Publikationen, die sie im Rahmen ihrer Arbeit verfassen, bisher oft in wissenschaftlichen Journals veröffentlicht werden müssen, die sich die Rechte übertragen lassen, weder das Schreiben der Artikel noch die nicht unerhebliche Arbeit der Reviews durch Wissenschaftlerkollegen bezahlen, und die Zeitschriften dann für horrende Gebühren wieder an Bibliotheken und Forschungsinstitutionen zurück verkaufen.

    Deswegen gibt es in vielen Bereichen eine Open-Access-Bewegung, die auch von vielen wissenschaftlichen Fachgesellschaften unterstützt wird, und die Artikel frei im Internet zugänglich macht. Die Zugänglichmachung der Ergebnisse nützt auch dem einzelnen Wissenschaftler, dessen Arbeiten so deutlich öfter zitiert werden. Die zugrunde liegende Argumentation ist, dass mit öffentlichen Geldern erstellte Inhalte auch öffentlich zugänglich sein sollen.

    Als Reaktion auf den Tod Aarons und in Würdigung seines Einsatzes für die Freiheit öffentlicher Informationen stellen zahlreiche Wissenschaftler ihre Arbeiten online und annoncieren sie unter Twitter mit dem Hashtag #pdftribute.

  3. Solangs da keine Beweise gibt gehe ich eindeutig von etwas anderem als suizid aus. Bisher sprechen die Fakten auch eine andere Sprache. Wie bei der Schule, im Kino, beim Waffennarr der jetzt angeblich suizid beging usw usf. Schon komisch wer letzter Zeit zu welchem zeitpunkt so stirbt . . .

    1. @DEDE: Kannst ja gerne glauben, was Du willst, aber was erwartest Du – Bilder vom Toten, die Du dann auch anzweifeln kannst? Wir schreiben aus Respekt und auch wegen Nachahmungsgefahr nichts näher zu den Suizidumständen.

  4. Können wir uns statt mit den Ursachen jetzt bitte mit Folgen beschäftigen?
    Sieht jemand welche? Stellt jemand aus der Bundesregierung in Frage, wie man heute Professor wird? Die Journals als externe Bewerter…..Ratingagenturen für Forschung? Und wieder sind wir bei Quote! Wie schon im Kommentar zur Finanzierung dieses Blogs angedeutet: Quote schadet der Unabhängikeit – das ist ein systemisches Problem.
    Der Druck der jetzt aufgebaut werden sollte, müsste von außen kommen. Professoren und Habilitanten werden diese Probleme nicht lösen solange Sie am Tropf hängen.
    Aaron hat mit dazu beigetragen, dass es eine Diskussion darüber gibt. Lasst Sie uns führen und nicht über Verschwörungstheorien und Todesursachen reden.

  5. Viele Menschen sind aufgrund Ihrer Straftat verzweifelt. Wie geht es einen Menschen, der, weil er betrunken war, zu schnell gefahren ist, oder einfach für einen Augenblick unachtsam war, auf der Autobahn eine Familie auf den Gewissen hat ? Das hat eine ganz andere Tiefe und Tragik als ein pupertär dämlicher Diebstahl von Daten, welche ohnehin irgendwann zugänglich sind. Letzendlich hätte er eine Bewährung bekommen, und max.nach 6 Monaten wieder irgendetwas machen können. Aber bringen sich diese menschen um ? Nein! Nie ! Der Junge war krank, schwer krank. Das tragische an den Tod dieses jungen Menschen war seine Einsamkeit inmitten von Millionen selbsternannter Online Freunde und Förderer. Das sollten sich die Menschen mal fragen, wenn Sie andere ,wie den Staatsanwalt, der nichts anderes macht, als bei bei jedem anderem auch, für den Tod zu verantwortlich zu machen. Wo waren sie, menschlich, wurde er im gegenteil nicht instrumentalisiert ? Menschen bringen sich wg. so einen scheiß nicht um, Menschen bringen sich um, weil Sie menschlich keine Perspektive mehr sehen, und keine menschen um sich herum haben, die Ihnen eben diese aufzeigen.

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