#servergate – Polizei beschlagnahmt Piratenpartei-Server

In einem wohl bislang einmaligen Vorgang wurden am Freitagmorgen die Server der Piratenpartei von der Polizei beschlagnahmt. Studenlang waren die Dienste nicht erreichbar.

Nach Angaben der Partei hatte die Polizei in Folge eines französischen Ermittlungsersuchens am Freitagmorgen auf Durchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft Darmstadt das Rechenzentrum der Firma aixit in Offenbach durchsucht und dort einen Großteil der IT-Landschaft der Partei beschlagnahmt. Betroffen waren nicht nur die Webseiten fast aller Parteigliederungen und das Wiki, sondern auch Kommunikationsinfrastrukturen wie Mailinglisten-, Mail- und Jabber-Server. Inzwischen sind einige Server und zumindest die Webseite wieder online.

Der Bundesvorstand der Piratenpartei kritisierte und verurteilte die Server-Abschaltung als massiven Eingriff in die Kommunikations- und Infrastruktur der Partei. Angesichts der bevorstehenden Bremer Bürgerschaftswahl sei ein massiver politischer Schaden entstanden. 2 Tage vor der Wahl kam gerade die Downtime der Webserver tatsächlich zu einem äußerst ungelegenen Zeitpunkt. Rechtsanwalt Thomas Stadler weist diesbezüglich in seinem Blog auch auf den eigentlich geltenden Schutz der Partei nach Artikel 21 Grundgesetz hin. Parteien seien vor Repression durch die Exekutive nach Möglichkeit zu verschonen, „weil das der Demokratie schadet“ schreibt auch Strafverteidiger Udo Vetter. Darüber hinaus macht Vetter klar, dass das Verlangen ausländischer Behörden nach Durchsuchung und Beschlagnahme keineswegs einen Automatismus bei den deutschen Behörden auslöst:

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hatte also in eigener Regie und anhand der deutschen Gesetze zu prüfen, ob sie vom Bundeskriminalamt, wie heute geschehen, die Server der Piratenpartei vom Netz nehmen, einpacken und / oder spiegeln lässt.

Einem Bericht von „DRadio Wissen“ nach hatten Beamte des Bundeskriminalämtes (BKA) auf einem der Server „strafrechtlich relevantes Material“ gefunden mit dem zu „Hackerangriffen“ aufgerufen worden sei. Die ganze Sache dreht sich dabei auch nach Aussagen des Bundesvorstandes um ein sog. „Piratenpad“, eine von der Piratenpartei betriebene Etherpad-Instanz bei der kollaborativ an Texten gearbeitet und nebenbei gechattet werden kann. Diese steht zur Nutzung für jedermann offen zur Verfügung und wird nicht nur für die Erarbeitung von parteipolitischer Programmatik, sondern auch von vielen anderen Menschen zur Erstellung von Texten genutzt.

In einem solchen Pad soll nach Parteiangaben ein SSH-Key veröffentlicht worden sein, der zu einem Angriff auf den französischen Energiekonzern EDF hätte verwendet werden können. In einer Pressekonferenz am Freitagabend erklärte der stellv. Bundesvorsitzende weiter, dass es um Angriffe zwischen dem 20. und 23. April 2011 auf die Webseite von EDF gegangen sei. Dass einzelne Nutzer des Pads identifiziert werden können, ist relativ unwahrscheinlich, denn üblicherweise speichert die Piratenpartei keine IP-Adressen von Nutzern, sondern nimmt am Datenschutz-Projekt www.wirspeichernnicht.de teil.

Welche Daten von Besuchern und anderen Nutzern insgesamt in den Händen der Polizei/Staatsanwaltschaft liegen ist noch nicht ganz klar. Zu den näheren Umständen der Beschlagnahme-Situation am Morgen in Offenbach erklärte der stellv. Bundesvorsitzende, Bernd Schlömer, am Abend, dass die Polizei die Partei vor die Wahl gestellt habt, entweder die Server mitzunehmen oder aber den „Zugang“ dazu zu ermöglichen. Man habe sich dann dazu entschieden, den Zugang zu ermöglichen, was vermutlich durch die Herausgabe von Passwörtern geschah. Da für mehrere Stunden Zugriff durch Dritte auf die Systeme bestanden habe, werde es vermutlich dutzende bis hunderte Arbeitsstunden dauern bis die Integrität der Systeme wieder  sichergestellt sei. Auf die besonders gesicherte und verschlüsselte Mitgliederdatenbank, die ebenfalls im betroffenen Rechenzentrum untergebracht ist, hätten die Behörden allerdings zu keinem Zeitpunkt Zugang gehabt. Dennoch sei besondere Sorgfalt geboten, um auszuschließen, dass Schadsoftware wie ein „Bundestrojaner“ installiert worden ist und so nachträglich Zugriff auf sensible Daten erfolgen könne. Es könne weiterhin nicht ausgeschlossen werden, dass E-Mail-Kommunikation von Parteimitgliedern eingesehen werden konnte.

Wieso die Polizei gleich eine Vielzahl an Servern beschlagnahmen ließ und somit die gesamte Partei in ihrer Arbeit lahmlegte, bleibt fraglich. Der Berliner IT-Sicherheitsexperte Florian Walther weist auch auf die absurde Vorgehensweise der Behörden hin, wenn es diesen bei ihrer Aktion tatsächlich darum gegangen sein sollte, einen SSH-Schlüssel aus dem Internet herauszulöschen anstelle das entsprechende „Schloss“ auszutauschen, sprich den Schlüssel auf dem Server zu ändern.

Chronik:

11 Uhr: Die Piratenpartei verkündet über Twitter zunächst, alle Server seien „auf polizeiliche Anweisung“ offline genommen worden. Selbst der Status-Service bei dem normalerweise die Störungen der Piraten-IT vermeldet werden, ist nicht mehr erreichbar. Betroffen sind auch nicht nur die Webseiten und das Wiki, sondern offenbar auch Kommunikationsinfrastrukturen wie Mailinglisten-, Mail- und Jabber-Server.

12 Uhr: Ab 12 Uhr berichtet das @Piraten_Radio live (Ogg-Stream) zur Frage „Warum ist die @Piratenpartei down?“ Ersten Meldungen dort zufolge kann der Bundesvorstand öffentlich noch nicht bekannt geben, was hinter der Sache steckt. Einem Tweet der PiratenIT nach soll ein Durchsuchungsbeschluss (vermutlich für das Rechenzentrum) vorliegen, ein entsprechendes Statement sei in Vorbereitung. Auf Twitter wird unter dem Hashtag #servergate über die Hintergründe spekuliert.

13 Uhr: Nach einem aktuellen Bericht des Portals „Der Westen“ richten sich die Ermittlungen laut Staatsanwaltschaft Darmstadt nicht gegen die Piratenpartei.

Die französische Generalstaatsanwaltschaft hat die deutschen Behörden in einem Fall um ein Rechtshilfeersuchen gebeten. Dieses werde derzeit ausgeführt. Auch die Franzosen würden nicht gegen die Piraten ermitteln. Details konnte die Staatsanwaltschaft nicht nennen. (Quelle: Der Westen)

14 Uhr: Der Bundesvorstand der Piratenpartei hat eine Stellungnahme veröffentlicht und kritisiert und verurteilt die Server-Abschaltung als massiven Eingriff in die Kommunikations- und Infrastruktur der Partei. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl in Bremen sei ein massiver politischer Schaden entstanden.

Am Morgen des 20.Mai 2011 hat die Polizei in Folge eines französichen Ermittlungsersuchens eine Vielzahl an Servern der Piratenpartei Deutschland, die bei der Firma AixIT in Offenbach gemietet sind, beschlagnahmt.

Dazu stellt der Bundesvorstand fest:

Der Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland wird im Rahmen seiner gesetzlichen Verpflichtungen zur Aufklärung der durch die französischen Ermittlungsbehörden erhobenen Vorwürfe beitragen. Die Zugänge zu technischen Infrastruktur der Piratenpartei sind aus diesem Grund – so weit es den Ermittlungszielen dient – zur Verfügung gestellt worden. Damit soll die zielgerichtete Suche nach einzelnen Daten ermöglicht werden.

Gegenwärtig geht der Bundesvorstand davon aus, dass kein schuldhaftes Verhalten der Piratenpartei Deutschland vorliegt. Das Vorgehen der Ermittlungsbehörden richtet sich nicht gegen die Piratenpartei Deutschland oder deren Untergliederungen, diese ist lediglich als Betreiber der Server involviert. Insofern werden die Ermittlungsresultate der Polizei mit Neugierde erwartet. Den eigenen Ansprüchen gerecht, wird der Bundesvorstand – sobald gesicherte Informationen zur Verfügung stehen – in hoher Transparenz und erschöpfend zu den aktuellen Vorhaltungen Stellung nehmen.

Der Bundesvorstand hat derzeit jedoch keinerlei Kenntnis von Informationen, die eine komplette Abschaltung aller Server der Piratenpartei Deutschland rechtfertigen würden. Betroffen waren nach den vorliegenden Informationen lediglich ein einzelner, öffentlicher Dienst auf einem virtuellen Server der Piratenpartei. Die Abschaltung aller Server ist ein massiver Eingriff in die Kommunikations- und Informationstruktur der sechstgrößten Partei Deutschlands. Angesichts der in zwei Tagen anstehenden Landtagswahlen in Bremen wird hier politisch ein massiver Schaden angerichtet, den der Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland aufs entschiedenste verurteilt.

Im Zusammenhang mit den laufenden Ermittlungsarbeiten wird daher zu klären sein, ob die erfolgte Durchsuchungs- und Beschlagnahmeanordnung rechtlichen Vorgaben entsprochen hat, insbesondere ob die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit gewahrt wurden. Immerhin hat die Maßnahme zu einem großflächigen Zusammenbruch der technischen Infrastruktur der Piratenpartei Deutschland geführt. Geklärt werden muss zudem, ob Daten betroffen sind, die mit dem Ermittlungsziel in keinerlei Zusammenhang stehen.

Der Bundesvorstand bitte zudem um Verständnis dafür, dass das derzeitige, primäre Augenmerk auf die Wiederherstellung der Funktionstauglichkeit der davon betroffenen Infrastruktur gerichtet ist.

15 Uhr: „Nach einem Bericht von „DRadio Wissen“ bestätigte ein Sprecher der Piratenpartei, dass Beamte des Bundeskriminalämtes (BKA) auf einem der Server strafrechtlich relevantes Material gefunden hätten. Dort sei zu Hackerangriffen aufgerufen worden.

15: 40 Uhr: Die tagesschau berichtet über die Beschlagnahme: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/ondemand100_id-video913874.html

16 Uhr: Welche Daten von Mitglieder, Besuchern und anderen Nutzern nun in den Händen der Polizei/Staatsanwaltschaft liegen ist nach wie vor unbekannt. Dem Berliner Piratenvorstand Pavel Mayer zufolge „stöbere“ die Polizei zurzeit in den beschlagnahmten Daten. Die Mitgliederdatenbank sei aber verschlüsselt und die Logs anonymisiert wie bereits angenommen.

16:15 Uhr: Die „Etherpad Foundation“ macht in einer Mitteilung auf den grundsätzlich offenen Charakter von Etherpads aufmerksam und deren libertäre Funktion gerade im Hinblick auf die Proteste in Spanien und anderswo. Etherpads wären wichtig für strukturierte Debatten und kollaborative Dokumentenbearbeitung sollte ein Recht für alle Menschen sein. In Libyen und Tunesien würden sie aktuell jeden Tag für die gemeinsame Erstellung von Gesetzesentwürfen genutzt. In Deutschland seien Etherpad-Instanzen nun der Gefahr ausgesetzt beschlagnahmt zu werden.

16:22 Uhr: Die Webseiten der deutschen Polizei www.polizei.de und www.bka.de sind nicht mehr erreichbar. Möglicherweise werden sie von Anonymous-Aktivisten lahmgelegt, deren Planungen im Piratenpad Gerüchten zufolge Auslöser für die die heutige Beschlagnahme gewesen sein sollen. Kurze Zeit später ist zumindest die BKA-Seite wieder erreichbar.

16:52 Uhr: Die Piratenpartei kündigt für 18 Uhr eine Pressekonferenz in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin an. Leider sei kein Stream von der Pressekonferenz möglich, daher werde es vielleicht ab 20 Uhr nochmal eine Veranstaltung mit Stream im Piraten_Radio geben.

17 Uhr: Udo Vetter erklärt nochmal, warum Parteien grundsätzlich vor Repression durch die Exekutive nach Möglichkeit zu verschonen sind. Weil das nämlich der Demokratie schadet. Darüber hinaus macht er klar, dass eine Durchsuchung und Beschlagnahme auf Verlangen ausländischer Behörden keineswegs einen Automatismus bei den deutschen Behörden auslöst. „Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hatte also in eigener Regie und anhand der deutschen Gesetze zu prüfen, ob sie vom Bundeskriminalamt, wie heute geschehen, die Server der Piratenpartei vom Netz nehmen, einpacken und / oder spiegeln lässt.“

17:20 Uhr: Die Webseite der Piratenpartei ist wieder erreichbar: http://www.piratenpartei.de

18:10 Uhr: Die Piratenpartei gibt weitere Hintergründe bekannt und bestätigt, dass es um Informationen geht, die in einem Piratenpad veröffentlich wurden und für einen Angriff auf den Server des französischen Energiekonzerns EDF hätten verwendet werden können. Auf welche Daten von den Behörden zugegriffen wird oder wurde, darüber wird sich bislang noch ausgeschwiegen.

Die Server der Piratenpartei wurden heute vormittags um 9:15 Uhr auf Grund eines Durchsuchungsbefehls der Staatsanwaltschaft Darmstadt auf richterliche Anordnung hin abgeschaltet. Davon betroffen sind die Webseite der Piratenpartei Deutschland sowie der Landesverbände Rheinland-Pfalz, Nordrhein Westfalen (zeitweise) und Saarland. Außerdem können die Mailserver und viele weitere IT-Dienste – derzeit nicht angeboten werden.

Die Ermittlungen richten sich dabei nicht gegen die Piratenpartei, sondern gegen unbekannte Nutzer der IT-Angebote und den Inhalt eines sogenannten Piratenpads. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden sei darüber ein SSH Key veröffentlicht worden, der zu einem Angriff auf einen Server des französischen Energiekonzerns EDF verwendet werden könne. Das Ziel der Untersuchungen sei, die Motive für den Angriff zu ergründen.

Die Tragweite und der Schaden für die Piratenpartei ist enorm. „Zwei Tage vor der Bürgerschaftswahl in Bremen wird unsere Homepage und ein Großteil unserer Kommunikationsinfrastruktur durch die Polizei lahm gelegt. Der Umfang der Aktion ist völlig überzogen und der Termin kurz vor der Wahl ein absoluter Skandal“, kritisiert Sebastian Nerz, Vorsitzender der Piratenpartei, und verweist darauf, dass das IT-Angebot der 12.000 Mitglieder starken Piratenpartei durchaus mit dem eines mittelständischen Unternehmens vergleichbar ist. „Dass die gesamte Informationsstruktur der größten außerparlamentarische Oppositionspartei mit einem Streich vom Netz genommen wird, ist ein einmaliger Vorfall.“ Die Piratenpartei wird prüfen, inwiefern die Möglichkeit zur politischen Willensbildung durch §21 Grundgesetz verletzt worden sei.

Unterdessen distanziert sich die Piratenpartei von den Attacken auf die Webseiten des Bundeskriminalamts (bka.de) und der Polizei (polizei.de). „Wir kritisieren und verurteilen das völlig unangemessene Vorgehen der Ermittlungsbehörden zwar, aber die Geschehnisse sind kein Grund, andere Webseiten anzugreifen. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich.“ erklärt Nerz.

Weitere Updates:

  • Rechtliche Schritte: Noch am gestrigen Abend hat die Piratenpartei Beschwerde gegen die Durchsuchung und Beschlagnahme beim Amtsgericht Darmstadt eingelegt. Dies erklärte Bundesvorstandsmitglied Mattthias Schrade auf Twitter. Details dazu könnten jedoch noch nicht veröffentlicht werden, da der Inhalt der Beschwerde vor Eröffnung des Hauptsacheverfahren nur umschrieben werden dürfe.
  • Beim @Piraten_Radio gibt es einen Mitschnitt der Sendung „Piratenpartei vom Netz“ u.a. mit Uli König vom Landesverband Schleswig-Holstein und Emanuel Schach, dem Rechtsanwalt der die Beschwerde ans Amtsgericht Darmstadt mit ausgearbeitet hat.
  • Internationale Unterstützung: Die australische Piratenpartei wendet sich in einem offenen Brief an den deutschen Botschafter in Australien. Sie kritisiert den staatlichen Eingriff in die Informationsinfrastruktur und zeigt sich besorgt um die demokratische Integrität Deutschlands. „Was wird die Regierung von Deutschland unternehmen, um sicherzustellen dass solche Behinderungen der politischen Prozesse nicht erneut vorkommen?“ fragen die Australier. Die kanadische Piratenpartei bot umgehend technische Unterstützung durch Serverkapazitäten an.
  • Pressekonferenz: Die Piratenpartei hat einen Audio-Mitschnitt der gestrigen Pressekonferenz veröffentlicht und ein kurzes Video in dem der stellv. Bundsvorsitzende, Bernd Schlömer, die Umstände und Folgen der Beschlagnahme erklärt. Außerdem äußert er sich zur Situation der Beschlagnahme am Morgen in Offenbach und erklärt, dass die Polizei die Partei vor die Wahl gestellt habt, entweder die Server mitzunehmen oder aber den „Zugang“ dazu zu ermöglichen. Man habe sich dazu entschieden, den Zugang zu ermöglichen, was vermutlich durch die Herausgabe von Passwörtern geschah. Da für mehrere Stunden Zugriff durch Dritte auf die Systeme bestanden habe, werde es vermutlich dutzende bis hunderte Arbeitsstunden dauern bis die Integrität der Systeme wieder  sichergestellt sei. Auf die besonders gesicherte und verschlüsselte Mitgliederdatenbank, die ebenfalls im betroffenen Rechenzentrum untergebracht ist, hätten die Behörden allerdings zu keinem Zeitpunkt Zugang gehabt. Dennoch sei besondere Sorgfalt geboten, um auszuschließen, dass Schadsoftware wie ein „Bundestrojaner“ installiert worden ist und so nachträglich Zugriff auf sensible Daten erfolgen könne. Es könne weiterhin nicht ausgeschlossen werden, dass E-Mail-Kommunikation von Parteimitgliedern eingesehen werden konnte.
  • Gegenmaßnahmen: Die Piratenpartei wehrt sich gegen Server-Beschlagnahme. Neben einer Beschwerde beim Amtsgericht Darmstadt will die Partei nun eine international redundante IT-Infrastruktur aufbauen, um zukünftige Eingriffe in einzelnen Ländern zu verhindern. Die Rechtsabteilung und ein Anwalt der PIRATEN erklärten darüber hinaus, die Beschlagnahmeanordnung sei unverhältnismäßig, verstoße gegen das Übermaßverbot und sei daher rechtswidrig.
  • Anonymous meldet sich zu Wort: In einem anonymen Schreiben (auch als Video) melden sich am Samstag gegen 19 Uhr Aktivisten von Anonymous zu Wort und kritisieren die Beschlagnahme als Verletzung von Demokratie und Meinungsfreiheit. Sie bekennen sich zu den DDOS-Attacken, die die Webseiten des BKA am Freitag lahmlegten und erklärten, dass auch ihre aktuellen „Operationen“ gegen Regime z.B. im Iran beinträchtigt worden seien. Außerdem kritisieren sie Teile der Presseberichterstattung scharf, in denen behauptet worden sei, es hätten sich Angriffe gegen ein Atomkraftwerk gerichtet:

Anonymous hat am 18. April im Rahmen von OperationGreenrights lediglich die Webpräsenz von EDF mit einer Distributed-Denial-of-Service Attacke angegriffen, dabei ist es unmöglich die Kontrolle über ein Atomkraftwerk zu übernehmen oder ihm einen Schaden jeglicher Art zuzufügen. Ferner widerspricht es dem gesunden Menschenverstand, anzunehmen, dass die hochkritische Infrastruktur mit einer direkten Verbindung zum Internet betrieben wird.

  • Im Radio-Interview erklärt der von der Piratenpartei mit der Sache befasste Rechtsanwalt Emanuel Schach, dass aus dem Durchsuchungsbeschluss hervorgehe, dass bislang gar kein Ermittlungsersuchen aus Frankreich vorliegt, sondern lediglich angekündigt ist.
  • Piratenpartei-Administrator Rüdiger Pretzlaff schreibt in seinem Blog, dass das betroffene Pad schon vor Wochen gelöscht worden sei. Auch aus anderen Quellen ist zu hören, dass es bereits vor einiger Zeit ein sog. „Ticket“ zu der Sache gegeben habe.
  • Auf unsere Anfrage von Freitagmorgen erklärt die Staatsanwaltschaft Darmstadt am Montag zum Ablauf, es existiere kein eigenes Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Vielmehr sei die Staatsanwaltschaft Darmstadt nur im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens für ein fremdes Verfahren tätig geworden, so dass sie nicht Herrin des Verfahrens sei. Die Staatsanwaltschaft Paris habe sich „unter Bezugnahme auf ein justizielles Rechtshilfeersuchen mit einem dringlichen Ersuchen um Vollstreckung bestimmter Ermittlungsmaßnahmen wegen der Eilbedürftigkeit in der Sache direkt an das deutsche BKA gewendet, welches mit diesem Ersuchen aus Frankreich an die Staatsanwaltschaft Darmstadt herangetreten“ sei.  Zur Frage, ob zum Zeitpunkt der Beschlagnahmeanordnung bereits bekannt war, dass es sich beim Betreiber des Servers um eine Partei handelt und ob diese Tatsache eine Rolle bei der Abwägung des Eingriffs gespielt habe, könne keine Auskunft gegeben werden ebenso wie zur Frage, warum sich die Staatsanwaltschaft entschied, bestimmte Daten mittels einer Beschlagnahmeanordnung und nicht mittels Auskunftsersuchen an die Piratenpartei zu erlangen.
  • Nach Angaben der PiratenIT habe das BKA u.a. auch Passwort-Hashes kopiert, weshalb alle User ihre Passwörter ändern sollten.
  • Der Durchsuchungsbeschluss des Amtsgericht Darmstadt wird am Mittwochmorgen geleakt. Wir berichten hier darüber.
  • Die Piratenpartei veröffentlicht am Mittwochmorgen ihre Beschwerdeschrift (PDF), indem sie beantragt, den Beschluss aufzuheben und als rechtswidrig feststellen zu lassen. Außerdem sollen alle Gegenstände herausgegeben werden sowie gespeicherte Daten gelöscht werden. Weiterhin wird Akteneinsicht beantragt (PDF).
  • Politische Aufklärung? Die innenpolitischen und justizpolitischen Sprecherinnen der SPD-Landtagsfraktion Nancy Faeser und Heike Hofmann fordern die Landesregierung auf, zu der Beschlagnahmung Stellung beziehen. Die SPD-Fraktion habe dazu einen Berichtsantrag zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft gestellt. Fraglich seien insbesondere der zeitliche Ablauf und die Beweggründe der folgenreichen Hausdurchsuchung und Beschlagnahme.
  • Nach Mitteilung des Anwalts der Piratenpartei liege die o.g. Beschwerde nun beim Landgericht.
die Staatsanwaltschaft Paris hat sich unter Bezugnahme auf ein justizielles Rechtshilfeersuchen mit einem dringlichen Ersuchen um Vollstreckung bestimmter Ermittlungsmaßnahmen wegen der Eilbedürftigkeit in der Sache direkt an das deutsche BKA gewendet, welches mit diesem Ersuchen aus Frankreich an die Staatsanwaltschaft Darmstadt herangetreten ist.
141 Kommentare
      • gegen den Strom 20. Mai 2011 @ 13:45
  1. Simon Lange 20. Mai 2011 @ 12:07
  2. Luther Blisset 20. Mai 2011 @ 12:51
  3. georgberlin 20. Mai 2011 @ 13:12
      • georgberlin 20. Mai 2011 @ 13:38
  4. gegen den Strom 20. Mai 2011 @ 13:18
  5. Weirdo Wisp 20. Mai 2011 @ 13:32
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