Auf den PunktVideoschutz ist ein Wort aus der Hölle.

  • Martin Schwarzbeck

Liebe Leser*innen,

kennt ihr Newspeak? In George Orwells dystopischem Roman „1984“ wird mittels dieser Sprache der Gesellschaft eine gemeinsame, ständig wechselnde, rein autoritär begründete Realität aufgezwungen.

An Newspeak fühlte ich mich gestern erinnert, als mir die Berliner Polizei auf meine Anfrage nach den Maßnahmen zur Videoüberwachung antwortete, was sie alles für den Videoschutz tue. Videoüberwachung heißt in immer mehr Bundesländern jetzt Videoschutz. Da denke ich an den Schutz von Kameras. An Stacheldraht an Kameramasten. Aber nein, dass wir künftig alle bei unseren alltäglichen Verrichtungen gefilmt und diese Bilder auch noch algorithmisch analysiert werden, geschieht zu unserem Schutz – das will die Polizei damit sagen.

Im Berliner Fall haben wir es mit „KI-gestütztem Videoschutz“ zu tun. Eine Software soll erkennen, ob gerade jemand tritt, schlägt oder liegt. Letzteres ist besonders perfide. Denn am Kottbusser Tor, wo die Videoüberwachung noch in diesem Quartal beginnen soll, halten sich viele wohnungslose Menschen auf. Sie haben keinen privaten Ort, an dem sie liegen können. Sie lösen dann wohl besonders häufig Alarm in der Videoleitstelle aus.

Dass die Kameras und die Bildanalyse mich schützen, glaube ich übrigens nicht. Selbst wenn eine Straftat erfolgreich detektiert wird und eine Einheit vor Ort nach dem Rechten sieht, ist der Schaden doch schon längst geschehen. Die Amokfahrt und der Polizistenmord in Mannheim geschahen im Sichtbereich von Kameras, während eine Software das Geschehen daraufhin untersuchte, ob dort Gewalt zu sehen ist.

Aber die neue Sprache soll uns glauben machen, dass wir sicherer sind, je dichter die Überwachung gewebt wird.

Viel Spaß beim Lesen!

Martin

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Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung. Für Recherchen zur Spionage-App mSpy hat er gemeinsam mit Chris Köver 2026 den Sonderpreis Print des Datenschutz Medienpreises DAME erhalten.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042

    Foto: Darja Preuss


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