#EUvsVirus-Hackathon

Hacken in der Krise

In Zeiten der Corona-Pandemie versprechen Hackathons schnelle technische Lösungen. Doch die Erfahrungen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft zeigen: Um wirklich innovativ zu sein, braucht es mehr als kurzfristigen Aktionismus.

Laptops mit Händen
Hackathons machen Spaß und bringen Menschen zusammen – aber wo bleibt die langfristige Finanzierung für eine offene Infrastruktur? CC-BY 2.0 Sandra Schink

Nach dem WirvsVirus-Hackathon der Bundesregierung startet die EU einen eigenen Online-Hackathon: 60.000 Teilnehmende aus ganz Europa werden kommendes Wochenende beim EUvsVirus-Hackathon erwartet. Von Freitag bis Sonntag sollen die Teilnehmenden technische Lösungen für Probleme rund um die Corona-Pandemie entwickeln: Wie kann medizinische Schutzausrüstung schnell produziert und wie kann Wissen zwischen Ländern ausgetauscht werden?

Die besten Teams sollen über den Europäischen Innovationsrat Coaching und Finanzierungsmöglichkeiten bekommen. Mit dem Hackathon will sich die Europäische Kommission auch mit „Innovatoren, Machern und Start-ups“ vernetzen.

Hacken für’s Gemeinwohl

Der EUvsVirus-Hackathon fällt in die Kategorie der „Civic Hackathons“, erklärt Codrina Lauth, Wissenschaftlerin am bayerischen Forschungsinstitut für softwareintensive Systeme. Für ihre Dissertation hat sie mehr als 400 unterschiedliche Hackathon-Formate identifiziert. Dabei hat sie untersucht, wie Hackathons in traditionellen Industrieunternehmen eingesetzt werden können.

Civic Hackathons zeichnen sich laut Lauth durch ihre Offenheit aus: Nicht nur Programmierer:innen machen hier mit, sondern auch Menschen mit sozialwissenschaftlichem oder wirtschaftlichem Hintergrund. Das Ziel sei es, möglichst großen „Impact“ zu erzielen, also etwas Konkretes zu erreichen.

Nachhaltigkeit ist messbar

Wie einflussreich und wie nachhaltig eine Lösung ist, könne man messen, erklärt Lauth. Das geht deutlich über das eigentliche Hackathon-Wochenende hinaus: „Wenn man sich anschaut, wie viele Hackathon-Ergebnisse langfristig implementiert sind, merkt man: Manche wahnsinnig interessanten Ideen wurden zuerst gar nicht richtig beachtet, aber nach einem halben Jahr ist das der Renner“, so Lauth.

Häufig würden allerdings immer wieder dieselben Hackathon-Formate angeboten, auf denen auch ähnliche Anwendungen entstehen. Zwar bewerben die Teams ihre Apps während des Hackathons als „nachhaltig“, um sich selbst in Szene zu setzen, die Ergebnisse aber würden nicht wirklich weiterverfolgt. Jürgen Vollmer von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ergänzt: „Etwa 70 Prozent der Softwarekosten sind Wartung und Pflege – und eben nicht Neuentwicklung“. Genau dafür fehlen aber häufig Fördergelder.

Mehr ist nicht unbedingt besser

Der WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung setzte vor allem auf Schnelligkeit. Die Idee für das Programmierwochenende entstand nur fünf Tage vor der Umsetzung Ende März. In kürzester Zeit mussten die Organisator:innen fast 43.000 Anmeldungen koordinieren. Trotzdem würde sie die Organisation genauso nochmal machen, erklärt Anna Hupperth von Tech4Germany, einer von sieben Initiativen hinter dem Hackathon.

„Es muss gut durchdacht sein, welche Rollen in einem Team vorhanden sind“, sagt Hupperth. „Jede Teilnehmerzahl ist handhabbar, wenn man entsprechend auch viele Moderatoren und Mentoren hat, die die Teilnehmer managen.“ Beim WirVsVirus-Hackathon haben knapp 3.000 Mentor:innen die Teilnehmenden unterstützt und rund 1.000 Moderator:innen die digitalen Kanäle koordiniert. Wenn die Betreuung stimmt, sieht Hupperth kein Problem darin, dass beim EUvsVirus-Hackathon rund 60.000 Teilnehmende erwartet werden.

Bisher alles ehrenamtlich

An dem Wochenende entstanden mehr als 1.000 Projekte, von denen 130 ausgewählt wurden, um sie in verschiedenen Umsetzungsprogrammen weiter zu unterstützen, wie wir bereits berichtet haben. Geld ist allerdings auch fast vier Wochen nach dem Hackathon noch keines geflossen, berichtete Tagesspiegel Background.

Laut Hupperth sind die Organisator:innen des Hackathons weiterhin im Gespräch mit den Gruppen, um sie zu betreuen und ihnen auch Expert:innen an die Seite zu stellen. Außerdem sollen die ersten Projekte jetzt über das bestehende Förderprogramm „Prototype Fund“ finanziert werden, sagt dessen Leiterin Adriana Groh, die auch an der Organisation von WirvsVirus beteiligt war.

Hierbei bekommen Open-Source-Projekte drei bis sechs Monate Geld vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – wovon jetzt auch zusätzlich Projekte aus dem WirVsVirus-Hackathon profitieren könnten. Das Ministerium prüft noch, welche Projekte dafür infrage kommen. Der „Prototype Fund“, der von der Open Knowledge Foundation betreut wird, eigne sich vor allem, weil hier bereits Infrastruktur bestehe. Außerdem will laut Tagesspiegel Background das Kanzleramt eine „fünfstellige Summe“ bereitstellen.

Pandemie als Ausnahmesituation

Wissenschaftler warnen vor zu hohen Erwartungen an einen Hackathon. Der könnte nämlich „keinen vollständigen Entwicklungsprozess einer komplexen Software ersetzen“, betonen praxisbezogene Forscher wie Daniel Görlich von der SRH Hochschule Heidelberg. Sinnvoll seien Hackathons viel mehr, um schnell verschiedene Lösungsansätze für ein Problem zu sammeln und Prototypen zu bauen.

Ein Hackathon wie WirvsVirus kann in Zeiten der Corona-Pandemie eine Notlösung sein, betont Groh. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ist für sie wichtig, dass die Lösungen möglichst schnell umgesetzt werden können – „aber wirklich nur in diesem einen Fall für diesen einen Hackathon!“ Weil sich die Situation aktuell sehr schnell ändere, könne niemand sagen, welche Tools in drei Monaten gebraucht würden. Deshalb steht für Groh Nachhaltigkeit ausnahmsweise an zweiter Stelle.

Erst die Architektur, dann die App

Sonst sieht sie das anders und macht deutlich, wie wichtig nachhaltige Infrastrukturen sind: „In einer idealen Welt haben wir eine freie, dezentrale Infrastruktur und offene Schnittstellen und dann kommt eine Coronakrise und man kann super dezentral mit freier Software arbeiten. Aber so ist es nicht.“ Das frustriert auch die Ehrenamtlichen der Open Knowledge Foundation. Zwar sehen sie, dass schnelle Lösungen gerade notwendig sind – aber gerade deshalb pochen sie auf offene Datenbanken und Schnittstellen.

Nur wenn Daten unter einer offenen Lizenz verfügbar sind, können Anwendungen darauf aufbauen. Wer also in seiner App Daten sammelt, sollte die auch wieder zur Verfügung stellen: Wenn Läden beispielsweise ihre Adresse und Öffnungszeiten in eine App eintragen, sollten diese Daten frei lizensiert und damit etwa kompatibel mit OpenStreetMap sein. Nur so können sie sinnvoll genutzt werden und gehen auch nicht verloren, wenn eine App nicht mehr genutzt wird.

Mit Wissen zu echter Innovation

Innovation entstehe auch daraus, dass man Bekanntes immer wieder neu zusammensetzt, erklärt Wissenschaftlerin Codrina Lauth. Dass ein Hackathon kaum die Möglichkeit bietet, sich intensiv mit bestehenden Projekten zu beschäftigen, um darauf aufzubauen, versteht auch Groh: „Dann ist es einfach Realität, dass Teilnehmende nicht einen halben Tag lang studieren, was es schon gibt.“

Allerdings könne man Gelegenheiten wie den EUvsVirus-Hackathon nutzen, um bestehende Ideen zusammenzutragen und auf diesen aufzubauen. Der europäische Hackathon bietet an, Projekte aus den bisherigen Veranstaltungen weiterzuentwickeln. Willkommen sind dabei auch proprietäre Lösungen. Das widerspricht den Forderungen aus der Zivilgesellschaft, die sich mit mehr als sechzig unterzeichnenden Initiativen in einem offenen Brief unter anderem für den Grundsatz „Öffentliches Geld, Öffentliches Gut“ als Konsequenz aus der Krise ausspricht. Mit öffentlichen Mitteln solle nur Software unterstützt werden, die offen zugänglich und weiterverwendbar ist.

Langfristige Begleitung sichert Qualität

Wissenschaftlerin Lauth vermisst begleitende Forschung. Dadurch verlören die Ergebnisse an Qualität: „Ich merke auch die Tendenz der Jury, dann Leute zu nehmen, die am meisten Werbung für sich machen. Und dann merke ich, dass die Formate immer wieder die gleichen sind. Da muss man schon aufpassen, von wem man was angeboten bekommt und in welchem Umfeld sich ein Hackathon abspielt“, so Lauth. Das sehe man bei vielen Hackathons: „Manche Teams sind schon eingespielt, haben die Lösung schon parat, suchen drei neue Leute und bieten dann immer wieder die Lösung an, die sie bei den letzten zehn Hackathons auch schon angeboten haben.“

Digitalisierung braucht mehr als einen Hackathon

Einig sind sich alle: Ein Hackathon ist eine gute Möglichkeit, um andere Menschen kennenzulernen, Netzwerke aufzubauen, gemeinsam an Projektideen zu arbeiten und voneinander zu lernen. Trotzdem können die Ergebnisse der Hackathons die klaffenden Lücken in der digitalen Infrastruktur nur behelfsmäßig stopfen. Nach der Krise braucht es langfristigere Strukturen.

Wer Digitalisierung wirklich vorantreiben will, darf nicht auf schnelle Innovationsversprechen setzen, sondern muss langfristig Wissen und Expertise ins eigene Haus holen und die Zivilgesellschaft einbeziehen. Die Ansätze aus dem Civic-Tech-Bereich und auch die Projekte aus dem WirVsVirus-Hackathon zeigen: Es gibt gute Ideen, die müssen aber langfristig und zuverlässig finanziert werden.

Offenlegung: Die Autorin ist selbst in mehreren Projekten der Open Knowledge Foundation Deutschland ehrenamtlich aktiv, unter anderem bei Code for Germany. Weder an einem der erwähnten Hackathons noch an Veröffentlichungen dazu war sie allerdings beteiligt.

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