Twitter möchte das Internet grundlegend reformieren. Der Konzern will einen quelloffenen und dezentralisierten Übertragungsstandard für soziale Netzwerke finden. „Das Ziel von Twitter ist es, am Ende ein Client für diesen Standard zu werden“, kündigte Twitter-Gründer Jack Dorsey heute an.
Das Internet, wie wir es kennen, baut auf offenen Protokollen auf: etwa http für Webseiten und SMTP für E‑Mail. Doch der Aufstieg von Plattformen wie Facebook verschob einen großen Teil der Online-Kommunikation in geschlossene Netzwerke, die auf der Infrastruktur nur eines einzigen Betreibers laufen.
An dem Prinzip, auch als Walled Garden bekannt, wird immer öfter Kritik laut. Doch Versuche, Alternativen zu etablieren, finden bisher wenig Anklang. Das soziale Netzwerk Mastodon, das auf dem offenen Standard ActivityPub aufbaut, ist etwa in Europa und den USA kaum bekannt.
In Europa überlegt die Politik, große Betreiber wie Facebook und Google zur Öffnung zu zwingen. Solche Vorschläge gab es etwa von der damaligen Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD).
Die EU-Kommission beschrieb in einem Arbeitspapier zur digitalen Wettbewerbspolitik die „volle Protokoll-Interoperabilität“ als mögliches Werkzeug, Kommissarin Margrethe Vestager äußerte bei der re:publica Sympathien für den Gedanken. Er erhält auch Unterstützung von NGOs wie European Digital Rights.
Twitter möchte ein kleines Team von fünf Entwicklern schaffen, die in den kommenden Jahren an dem Projekt arbeiten sollen. Das ist bei rund 4,300 Twitter-Mitarbeitern recht überschaubar dimensioniert.
Noch ist laut Angaben von Dorsey nicht klar, ob Twitter einen existierenden offenen Standard vorantreiben oder einen völlig neuen aufbauen möchte. Das neue Team solle transparent und im Einvernehmen mit der Zivilgesellschaft, Forschern und interessierten Unternehmen vorgehen. Das werde „Jahre dauern“, so Dorsey.
Dorsey: Algorithmus schlägt Plattform
Twitter ist mit zuletzt 139 Millionen täglich Nutzenden deutlich kleiner als Facebook, Instagram oder selbst TikTok. Die Plattform sei nach ihrem Start 2006 als möglicher Standard für ein dezentralisiertes Netzwerk gesehen worden, schrieb Dorsey. Die Firmenleitung habe sich damals aber zur Zentralisierung entschieden.
Diesen Schritt stellt der Twitter-Gründer nun scheinbar in Frage. Dorsey nennt mehrere mögliche Vorteile eines dezentralen Netzwerkes. Eine zentralisierte Plattform habe etwa zu viel Mühe damit, einen einheitlichen Ansatz gegen Missbrauch und irreführende Information zu finden.
Dorsey spielt damit auf die Debatte über die Inhalte-Moderation auf Plattformen an. Facebook und YouTube, aber auch Twitter wird vorgeworfen, die Verbreitung von Hetze, Desinformation und politischen Lügen zu begünstigen.
Der Wert sozialer Medien liegt aus Sicht des Twitter-Gründers immer weniger in der Plattform selbst und immer stärker in ihren Empfehlungsalgorithmen. Dorsey schreibt: „Leider sind die Algorithmen typischerweise Privateigentum und es ist nicht möglich, Alternativen zu wählen oder zu bauen. Bisher.“
Die Worte des Twitter-Chefs können als politische Kampfansage an Facebook und Google verstanden werden. Die Konzerne monopolisieren mit ihren Plattformen praktisch den Markt für Online-Werbung, ein Ausbruch aus ihrem Ökosystem ist für viele Nutzer nicht denkbar.
Dezentrale Netzwerke würden eine Rückkehr zum Internet der Protokolle, nicht jenem der Plattformen bringen. Das erlaube mehr Wettbewerb und mehr Innovation, schreibt der Chefredakteur des einflussreichen Online-Magazins Techdirt, Mike Masnick, in einem Beitrag, den Dorsey in seinem Thread teilte.
Chance für die Drittbesten
Wenn mit Twitter ein kleinerer, aber relevanter Akteur eine Alternative schafft, könnten andere Konzerne dem Weg folgen. Sie könnten damit ein Modell bauen, dass Gesetzgebern den Schritt hin zu rechtlich verpflichtender Interoperabilität erleichtert.
Für Twitter selbst bringt das klare Vorteile: Denn in einem dezentralen Netzwerk habe Twitter Zugang zu einem „größeren Korpus der öffentlichen Debatte“, schreibt Dorsey. Die Firma könne sich darauf konzentrieren, offene Empfehlungsalgorithmen zu bauen, die eine „gesunde Debatte vorantreiben“.
Praktisch würde das auch bedeuten: Twitter wäre ein finanzkräftiger, agiler Akteur in einem viel größeren Teich. Zugleich ließe sich die mühsame Verantwortung für Hate Speech, Desinformation und politische Werbung bequem in das dezentrale Netzwerk auslagern oder zumindest innerhalb diesen entschärfen.
