Demokratie

CoopCycle: Ein Open-Source-Bündnis vernetzt Lieferkollektive in ganz Europa

Deliveroo zog sich praktisch über Nacht aus Deutschland zurück. Rund tausend Fahrer verloren ihren Job. Ex-Mitarbeiter wollen nun ein selbstverwaltetes Kollektiv gründen. Starthilfe bietet ihnen eine Plattform, die in einigen Städten Europas bereits Erfolge feiert.

Ein Lastenfahrrad in schneidiger Kurve
Viele der CoopCycle-Kollektive liefern nicht nur Essen, sondern auch Lasten aus. CC-BY 2.0 Carlos Felipe Pardo

Als Deliveroo vergangenen Monat ankündigte, sich innerhalb von fünf Tagen aus Deutschland zurückziehen zu wollen, standen eintausend Fahrerinnen und Fahrer fast ohne Vorwarnung auf der Straße. Schon in den Monaten davor gab es Überlegungen, sich zu einem selbstverwalteten Kollektiv zusammenzuschließen. Die Gespräche nehmen nun Fahrt auf.

Von Anfang an mit dabei: Jérôme Lühr, ein Vertreter von CoopCycle, einem Netzwerk von Kurierkollektiven. Über zwanzig Kollektive aus vier Ländern haben sich unter diesem Namen zusammengeschlossen, um eine bessere Chance gegen die internationalen Liefergiganten zu haben. Aber was macht CoopCycle genau – und wie stehen die Erfolgschancen?

Gestartet als Hobbyprojekt

Gegründet wurde CoopCycle im Sommer 2016. Damals erfuhr der Entwickler Alexandre Segura von einem Verwandten, dass dieser unfreiwillig ein paar Tage umsonst für ein belgisches Liefer-Start-Up gearbeitet hatte, das bankrott ging. Dieses Scheitern inspirierte den Programmierer. „Ich entschied mich, diese Art von Plattformen zu klonen, nur aus Spaß, als Denksport“, sagte Segura zu netzpolitik.org.

Seine Lieferplattform veröffentlichte Segura auf GitHub – frei benutzbar und öffentlich zugänglich. Damit kann jede nachvollziehen, wie die Plattform Aufträge an Kuriere vergibt. „Denn eins der Probleme dieser Plattformen ist, dass Algorithmen, die über die Organisation von Arbeit entscheiden, undurchsichtig sind“, so Segura.

Von den entlassenen Faher:innen erfuhr der Programmierer dann das erste Mal von der Idee einer Kooperative. „Also bin ich der Facebook-Gruppe beigetreten, in der die Fahrerinnen sich organisiert hatten. Und ich habe ihnen gesagt, wenn sie eine Kooperative gründen wollen, könnte ich die Technologie liefern“, sagte Segura. Danach wären noch einige Freunde beigetreten, die er bei Demonstration für Arbeitsrechte kennengelernt hätte, „wir haben eine Non-Profit-Organisation gegründet, um ‚offizieller‘ zu sein und seitdem haben wir nicht aufgehört.“

Bündelt Wissen, Geld, Verhandlungen

„Das heutige CoopCycle ist eine Kooperative der Kooperativen, funktioniert als umspannend auf internationaler Ebene ungefähr so wie auf lokaler Ebene unser Kollektiv funktioniert – mit geteilten Arbeitsgruppen, Stimmrechten und eben kooperativer Arbeit“, sagte Jérôme zu netzpolitik.org. Er fährt für das Berliner Crow Kollektiv CCCC, das CoopCycle Mitte 2018 beitrat. „Wir sind seitdem auch auf den internationalen Treffen präsent und versuchen, möglichst aktiv an der Gestaltung dieses zukunftsträchtigen Netzwerks zu arbeiten“, so Jérôme.

Denn die Föderation, so die offizielle Bezeichnung, umfasst bei weitem nicht nur die gemeinsame Plattform. Auch Versicherungen und juristische Angelegenheiten werden zusammen verhandelt, Geld von Förderungen – letztes Jahr zum Beispiel von der Stadt Paris – wird geteilt. Für diese Leistungen bezahlen die Kooperativen einen Anteil ihrer Umsätze an die Föderation.

Noch gibt es Probleme beim Austausch von Wissen zwischen den Kooperativen: „Bisher konnten wir nicht hilfreich genug für Projekte sein, die gerade am Starten waren“, sagte Segura selbstkritisch. Fahrer:innen müssten sich immer noch selber organisieren und eigene erste Schritte machen – in der Tat traten einige der aktuellen Mitglieder erst nach Jahren der Eigenständigkeit bei. Der Plan sei aber, eine Art „Inkubator“ für Kooperativen zu werden, so Segura.

Kundenbindung gegen Onlinewerbung

Außerdem könnte auch die Marke CoopCycle einmal wertvoll sein. Denn die lokalen Lieferdienste bauen auf ihren etablierten Kontakten zu Restaurants und Kunden auf – „Essen liefern ist etwas lokales“, so Segura. Aber das CoopCycle-Logo, ein umrahmtes rotes Zahnrad, könnte zu einer Art Gütesiegel werden. Kundinnen in andere Städte reisen und sich auch dort darauf verlassen, sozial verträglich beliefert zu werden.

Auf diese Kundinnen wird CoopCycle sich zum Wachsen wahrscheinlich auch verlassen müssen: „Wenn du ‚Ich bin hungrig‘ bei Google eingibst, dann ist das erste Ergebnis nicht CoopCycle“, so Segura. Bei der heiß umkämpften Onlinewerbung kann die Föderation nicht gegen kommerzielle Lieferdienste antreten und will sich stattdessen auf lokale Werbung – Plakate, Flyer, Mund-zu-Mund – verlassen.

Schwerpunkt sind Frankreich und Belgien

Auch heute noch stammen die meisten der Kollektive aus französischsprachigen Gebieten – aber nicht nur aus Paris oder Brüssel, sondern auch aus mittelgroßen Städten wie Lille, Montpellier oder Carpentras in der Provence.

Längst wirft die CoopCycle seine Netze auch viel weiter aus, erzählt Jérôme: „Es gibt aber mittlerweile Verbindungen nach Italien und nach Großbritannien, aber auch nach Kanada und sogar Südamerika.“

Dennoch setzt CoopCycle nicht auf Expansion um jeden Preis. Denn der Code ist zwar öffentlich zugänglich, hat aber eine besondere Lizenz, die Segura selbst als „antikapitalistisch“ bezeichnet: Benutzen dürfen die Plattform nur Kollektive, die die Werte von CoopCycle teilen und in die Föderation aufgenommen wurden. „Ein klares Credo in gemeinsamen Werten ist extrem wichtig“, sagte auch Jérôme zu netzpolitik.org.

Ein schwarz gekleideter Fahrradkurier zoomt durch den New Yorker Times Square, aber den erkennt man nicht so wirklich
Die Föderation bringt Fahrerinnen und Informatiker zusammen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Brett Jordan

Auch in Barcelona wird ein Kollektiv aufgebaut

In Barcelona formiert sich gerade ein neues Mitglied der Föderation. Dort wollten sich Fahrerinnen von Deliveroo und Glovo letztes Jahr gewerkschaftlich organisieren – und wurden gefeuert. Wie in Berlin hatte es bereits seit längerem Gespräche über die Gründung einer Kooperative gegeben, und so dauerte es nur vier Monate, bis im letzten August Mensakas den Betrieb aufnehmen konnte.

„Wir haben nicht von Anfang an mit CoopCycle gearbeitet“, sagte Oriol Alfambro Serrano zu netzpolitik.org. Er ist ein Fahrer bei Mensakas und war bei einem der Treffen der Berliner ex-Deliveroo-Fahrerinnen dabei. Dort berichtete er, dass Entwickler momentan an einer eigenen App zur Kommunikation bauten. Aber: „Es war wahrscheinlich ein Fehler, nicht mit CoopCycle anzufangen, denn es ist schon eine funktionierende Plattform.“

Trotzdem soll die App dieses Jahr noch fertiggestellt und dann auch benutzt werden. Die Plattform von CoopCycle wollen sie trotzdem benutzen – für die Bestellungen. Denn momentan bekommen die Mensakas-Kuriere ihre Aufträge direkt von den Restaurants zugeteilt. Die Ex-Deliveroo-Fahrer hatten dafür ihre alten Kontakte zu den Betreibern genutzt. Mit CoopCycle wollen sie nun auch selber einer Webseite anbieten, auf der Kunden bestellen können.

Klappt Berlin?

Mensakas beschäftigt momentan 25 Fahrerinnen – allein in Berlin haben aber um die 800 Deliveroo-Fahrer ihren Job verloren. Davon sind zwar nicht alle an der Gründung einer Genossenschaft interessiert, trotzdem dürfte eine so plötzliche Ausweitung schwierig werden.

Eine Kooperative aufzubauen, brauche „eine lange Zeit, eine Menge unbezahlte Arbeit, eine Menge Aufwand“, sagte der niederländische Forscher Niels van Doorn zu netzpolitik.org. Der Medienkulturwissenschaftler erforscht die Kurierszenen von Amsterdam, New York und Berlin, wo er bis vor kurzem selber als Fahrer gearbeitet hat. Er glaubt nicht an die Vision einer Kooperative – wenn sie überhaupt kommt: „Ich bin einfach nicht optimistisch, dass es funktionieren wird.“

Jérôme dagegen ist zuversichtlich: „Ich glaube, gerade in Berlin ist ein sehr guter Nährboden für eine solche Organisation. Es gibt viele kreative und schaffenswillige Menschen unter den Kurier:innen, aber auch auf Seite der potentiellen Kundschaft und der Restaurants dürfte die Motivation hoch sein – die Vorteile liegen auf der Hand: es wird endlich wieder zwischen Menschen kommuniziert. Die Technologie ist der Diener, nicht andersrum.“

Die Kooperativen schauen mit vorsichtiger Zuversicht in die Zukunft. „Unser Wachstum ist konstant, aber immer noch fragil“, antwortete ein belgisches Kollektiv auf Anfrage von netzpolitik.org, ein anderes sieht eine „gute Wachstumsperspektive für die kommenden Jahre“. Und eins hat CoopCycle den kommerziellen Diensten voraus: Bisher hat noch keine der Kooperativen mit dem Liefern aufgehört.

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