Demokratie

Deliveroo und die Plattformökonomie: Jetzt braucht es staatliche Förderung für Alternativen

Deliveroo zeigt mit dem überstürzten Rückzug aus Deutschland, wie wenig die Plattformökonomie für die da ist, die sie erst möglich machen. Einige aus der Ex-Belegschaft denken darüber nach, eine selbstverwaltete Alternative aufzubauen. Das Land Berlin sollte sie dabei unterstützen und auch andere digitale Genossenschaften mit einem eigenen Coop-Fund fördern.

Der Fall Deliveroo zeigt erneut: Die Politik sollte den Visionär:innen, die sich schon länger für Vielfalt in der Digitalwirtschaft einsetzen, jetzt die Hand reichen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Danielle MacInnes

Der Lieferdienst Deliveroo hat den Plattform-Kampf in Deutschland verloren und zeigt denjenigen, die das Geschäft ermöglichten, nun die kalte Schulter. Am Freitag zieht sich das Unternehmen, das weltweit in 200 Städten aktiv ist, aus dem deutschen Markt zurück und kündigt zum Abschluss eine kleine Zahlung an die Beschäftigten an. „Jetzt fällt erst mal die Existenzgrundlage weg“, sagte einer der rund 1000 Arbeitnehmer:innen Subunternehmer:innen.

Die Plattformökonomie zeigt sich in solchen Momenten von ihrer brutalen Seite, die mit der Erzählung von finanzieller Unabhängigkeit und zeitlicher Selbstbestimmung nur notdürftig verdeckt wurde. Dabei gibt es Alternativen. Einige der Fahrer:innen wollen einen selbstverwalteten Lieferdienst aufbauen. Schnell wurden auf Twitter Wünsche an die Politik laut: Sie solle der Belegschaft beim Aufbau ihrer selbstverwalteten Plattform unter die Arme greifen.

Das bleibt bisher leider eben das – ein Wunsch. Vielfalt und echte Alternativen in der Plattformökonomie ist bei den Regierungen in Deutschland bisher kaum ein Thema. Die Wirtschaftspolitik bleibt ausgerichtet auf Start-Up-Förderung, Wachstumsförderung und Risikokapital. Das war im Koalitionsvertrag der Großen Koalition auf Bundesebene so. Das ist auch der Fall bei dem, was bisher über die Berliner Digitalstrategie bekannt ist, die die Senatsverwaltung für Wirtschaft entwickelt.

Das problematische Geschäftsmodell solcher IT-Unternehmen und die sozialen Folgen des „The Winner Takes It All“, die nun im Fall Deliveroo wieder zutage treten, wird mit der derzeitigen Politik zum Standardmodell. Was Lieferando jetzt geschafft hat, den letzten Konkurrenten auszuschalten, davon träumt fast jedes Start-Up. Das Ziel ist, im eigenen Bereich zum Platzhirsch zu werden, um von den Netzwerkeffekten zu profitieren. Der gnadenlose Konkurrenzkampf wird nicht selten auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen.

Mitbestimmung am Arbeitsplatz – auch mit Software

Die Ex-Deliveroo-Fahrer:innen könnten von einer Idee inspiriert sein, die mittlerweile in ganz Europa Unterstützer:innen gewinnt. Unter dem Namen Coopcycle wird seit einiger Zeit an einer eigenen genossenschaftlichen Plattform für Liefer- und Kurierfahrer:innen gearbeitet. Sie ist Teil einer wachsenden internationalen Bewegung, die Genossenschaften in das digitale Zeitalter holen will. Die Grundregeln sind so simpel wie erprobt: Genoss:innen haben ein Stimmrecht, sie entscheiden gemeinschaftlich über die Satzung, den Zweck und die Mittel der Unternehmung.

Neu daran ist der technische Ansatz. Bei Coopcycle wird die Software von den Genoss:innen entwickelt und verwaltet. Sie steht unter einer neuartigen Lizenz, ihr Quellcode ist auf Anfrage auf Github einsehbar. Das kann Schluss machen mit den intransparenten algorithmischen Verfahren, derer sich Deliveroo hier so gerne bediente, um die Fahrer:innen zu mehr Leistung anzutreiben. Außerdem steht die Software anderen Kollektiven, die Technikinteressierte und Nerds unter sich wissen, zur Anpassung bereit – vorausgesetzt, sie organisieren sich auch als Genossenschaft.

Vielen genossenschaftlichen Plattformen widerstrebt es, die Daten ihrer Nutzer:innen Genoss:innen zu verkaufen. Gibt es einen internen Konsens, dann können sie sich das selber verbieten. Und wer möchte stimmberechtigtes Mitglied in einer Organisation sein, die Kundendaten zu Werbezwecken weitergibt, wie Deliveroo es offen tut?

Der Ansatz „Lex AirBnB“ ist nicht genug

Die Plattformökonomie zu regulieren ist nicht leicht. So verabschiedete etwa der Berliner Senat 2014 mit dem Zweckentfremdungsverbot ein Vorhaben, das unter dem Namen „Lex AirBnB“ Bekanntheit erlangte. Im Juni dieses Jahres, fünf Jahre später, veröffentlichte AirBnB dann erstmals eigene Zahlen aus Deutschland. In Berlin gibt es immer noch 2400 Wohneinheiten, die profitabel als Ferienwohnungen betrieben werden. Die Genehmigungspflicht sowie die angedrohten Strafen scheinen nicht alle abzuschrecken. Der Kontrollaufwand, der nötig wäre, um die restlichen Wohnungen aufzuspüren, ist ohnehin nicht zu stemmen, solange AirBnB nicht kooperiert.

Beim genossenschaftlichen Gegenprojekt FairBnB fließen 50 Prozent der Vermittlungsgebühr in soziale Projekte im Stadtteil, die Genoss:innen entscheiden zusammen mit Bürger:innen, wohin genau. Auch mit der Stadtverwaltung will FairBnB zusammenarbeiten, freiwillig Transparenz über die tatsächlichen Zahlen herstellen und selbst darauf achten, dass eine Wohnung nicht mehr als 90 Tage im Jahr vermietet wird.

Doch die Macher, die dezentral in den Niederlanden, Italien, Kanada und anderswo an dieser Vision arbeiten, hatten mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen. Die 100.000 Euro, die sie vor Jahren aus ihrem Privatvermögen sammeln konnten, reichten gerade so aus, um den Prototyp einer Plattform zu entwickeln. Jetzt im September geht FairBnB in ausgewählten Städten an den Start. In Berlin gibt es bisher acht Angebote. Das könnte ganz anders aussehen, hätte es früher staatliche Unterstützung und eine solide Anschubfinanzierung gegeben.

Es ist Zeit für Alternativen

Spätestens jetzt braucht es diese Förderung. Dabei reicht es nicht, die bestehenden, meist auf Start-Ups zugeschnittenen Förderprogramme auszuweiten. Es braucht einen eigenen Coop-Fund und eigene Experimentierräume, die dem Ansatz auch Prominenz und Bedeutung in Politik und Verwaltung zuweisen. Es braucht auch Unterstützung bei den bürokratischen Hürden, mit denen die Gründer:innen einer digitalen Genossenschaft sich unweigerlich beschäftigen müssen.

In Berlin wird momentan ein Experimentierraum nach dem anderen angekündigt. Die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop lobte gerade erst die „Urban Tech Republic“, die auf dem heutigen Flughafen Tegel entstehen soll: „Für die erfolgreiche Entwicklung einer Start-up- und Gründerszene braucht man Hochschulen und Forschungseinrichtungen am Standort, Gründungs- und Innovationszentren sowie ein Technologiezentrum mit kostengünstigen Büroflächen sowie Laboren für Tech-Start-ups.“

Dabei geht unter: Diese Start-Up und Gründerszene gibt es in Berlin längst, wie man unter anderem im letzten Konjunkturbericht nachlesen kann. Alternativen haben es dagegen noch schwer. Sie sind auf unsichere Finanzierungsmodelle wie Crowd-Funding oder gleich das Privatvermögen der Gründer:innen angewiesen. Wenn der Staat jetzt nicht anfängt, in großem Stil Alternativen zu fördern, dann wird es in zehn Jahren kaum digitale Plattformen geben, die auch lokalen Strukturen und den Bürger:innen vor Ort nützen.

2 Ergänzungen
  1. Ich verstehe hier ehrlich gesagt den Zusammenhang nicht.

    Deliveroo steigt aus dem deutschen Geschäft aus, weil es hoch defizitär ist. Trotz massiver Scheinselbständigkeit und niedrigen Stundensätzen verdient niemand Geld, auch Konkurrent Delivery Hero nicht. Steigen die Preise, nehmen die Kunden die Dienstleistung aber nicht mehr in Anspruch. Daran ändern auch Kooperativen oder andere Algorithmen nichts. Und wie genau soll denn die Unterstützung durch den Staat aussehen? Subventionen auszahlen damit diese einfach verbrannt werden können? Scheinselbstständigkeit legalisieren?

    Das hat alles nichts mit digital, Innovationen etc. zu tun, und ist auch nicht mit AirBnB vergleichbar. Es sind einfach schlechte Geschäftsmodelle, welche nur durch Investoren und schlechte staatliche Regulierung überleben können. Wie bei Uber (5 Milliarden Verlust im letzten Quartal, 35% jeder Fahrt wird von Investoren subventioniert)

    1. Zitat: „Es sind einfach schlechte Geschäftsmodelle, welche nur durch Investoren und schlechte staatliche Regulierung überleben können.“

      Wie sich doch der Sprachgebrauch im Wandel der Zeit ändern kann. Während Investoren vor einigen Jahren noch mit Attributen wie „klug“ und „weitsichtig“ beschenkt wurden, so kamen auch solche wie „gierig“ und „skrupellos“ hinzu. Nun denkt man bei Investoren schon als Retter für „schlechte Geschäftsmodelle.“

      Bleibt die Frage, was Investoren mit zu viel Geld derzeit so antreibt?

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