Öffentlichkeit

Arbeitskampf: Gekündigte Deliveroo-Fahrerinnen organisieren sich

Die Berliner Deliveroo-Fahrer beraten, wie sie mit ihrer Kündigung umgehen sollen. Der Lieferdienst hatte am Montag angekündigt, sich aus Deutschland zurückzuziehen. Die Frist ist zu kurz, die ausgezahlten Entschädigungen zu niedrig, beklagen die Fahrerinnen. Einige wollen eine Alternative gründen und selbstverwaltet weitermachen.

Zwei Lastenfahrräder fahren aneinander vorbei.
Vielleicht bald in anderen Farben unterwegs: Manche der Entlassenen von Deliveroo wollen eine Genossenschaft gründen. CC-BY-ND 2.0 despacio .

Am Montag kündigte Deliveroo an, sich noch diese Woche aus Deutschland zurückziehen zu wollen. Da zeigte die Webseite noch Jobangebote für das Berliner Büro an, die es schon nicht mehr gab. Und auch viele Fahrerinnen hatten erst wenige Minuten vorher eine Mail erhalten, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass sie ab Freitag arbeitslos sein würden.

„Jeder bei Deliveroo weiß eure harte Arbeit sehr zu schätzen“, stand darin. „Als Geste des guten Willens“ wolle man allen Fahrern die noch ausstehenden Gehälter und zusätzliche 24 Tagesgehälter als Entschädigung auszahlen. Fahrer werden eigentlich pro Lieferung bezahlt, die Tagesgehälter sollen auf Basis der durchschnittlichen Zahlungen der letzten drei Monate berechnet werden.

Fahrerinnen wollen sich erst beraten lassen

Für einen Großteil der Lohnfortzahlung gibt es aber eine Bedingung: 14 der 24 Tagesgehälter sollen erst dann ausgezahlt werden, wenn die Fahrerinnen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie auf alle sonstigen Ansprüche verzichten. Sie könnten dann nicht mehr gegen Deliveroo klagen, auch die Rückerstattung sonstiger Beträge wie Kautionen auf Ausrüstung wäre fraglich.

Viele Fahrer hätten sich deshalb darauf geeinigt, den Vertrag zunächst nicht zu unterzeichnen, erzählt Christopher M. im Gespräch mit netzpolitik.org. Der Mittzwanziger arbeitet derzeit noch bei Deliveroo in Berlin. Morgen wollen sich die Fahrerinnen von einem Anwalt beraten lassen, was genau sie hier unterschreiben würden.

Außerdem gibt es Beschwerden über die Ausrechnung der Abfindungszahlungen: In einem Fall will Deliveroo beispielsweise 403 Euro zahlen, 890 Euro müssten es laut Nachrechnung der Fahrerinnen sein, so Christopher. „Dieses ganze Angebot ist lediglich ein Versuch, sich weniger schlecht darzustellen und hilft keinem Menschen. Wir brauchen viel mehr Zeit, um neue Jobs zu finden“, sagt er zu netzpolitik.org. Viele seiner Kolleginnen würden entgegen üblicher Vorstellungen hauptberuflich als Fahrer arbeiten, oft ausschließlich bei Deliveroo. Davon müssten sie Wohnung, Leben und Familie bezahlen.

Um die Kündigungsfrist zu umgehen, werden keine Aufträge mehr verteilt

Die Kündigung mit gerade einmal fünf Tagen Vorwarnung ist nur möglich, weil die Fahrerinnen freiberuflich beschäftigt sind. Gegen die Arbeitsverträge verstößt sie eigentlich trotzdem. Denn laut Vertrag gibt es eine Kündigungsfrist von zwei Wochen. Aber: „Deliveroo ist nicht verpflichtet, den Fahrern in dieser Zeit Arbeit zu bieten und die Fahrer sind nicht verpflichtet, zu arbeiten“, so ein Pressesprecher zu netzpolitik.org. Das sei die beste Lösung, da die Nachfrage nach der Ankündigung sowieso stark zurückgehen werde. „Deliveroo ist über das hinausgegangen, was gesetzlich vorgeschrieben ist, indem den Fahrern eine großzügige Kompensationszahlung von fast einem Monatslohn angeboten wurde.“

Auch in dem Schreiben, das den Fahrerinnen heute zugeschickt wurde, ist die eigentliche Kündigung erst auf den 28. August festgesetzt. Bis dahin wird es einfach keine Aufträge mehr geben. „Effektiv ist das also gar keine Kündigungsfrist“, so Christopher.

Die Freie Arbeiterinnen-Union Berlin erklärte sich solidarisch mit den Fahrern. Bei der kleinen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft sind im Rahmen der „Deliveryunion“ Arbeiter von Deliveroo und Foodora organisiert. Gegenüber netzpolitik.org betont die Gruppe die besondere Bedeutung von Kurierarbeit für den Migrantinnen und fordert eine Entschädigung in Höhe von mindestens einem Monatslohn.

Treffen noch am Montag

Noch am Tag der Bekanntmachung traf sich in Berlin eine Gruppe von 19 Fahrern und beriet, was nun zu tun sei. Die Stimmung sei zuerst durchwachsen gewesen, es sei um die persönlichen Folgen der Ankündigung für die Fahrerinnen gegangen, um Fürchte und Ängste, berichtet Christopher. Dann wurden aber Pläne gefasst, wie unmittelbar mit der Lage umzugehen sei. Viele der Fahrer müssen sich nun kurzfristig nach einem neuen Job umsehen, einige wollen den Job auch ganz aufgeben.

Die Gruppe ist per WhatsApp organisiert. Für das Unternehmen rächt es sich nun, dass Deliveroo die eigene App-interne Chatplattform bereits vor einiger Zeit entfernt hatte. So waren die Fahrerinnen bereits auf unabhängigen Kanälen miteinander verbunden, und nun werden täglich neue Namen hinzugefügt. Ungefähr 90 Personen sind momentan in dieser Gruppe organisiert.

Wie viele der Berliner oder gar der deutschen Fahrerinnen das sind, ist aber schwer zu bestimmen. Auf Anfrage sagte Deliveroo, man habe „mit rund 1.000 selbstständigen Fahrern zusammengearbeitet“. Wie netzpolitik.org erfahren hat, war aber bei internen Treffen letztes Jahr noch von 800 Fahrerinnen allein in Berlin die Rede.

Pläne gibt es schon länger

Am Montag wurde auch eine weiterreichende Idee besprochen: Die Gründung einer selbst verwalteten Genossenschaft. „In unserer Gruppe hatten wir schon vor längerem geplant, ein Kollektiv zu gründen und selbst einen Lieferdienst zu etablieren, der von den Fahrer*innen selbst verwaltet wird“, sagte Christopher. Schon letzten Monat wurde der Courier Solidarity Fund gegründet, mit dem bedürftige Fahrerinnen unterstützt werden sollten – die Pläne für eine Genossenschaft bauen nun auf ähnlichen Ideen auf. Bei dem Treffen war auch ein Mitglied eines französischen Netzwerks von selbstorganisierten Kurierbetrieben anwesend.

Im Gespräch ist, nur Fahrräder zu verwenden – im Gegensatz zu Deliveroo, wo es auch viele Autokuriere gibt. Auch die Restaurants, die bisher für die Vermittlung hohe Gebühren bezahlt haben, sollen mit einbezogen werden.

Die Genossenschaft sei aber noch ein Zukunftsprojekt, sagt Christopher: „Leider dauert die Gründung einer Genossenschaft ziemlich lange und wird uns auch viel Geld kosten, welches wir nicht alleine aufbringen können.“ Unterstützung könnte zum Beispiel von der rot-rot-grünen Landesregierung kommen. Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft antwortete auf Twitter, dass sie für Gespräche und Unterstützung zur Verfügung stehe.

Allein sind die Fahrerinnen schon deshalb nicht, weil auch die Angestellten aus dem Kundendienst ihre Jobs verlieren, erzählt Christopher. An diesem Sonntag soll es ein zweites Treffen geben, bei dem auch sie eingebunden werden.

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