In der Welt der offiziellen Twitteraccounts der AfD sind Frauke Petry, Beatrix von Storch, Jörg Meuthen und der bundespolitisch eher unbekannte Frank Pasemann weit oben in der Partei. Sie haben viel Durchschlagskraft, bekommen zahlreiche Retweets. Doch die Parteioffiziellen retweeten nicht nur ihre Parteifreunde, den offiziellen Parteikanal @afdkompakt und dessen anonyme Unterstützer, sondern noch ganz andere Accounts.
Seit Dezember 2016 hat netzpolitik.org zusammen mit Tagesspiegel DATA das Twitter-Netzwerk der AfD analysiert. Ausgangspunkt der Recherche war Balleryna, der vermeintlich reichweitenstärkste Account aus dem AfD-Umfeld, der sich bei näherer Betrachtung als Fake-Account und Scheinriese herausstellte. Im Laufe der Recherche konnten wir ein genaueres Bild davon zeichnen, worüber und wie genau die AfD twittert und wie das inoffizielle Unterstützernetzwerk rund um den Parteiaccount @afdkompakt funktioniert.
In dieser letzten – und vom Tagesspiegel unabhängigen – Folge der Reihe „So twittert die AfD“ schauen wir uns an, was von der Partei als offiziell deklarierte Accounts außerhalb des offiziellen und inoffiziellen Parteinetzwerkes retweeten. Denn auch außerhalb der Partei gibt es einflussreiche Twitteraccounts von Medien und Einzelpersonen, die den Diskurs der Partei formen.
Das Retweet-Netzwerk gibt es auch als hochauflösendes PDF.
Welche außerparteilichen Kanäle erhalten viele Retweets?
Die für ihre lauten Töne auf Twitter bekannte ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach steht bei den offiziellen AfD-Accounts hoch im Kurs – und das noch stärker, seit sie aus der CDU ausgetreten ist.
Medial nehmen die neurechte Zeitung „Junge Freiheit“ sowie wie deren Online-Chef Felix Krautkrämer (@krk979) und Herausgeber Dieter Stein einen wichtigen Platz im Parteidiskurs ein. Häufig erhalten rechte Alternativmedien wie Achse des Guten, Tichys Einblick, Politically Incorrect und Compact, aber auch die kremlnahen Kanäle RT Deutsch und Sputnik Retweets.
Von den klassischen Medien sind zudem bz-berlin.de, focus.de, welt.de, bild.de und das Handelsblatt mit vielen Retweets dabei, wie wir im ersten Teil der Analyse gezeigt haben.

Die Analyse des Retweet-Verhaltens bringt aber noch etwas zu Tage: Die offiziellen Parteiaccounts verbreiten in überraschend hohem Maß auch einen Neonazi-Kanal wie @anna_IIna weiter. Dieser Account twitterte im August 2016 – außerhalb unseres Beobachtungszeitraumes – Gewaltaufrufe gegen eine Person. Der Account @anna_IIna rief dazu auf, diese Person „auszuschalten“ und kündigte an, sie „kaputt“ zu machen. Zwei Wochen nach diesem Aufruf bedrohte der Account die Person weiter und postete ein Foto von ihr.
Mehrfach und noch im November 2016 nutzte der Account den Hashtag #NSJetzt, der einen eindeutig positiven Bezug zum Nationalsozialismus herstellt. Es ist gut möglich, dass die offiziellen Parteiaccounts der AfD den Gewaltaufruf und die NS-Tweets nie gesehen haben. Im Beobachtungszeitraum ab 1. Januar 2017 erhielt aber genau diese @anna_IIna Retweets von Orts- und Kreisverbänden, einem Landesvorsitzenden sowie Kandidaten der Partei für die Landtagswahl in NRW und für die Bundestagswahl. Momentan twittert @anna_IIna vor allem Inhalte, die auf kriminelle Ausländer und Muslime verweisen sollen. Solche Kanäle ähneln thematisch dem Projekt XY Einzelfall, das im März wegen eines „Problems mit Sicherheitsfaktoren“ vorübergehend eingestellt wurde. Ein britischer Journalist hatte zuvor über mögliche Verbindungen des Projektes zur AfD recherchiert und berichtet.
Dieser Artikel baut auf einer umfangreichen Recherche und Datenanalyse auf, die netzpolitik.org zusammen mit dem Tagesspiegel DATA über die AfD auf Twitter gemacht hat. Der erste Artikel „So twittert die AfD“ gibt einen größeren Überblick, der zweite analysiert den AfD-nahen Fake-Account und Scheinriesen „Balleryna“, der dritte das inoffizielle Unterstützernetzwerk. Der vierte Artikel ist unabhängig vom Tagesspiegel entstanden, baut aber auf den Daten der Recherche auf. Alle Grafiken sind von Tagesspiegel DATA erstellt.

