Überwachung

Interne E-Mail: BND und Deutsche Telekom haben auch Österreich, Tschechien und Luxemburg abgehört (Update)

Der BND hat gemeinsam mit der Telekom auch Glasfaser-Leitungen von Österreich, Tschechien und Luxemburg abgeschnorchelt. Das geht aus internen E-Mails zwischen Geheimdienst und ehemaligem Staatskonzern hervor. Ein österreichischer Politiker reicht Strafanzeige gegen Telekom, BND und Bundeskanzleramt ein.

Sachertorte im Hotel Sacher, Wien. CC-BY-SA 3.0 David Monniaux

Der Sicherheitssprecher der Grünen in Österreich Peter Pilz veröffentlichte vorhin diese E-Mail, die wir hier befreit haben:


netzpolitik.org - ermöglicht durch Dich.

Von: Helfrich, Harald
Gesendet: Donnerstag, 3. Februar 2005 10:42
An: telcom@bundesnachrichtendienst.de
Cc: Alster, Wolfgang
Betreff: Transit STM1 – Zuschaltung (Ffm 21 – Luxembourg 757/1)
Wichtigkeit: Hoch

Hallo Hr. Siegert,

Hr. Knau hat heute wieder eine STM1 zugeschaltet. In dieser befindet sich nun kein nationaler Verkehr mehr (aus diesem Grunde fand auch die große Umschaltaktion statt).

Die Verbindung Ffm 21 – Luxembourg 757/1 wurde auf die Punkte 71/00/002/03/19+39 zugeschaltet. Vier der darin befindlichen 2MBit-Strecken befinden sich auf ihrer ersten Prioritätenliste, diese sind zu finden auf:

  • Kanal 2: Luxembourg/VG – Wien/000 750/3
  • Kanal 6: Luxembourg/CLUXMoscow/CROS 750/1
  • Kanal 14: Ankara/CTÜRLuxembourg/CLUX 750/1
  • Kanal 50: Luxembourg/VG – Prague/000 750/1.

Bitte um eine kurze Rückmeldung, wenn alles o.k. ist.

Ende nächste Woche folgt eine weitere STM1.

Mit freundlichen Grüßen

Harald Helfrich


T-Com Deutsche Telekom AG
ReSA Frankfurt
Dipl. Ing. Harald Helfrich
RA 434-1
Oeserstraße 111
65934 Frankfurt

(069) 6 64 29-1 01*
(069) 6 64 29-1 50
mail to: Harald.Helfrich@t-com.net

Auf deutsch: Die Deutsche Telekom hat eine neue Glasfaser-Leitung von Frankfurt am Main nach Luxemburg in Betrieb genommen. Darauf waren auch vier Strecken, die auf der „ersten Prioritätenliste“ des BND stehen, von Luxemburg nach Wien, Prag, Moskau und Ankara. Der BND zapfte diese Leitungen an und leitete den Verkehr an die Zentrale in Pullach und nach Bad Aibling, wo auch die NSA Zugriff erhält.

Die beiden beteiligten Telekom-Mitarbeiter Harald Helfrich und Wolfgang Alster haben auch bereits im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss ausgesagt und die Kooperation von Deutscher Telekom und BND bei der Operation Eikonal erläutert. Bernd Köbele, ebenfalls Deutsche Telekom, erklärte dort auch, dass die Weitergabe der „gedoppelten“ Glasfasern von Telekom an BND im Telekom-Gebäude in der Oeserstraße 111, 65934 Frankfurt am Main passiert.

STM1“ steht für Synchronous Transport Module level-1 und steht für eine Glasfaser, über die bis zu 155 MBit/s Daten gingen, was 2005 ganz ordentlich war.

ReSA“ ist ein Kustwort und steht für „Regionalstelle für staatliche Sonderauflagen“, davon hat die Deutsche Telekom vier Stück zur Unterstützung für Sicherheitsbehörden:

Die Telekom beschäftigt für diese Aufgaben rund 40 Mitarbeiter an den Standorten Berlin, Hannover, Frankfurt am Main und Münster.

Wir haben die beiden Mail-Adressen von Telekom und BND, die Bundeskanzlerin, die Obleute im Untersuchungsausschuss und die Botschaften der vier betroffenen Länder um einen Kommentar gebeten und werden die Antworten ergänzen, sobald sie eintreffen.

Update: Barbara Wimmer berichtet auf futurezone von der heutigen Pressekonferenz von Peter Pilz: BND schöpft österreichische Telekomdaten für NSA ab

„Man kann davon ausgehen, dass BND und NSA in Österreich mitlesen. Das betrifft E-Mails, Telefongespräche, Internet, das betrifft praktisch alles“, erklärt Peter Pilz bei der Pressekonferenz in Wien.

Dies passiert über einen sogenannten Splitter zur Ableitung von Lichtwellenkabel, die über den Knoten Frankfurt gehen. Die Datenströme werden nach Pullach in die BND-Zentrale überspielt und gehen dann weiter nach Bad Aibling. „Dort sitzen Angehörige des BND und der NSA und arbeiten an der Auswertung der Datenströme“, sagt Pilz.

Update: Peter Pilz kommentiert gegenüber netzpolitik.org:

Das ist der erste vollständige Beweis für deutsch-amerikanische Spionage gegen Österreich.

Meine Forderung ist vollkommen klar: Wir müssen alles aufklären, und zwar hier in Wien. Wir verlangen vom Bundeskanzleramt in Deutschland alle Unterlagen und alle Fakten zur Bespitzelung österreichischer Unternehmen und Bürger.

Ich komme am Dienstag nach Berlin und bringe bereits ausformulierte Strafanzeigen gegen eine Reihe konkreter Personen mit, von Deutscher Telekom, Bundesnachrichtendienst und Bundeskanzleramt.

Wir werden klarmachen, dass Angela Merkels Satz „Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht“ auch gilt.

Update: Das Büro von Christian Flisek, Obmann der SPD im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss, kommentiert gegenüber netzpolitik.org:

Herr Flisek möchte sich dazu nicht äußern.

Update: Das Büro von Nina Warken, Obfrau der CDU/CSU im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss, kommentiert gegenüber netzpolitik.org:

Frau Warken möchte zu dem Sachverhalt derzeit keine Stellungnahme abgeben. Es steht hier ein geordnetes Verfahren an, das Auskünfte über den Sachverhalt bringen wird.

16 Kommentare
  1. Hm beim scannen von so Dokumenten sollte man aufpassen das nix durchscheint *find*. Aber steht nix interessantes auf der Seite dahinter.. Nur ein paar Sachen die 2014 im Untersuchungsausschuss waren.

  2. Dann wollen wir mal hoffen, dass die Spiele der schmerzhaften demokratischen Selbstreinigungen nach 2 Jahren „Untergrundaktivität“ langsam beginnen 8-)

  3. … und wenn man dann noch ein bisschen kratzt, wird man feststellen, das unweit des Standorts Bad Aibling ja eine Autobahn verläuft, an derem nördlichen Ufer ziemlich viel Ost-West Glasfaserverkehr läuft und dann …

  4. Gehören die ReSAs eigentlich zum Bereich IT-Sicherheit der Telekom? Dessen Leiter Thomas Tschersich hat nach dem Obermann-Vorschlag des Schengen-Routings an verschiedenen Stellen betont, dass dies die Vertraulichkeit der Kommunikation verbessern würde – immer im Zusammenhang mit dem hochbrodelnden Abhörskandal.

  5. Danke an Herrn Pilz.

    mal sehen, wie diese Anzeigen diesmal wegdiskutiert werden – ignorieren wird ja langsam schwer – es wird immer spannender!

  6. Da der BND durch die Art seiner Kooperation mit der NSA auch gegenüber der deutschen Bevölkerung als feindliche Organisation eingestuft werden muss, kann ich andere Europäer nur einladen, es diesen Engagierten aus Österreich gleich zu tun.

  7. Na super, als nächstes wird noch rauskommen, dass die Briten schon im letzten Jahrtausend ihre Überwachungsstation auf dem Dach der Botschaft in Wien gebaut haben ….

  8. Was mich immer wundert ist, dass bei den Bewertungen solcher Meldungen die Technik einfach außen vor gelassen wird. Genau wie bei IP bedeutet eine Leitung von Wien nach Luxembourg erstmal nicht, dass da auch Gespräche von Wien nach Luxembourg belauscht wurden. Eine solche Aussage ist, ohne dass man sich die übertragenen Daten ansieht, totaler Unsinn. Im Extremfall ist da sogar überhaupt kein Österreich drin sondern die Daten werden dort genauso wie in Deutschland als Transit woanders hingleitet. Und nu?

    Ach so: Es ging ja nur um Stimmungsmache..na dann ists ja gut.

  9. Österreicher mögen das vermutlich nicht so gerne, wenn ausgerechnet Deutschland wieder den Agressor spielt und zum Erstschlag im sogenannten Cyber-War ausholt.
    Wenig hilfreich dürfte dabei auch sein, wenn aus Deutschland die Erwiederung kommt, dass man doch nur Befehle vom Führer, also den USA, befolgt.

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