Juchuu, ich bin Mitglied einer Jugendbewegung!

Markus hat vorhin ja bereits kurz auf einen über den Kölner Stadtanzeiger berichtet. Zusätzlich zu dem Bosbach-Zitat wird in einem Leitartikel auf die Zensursula-Debatte eingegangen, der eine „Jugendbewegung“ (also, uns!) um Franziska Heine (deren Alter ich in diesem Blogeintrag verrate!) in ein eher unschönes, vor allem aber völlig falsches Licht rückt.

Statt einen Leserbrief zu schreiben (was über einen Link „Fehler melden“ unterhalb des Artikels möglich ist), antworte ich einfach mal hier. Da haben wir wenigstens alle was davon, und nicht nur der Praktikant, der meine Mail beim Stadtanzeiger nach /dev/null klickt.

Sehr geehrter Herr Decker, liebe Fehlerbetreuer,

ich möchte Sie auf ein paar „Fehler“ in Ihrem Leitartikel „Das Netz ist nicht grenzenlos“ aufmerksam machen.

„Außer ihrer Jugend hat diese Bewegung wenig für sich.“

Franziska Heine ist 29. Damit liegt sie, zumindest, was die mir bekannten Aktiven der „Bewegung“ betrifft, recht gut im Altersschnitt. Ich darf dieses Jahr sogar schon zum 36. Geburtstag feiern. Aber danke für das Kompliment. Wie hoch ist der Altersschnitt beim Kölner Stadtanzeiger?

„Kinderpornografie ist ein Verbrechen besonderer Art, das den Einsatz besonderer Mittel rechtfertigt.“

Da schreiben Sie was! Genau das ist die Position, die Sperrgegner und Opfervereine vertreten. Was glauben Sie, warum uns dieser kontrakproduktive Unsinn so aufregt? Und, viel entscheidender: Warum erwecken Sie in Ihrem Artikel den Eindruck, dass die Sperrgegner anderer Ansicht sind?

„Es geht hier nicht um Killerspiele oder rechtsextremistische Propaganda, …

Da Sie es ansprechen: Uns schon. Sperren für „Killerspiele“ hat erst letzte Woche Thomas Strobl MdB (CDU) gefordert. Nicht nur als guter Schwiegersohn dürfte er damit auf die Zustimmung der Innenminister der Länder stoßen. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) äusserte einen vergleichbaren Vorschlag bereits Ende März bei Maybrit Illner.

Dass Strobl Mitglied einer pflichtschlagenden Verbindung ist, deren Regelwerk offenbar 600 Hiebe mit scharfen Waffen vorsieht, sei hier nur am Rand erwähnt (Moment, ist es nicht sittenwidrig, wenn Menschen mit scharfen Waffen aufeinander losgehen, Herr Dr. Wiefelspütz?). Ebenso wie der Hinweis, dass Uwe Schünemann als alter Schützenbruder auch gern mal ein „Killerspielchen“ im Schießkino wagt.

Versuche über rechtsextremistische Webseiten Internetsperren auf Zugangsebene zu etablieren, gab es in NRW ja bereits 2002. Mein Lieblingszitat von damals wird gerade wieder aktuell: “Wenn ich das Milch trinken verbieten will, muss ich erst mal ein oder zwei Flaschen beschlagnahmen.”

Inzwischen liegt Regierungspräsident Büssow – zusammen mit seinem Kollegen aus Hessen – übrigens das Sperren von Glücksspielseiten am Herzen. Dass Frau von der Leyen dieses Engagement aus rein familiären Gründen missfällt, ist freilich nur ein ekelhaftes Gerücht. Sagen wir, der Vorstoß kam einfach zeitlich ein klein wenig ungelegen (Frau von der Leyen war Ende November 2008 zwar nicht selber in Rio, hatte in den Akten aber ihr Herz für Kinder entdeckt. Fragen Sie Frau Weiler.).

Und sonst? Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, würde gerne „Gewaltseiten“ sperren lassen. Urheberrechtsverletzungen stehen bei der CDU inzwischen bekanntlich auch schon auf dem Programm. Mag sein, dass man als Sperr-Gegner irgendwann ein wenig paranoid wird und überall Sperren (t)wittert. Das aber immerhin mit einiger Berechtigung.

„… gegen die sich jedermann schützen kann, in dem er entsprechende Seiten einfach nicht mehr anklickt“

Ich habe lange überlegt, was Sie mit diesem Satz zum Ausdruck bringen wollen. Selbstverständlich kann sich jedermann gegen kinderpornographische Inhalte schützen, in dem er sie nicht (mehr?) besucht. Sie werden einem ja schließlich nicht bei der Einwahl ins Netz aufgezwungen, oder? Tatsächlich muss man aktiv nach ihnen suchen. Und nun kommen Sie mir bitte nicht mit dem Märchen von den Zufallsfunden.

„Zudem überhöhen die Kritiker das Internet. Sie tun so, als sei es eine Art Baumhaus für Kinder, in das Erwachsene keinen Zutritt haben sollen …

Wo haben Sie denn diesen Unsinn aufgeschnappt? Ich befürchte, das Thema ist dann doch ein wenig komplexer:

…. Man begeistert sich am Twittern und an Blogs. Inhalte? Nebensache.“

Ich entdecke jeden Tag neue, faszinierende Inhalte auf Twitter und in Blogs. Allein was im Umfeld der „Zensursula“-Gesetzgebung an klugen und lesenswerten Inhalten entstanden ist, würde Bertolt Brecht wohl Freudentränen in die Augen treiben. Und dann hat der der olle Berti noch nicht einmal gesehen, was anderswo abgeht (Jugendslang, muss ich ja jetzt. Image und so. Sie wissen schon …).

Na, neugierig geworden? Nächste Woche wird der Grimme-Online-Award verliehen. Ich saß dort in der Nominierungskommission und kann Ihnen versprechen, dass auch in diesem Jahr wieder herausragende Inhalte prämiert werden. Wenn es dem Internet an einem nun wirklich nicht mangelt, dann sind das Inhalte.

Oder, wenn Sie sich schon für Netzaktivisten in China, im Iran oder anderswo interessieren: Die Deutsche Welle hat gerade erst wieder Blogs ausgezeichnet, die auch den kommentierenden Edelfedern des Kölner Stadtanzeigers Demut lehren sollten.

„Die Kritiker der Initiative von der Leyens verfechten ein völlig falsches Freiheitsverständnis. Sie meinen Freiheit ohne Verantwortung. Dabei ist völlig klar, dass das Internet der Kontrolle bedarf – über die Kinderpornografie hinaus.“

Herrje, das kostet nun aber gleich mehrfach in die Wortspielkasse. Leider haben Sie die beliebte Phrase „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein!“ vergessen, sonst hätte es für einen vorderen Platz beim Bullshit-Bingo gereicht.

„Aber dass im Netz nicht alles das erlaubt sein kann, was andernorts verboten ist – das liegt auf der Hand.“

Ok, vergessen Sie den letzten Absatz. Wohin darf ich den Preis schicken?

„So ist der Hinweis völlig richtig, dass sich die Politik zuallererst jenen zuwenden sollte, die Kinderpornografie verbreiten – und danach erst den Nutzern. Auch darf es nicht allein dem Bundeskriminalamt überlassen werden, welche Seiten gesperrt werden. Die Überwacher gehören überwacht. Schließlich hat der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar recht, wenn er mahnt, die Internet-Surfer müssten davor geschützt werden, dass Profile ihres Surfverhaltens erstellt werden.“

Na bitte, geht doch! Also, so halbwegs. Schade, dass der Geistesblitz nur von kurzer Dauer war:

„Freilich besagt dies alles nicht, dass das Internet eine Spielweise bleiben kann, auf der alle herumtollen dürfen, wie sie wollen.“

Ich wüsste niemanden, der das verlangt hätte. Ok, stimmt nicht. Ich wüsste schon jemanden. Aber auch solche Diskussionen(!) muss eine Gesellschaft aushalten. Sonderlich ernst genommen wurde die Forderung innerhalb unserer kuscheligen „Jugendbewegung“ übrigens nicht. Sorry, Andy.

62 Kommentare
  1. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein ... 17. Jun 2009 @ 11:12
  2. biophilosoph 17. Jun 2009 @ 11:21
  3. herr baader 17. Jun 2009 @ 11:42
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