FamilienministerinKarin Prien will Social-Media-Verbot nicht „Verbot“ nennen

Die CDU will ein Social-Media-Verbot für Minderjährige, der Bundeskanzler hat dazu „Nein“ gesagt. Und die Familienministerin? Auf der Digitalkonferenz re:publica legt sich Karin Prien (CDU) nicht fest – und hält sich alle Optionen offen.

  • Sebastian Meineck
Karin Prien auf der re:publica neben der Moderatorin
Karin Prien (CDU) auf der re:publica mit Moderatorin Geraldine de Bastion. CC-BY-NC 4.0: netzpolitik.org

Fünf Tage, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf dem Katholikentag „Nein“ zum Social-Media-Verbot für Minderjährige gesagt hat, zeigt sich Familienministerin Karin Prien (CDU) zurückhaltend. Auf der Berliner Digitalkonferenz re:publica weicht sie entsprechenden Fragen aus dem Publikum eher aus.

„Ich habe mich nie für ein Verbot augesprochen, sondern für wirksame Altersbegrenzung“, sagt die Familienministerin am heutigen Mittwoch. Das ist ein Euphemismus, also eine Beschönigung. Unterm Strich ist eine „wirksame Altersbegrenzung“ dasselbe wie ein Verbot für Minderjährige.

Hintergrund sind die seit Monaten vorgebrachten Forderungen nach einem Social-Media-Verbot für Minderjährige nach australischem Vorbild, begleitet mit strengen Alterskontrollen. In Australien dürfen junge Menschen keinen Account auf Plattformen wie Instagram oder TikTok haben. Ein solches Modell wollen unter anderem die CDU, die SPD-Fraktion, mehrere EU-Mitgliedstaaten und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU).

Ähnlich wie die Familienministerin hat Ursula von der Leyen den Begriff „Verbot“ jüngst gemieden – und lieber von „Aufschub“ gesprochen. Die wolkige Wortwahl der Spitzenpolitiker*innen könnte eine Reaktion auf die umfassende Kritik sein, unter anderem aus Kinderschutz, Medienpädagogik und Wohlfahrt, aus Forschung und IT-Sicherheit bis hin zu Elternverbänden. Die Kritiker*innen lehnen es ab, junge Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen. Viele warnen zudem davor, eine technische Infrastruktur zur Kontrolle aller Nutzer*innen im Netz zu errichten.

Prien verweist auf Fachleute und EU-Staaten

Verbot, Aufschub, Begrenzung: Ändern sich nur die Worte oder auch die Inhalte? Zumindest bei ihrem Auftritt auf der re:publica lässt sich Prien nicht tief in die Karten blicken. Stattdessen setzt sie mindestens drei Akzente, die von der zentralen Streitfrage ablenken.

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Erstens: Prien verweist auf das von ihr einberufene Expert*innen-Gremium, das bis zum 24. Juni Vorschläge für Kinder- und Jugendschutz im Netz vorlegen soll. „Wir sind da mit unseren Überlegungen noch nicht am Ende und warten auf die Empfehlungen.“ Zugleich hielt sie sich alle Türen offen, falls die Regierung mit den Ergebnissen doch nicht zufrieden ist. „Klar ist immer, entscheiden muss die Politik.“

Zweitens: Prien erinnert daran, dass Social-Media-Regulierung vor allem europäisch ist. „Das werden wir mit unseren europäischen Nachbarn und Partnern tun müssen.“ Das ist korrekt – als größtes Land in der EU spielt Deutschland hierbei aber eine wichtige Rolle.

Drittens: Statt aufs Social-Media-Verbot näher einzugehen, lenkt die Ministerin den Blick auf andere Aspekte. „Wir brauchen eine Gesamtstrategie, die Befähigung, Schutz und Teilhabe gleichermaßen im Blick hat.“ Allerdings gibt es unter den diskutierten Maßnahmen keine, die so umfassend die Grundrechte von gleichermaßen jungen und älteren Menschen beträfe.

„Schade, dass sie nicht klar gemacht hat, wo sie steht“

Das Herumlavieren der Ministerin zeigt sich besonders deutlich bei einer Aussage zur Abwägung von Grundrechten. Grundrechte sind ein wichtiger Aspekt der Debatte, denn ein Social-Media-Verbot würde das Recht junger Menschen auf Information und Teilhabe einschränken; die damit verbundenen Alterskontrollen schränken je nach Ausgestaltung Datenschutz und Privatsphäre ein.

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Prien sagt, zwar werde man immer abwägen müssen zwischen Kinder- und Jugendschutz und anderen Werten. „Aber beim Kinder- und Jugendschutz hört meiner Meinung nach der Spaß auf.“

Die Wortwahl fällt ins Auge, denn das Abwägen von Grundrechten ist kein Spaß; es geht um potenziell tiefe Eingriffe. Selbst beim Fokus auf Kinder und Jugendliche ist die Abwägung komplex. In einer Stellungnahme schreibt etwa das Deutsche Kinderhilfswerk: „Pauschale Verbote entmündigen Kinder und Jugendliche.“ Sie stünden in krassem Widerspruch zum Recht auf digitale Teilhabe, das die UN-Kinderrechtskonvention garantiert.

Die Publikumsfrage nach der aktuellen Position der Ministerin zum Social-Media-Verbot hatte Felix Preu gestellt. Er kümmert sich beim Bund der katholischen Jugend (BDKJ) um Digitalpolitik. Mit der Antwort der Ministerin ist er nicht so recht zufrieden, wie er gegenüber netzpolitik.org erklärt. „Ich finde es schade, dass sie nicht klar und transparent gemacht hat, wo sie im Moment steht.“ Er wünsche sich „ein klares Bekenntnis“, dass jungen Menschen Teilhabe ermöglicht wird. Verbote dürften nur das allerletzte Mittel sein, nachdem alle anderen Maßnahmen gescheitert sind.

Strenge Maßnahmen zum Schutz junger Menschen im Netz kann die EU auf Grundlage des Gesetzes über digitale Dienste (DSA) von Plattformen einfordern; erste Verfahren, etwa gegen TikTok, laufen bereits.

Kurz nach den Empfehlungen des deutschen Expert*innen-Gremiums Ende Juni soll auch ein Gremium auf EU-Ebene eigene Empfehlungen vorlegen. Die EU-Kommission könnte daraufhin noch bis Ende September einen passenden Gesetzentwurf vorlegen.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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    Foto: Philipp Sipos


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8 Kommentare zu „Karin Prien will Social-Media-Verbot nicht „Verbot“ nennen“


  1. Postdemocracy

    ,

    „Aufschub“ und „Begrenzung“ sind Euphemismen für „Alterskontrollen“.

    „Alterskontrollen“ ist ein Euphemismus für „Identitätskontrollen“.

    „Identitätskontrollen“ ist ein Euphemismus für „Datensammlung zur Überwachung und Kontrolle“.

    „Datensammlung zur Überwachung und Kontroll“ ist ein Euphemismus für „autoritäre Herrschaftsausübung weniger Privilegierter über viele“.

    „Autoritäre Herrsschaftsausübung weniger Privilegierter über viele“ ist eine Verkomplizierung von „systemische, gewaltsame Ungerechtigkeit“.

    Wären Prien, Zensursula, Merz und Co. also ehrliche Menschen, würden sie einfach davon reden, dass sie ein neues Mittel zur systemischen, gewaltsamen Ungerechtigkeit etablieren wollen, von der sie profitieren weil sie sich zu den privilegierten Wenigen zählen. Aber davon raten wahrscheinlich die selben PR-Berater*innen ab, die statt „menschenzerfetzenden Streubomben“ lieber „intelligente Wirksysteme zur Weichzielabwehr“ sagen.


    1. Anonym

      ,

      Treffend formuliert!


  2. Jeff Bezos

    ,

    Das „Nicht-Verbot“ und die Architektur der Kontrolle

    Wenn Spitzenpolitikerinnen wie Ursula von der Leyen oder nun Karin Prien das Wort „Verbot“ panisch umschiffen und stattdessen von einem „Aufschub“ faseln, ist das kein politischer Feinsinn. Es ist feiges Framing. Die wolkige Wortwahl soll verbergen, was die Forderung im Kern bleibt: Ein digitaler Hausarrest für Jugendliche, der grundlegende Rechte auf gesellschaftliche Teilhabe und Information schlicht ausknipst. Social Media ist für die junge Generation längst kein reiner Freizeitpark mehr, sondern der primäre Raum für Diskurs und Identitätsfindung. Wer sie dort aussperrt, betreibt keine Fürsorge, sondern Exklusion.

    Doch das eigentliche Desaster dieser populistischen Debatte liegt in ihrer technischen Ignoranz. Um einen solchen „Aufschub“ für Minderjährige rechtssicher durchzusetzen, reicht kein einfaches Häkchen im Browser. Es erzwingt eine lückenlose, biometrische Altersverifikation oder die digitale Ausweispflicht für *alle* Bürgerinnen und Bürger. Deutschlands Medienpolitik nimmt für das vermeintliche Wohl einer Gruppe die Errichtung einer permanenten Kontroll- und Identifikationsinfrastruktur im Netz billigend in Kauf.

    Das ist das Gegenteil von digitaler Souveränität und datenschutzrechtlicher Vernunft. Statt die Sucht-Algorithmen und das Überwachungsgeschäftsmodell der Big-Tech-Konzerne über den Digital Services Act (DSA) an der Wurzel zu packen, wird das Problem auf die Nutzer abgewälzt. Dieses „Nicht-Verbot“ schützt keine Kinder – es gefährdet die Freiheit und Privatsphäre von uns allen.


  3. Marvin

    ,

    Bevor wir über konkrete Maßnahmen sprechen, muss Frau Prien erst einmal erklären, weshalb überhaupt Handlungsbedarf besteht. Wir bauen auch nicht um jede Straße einen Zaun. Obwohl es für Kinder viel gefährlicher ist, vor ein Auto zu laufen, als aus Versehen im Internet zu surfen.

    Und wenn Handlungsbedarf besteht: Weshalb muss die Regierung Zensur- und Überwachungsmaßnahmen einführen? Erziehungsberechtigt und verantwortlich sind zuerst einmal die Eltern. Und die haben schon jetzt alle Mittel, um sicher zu stellen, dass die Kleinen gut geschützt sind.

    Vor allem sollte Frau Prien erklären, weshalb sie sich an Verboten und Einschränkungen abarbeitet, während Deutschland bei Angeboten für Kinderbetreuung und der Vereinbarkeit von Familie und Berufs gerade wieder ins Mittelalter zurückrutscht.


  4. Christian

    ,

    Hatten wir doch schon mal: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“.


  5. Lord Wolpertinger

    ,

    Was hier als „Schutzmaßnahme“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein weiterer Schritt in Richtung pauschaler Alterskontrollen und damit massiver Eingriffe in die informationelle Selbstbestimmung. Ein Social-Media-„Verbot“, das nicht so genannt werden soll, bleibt dennoch eines – und es lässt sich praktisch nur durch flächendeckende Identitäts- und Altersprüfungen durchsetzen. Genau dort liegt das Problem: Wer kontrolliert, wer wie alt ist, sammelt zwangsläufig sensible Daten in großem Stil.

    Statt die Plattformen konsequent zu regulieren – etwa durch strenge Vorgaben zu Tracking, Profiling und manipulativen Designmustern – wird die Verantwortung auf die Nutzerinnen und Nutzer verschoben, inklusive der Jüngsten. Das ist politisch bequem, aber datenschutzrechtlich gefährlich. Altersverifikation bedeutet in der Praxis häufig: Upload von Ausweisen, biometrische Verfahren oder die Verknüpfung mit bestehenden Identitäten. All das schafft neue Angriffsflächen, neue Datenberge und neue Risiken für Missbrauch.

    Wer Kinder schützen will, darf nicht gleichzeitig Strukturen fördern, die sie langfristig noch gläserner machen. Ein wirksamer Jugendmedienschutz muss an den Geschäftsmodellen der Plattformen ansetzen, nicht an der umfassenden Identifizierbarkeit der Nutzer. Alles andere ist Augenwischerei – oder schlimmer: der Einstieg in eine Infrastruktur, die anonyme und pseudonyme Kommunikation systematisch aushöhlt.


  6. PeterPan

    ,

    danke für die 2 kommentare!


  7. Joachim

    ,

    „nie für ein Verbot augesprochen, sondern für wirksame Altersbegrenzung“
    Den erwähnten Euphemismus mal beiseite gelassen, was wird hier gesagt?

    1) Kein Verbot! Das dürfte die Betreiber freuen. Dürfen sie doch weiter Menschen mit Psychotricks manipulieren, die in der „realen Welt“, etwa der TV-Werbung, längst verboten sind.

    2) Wirksame Altersbegrenzung! Das dürfte ebenfalls die Betreiber freuen. An Kindern verdienen die nicht wirklich. Und bei „adult only“ Seiten kann man sich viel mehr erlauben, als auf Seiten, bei denen der Jugendschutz droht.

    Es stellt sich die Frage, worum es denn der Politik geht. Um die Stärkung einer Internetmafia? Natürlich haben Kinder in diesem giftigem Umfeld nichts verloren. Allerdings, Erwachsene auch nicht. Doch selbst, wenn man anderer Meinung ist, nach dem Motto „ich bin groß, ich kann das“, wird die Welt mit endlos-Scrollen und Katzenvideos gerettet? Schlauer? Gerechter? Produktiver? Und das ist nur der einfachste Gedanke zum Thema. Was das dann mit deiner Rente zu tun hat, das erkläre ich ein anders mal.

    Muss eine Ministerin den Unsinn auch noch stützen?

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