Neues aus dem Fernsehrat (94)Liebe auf den zweiten Blick

Zehn Jahre nach ersten Pilotprojekten bewegte sich nichts mehr bei ARD und ZDF in Sachen Creative Commons. Noch einmal fünf Jahre später sind freie Lizenzen bei Tagesschau und Terra X angekommen, um zu bleiben. Diese Wende birgt etliche Lehren – auch mit Blick auf aktuelle Bemühungen, die öffentlich-rechtlichen Medien ins Fediverse zu bringen.

Symboldbild Liebe auf den zweiten Blick
Die Liebe zwischen Wikipedia und öffentlich-rechtlichen Anstalten war zunächst eher einseitig. CC-BY-NC 2.0 Sarah Horrigan

Die Serie „Neues aus dem Fernsehrat“ beleuchtet seit 2016 die digitale Transformation öffentlich-rechtliche Medien. Hier entlang zu allen Beiträgen der Reihe.

Terra X, Tagesschau und bald #kolleg24: Freie Lizenzen sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk angekommen. Bis es so weit war, vergingen aber mehr als 15 Jahre. Was lässt sich von der Geschichte freier Lizenzen bei ARD und ZDF für digitale Öffnung und Demokratisierung öffentlich-rechtlicher Angebote lernen – auch damit es beim #Fediverse schneller geht? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich der weite Blick zurück.

Eine Pionierin im Kampf für Creative Commons (CC) im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war Meike Richter, die damals für den NDR tätig war. Der norddeutsche Sender startete auch als Erster in der ARD ein Pilotprojekt mit CC-Lizenzen, das bis heute Videos liefert. Ich selbst habe erheblich von Meikes Wissen und ihrem Einsatz für offene Lizenzen im NDR profitiert, unter anderem auch beim Verfassen des 2013 veröffentlichten D64-White-Papers „Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Probleme und Potentiale“. Nicht unerwähnt bleiben darf auch Mario Sixtus, der 2010 seinen Elektrischen Reporter unter Creative-Commons-Lizenz beim ZDF fortführte.

Erste, restriktiv lizenzierte Pilotprojekte

Cover des Berichts einer ARD-Arbeitsgruppe zu Creative Commons
Cover des geleakten Berichts der ARD-Arbeitsgruppe zu Creative Commons

Diese ersten Experimente und Pilotprojekte mit Creative-Commons-Lizenzen im öffentlich-rechtlichen Kontext nutzten jedoch restriktive Lizenzversionen, die eine kommerzielle Nutzung oder gar jede Bearbeitung ausschließen. Dadurch sind sie inkompatibel mit der frei lizenzierten Wikipedia und dürfen dort nicht eingebunden werden. Und auch eine ARD-interne Arbeitsgruppe zu Creative Commons konnte sich in einem 2014 geleakten Positionspapier nicht zu einer Empfehlung für Wikipedia-kompatible Lizenzen durchringen. Grund: die Minimierung von „rechtlichen Risiken“.

Ungefähr zur gleichen Zeit machte Oliver Passek Creative-Commons-Lizenzen zum Thema im Telemedienausschuss des ZDF-Fernsehrats. Als ich 2016 selbst Mitglied im #Fernsehrat wurde, war mein erster inhaltlicher Beitrag eine Antwort auf die ablehnende ZDF-interne Stellungnahme, die er erwirkt hatte. Bei ARD und ZDF zeigte man sich nach den ersten CC-Erfahrungen damals ernüchtert: viel Aufwand, wenige messbare Vorteile. Creative Commons wurde eher als nischiges Anliegen von Nerds abgetan. Credo: Wir haben Wichtigeres zu tun.

Alle Drittplattformen, außer Wikipedia

Wichtiger waren ab 2016, vor allem auch mit dem Start des Jugendangebots #funk, sogenannte „Drittplattformen“: Facebook, YouTube, Instagram. Aber egal wie lang die Aufzählung relevanter Drittplattformen in Strategiedokumenten von ARD & ZDF auch war, eine suchte man dort vergeblich: Wikipedia.

Logo der Initiative Wiki Loves Broadcast
Zunächst war die Liebe zwischen Wikipedia und öffentlich-rechtlichen Medien eher einseitig. - CC-BY-SA 4.0 Kaethe17, Wikiolo, Universalamateur

Zunächst war die Liebe zwischen Wikipedia und öffentlich-rechtlichen Anbietern eher einseitig – obwohl Wikipedia und öffentlich-rechtliche Medien eigentlich ein Traumpaar sind. 2017 veröffentlichte Kurt Janssen, Wikipedianer und Gründungsvorsitzender von Wikimedia Deutschland, eine Wunschliste an öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter, 2018 starteten Wikipedianer:innen die Initiative „Wiki Loves Broadcast“.

Parallel dazu begann Wikimedia Deutschland damit, jährliche Runde Tische mit beteiligten Stakeholdern zu organisieren: Redaktionen, Führungsebene der Sender, Gewerkschaft, Bildungseinrichtungen, Medienpolitik und Freiwillige in der Wikipedia. Am Tisch saßen auch öffentlich-rechtliche CC-Veteranen wie Mario Sixtus, aber auch Verantwortliche der ZDF-Doku-Reihe Terra X. Dort konnte man sich 2019 zu einem weiteren Pilotprojekt mit fünf frei lizenzierten Kurz-Videos zum Thema Klimakrise durchringen.

Freiere Lizenzen für mehr Reichweite

Verglichen mit früheren Pilotprojekten fiel die Lizenz großzügiger aus. Sie erlaubte der Wikipedia-Community, die Terra-X-Clips in mehreren Wikipedia-Artikeln einzubinden – die so ein neues, größeres Publikum fanden. Belohnt mit Reichweite baute Terra X 2020 das frei lizenzierte Angebot aus und veröffentlicht seither regelmäßig neue Videos.

In der ARD hingegen konnte man sich im selben Jahr 2020 beim neuen Creative-Commons-Portal der Tagesschau zunächst immer noch nicht zu Wikipedia-kompatiblen Lizenzen durchringen. Die Folge davon war das alte Lied: Es bedeute viel Aufwand, Rechte zu klären, führe aber kaum zu mehr Nutzung. Die Inhalte wurden einfach zu wenig entdeckt. Die frei lizenzierten ZDF Terra-X-Clips entwickelten sich währenddessen zur Erfolgsgeschichte mit inzwischen über 2 Millionen Zugriffen pro Monat allein via Wikipedia. Folgerichtig wurde die Kooperation 2021 mit dem Wikipedia-Community-Preis “Wiki Eule” ausgezeichnet.

Das Beispiel Terra X macht Schule

Das Erfolgsbeispiel Terra X hat in der Folge mit dazu beigetragen, dass es auch in der ARD zum Umdenken und Einsatz freier, Wikipedia-kompatibler Lizenzen gekommen ist – und somit Tagesschau-Videos endlich auch in der freien Enzyklopädie zu finden sind.

Die Gründe gegen freiere Lizenzen blieben dabei über Jahre hinweg dieselben: Manipulationsängste, wettbewerbsrechtliche Bedenken und inkompatible Vergütungsregeln (vgl. dazu ein kompakter Buchbeitrag, der darlegt, warum die ersten beiden Gründe nicht fundiert sind und der dritte Grund lösbar ist). Noch sind freie Lizenzen in den öffentlich-rechtlichen Vergütungsregeln nicht vorgesehen, was dazu führt, dass etwa das frei lizenzierte BR-Bildungsangebot #kolleg24 nicht hausintern, sondern über externe Dienstleister erstellt werden muss.

Fünf Ableitungen als Fazit

Freie Lizenzen und öffentliche-rechtliche Medien, das war offensichtlich Liebe auf den zweiten Blick. Was lässt sich von der Geschichte freier Lizenzen bei ARD und ZDF für digitale Öffnung und Demokratisierung öffentlich-rechtlicher Angebote lernen, allen voran deren Engagement im #Fediverse? 5 Ableitungen.

  1. “Ausdauer wird unterschätzt” hat Sascha Lobo einmal in einem Interview gesagt. Sie reicht aber nicht aus. Zehn Jahre nach ersten öffentlich-rechtlichen Gehversuchen mit Creative Commons gab es kaum noch Bewegung in diese Richtung. Erst mehrere Anläufe verschiedener Stakeholder führten schließlich zum Durchbruch.
  2. Dass etwas richtig ist, macht es noch nicht wichtig. Dass Creative Commons und öffentlich-rechtliche Informations- und Bildungsinhalte gut zusammenpassen, war nicht ausreichend für ihren Einsatz. Erst das Eigeninteresse an Reichweite und Erschließung neuer Zielgruppen setzte freie Lizenzen an die Spitze der Agenda.
    Für die Forderung nach öffentlich-rechtlichem Engagement im #Fediverse bedeutet das, dass es nicht ausreichen wird, abzuwarten. Auch wenn dezentrale Social-Media-Infrastruktur wie die Faust aufs öffentlich-rechtliche Auge passt – es muss klar herausgearbeitet werden, welche Probleme die Anstalten damit lösen können.
  3. Es braucht Unterstützung von Innen heraus: Freie Lizenzen bei Terra X im ZDF sowie Tageschau und #kolleg24 in der ARD waren nur möglich, weil sich sowohl die Redaktionen selbst als auch Personen auf Leitungsebene dafür starkgemacht haben. Das #Fediverse wird auch Verbündete innerhalb von ARD und ZDF benötigen.
  4. Es braucht Unterstützung von Außen: Nichts hilft den digitalen Pionier:innen in ARD und ZDF mehr, als der Support von Dritten. Im Fall freier Lizenzen waren das zum Beispiel verbesserte Tools zur Reichweitenmessung in der Wikipedia. Und natürlich zählte auch öffentlicher, konstruktiv-kritischer Druck dazu.
  5. Ein klar dokumentiertes Erfolgsbeispiel ändert alles. Spätestens mit dem Ausbau des frei lizenzierten Terra-X-Angebots Mitte 2020 war klar: derartige Inhalte sind möglich und werden genutzt – und jeglicher Fundamental-Opposition (“Das geht nicht.”) wurde so der Boden entzogen.

Ein solches Erfolgsbeispiel für öffentlich-rechtliche #Fediverse-Angebote fehlt bislang noch. Jan Böhmermanns det.social ist ein wichtiges Pilotprojekt, bewegt sich aber – wie die Anfänge von CC – derzeit noch in der Nerd-Nische. Umso mehr kommt es nun darauf an, direkt an die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen anzudocken und so Leute zu erreichen, die noch nie vom #Fediverse gehört haben.

2 Ergänzungen

  1. Die wichtigste Erkenntnis fehlt meiner Ansicht nach: Das war ein biologisches Problem. Es hat 15 Jahre gedauert, weil die Leute, die vor 15 Jahren die Entscheidungen erzwungen haben, jetzt nicht mehr da sind.

    Wenn man das Tempo substantiell erhöhen will, dann muss man die Entscheidungsträger dann austauschen, wenn fundamentale Änderungen anstehen. Das war schon immer so (in Gruppen) und wird auch immer so bleiben, weil die „Stakeholder“ nunmal ihre „Stakes“ im alten Zeugs haben und nicht im neuen. Die haben nichts zu gewinnen, nur Macht und Deutungshoheit zu verlieren.

    Die anderen Punkte sind zwar ganz nett aber für die Entwicklung der Sache mMn. irrelevant. Der Artikel erzeugt hier eine Sachlichkeit, die in dem Entwicklungsprozess der letzten 15 Jahre nicht vorhanden gewesen ist.

    1. Das sehe ich anders, weil es impliziert, dass einfach nur abzuwarten geholfen hätte. Hätte es aber nicht, da bin ich sicher. Vor allem ist es nur am Rande eine Frage des Alters. Manche der wichtigsten CC-Unterstützer:innen sind schon im fortgeschrittenen Alter.

      Das mit Stakes und Deutungshoheit stimmt natürlich, aber ich dachte, dem wird im Artikel schon auch Platz eingeräumt. Genau diesen Kampf um Deutungshoheit gilt es zu führen. „Biologisch“ wird der nicht gewonnen werden.

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