Lektionen aus #WirvsVirusGemeinsam gegen die Krise. Geht das?

Vor etwa einem Jahr organisierte eine Gruppe von zivilgesellschaftlichen Organisationen den #WirvsVirus-Hackathon unter Schirmherrschaft der Bundesregierung. Was hat dieses Experiment gebracht? Unsere Gastautor:innen ziehen Bilanz.

Zahnräder
Damit es funktioniert, müssen die verschiedenen Maßnahmen ineinandergreifen. CC-BY-NC-ND 2.0Jesse Loughborough

Ein Jubiläum, auf das wir gerne verzichtet hätten: Ende März 2020 war eines der ersten Lockdown-Wochenenden und der #WirvsVirus-Hackathon lud Bürger*innen ein, Initiative zu ergreifen und sich an der Lösung der Corona-Krise zu beteiligen. Innerhalb von 48 Stunden entwickelten 28.000 Bürger*innen rund 1.500 Ideen. Das #WirvsVirus-Umsetzungsprogramm unterstützte 130 Teams sozialer Innovationsprojekte im Nachgang des Hackathons dabei, ihre Ideen weiterzuentwickeln und zu skalieren. Dabei entstanden etwa Hilfestellungen für die Fördermittel-Suche und Plattformen für digitales Lernen. Doch ein Sprint alleine reicht nicht aus, um soziale Innovationen zu realisieren.

Soziale Innovation generiert neue und wertvolle Produkte, Dienstleistungen und Praktiken, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen wollen. Man spricht von Open Social Innovation als Methode, wenn ein öffentlicher Aufruf an alle Bereiche der Gesellschaft (Zivilgesellschaft, Verwaltung, privater Sektor) geht, sich an der Entwicklung von Lösungen entlang des gesamten sozialen Innovationsprozesses zu beteiligen. Dieser Prozess ist ein Marathon: Neues zu etablieren braucht viel Ausdauer und Ressourcen.

Durch dieses Umsetzungsprogramm unterscheidet sich #WirvsVirus von anderen Hackathons, bei denen ein Strohfeuer an Prototypen und Ideen entsteht, aber im Nachgang oft keine Strukturen für die Umsetzung von Ideen geschaffen werden.

Zahlreiche netzpolitik.org-Beiträge haben den #WirvsVirus-Hackathon beleuchtet: den Start des Hackathon-Wochenendes, den Beginn und frühen Verlauf des Umsetzungsprogramms, und die mangelnde Diversität bei #WirvsVirus sowie Vorschläge für mehr Inklusion bei Hackathons.

Wir haben in unserer Forschung durch Interviews, Beobachtungen und Analyse von Dokumenten das #WirvsVirus-Experiment von März 2020 bis heute wissenschaftlich begleitet. In diesem Beitrag analysieren wir die Wirkungen von #WirvsVirus und erklären, dass es bessere Rahmenbedingungen für Engagement braucht. Denn die Erfahrungen aus #WirvsVirus sind relevant für das Nachfolgeprojekt #UpdateDeutschland, das an diesem Wochenende startet.

Die Wirkung von #WirvsVirus

Wir wissen aus der Innovationsforschung, dass ein offener und breiter Aufruf zu vielen Ideen führt. Aber letztlich werden nur einige wenige davon realisiert. Das kann mehrere Gründe haben. Zum Beispiel können sich die Rahmenbedingungen um das zu lösende Problem ändern: Das Team der Hackathon-Finalisten FastBorderCrossing entwickelte beispielsweise eine digitale Lösung für die Grenzkontrollen bei Personen- und Warenverkehr. Die Politik sieht in der Zwischenzeit weitestgehend von Grenzschließungen wie zu Beginn der Krise ab, da beispielsweise die Störung von Lieferketten hohe Kosten verursacht. Dadurch ist der Ansatz von FastBorderCrossing obsolet geworden.

Andere Projekte stießen auf hohe Eintrittsbarrieren: Ernteerfolg konnte bereits früh ein gutes Tool zur Verbindung von Landwirt*innen mit Erntehelfer*innen vorweisen. Obwohl technisch und funktional die bessere Lösung, konnte sich Ernteerfolg nicht gegen das Angebot eines etablierten Akteurs durchsetzen.

Einige wenige Lösungen konnten bereits direkt nach dem Hackathon-Wochenende Wirkung erzielen: StayHomeAndSew mobilisierte freiwillige Näher*innen, um Hilfsbedürftige bis heute mit mehr als 30.000 selbst genähten Masken zu versorgen. Das Projekt endete im Sommer 2020, da zu diesem Zeitpunkt genügend Masken am Markt waren.

Die Wuselstunde, bei der Kinder fast täglich online per Video Kinderbücher vorgelesen werden, verzeichnet 2.000 Abonnent*innen auf Youtube, bis zu 17.000 Leute schauten sich die Videos an. Auch das Projekt U:DO entfaltete schnell Wirkung und konnte bis September 2020 über 3.000 kleinen und mittelständischen Unternehmen mittels eines Chatbots bei der Beantragung von Kurzarbeitergeld unterstützen.

Ein weiteres Projekt ist die Plattform Corona School, die bereits über 18.000 Schüler*innen mit mehr als 13.000 freiwilligen Tutor*innen verknüpfte, um die Schüler*innen beim digitalen Lernen zu unterstützen.

Der Großteil der Lösungen hingegen konnte ihre Wirkung während des #WirvsVirus-Umsetzungsprogramms entfalten. Hierzu zählt wir-bleiben-liqui.de, ein Fördermittelfinder für Solo-Selbstständige und Unternehmen, der rund 40.000 Mal bis Ende 2020 genutzt wurde. Auch der aus #WirvsVirus entstandene Innovationsverbund öffentliche Gesundheit (InÖG) entwickelte Features für die Gesundheitsämtersoftware SORMAS, deren bundesweites Roll-Out, und macht Vorschläge für ein interoperables Ökosystem mit sicheren Schnittstellen in der Kontaktnachverfolgung.

Auch ein Jahr nach dem #WirvsVirus-Hackathon sind einige Lösungen noch in der Entwicklung. Das Projekt Sterbenotruf konnte bis Ende 2020 beispielsweise bereits über 2.200 Sterbende und ihre Angehörigen unterstützen, ist aber gerade noch dabei, analog zur 112 eine bundesweite Notrufnummer für eine professionelle Sterbe- und Trauerbegleitung einzurichten. Auch das Projekt Gewaltfrei in die Zukunft, das unter häuslicher Gewalt leidende Frauen unterstützt, wird bis 2023 mit finanzieller Unterstützung des Bundesjustizministeriums in der Höhe von 1.6 Millionen Euro eine Inkognito-App entwickeln.

In unserem ersten Artikel zu #WirvsVirus haben wir geschrieben: „Wenn nach diesem Hackathon 30 bis 40 Projekte realisiert werden, dann war er jedenfalls ein Erfolg.“ Angesichts der Projekte, die noch in Entwicklung sind, ist es etwas zu früh, eine abschließende Bilanz zu ziehen – aber es sieht so aus, als würde diese Zahl erreicht werden.

Wirkung – mehr als reine Kennzahlen

Wir plädieren für eine Betrachtung von Wirkung, die über den Blick auf Kennzahlen hinausgeht, denn die Methode Open Social Innovation an sich kann ebenfalls Wirkung entfalten. Einerseits konnten beim #WirvsVirus-Format alle Beteiligten ihren Horizont erweitern und Neues lernen. Vor allem die Teilnehmer*innen berichteten von einer reichhaltigen Lernerfahrung: „Ich habe so viel gelernt, was ich auch sonst gebrauchen kann, so viel habe ich in meiner ganzen Studienzeit nicht gelernt.“

Darüber hinaus ermöglichte und förderte #WirvsVirus die Vernetzung verschiedener Akteur*innen. Nicht nur die Teilnehmer*innen hatten die Möglichkeit, ihr soziales Netzwerk auszubauen, sondern auch die Vernetzung verschiedener institutionellen Akteur*innen wurde gefördert, sodass nun eine engere Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen möglich ist. Eine Teilnehmerin im Interview dazu: “Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sollten genau so zusammenarbeiten – der Hackathon hat gezeigt, was möglich ist.”

Bessere Rahmenbedingungen schaffen

Einige Teams, deren Projekterfolg abhängig von der Kooperationsbereitschaft der öffentlichen Verwaltungen war, berichteten über veränderungsbereite Entscheidungsträger*innen, welche offen für Neues waren. Aber uns erreichten auch Berichte über systemische Hürden, welche die Entwicklung von Ideen, beziehungsweise deren Skalierung verhinderten.

In der Zusammenarbeit mit öffentlichen Verwaltungen reichten die Barrieren aus Sicht der Teams von Desinteresse an Zusammenarbeit, über Interessensbekundungen zur Zusammenarbeit ohne Folgeschritte, bis hin zu einer verniedlichenden Einstellung gegenüber den Leistungen, die zivilgesellschaftliche Teams erbringen können.

Ein Beispiel: Die Initiative CoronaVIS entwickelte eine für alle zugänglich gemachte Übersicht über die Intensivbettenkapazitäten in Deutschland. Aber zu wesentlichen Daten um das Tool zu verbessern, bekommt die Initiative nach Angabe auf ihrer Homepage keinen Zugang:

Die Darstellungen der Bettenkapazität in CoronaVIS basiert derzeit auf den öffentlichen Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) (Link) zur Bettenauslastung. Bitte beachten Sie, dass derzeit kein Zugriff auf die nichtöffentlichen exakten Kapazitätsdaten der DIVI erfolgen kann (…) aufgrund des fehlenden Zugangs (…).

Es fehlt also auch an einer Vorstellung, wie eine Open-Data-Kultur die Zusammenarbeit mit einer digitalen Zivilgesellschaft ermöglichen könnte. Politische Entscheidungsträger*innen haben es in ihrer Hand, die Verstetigung dieser Methode wesentlich zu unterstützen, indem sie proaktiv den öffentlichen Sektor modernisieren. Unterstützen meint hier, Spiel- und Denkräume in bestehenden Systemen zuzulassen, Kompetenzaufbau für (digitale) Innovationsmethoden in der Verwaltung voranzutreiben sowie Anerkennung für diese Art der Problemlösung zu steigern.

Screenshot der CoronaVIS-Website
Der Initiative CoronaVIS fehlt der Zugang zu exakten Kapazitätsdaten. - Screenshot: CoronaVIS

Eine weitere Schwachstelle ist ein ausbaufähiges (Open)-Social-Innovation-Ökosystem in Deutschland. Dies ist auch digitalpolitisch relevant: Ziele wie digitale Souveränität und der Aufbau von Open-Source-Ökosystemen werden ohne Zivilgesellschaft und deren Förderung nicht erreichbar sein. In der Frühphase wurden Projekte vor allem von den Teammitgliedern selbst getragen. Sie investierten ihre eigene Zeit, Expertise, Netzwerke und zum Teil auch eigene finanzielle Mittel.

Zusätzliche finanzielle Unterstützung bekamen einige Teams in dieser frühen Entwicklungsphase durch BMBF-Mittel (auf Basis eines Prototypefund-Programms zur Finanzierung von Open-Source-Software, dessen Logik auf #WirVsVirus umgelegt wurde) sowie durch individuelle Stipendien. Das waren gute Schritte, aber angesichts der hohen Ausgaben für die Corona-App wäre etwas mehr Mittel für #WirvsVirus-Projekte ein wichtiges Signal gewesen.

Langfristig sollte sich die Politik im Dialog mit der Zivilgesellschaft überlegen, wie Teams entlang des Entwicklungszyklus begleitet werden können: von der frühen (Produkt-)Entwicklungsphase, dem Testen und Verbessern der Lösung über die Aufrechterhaltung innovativer Bemühungen bis hin zur Skalierung. Ziel muss es sein, die Lücke in den mittleren und späteren Phasen des sozialen Innovationsprozesses zu füllen.

Engagement darf nicht davon abhängig sein, ob es sich ein*e Bürger*in finanziell leisten kann. Mangelnde Unter­stützung kann zu Exklusion und Mangel an Diversität führen – nicht jede*r Bürger*in kann sich ein längerfristiges intensives Engagement finanziell erlauben. Bessere Rahmenbedingungen führen daher auch zu höheren Verwirklichungschancen.

Aus Fehlern lernen: #UpdateDeutschland

#UpdateDeutschland ist eine Open-Social-Innovation-Initiative, die an #WirvsVirus anknüpft und von Project Together gemeinsam mit N3xtcoder organisiert wird. Die Grundidee ist in etwa die Gleiche: ein offener Aufruf an alle Teile der Gesellschaft, Initiative zu ergreifen, um gemeinsam Herausforderungen zu lösen.

Innerhalb eines 48h-Sprints an einem Wochenende sollen neue Ideen entwickelt oder bestehende Lösungen mit potenziellen Umsetzungspartner*innen verknüpft werden. Diesem Sprint folgt ein Umsetzungsprogramm um die Realisierung beziehungsweise Skalierung von Ideen oder Projekten zu unterstützen. #UpdateDeutschland findet, wie auch #WirvsVirus, unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts statt. Die politische Verantwortung tragen der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun und Dorothee Bär, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

Holke Brammer von Project Together sagt, dass sie durch die Erfahrungen bei #WirvsVirus gelernt haben, dass „es an vielen Stellen noch mehr Unterstützung, Schnittstellen und Vernetzung braucht, um gute Ideen schnell in die Umsetzung zu bringen“. Die bisherigen Ankündigungen zu #UpdateDeutschland deuten darauf hin, dass dieses Lernen ernst gemeint ist: Bei #UpdateDeutschland sind über 40 Kommunen und acht Landesregierungen dabei, die selbst Herausforderungen stellen und sich als Umsetzungspartner*innen für Projekte, die in deren Verantwortungsbereich fallen, verstehen. Damit soll unterstützt werden, dass Teams auf veränderungsbereite Umsetzungspartner*innen treffen.

Bei der Mobilisierung setzt Project Together auf die Vielfalt der Botschafter*innen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Begrüßenswert ist auch der Fokus bei technischen Lösungen auf Open Source, nach dem Prinzip: Public Money, Public Code. Schließlich stellen Kommunen und Länder konkrete Pilotierungsbudgets zur Verfügung, der Hamburger Senat etwa budgetiert 500.000 Euro.

Was #UpdateDeutschland bringt, ist nicht gänzlich absehbar. Angesichts der zahlreichen gesellschaftlichen Herausforderungen sollten wir in Deutschland darüber nachdenken, wie wir deren Bewältigung gemeinsam organisieren können. Räume fürs Experimentieren und Handeln zu schaffen und Bürger*innen auf die Reise mitzunehmen, kann ein wertvoller Ansatz sein und außerdem andere politische Maßnahmen ergänzen. Die Methode bietet die Chance zu Bürger*innenengagement – also zum proaktiven Handeln. Allerdings sollten wir realistisch einschätzen, was Open Social Innovation aktuell leisten kann – aber auch zukünftig leisten könnte, sofern wir die Rahmenbedingungen verbessern.

Über das #WirvsVirus-Forschungsprogramm:

Seit dem Start des Hackathons begleiten Johanna Mair (Hertie School und Stanford University) und Thomas Gegenhuber (Leuphana Universität und JKU Linz) gemeinsam mit den René Lührsen und Laura Thäter den #WirvsVirus-Hackathon und das Umsetzungsprogramm. Ziel ist es, zu erforschen, welche Lehren aus diesem Experiment für künftige Initiativen gezogen werden können. Das Forschungsteam sieht sich als Lernpartner*innen dieses Experiments und verfolgte das Phänomen in „Echtzeit“. Die Datenerhebung besteht aus mehr als 200 semi-strukturierten Interviews mit allen Interessensgruppen, einer Dokumentenanalyse sowie teilnehmenden Beo­bachtungen.

Die ersten Ergebnisse aus dieser Forschungsphase sind ein Policy Brief und ein in Kürze erscheinender Learning Report. Das Forschungsprojekt wird vom Bundeskanzleramt befürwortet und finanziell vom Vodafone Institut und der Vodafone Stiftung unterstützt.

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