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Warum Menschen auf Verschwörungstheorien reinfallen

„Fake Facts“ von Katharina Nocun und Pia Lamberty ist ein wichtiges Sachbuch über Verschwörungserzählungen, wie sie auch zur Corona-Pandemie kursieren. Im Podcast erzählen die Autorinnen, warum Menschen die wildesten Mythen glauben und warum diese auch dann nicht lustig sind, wenn sie vor mächtigen Echsen warnen.

Verschwörungsmythen treiben bunte Blüten. Gläubige können in ihnen regelrecht versinken. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Daniel Jensen | Bearbeitung: netzpolitik.org


Der Milliardär Bill Gates stecke dahinter, je nach Gemütslage auch mal die Weltgesundheitsorganisation und natürlich die Bundesregierung – wer etwas anderes schreibt, enthält wütende Post von Lesenden. Zum Coronavirus kursieren die wildesten Verschwörungserzählungen. Bestürzend groß ist die Zahl von Menschen, die dennoch bereit sind, sie zu glauben, zu verteidigen und aktiv weiterzuverbreiten.

Kurz nach dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr haben die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun und die Psychologin Pia Lamberty ein Buch veröffentlicht, das unter anderem Erklärungsansätze dafür liefert, warum selbst die eigenen Freund:innen auf einmal auf die abstrusen Mythen reinfallen können. Menschen, die zuvor vielleicht nie auffällig waren und nun dennoch Telegram-Gruppen beitreten, in denen die große Gefahr durch das Virus kleingeredet wird. Menschen, die sich zum Coronavirus von einem veganen Kochbuchautor besser beraten fühlen als von Virolog:innen.

Die Entwicklung ist beängstigend, aber nicht neu. Es gab sie nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag in Hanau im Februar, auch schon nach dem Attentat am 11. September 2001 auf das World Trade Center. „Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ von Nocun und Lamberty macht klar, dass Verschwörungserzählungen ein uraltes Phänomen sind. In dieser Folge unseres Podcasts, die wir bereits Ende Juni aufgezeichnet haben, erläutern die Autorinnen, wann und wodurch die kruden Mythen entstehen.

Sie erklären auch, warum tatsächliche Skandale – wie die durch Edward Snowden enthüllte Massenüberwachung – ein ziemlich schlechter Grund sind, künftig hinter jedem großen Ereignis finstere Mächte zu wittern.

Shownotes

NPP ist der Podcast von netzpolitik.org. Abonniert unser Audio-Angebot, etwa bei iTunes oder Spotify, oder ladet diese Folge herunter im Format MP3 oder OGG. Alle unsere Podcasts findet ihr unter: https://netzpolitik.org/podcast. Wie immer freuen wir uns über Kommentare, Wünsche und Verbesserungsvorschläge.


Redaktionelle Offenlegung: Katharina Nocun hat auch bei netzpolitik.org Texte veröffentlicht.

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7 Ergänzungen
  1. Wenn man sich die Reaktionen der Menschheit auf Seuchen und Pandemien in der Menschheitsgeschichte vom Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit vor Augen führt, stellt man fest, dass sich einige Grundelemente der Seuchenbekämpfung immer wieder wiederholen: das Tragen von Gesichtsmasken, Abstand und Isolierung, saubere und frische Luft (mal’aria!). Sie können quasi als eine Art von „Naturheilmitteln“ der Seuchen- und Pandemiebekämpfung angesehen werden.
    Insofern ist es unverständlich, dass sich unter den Anti-Corona-Demonstranten auch viele Leute tummeln, die eigentlich den Naturheillehren anhängen und sich jetzt gewissermaßen quer zu ihrer eigentlichen Denkrichtung stellen. Sie stellen sich also in diesem Fall gegen die Heilkräfte der Natur und stilisieren die Anwendung dieser über Jahrhunderte etablierten Grundelemente gar – völlig überzogen und maßlos – als Einschränkungen ihrer Freiheit im Sinne des Grundgesetzes hoch, wobei es doch maximal eine dem persönlichen Empfinden geschuldete Einschränkung ist. Aber das persönliche Empfinden wird von diesen Leiten eben auch oft zur moralischen Richtschnur erklärt, die doch bitte schön für alle verbindlich sein soll. Wir leben aber in einer aufgeklärten Gesellschaft, deren moralische Ausrichtung u.a. auf dem kategorischen Imperativ eines Immanuel Kant und nicht auf den Egoismen Einzelner beruht.
    Übrigens, auch das Konzept der Sündenböcke und der Brunnenvergifter zieht sich durch diese Menschheitsgeschichte der Seuchen und Pandemien.
    Wenn man sich die Schriften einiger dieser heutigen Heilslehrer anschaut, etwa von Rüdiger Dahlke, Arzt, Psychotherapeut und Esoteriker, dann findet man erhellende Hinweise. Preist er doch marketingstark, über seine sonstigen, aus der Szene bekannten Corona-Verschwörungs-Erzählungen hinaus, z.B. zur Vorbeugung gegen eine Infektion eine Stärkung des Immunsystems mit zahlreichen Methoden an, die er auch selbst vermarktet! Sein kommerzielles Interesse kommt hier offensichtlich klar zum Ausdruck. Wie unglaubwürdig damit doch seine Erzählungen werden! Übrigens gleichen sich diese Verschwörungserzählungen anderer Heilslehrer in Inhalt und Motivation frappierend.
    Wenn man darüber hinaus noch berücksichtigt, dass die COVID-19-Erkrankung häufig infolge einer überschießenden Immunreaktion (Zytokin-Sturm) in einen schweren Verlauf bis zum Tod mündet, zeigt sich zudem die Fragwürdigkeit und ungeheuerliche Skrupellosigkeit dieser Heilslehrer. Es wird Zeit, dass sich diese Szene von dieser Art von Narrativen und dieser Art von Irrlehrern verabschiedet.

    1. Wobei zwischen Echsenmenschen beweinen und sich und andere vergiften schon auch ein dialektischer Unterschied ausgemacht werden könnte.

      Klar galuben auch „viele“ Leute an den Osterhasen, „ziemlich viele“ an den Weihnachtsmann.

  2. Was für ärmliche Argumente vieler „Corona-Zweifler“! Da wird erklärt, dass ja in Deutschland der Corona-Ausbruch gar nicht so schlimm gewesen wäre wie in Italien, weshalb die Deutschen Lock-Down-Maßnahmen nicht gerechtfertigt seien!
    Ihr scheinschlauen Experten-Simulanten – mit oder ohne akademischen Titeln – ohne Lock-Down-Maßnahmen wären auch in Deutschland die Infektionszahlen viel höher! Das weist u.a. auch eine umfassende, anerkannte Modellierungsstudie einer Göttinger Forschungsgruppe unter Leitung von Frau Dr. Viola Priesemann nach. Und der von manchen so hoch gelobte schwedische Weg ist anteilig mit 3-4 mal so viel Toten – insbesondere unter den Alten – gepflastert! Geht das nicht in Eure Hirne rein?

    Dass jetzt publik wird, dass nicht nur Protagonisten der FDP (Kemmerich), sondern auch der CDU (Schmidt vom CDU-Wirtschaftsrat) – wieder einmal in enger Kungelei mit der AfD – krude gegen die Corona-Politik demonstriert haben, zeigt übrigens wieder einmal die Verlogenheit von FPD und Union. Auch wenn diese diesmal ihre kruden Thüringer Protagonisten nicht vorschnell beglückwünschten, so beließen sie es damit, deren Ungeheuerlichkeiten zu „bedauern“ oder als Aktionen als „Privatperson“ durchgehen zu lassen.

    Im übrigen wurden die Ausbrüche vieler Seuchen – angefangen von den angeblich von Brunnenvergiftern verursachten Pestseuchen bis zu den neuzeitlichen Viren-Epidemien wie Polio, Aids, Ebola etc. – mit abstrusen Verschwörungs-Erzählungen und Fake Facts nach immer gleichen Mustern und Methoden begleitet. Häufig wurde dabei behauptet, dass diese Viren von finsteren Mächten in Laboren künstlich geschaffen wurden, um gewisse Bevölkerungsgruppen wie z.B. die schwarze Rasse, Schwule, Muslime etc. auszurotten, um nur einmal ein Element dieser abstrusen Verschwörungserzählungen herauszugreifen.

    Mal ganz abgesehen davon, was mein gesunder Menschenverstand von diesen frei erfundenen Erzählungen hält, würde ich mich, wenn überhaupt, erst dann näher mit derartigen Erzählungen beschäftigen, wenn denn die bisherigen „Vorhersagen“ eingetroffen wären. Aber schwarze Menschen, Schwule, Muslime sind immer noch vorhanden!

  3. Schade, dass der Hund bellt, gerade, als es besonders interessant wurde. Trotzdem danke für die Ausführungen! Euer Buch steht schon auf meiner Wunschliste :)

  4. Letztlich steckt doch hinter Verschwörungstheorien ein Wunsch, nämlich der Wunsch, dass das alles, was wir gerade erleben, Sinn ergibt und in einem größerem Zusammenhang steht. Die profane Wirklichkeit, dass die Pandemie eben einfach passiert ist, wir Maßnahmen ergriffen haben und keiner so richtig weiß, wann das aufhört, ist enttäuschend und irgendwie „zu wenig“ im Sinne eines metaphysischen (oder göttlichen oder schicksalhaften) Plans. Da bieten Verschwörungstheorien genug Stoff, warum das alles passiert.

    1. Entscheidend könnte nicht direkt wahrgenommener Informationsübertrag sein. Das Wissen um bösartigen Scheiß ist ja vorhanden, es wird nur nicht direkt transferiert, sondern sickert indirekt, mehr oder weniger unbewusst weiter. Dass wäre sozusagen „fasst wie Telepathie“, nur ohne Notwendigkeit eines Harry Potter Universums, zudem würde ein zurücksickern ins Bewusstsein anderer Leute nicht so funktionieren wie Erinnerung oft kolportiert wird (Ziegelstein draufwerfen, wenn es dann nicht wiederkommt, ist es vergessen). Erfindungen gibt es oft auch zu ähnlichen Zeiten an verschiedenen Orten, wohl weniger wegen eines instantan verwertbaren finalen Geistesblitzes, sondern eher weil mehrere Leute und ganze Gesellschafften mit dem Problem befasst sind – hier auch die Problemstellung an sich bedenken, an deren Wahrnehmung zumindest viele Menschen gleichzeitig beteiligt sein können.

      Die Liquidierung von Intuition wäre z.B. auch ein mögliches Herrschaftsversuchsintstrument. Das kann ja auch via Propaganda versucht werden, z.B. indem Menschen dazu gebracht werden ihr Gehirn nur noch rein diskursiv einzusetzen, um letztlich von irgendeiner KI ersetzt zu werden. Ähnlich die Schiene, die Menschen nicht mehr viel über das, woran sie mitarbeiten, wissen zu lassen. Das ist alles „Dual-Use“.

      Typisch ist auch etwas irgendwie zu erahnen, aber etwas anderes daraus zu machen, indem man auf das erste zeigt, was einem in den Sinn kommt (Chemtrails vielleicht??). Am häufigsten dürfte aber die Nutzung der ungeheuerlichen Ahnung, die sich leider nicht rechtzeitig manifestiert, seitens Einflussreicher zu ihrem eigenen Vorteil sein.

    2. Fakt ist aber auch, dass Nutznießertum, Opportunismus und de facto Korruption durchaus verbreitet sind. Die Gelegenheiten mehr Datenerfassung und Überwachung anzubringen werden an vielen Orten auf dieser Welt genutzt.

      Es gibt also guten Anlass kritisch zu hinterfragen.

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