COVID-19

Gerüchte, Fake News und voreilige Wissenschaft in Corona-Zeiten

Die Corona-Krise ist hochdynamisch. Was gestern gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse oder politische Einschätzungen waren, ist heute oft schon nicht mehr aktuell. Auch Gerüchte und Falschnachrichten kursieren. Wir geben einen Überblick über Faktencheck-Portale und Anlaufpunkte für wissenschaftliche Studien.

Den Überblick zu behalten, was gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über das neuartige Coronavirus sind, ist manchmal gar nicht so einfach. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com chuttersnap

Die mit dem neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) einhergehende Informationsflut verschärft bestehende Fragen zum Umgang mit Falschnachrichten – und schafft eine Vielzahl neuartiger Probleme. Nicht nur verbreiten sich Gerüchte rasant in den sozialen Medien, auch stellt der immense Zeitdruck Wissenschaftler:innen vor Herausforderungen und kann so zu voreiligen Schlüssen führen. Zudem werden offizielle Aussagen zu Eindämmungsmaßnahmen oft von der Realität des sich rasant ausbreitenden Virus überflügelt.

So warnte das Bundesgesundheitsministerium auf Twitter noch am 14. März unter der Überschrift „Achtung Fake News“ davor, dass falsche Berichte über weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens kursierten. In den darauf folgenden Tagen wurden dann aber eben solche Maßnahmen beschlossen. Das drastische Dementi des Ministeriums war nach zwei Tagen schon veraltet.

Medizinische Hinweise im Netz

Auch medizinische Hinweise werden online geteilt. So warnt die Medizinische Uni Wien auf Twitter vor WhatsApp-Nachrichten, in denen unter Verweis auf angebliche Forschungsergebnisse der Universität Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Ibuprofen und COVID-19 hergestellt werden. Zwar riet auch die WHO zwischenzeitlich dazu, eher zu alternativen Medikamenten zu greifen, mit Forschung der Uni Wien hatte dies aber wenig zu tun. Mittlerweile hat die Gesundheitsorganisation zudem ihre vorsichtige Warnung vor dem Medikament zurückgezogen.

Die Episode zeigt, wie wissenschaftliche Unsicherheit und in sozialen Medien kursierende Gerüchte sich gegenseitig bedingen können. Natürlich: Diskussionen sowie gegensätzliche Einschätzungen eines Sachverhaltes sind elementarer Teil wissenschaftlicher Debatte. Doch in verkürzten Darstellungen oder Gerüchten in den sozialen Medien fehlen wichtige Elemente wie Peer-Reviewing-Verfahren und eine eindeutig zuordenbare Autor:innenschaft, die wissenschaftliche Praxis auszeichnen. So wird Unsicherheit genährt und Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse erodiert.

Während Forderungen nach einer stärkeren Ahndung von Corona-bezogenen „Fake News“ laut werden, geben wir deshalb hier einen Überblick über Aufklärungsseiten, die den wichtigen Schritt gehen, Falschnachrichten im Netz richtig zu stellen und wissenschaftliche Erkenntnisse aufzubereiten.

Correctiv – Faktenchecks und Recherche

Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv bietet neben eigenen Recherchen, die oft in Kooperation mit anderen Medien stattfinden, eine Vielzahl von Faktenchecks an – auch in Zusammenarbeit mit und auf der Plattform Facebook. Meldungen, die beispielsweise im Netz kursieren, werden von Mitarbeitenden anhand ihres Faktengehalts auf dem Spektrum zwischen richtig und falsch verortet – oder als unbelegt kategorisiert.

So nimmt das Medium tagesaktuell auch das vielfach auf YouTube geteilte Video von Wolfgang Wodarg in Visier. Die Autor:innen kommen zum Schluss, dass der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, der auch dem rechtsoffenen Portal KenFM für ein Interview bereit stand,  Fakten mit Spekulation mischt.

So nutzt er bei bestimmten Fragen bestehende Unklarheiten aus, um wissenschaftliche Einschätzungen zum Coronavirus grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine Strategie, wie sie auch Klimaleugner:innen regelmäßig nutzen.

Als neues Tool stellt Correctiv.Faktencheck zudem einen sogenannten CrowdNewsroom zur Verfügung, in dem Bürger:innen melden können, wo und wann ihnen Falschmeldungen zum Coronavirus begegnen. So soll sichtbar werden, wie sich Desinformationen in Deutschland verbreiten.

Mimikama

Der österreichische Verein Mimikama widmet sich den Themen Internetbetrug, Falschmeldungen sowie Computersicherheit und betreibt die reichtweitenstarke Facebook-Seite „Zuerst denken – dann klicken“. Entsprechend liegt der Fokus der Initiative vor allem auf Falsch- und Betrugsmeldungen in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und WhatsApp. Die Arbeit der Initiative besteht eher in der Klarstellung falscher Nachrichten als in ausführlichen Hintergrundrecherchen. Auch hier sind Klarstellungen zum Coronavirus – beispielsweise zu kursierenden Kettenbriefen mit Gesundheitstipps – präsent.

Faktenchecks der öffentlich-rechtlichen Medien

Auch öffentlich-rechtliche Medien widmen sich dem Thema Faktencheck. Bekanntestes Beispiel ist wohl der ARD-Faktenfinder, der Falschinformationen im Netz mit eigenen Hintergrundrecherchen begegnet, die ausführlicher und detaillierter sind als es bei tagesaktueller Berichterstattung möglich wäre. Auch der Bayerische Rundfunk betreibt mit dem #Faktenfuchs sein eigenes Portal, das neben überregionalen Faktenchecks primär mit einem regionalen Fokus aufwartet. In beiden Projekten finden sich momentan auch eine Vielzahl an Berichten zu kursierenden Corona-Falschnachrichten.

Wo findet man Informationen zu Corona-Studien?

Die Corona-Krise stellt auch Wissenschaftler:innen vor Herausforderungen. Erkenntnisse über das neuartige Virus sind dringend gefragt, schließlich bilden sie die Grundlage für politisch gesteuerte Eindämmungsmaßnahmen. Doch wissenschaftliche Praxen brauchen für gewöhnlich Zeit – und die ist angesichts der rapide steigenden Zahl von Corona-Fällen auf der ganzen Welt ein knappes Gut.

Zunehmend werden deshalb die traditionellen Gatekeeper, etablierte wissenschaftliche Zeitschriften, umgangen und Artikel ohne Peer-Reviewing von Forschenden direkt veröffentlicht. Mehr als sonst ist bei diesen sogenannten Preprints eine Quellenkritik notwendig – und doch kommt diese in der aktuellen Situation oft zu kurz, berichtet das Schweizer Online-Magazin Republik.

Eine Anlaufquelle für ausgewählte wissenschaftliche Veröffentlichungen ist das Science Media Center Deutschland, das sich zum Ziel setzt, eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Journalismus zu übernehmen. Forschungsergebnisse werden von den Mitarbeiter:innen des SMC kuratiert, durch Wissenschaftler:innen bewertet und in Form von Factsheets zugänglich gemacht – auch zum neuartigen Coronavirus.

Andere Anlaufstellen für gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse sind natürlich die Webseiten der Weltgesundheitsorganisation, des deutschen Robert Koch-Instituts sowie des Bundesgesundheitsministeriums.

Angesichts der gegenwärtigen Informationsflut ist vielleicht der erste von zehn Tipps gegen Falschmeldungen in der Corona-Krise, die die Süddeutsche Zeitung empfiehlt, der hilfreichste: Erstmal durchatmen und kurz innehalten, bevor wir Nachrichten vorschnell teilen und so zu ihrer Weiterverbreitung beitragen.

 

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12 Ergänzungen
  1. Ist es wirklich ein Problem, wenn jemand rät, statt Ibuprofen lieber Paracetamol zu nehmen? So ein großes Problem, dass wir über Zensur und Einschränkungen der Grundrechte reden müßten?

    Die gefährlichen Fake News kommen – leider – von ganz oben, und werden – hier wird es bedenklich – von den Medien kritiklos übernommen und weiter verbreitet. „Corona – Deutschland ist bestens vorbereitet“. „Alles halb so wild“. Das war im Januar nicht (nur) auf dubiosen Webseiten zu lesen, sondern eine Kernaussage der Regierung, die von fast allen Medien kritiklos weiter verbreitet wurde. Trotz der Krise in China.

    Hätte man es besser wissen müssen? Wäre das Land bereit gewesen, auf Karneval und Skiurlaub zu verzichten? Man weiß es nicht.

    Aber wenn wir über Falschinformationen diskutieren wollen, die Menschenleben gefährden, dann sollten wir die Informationspolitik der Regierung und Medienberichterstattung der letzten Monate in den Mittelpunkt stellen und nicht das Internet. Erfahrungen aus Taiwan, Südkorea und anderen Ländern zeigen nämlich, dass viele Menschen, die jetzt tot sind, nicht hätten sterben müssen, wenn wir im Januar anders reagiert hätten.
    Und das ist ein Problem. Nicht Ibuprofen.

    1. Klar, „bitte keine Hamsterkäufe“, „Leute die mehr kaufen als sie jemals verbrauchen können“, …

      Ich hätte gerne Zahlen, wo das zutrifft, und wie die Kriterien dafür aussehen sollen. Ansonsten hätte ich gerne dass die Politiker/innen doch die Propaganda einstellen.

      Empfohlen ist ja 10-14 Tage Vorräte zu haben – wo sind die Zahlen, wie viele von 100 Mio +- Einwohnerin das denn haben, und wie lange die Läden leer sein werden, wenn „die anderen Leute“ das jetzt aus gegebenem Anlass nachfüllen.

      Wahrscheinlich gibt es irgendwo und überall übetriebene Einkäufe, aber ich habe keinen solchen sehen können, nur leere Regale :). Vielleicht reicht es ja im heutigen optimierten Kackstadl, wenn 20% der Leute jeweils innerhalb von zwei Wochen einfach zwei mal doppelt einkaufen?

      1. Ich habe seit Tagen kein Toilettenpapier mehr gefunden (in Markt X) :).

        Nun hatte ich die eine oder andere Woche früher bereits nach dem fairen Eichhörnchenprinzip Toilettenpapier in der Gegend verteilt, doch allmählich wird’s knapp. Muss ich etwa die faire Koala-Eichhörnchentaktik aufgeben und einen anderen Markt besuchen?

        Sonst ist die c’t als nächstes dran.

    1. Ich halte es für falsch, offiziellen Informationen aus China zu vertrauen, da Propaganda und Wahrheit bei staatlichen Medien wie China-Daily nur schwer zu trennen sind.
      Im Moment ist das Ziel der Kommunistischen Partei Chinas vom anfänglichen Vertuschen und Versagen abzulenken und sich gegenüber dem Rest der Welt als Retter darzustellen. Ein weiteres Ziel ist es, Unsicherheit über den Ursprung der Epidemie zu erzeugen, wie es insbes. Zhao Lijian Sprecher des chin. Außenministeriums tut, wenn er behauptet, der Ursprung sei in den USA zu suchen.
      Ein Medium aus China, dass immer wieder auch unbequeme Wahrheiten veröffentlicht hat, ist Caixin.
      Ansonsten sollte man lieber auf die Erkenntnisse aus Südkorea und Taiwan zurückgreifen, die beide erfolgreiche Strategien zur Bekämpfung des Virus entwickelt haben. Da es sich im Gegensatz zu China um demokratische Länder handelt, wird offen und transparent über Maßnahmen und Zahlen berichten und es herrscht Pressefreiheit.

  2. Hallo, ich glaube ihr habt da eine Falsche Seite verlinkt. Im Absatz über Correctiv:

    „So nimmt das Medium tagesaktuell auch das vielfach auf YouTube geteilte Video von Wolfgang Wodarg in Visier.“

    Wenn man dem Link folgt landet man bei belltower.news. Da geht es zwar auch um Verschwörungstheorien aber aus einer anderen Ecke…

  3. Wer gesicherte Informationen will und nicht nur die berichtigten Falschmeldungen, sollte sich als Primärguellen neben Drostens Podcast auch Spektrum.de und aerzteblatt.de ansehen

  4. „… und die ist angesichts rapide steigenden Zahl von Corona-Fällen auf der ganzen Welt ein knappes Gut.“
    Ich glaube da fehlt ein „der“ zwischen angesichts und rapide.

  5. Rhetorisch interessant an dem Beispiel der Ibuprofen-Warnung ist Folgendes:

    Die Warnung der Uni Wien vor der (angebliche) Fake-Nachricht bestätigt diese in allen ihren objektiven-wissenschaftlichen Aussagen. Objektiv-wissenschaftlichen in der Fake-Nachricht waren die Aussagen, dass sie selbst nicht erwiesen, nicht durch Studien belegt und nicht nachprüfbar sei. Genau das bestätigt die Uni Wien. Damit verschafft sie der Fake-Nachricht erst eine gewisse Glaubhaftigkeit.

    Die Uni Wien versäumt es, den persönlich-emotionalen Teil der Fake-Nachricht anzugreifen. Persönlich-emotional waren die eingestreuten Aussagen: Habe eine Bekannte mit dem Namen XY, die macht eine nicht nachweisbare Erfahrung, darf sie aus rechtlichen Gründen nicht sagen, verrate Euch das Geheimnis. Diese bleiben unwidersprochen im Raum stehen. Deswegen schlussfolgert der Leser: Der erste Teil der (Fake-)Nachricht wird von der Uni bestätigt, dann bin ich geneigt auch den zweiten Teil, nämlich die Spekulation anzunehmen.

    So wird die Berichtigung der Uni Wien zu einem kommunikativen Desaster.

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