Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.
Obwohl wir uns noch ziemlich am Anfang einer voraussichtlich längeren Corona-Krise befinden, machen bereits die ersten „Told you so“-Argumente die Runde. Am häufigsten – und sicherlich auch richtigsten – ist der Hinweis darauf, wie zentral ein öffentlich organisiertes und ausreichend finanziertes Gesundheitssystem ist, um mit Pandemien wie Corona irgendwie fertig zu werden.
Ebenso werden die Rekordeinschaltquoten für die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender – auch richtigerweise – als Beleg für deren Bedeutung in Krisensituationen herangezogen. Durchaus verdient bekommen besonders plumpe Kritiker:innen öffentlich-rechtlicher Medien jetzt die „Rache des Archivs“ (© Robert Hochner) zu spüren und ernten Häme, zum Beispiel in diesem Tweet des ARD-Digitalexperten Dennis Horn:
Hey, @jungeliberale, ein paar Monate später mal kurz die Frage: Hält euch Netflix in Sachen #coronavirus gut auf dem Laufenden? Ja? Okay. https://t.co/1keARy6ZNy
— Dennis Horn (@horn) March 15, 2020
Trotzdem halte ich es für einen großen Fehler zu glauben, dass die Debatte um die Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien im Netz damit bereits zu deren Gunsten entschieden sein könnte. Denn eine Totalabschaffung öffentlich-rechtlicher Angebote war auch vor Corona keine realistische Option und wurde von niemandem jenseits der AfD ernsthaft propagiert.
Umfassender Programmauftrag oder Fokus auf „Kernaufgaben“?
Sehr weit verbreitet war jedoch die Meinung, öffentlich-rechtliche Medien mögen sich doch auf ihre „Kernaufgaben“ wie eben Information, Bildung und Kultur fokussieren und den Rest den privaten Medien überlassen. Und die Antworten auf Dennis Horns Tweet dokumentieren auch, dass der Glaube an so einen Schmalspur-Ansatz für öffentlich-rechtliche Medien von Corona zumindest bislang eher unerschüttert ist.
Den Befürworter:innen eines umfassenden öffentlich-rechtlichen Medienangebots, zu denen ich mich auch selbst zähle, wird mit der erfolgreichen Corona-Berichterstattung also keineswegs eine argumentative Wunderwaffe ausgehändigt. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn wenn es breitenwirksame öffentlich-rechtliche Digitalangebote auch dann noch geben soll, wenn Corona lange Geschichte ist, müssen heute dafür die notwendigen Weichen gestellt werden.
Zu den meiner Meinung nach wichtigsten Punkten zählt dabei:
- Online-Angebote zu einem vernetzten Ökosystem ausbauen, in dem nicht nur die diversen öffentlich-rechtlichen Inhalte miteinander vernetzt und durchsuchbar gemacht werden, sondern auch das Publikum viel stärker miteinbezogen wird, bis hin zu Upload-Möglichkeiten für nutzergenerierte Inhalte.
- Öffentlich-rechtliche Archive müssen neu gedacht werden, denn online sind fast alle Inhalte Archivinhalte. Die digitale Öffnung von Archiven – auch was freie Lizenzierung von Inhalten betrifft – muss als Investition in die Zukunft begriffen werden.
- Die Aufsicht muss transparenter und sowohl staats- als auch senderferner werden, weil sich nur so die im Digitalbereich notwendige, größere Flexibilität bei der Angebotsgestaltung auch demokratisch rechtfertigen lässt.
Einiges davon ist inzwischen auf den Weg gebracht. Im neuen Telemedienkonzept des ZDF, das eigentlich in der wegen Corona abgesagten Märzsitzung des Fernsehrats hätte beschlossen werden sollen, werden viele Weichen bereits richtig gestellt – auch auf Druck des Fernsehrats hin. Gleichzeitig wird es auch dann, wenn die öffentlich-rechtlichen Digitalangebote viele dieser Punkte umgesetzt haben sollten, weiterhin die Forderung nach einer stärkeren Fokussierung auf Information, Bildung und Kultur geben.
Politische Grundsatzentscheidung
Der Verweis auf qualitativ hochwertige und zeitgemäße Angebote ist darauf nur eine notwendige, keine hinreichende Antwort. Mehr schon der Hinweis, dass Beschränkungen des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags natürlich jene Reichweitenbasis erodieren, die für die demokratiepolitische Relevanz genauso wie für die zentrale Rolle von öffentlich-rechtlichen Angeboten in Krisensituationen unerlässlich ist. Das gilt online vielleicht sogar noch mehr als im Analogen, wo die öffentlich-rechtlichen die besten Plätze auf der Fernbedienung gepachtet haben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem der Klassenaspekt von Geschmacksfragen, der bei einer allgemeinen Haushaltsabgabe natürlich auch eine Rolle spielt.
Vor allem aber ist und bleibt es letztlich eine politische Grundsatzentscheidung: Soll es neben privaten, primär profitgetriebenen Medienangeboten auch öffentlich-rechtliche, primär einem demokratischen Auftrag folgende Medienangebote geben? Ich bin überzeugt, dass erst beides zusammen zu mehr medialer und kultureller Vielfalt führt.
Das bedeutet, dass profitgetriebene oder andere private, gemeinnützige Medienangebote (wie zum Beispiels dieses Blog hier) gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Medien – und durchaus auch im Wettbewerb untereinander – zu einer demokratischeren Öffentlichkeit führen. Diesen Punkt gilt es aber unabhängig von Corona oder anderen Krisen auch in Zukunft zu machen und durch zeitgemäße öffentlich-rechtliche (Digital-)Angebote unter Beweis zu stellen.
