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Messengerdienste müssen interoperabel werden – aber nicht um jeden Preis

Das Bundeskartellamt untersucht den Markt von Messengerdiensten. Das ist längst überfällig, um die Marktmacht und das Monopol von Whatsapp besser zu verstehen. Wir brauchen Interoperabilität, damit datenschutzfreundliche Alternativen eine bessere Chance erhalten. Aber das darf nicht auf Kosten einer sicheren und vertrauenswürdigen Kommunikation geschehen. Der Tagesrückblick.

Heute ist Donnerstag und es gibt eine weitere Ausgabe unseres bits-Newsletters.
Heute ist Donnerstag und es gibt eine weitere Ausgabe unseres bits-Newsletters. CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Hallo,

Messengerdienste dürften die meistgenutzten Apps auf unseren Smartphones sein. Seit über zehn Jahren dominiert vor allem Whatsapp den Markt, und das noch stärker, seit Facebook den Dienst aufgekauft hat. Whatsapp wurde in Deutschland vor allem deshalb populär, weil Telekommunikationsanbieter viel Geld für wenige Zeichen Bits in SMS-Nachrichten verlangten und der Messenger eine kostenlose Alternative bot. Dass Whatsapp insbesondere anfangs Datenschutz und Datensicherheit nie besonders wichtig fand und von einem Skandal zum nächsten lief, schadete der Beliebtheit des Dienstes nicht.

Aber vor allem wurde Whatsapp dadurch populär, weil sich damit leicht Freunde finden ließen, die den Dienst ebenfalls nutzten. Vielen war jedoch nicht bewusst, wie das im Hintergrund ablief: Nutzer:innen wurden genötigt, ihr gesamtes Telefonbuch mit allen Daten hochzuladen. So erhielt der Dienst wichtige Informationen über soziale Graphen und einfach Namen, Telefonnummern und Mailadressen. Dass das nicht so ganz mit Verbraucherrechten und Datenschutz vereinbar war, interessierte den Dienst nicht, denn dadurch wurde ja gerade das Monopol aufgebaut und die Marktmacht gesichert.

Mittlerweile assoziieren viele Menschen „Messenger“ oder „Nachrichten schreiben“ mit Whatsapp. Der Dienst wird immer mehr mit dem Facebook-Ökosystem verschmolzen, obwohl Facebook bei der Übernahme versprach, genau das nicht machen zu wollen. Damit versucht der Konzern, spätere kartellrechtliche Trennungen künstlich zu behindern und einen gemeinsamen Datenpool aufzubauen. Auch wenn Whatsapp mittlerweile eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingebaut hat, sind über die Verbindungsdaten, „Wer kommuniziert mit wem, wann und wo“ detallierte Datenprofile möglich, die dann der Werbekonzern Facebook zur Auslieferung personalisierter Werbung nutzen kann.

Datenschutzfreundlichen Alternativen eine bessere Chance bieten

Ich hab mich aus den genannten Gründen immer erfolgreich Whatsapp verweigern können und nutze datenschutzfreundliche Alternativen wie Threema oder Signal. Aber für viele Menschen stellt die Vielfalt eher ein Problem dar, sie wollen sich nicht mit unterschiedlichen Systemen befassen müssen oder gar noch etwas Geld für Threema ausgeben, wenn doch Whatsapp für sie funktioniert und fast alle das haben.

Das Bundeskartellamt hat heute angekündigt, Messengerdienste im Rahmen einer verbraucherrechtlichen Sektoruntersuchung unter die Lupe zu nehmen. Das ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, das Monopol von Whatsapp zu untersuchen und zu bekämpfen. Eine wichtige Rolle bei der Untersuchung sollen auch Fragen der Interoperabilität spielen, die ich seit langem einfordere. Damit könnten Messengerdienste mit einer gewissen Marktmacht aufgefordert werden, Schnittstellen zur Kommunikation mit anderen Konkurrenzdiensten einzuführen, um mehr Wettbewerb in diesem Markt zu ermöglichen

Das Bundeskartellamt erhofft sich Erkenntnisse im Rahmen der Untersuchung, ob Verbesserungen bei der Interoperablität zu einer vermehrten Nutzung von datenschutzfreundlichen Diensten führen können.

Was dabei ganz wichtig ist: Messengerdienste sollten Interoperabel werden, aber die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung darf dabei nicht aufgeweicht werden, indem Sicherheitsbehörden und Innenminister bei der Entwicklung passender Telekommunikationsprotokolle nicht wieder überall Überwachungsschnittstellen und Hintertüren einbauen. Es wäre ein Bärendienst, wenn irgendwann eine dienstübergreifende Kommunikation möglich wäre, aber dafür keine vertrauenswürdige Kommunikation mehr.

Leonard Kamps fasst die Pläne des Bundeskartellamts zusammen: Bundeskartellamt untersucht Messenger-Apps.

Kurze Pausenmusik:

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Die Erstellung dieser Ausgabe wurde freundlicherweise von Tomas Rudl und Mascha Fouquet unterstützt.

Neues auf netzpolitik.org

Die Debatte um die Veröffentlichung eines durch das Informationsfreiheitsgesetz befreiten Glyphosat-Gutachtens ist seit Jahren eine rechtstaatliche Farce. Jetzt gibt es einen weiteren Erfolg vor Gericht, wie Ingo Dachwitz zusammenfasst: Glyphosat-Gutachten durfte veröffentlicht werden.

Das Landgericht Köln hat heute entschieden, dass die Veröffentlichung eines offiziellen Gutachtens zu Glyphosat durch FragDenStaat keine Urheberrechtsverletzung war. Der Fall könnte wegweisend sein, doch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat bereits angedeutet, dass es das Urteil nicht akzeptieren will.

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Facebook führt neue Moderationsfeatures ein, um Desinformation und Hass in Facebook-Gruppen etwas besser unter Kontrolle zu bringen. Mascha Fouquet und Daniel Laufer haben sich die Pläne angeschaut: Facebook setzt Gruppen auf Bewährung.

Wegen Verschwörungserzählungen zur US-Wahl und der Corona-Pandemie will Facebook Moderator:innen von Gruppen stärker in die Pflicht nehmen. Der Konzern wälzt damit Verantwortung auf ungeschulte Freiwillige ab. Dabei sträubte er sich selbst lange Zeit, konsequent gegen Hetze und Desinformation vorzugehen.

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Gute Nachrichten vom Europäischen Gerichtshof hat Serafin Dinges: Banken haften nach gemeldetem Kartenverlust.

Solange man den Verlust rechtzeitig meldet, haftet die Bank für illegal getätigte, kontaktlose Zahlungen. In der Klärung eines Gerichtsfalls aus Österreich stärkte der EuGH heute den Schutz von Verbraucher:innen.

Was sonst noch passierte:

Es gibt ein neues Update der Corona-Warn-App. Diese aktualisiert mittlerweile häufiger als nur „alle 24 Stunden“, was mit einer verbesserten Tracing-Schnittstelle auf Seiten von Apple und Google zu tun hat. Warum die App trotzdem immer noch „Aktualisierung alle 24 Stunden“ anzeigt, erschließt sich mir nicht – das dürfte eher ein Bug sein.

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Die Amazon-Streamingplattform Twitch hat sich bei Nutzer:innen für durchgeknallte Uploadfilter entschuldigt. Im Oktober waren tausende Streamer mit Copyright-Warnmeldungen informiert worden – und zahlreiche Videos wurden automatisiert gelöscht. Vorausgegangen waren tausende Meldungen der US-Musikindustrie RIAA. Twitch will jetzt andere Uploadfilter-Systeme einführen: Twitch entschuldigt sich für Copyright-„Blutbad“.

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Im Frühjahr war eine rechtsterroristische Gruppe hochgenommen wurden, die „Gruppe S.“ genannt wird. Zwölf Neonazis, darunter auch ein Polizeiverwaltungsangestellter, sollen Anschläge auf Moscheen und Politiker geplant haben. Jetzt wurde Anklage erhoben: Gewaltpläne von Bürgerwehr-Truppe.

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Malcolm Ohanwe fasst in der Deutschlandfunk Kultur – Sendung Kompressor popkulturelle Reaktionen auf die Wahl von Kamala Harris als erster schwarzer Frau im Amt der Vizepräsidentin zusammen.

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Beim Europäischen Gerichtshof werden aktuell Uploadfilter in der EU-Urheberrechtsreform in Bezug auf mögliche Verletzungen der EU-Grundrechtscharta verhandelt. Paul Keller war vor Ort und berichtet aus der Verhandlung: CJEU hearing in the Polish challenge to Article 17: Not even the supporters of the provision agree on how it should work.

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Der Holocaustforscher Timothy Snyder kommentiert im Boston Globe die Taktik von Donald Trump, das Wahlergebnis nicht zu akzeptieren: Trump’s big election lie pushes America toward autocracy.

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Verschiedene Journalist:innen berichten in der Taz, welche Einschränkungen der Pressefreiheit sie am vergangenen Samstag auf der „Querdenken“-Demo in Leipzig erlebt haben: Bedroht, bespuckt und angegriffen.

Dazu passt auch ein Bericht von Henrik Merker auf Uebermedien: Die Eskalation der Gewalt.

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Gestern hatte ich bereits auf die Four Seasons Total Landscaping – Saga hingewiesen. Bei der BBC gibt es eine gute Zusammenfassung als TV-Bericht.

Video des Tages: Berlin 1945

Die 178 Minuten lange RBB-Dokumentation „Berlin 1945“ erzählt „mit Archivmaterial aus den Blickwinkeln der Zeitgenossen, ohne sich über sie zu erheben, ein vielstimmiges, kollektives Tagebuch: Geschichte wird gegenwärtig.“

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John Oliver kommentiert in der „Last week tonight“ – Ausgabe von Montag den Ausgang der US-Wahlen: Election Results 2020.

Netzpolitik-Jobs

Ich bekomme regelmäßig Job-Angebote im netzpolitischen Bereich zugeschickt und dachte mir, dass eine zusätzliche Rubrik ein guter Service sein könnte. Zweimal die Woche werde ich zukünftig auf aktuelle Job-Angebote hinweisen.

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Die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg sucht eine/n Referent (m/w/d) Medienregulierung. Das ist eine spannende Stelle, weil diese zukünftig dafür zuständig ist, den kommenden Medienstaatsvertrag umzusetzen, wozu auch Plattformregulierung gehört.

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Das Wissenschaftszentrum Berlin sucht für den Schwerpunktbereich „Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel“ eine/n Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (m/w/d) (Postdoc).

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Die von Max Schrems gegründete Organisation Noyb sucht in Wien eine/n Full Stack Web Developer/in mit einem Fokus auf Legal-Tech.

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Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (Fraktion Die Linke) sucht eine:n wissenschaftliche:n Mitarbeiter:in für den Bereich Netzpolitik.

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Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

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3 Ergänzungen
  1. Der Dezember wird der letzte Monat sein, in dem wir der britischen Justiz noch damit kommen können, dass EU-Recht gelten muss, und in dem die transatlantischen Beziehungen seitens der EU nicht so feige sein müssen, wie sie dann ja ab Januar 21 bestimmt wieder sein werden: was kann man denn jetzt noch tun, um Julian Assange aus Belmarsh zu holen?

    https://www.heise.de/tp/features/Julian-Assange-in-Haft-Sie-toeten-ihn-langsam-4949309.html

    https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-29-september-2020-100.html

  2. „Interoperabel“ oder „hinreichend protokolloffen“? Letzteres wuerde alternative und multi-protokoll clients/Apps erlauben, und zB ein overlay wie OTR.

    Aus eigener Erfahrung: die Masse der Benutzer interessiert es zZt nicht und sie haben weder Probleme noch Skrupel, zB „WhatsApp-Verweigerer“ auszuschliessen. Dem koennte man natuerlich gegensteuern, zB durch entsprechende Angebote im oeffentlichen Bereich, Schulen, Verwaltung, etc, und konsequente Meidung nicht-offener System dort. Aber das widerspricht natuerlich leider der konzernzentrierten und kontrollfixierten Sicht unserer Politiker: es geht um Machterhalt und Vermoegenskonzentration, nicht um Zukunfstgestaltung fuer eine bessere Welt.

  3. „, damit datenschutzfreundliche Alternativen eine bessere Chance erhalten. Aber das darf nicht auf Kosten einer sicheren und vertrauenswürdigen Kommunikation geschehen.“

    Vertrauenswürdig wird immer schwieriger? Seit kurzem bringt der Firefox das:
    firefox.settings.services.mozilla.com 443 HTTP <= 1.1 true

    http://kb.mozillazine.org/Connections_established_on_startup_-_Firefox
    The following is a list of all connections that Firefox may establish at application startup and how to stop them.
    Loopback
    A loopback connection (to IP address 127.0.0.1) on non-Unix machines [1]. The browser is communicating normally with itself, and it is not recommended this be blocked.
    https://support.mozilla.org/en-US/kb/how-stop-firefox-making-automatic-connections
    firefox.settings.services.mozilla.com 443 HTTP <= 1.1
    Firefox connects to firefox.settings.services.mozilla.com. You cannot disable this. Your only recourse is to block access to this host in your "hosts" file by putting in this line (Reference):
    %SystemRoot%\System32\drivers\etc\hosts
    127.0.0.1 firefox.settings.services.mozilla.com

    Torproject scheint dazu bis jetzt auch keine Meinung zu haben.

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