Die Deutsche Umwelthilfe zeichnet mit dem UmweltMedienpreis journalistische Leistungen zu den Themen Energiewende, Umwelt‑, Natur‑, Verbraucherschutz und Umweltgerechtigkeit aus. In diesem Jahr gewann Rezo den Preis in der Kategorie Online.
Der 18. Mai 2019 gleicht einer Zäsur. Der Youtuber Rezo veröffentlichte an diesem Tag ein 55 Minuten langes Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“. Dann wurde es auf vielen Ebenen interessant. Es wurde eine Woche, in der viele Menschen über 40 das erste Mal realisierten, dass es dieses Youtube gibt und das dort womöglich auch eine neue, in Teilen politische Öffentlichkeit entstanden ist, ohne dass man es in den vergangenen Jahren mitbekommen hätte.
Rezo hatte zwar als sogenannter Influencer bereits ein riesiges Publikum, er war aber zumindest dem politischen Berlin kaum bekannt. Wie eigentlich alle Youtuberinnen und Youtuber, außer den paar, die mal zu Promo-Zwecken von der Kanzlerin eingeladen wurden.
Youtube spielte aber bereits zwei Mal im netzpolitischen Diskurs eine größere Rolle. 2012 mobilisierten Youtuber ihr junges Publikum, um gegen das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA auf die Strasse zu gehen. Wir freuten uns über die Unterstützung aus der Youtube-Welt, die 100.000 meist sehr junge Menschen bei Minustemperaturen auf die Strasse brachte. Schon damals war das politische Berlin überrascht, dass es eine Parallelwelt im Netz zu geben schien, wo sich junge Menschen eher informierten als im Fernsehprogramm ihrer Eltern und Großeltern.
Ein intelligenter Rant in Videoform
ACTA wurde verhindert und Youtube galt wieder sehr lange als unpolitisch. Parteien bemühten sich, irgendwie dort präsent zu sein. Die Zugriffszahlen bei Partei-eigenen Angeboten wie CDUTV ließen Parteistrategen aber ahnen, dass es dort nichts zu holen gab. Was aber vor allem mit den angebotenen Inhalten und nicht mit den Möglichkeiten zu tun hatte.
Rezo selbst fiel mir das erste Mal im März dieses Jahres auf. In der Debatte um sogenannte Uploadfilter im Rahmen der EU-Urheberrechtsreform hatte er ein interessantes Video mit dem Titel „Ich entlarve Propaganda zu Artikel 13“ aufgenommen. Das hat bisher 988.074 Aufrufe. Dort beschäftigte er sich mit den Spins der Urheberrechtsverschärfungslobby, die auf Unterstützung vieler Medien wie der FAZ zählen konnte, die ein gemeinsames wirtschaftliches Interesse hatten.
Das Video fand ich spannend: Er argumentierte gut und informiert und letztendlich war das in Videoform das, was wir viele Jahre als Blogger in Textform kommuniziert hatten: Es war ein Rant. In Videoform. Aber kein flacher Rant, sondern intelligent gemacht und mit viel Wut zwischen den Zeilen darüber, wie etablierte Medien vermeintlich neutral in die Debatte eingriffen, um ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen als Allgemeinwohl zu verkaufen.
Zwei Monate später sah ich dann „Die Zerstörung der CDU“. Ich war beeindruckt. Das war ein noch besserer Rant, dazu 55 Minuten lang und über verschiedene Themen. Die Untätigkeit der regierenden Parteien bei der Bewältigung der Klimakrise spielte dabei die größte Rolle. Persönlich war ich etwas traurig, im Nachspann lesen zu müssen, dass das Thema Ausbau der Massenüberwachung leider aus Zeitgründen nicht umgesetzt wurde. Seitdem hoffe ich auf ein Nachfolger-Video.
Vor allem aber hatte Rezo ein kleines Meisterwerk geschaffen, das eindrucksvoll zeigte, wie man Videokultur dazu nutzen kann, einen politischen Standpunkt zu vertreten. Und dabei noch die Zuschauenden 55 Minuten lang am Bildschirm zu fesseln. Das Video ging wenige Tage durchs Netz und dann wurde es richtig interessant.
Der Resonanzboden wurde größer, weil die CDU als Regierungspartei vollkommen überfordert war, diese Kommunikationsform zu verstehen und das Video als das anzusehen, was es war: Ein Standpunkt, ein Meinungsbeitrag. Gut recherchiert und vor allem für jüngere Menschen in einer zeitgemäßen Art aufbereitet.
Auf einmal waren Klimathemen cool
Der neuen CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kamp-Karrenbauer hatte niemand erklärt, dass im Kontext von Youtube das Wort „Zerstörung“ einen argumentativen Meinungsbeitrag meint, womit man einen klaren Standpunkt vertritt.
Was mich positiv überraschte: In der Kritik ging es vor allem um Stilfragen und eine Art Generationenkonflikt. Ältere Menschen aus Politik und Medien hatten wenig Verständnis dafür, was und wie er kommunizierte. Aber was nach vielen Überprüfungen durch Wissenschaftler und Journalisten klar wurde, und Rezo hatte es Faktencheckern mit einer langen Liste an Quellen auch einfach gemacht: Seine Ausführungen hielten einer Überprüfung stand. Vor allem bei den Klimafragen. Die CDU stand in Fragen des Umgangs mit der Klimakrise ziemlich blank da.
In Kombination mit den aufkommenden Protesten der Fridays-for-Future-Bewegung wurde „Die Zerstörung der CDU“ ein weiteres bedeutendes Puzzlestück in der Sensibilisierung und Mobilisierung vieler, vor allem junger Menschen gegen die Klimakrise. Klimafragen waren auf einmal cool, was auch an der Darreichungsform von Rezos Video und seiner Vermittlung lag. Die Wut vieler, vor allem junger Menschen fand eine weitere Kanalisierung über Greta Thunberg und die vielen Fridays-for-Future-Aktivistinnen und ‑Aktivisten hinaus.
Ein Schock ging durch das Willy-Brandt-Haus
Eine zeitlang versuchten CDU-Spindoktoren verzweifelt, Rezo irgendwelche Hintermänner und ‑frauen anzudichten. Aber egal, welchen Spin man versuchte, es klappte einfach nicht. Weil hier ein unabhängiger junger Mensch mit viel Überzeugung und Recherche auf seinem Kanal seinen Standpunkt deutlich und klar formuliert hatte. Durch die Reaktionen der CDU wurde es dann tatsächlich eine kleine Zerstörung. Die Regierungspartei sah ganz schön alt aus. Da freute sich noch die SPD, dass sie nicht ganz so schlimm wie die CDU in dem Video angegangen wurde, und vor allem geschickter und umarmender auf die Kritik einging.
Wenige Tage später konnte man dann deutlich fühlen, wie ein Schock durch das Willy-Brandt-Haus ging. Zusammen mit vielen anderen bekannten Youtube-Stars und Sternchen hatte Rezo einen Nicht-Wahlaufruf für die drei Regierungsparteien der Großen Koalition in Videoform aufgenommen. Und dieses Video zwei Tage vor der Europawahl veröffentlicht.
Sofort kamen wieder die gleichen Reaktionen: Darf der das überhaupt? Na selbstverständlich! Warum sollte es auch einen Unterschied geben, wenn Youtuberinnen und Youtuber gemeinsam einen Wahlaufruf formulieren, wenn doch Dschingis Khan für die CDU oder Günther Grass für die SPD mobilisiert?
Respekt, Rezo!
Was bleibt: Die CSU musste erstmal einen Mitarbeiter finden, der sich die Haare färbte, um auch cool und authentisch diesen Kanal bespielen zu können. Natürlich erstmal mit der Message, sich über Umweltaktivistinnen lächerlich zu machen. Inhaltlich haben sie „Die Zerstörung der CDU“ offensichtlich immer noch nicht verstanden.
Im Giftschrank wurde auch eine schnell produzierte Antwort verschlossen, auf die sich das halbe politische Berlin schon gefreut hatte: Hey Rezo, du alter Zerstörer! (Mimik und Gestik von Philipp Amthor kann ich leider nicht nachmachen.)
Aber vor allem ist geblieben, dass sich über 16 Millionen Menschen dank Rezo ausführlich mit der Klimakrise beschäftigt haben. Wahrscheinlich hat kein anderer Beitrag zum Thema in diesem Jahr für das Thema dieses Preises eine größere Öffentlichkeit geschaffen. Respekt, Rezo! Und herzlichen Glückwunsch zum UmweltMedienpreis in der Kategorie Online.
