Seit Tagen sorgt ein Youtube-Video im deutschsprachigen Netz für Furore. Das Video „Die Zerstörung der CDU.“ des Youtubers Rezo hat aktuell 5,1 Millionen Views, Tendenz weiter steigend. Ungewöhnlich daran ist, dass der Inhalt 55 Minuten lang und durchweg politisch ist.
Rezo könnte einigen netzpolitik.org-Lesern dadurch bekannt sein, dass er in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform das Video „Ich entlarve Propaganda zu Artikel 13″ gemacht hat und darin sehenswert die Kommunikationstaktiken der Urheberrechtslobby seziert hat.
Im März schrieben wir über seinen Stil:
Für ältere Semester ist der Präsentationsstil sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber inhaltlich ist das richtig guter, bissiger, junger Journalismus mit Haltung. Auf den Punkt. Mit valider Medienkritik. Und Humor. Das macht Spaß – und ist überaus kritisch.
Kommen wir zurück zur „Zerstörung der CDU“, die natürlich niemand wortwörtlich zerstören will. „Zerstören“ meint im Youtube-Jargon, jemand mit Argumenten auseinanderzunehmen. Aus kultureller Sicht ist das so eine Art Rap-Battle. Ältere Mitbürger:innen kennen das vielleicht als Diskussionsanstoss oder Kolumne.
Das Video macht seit vier Tagen die Runde, am Montag konnte ich es dann durchschauen und twitterte dazu:
„Eine zu Recht wütende, junge und politische Perspektive von @rezomusik. Eines der besten Politik-Videos, das die deutsche Youtube-Welt bisher hervorgebracht hat.“
Rezo schafft es 55 Minuten lang, dass man dabei bleibt. Welche politischen Videoinhalte im Fernsehen oder im Netz schaffen das denn noch?
CDU antwortet im CDU-Style
Die CDU schoss vorgestern erstmal zurück. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kritisierte das Video im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND):
„Rezo hat keine Hemmungen, Dinge im Internet einfacher darzustellen, als sie tatsächlich sind. Wir haben da mehr Skrupel, weil wir wissen, wie komplex viele Fragen sind. Einfache Lösungen verschaffen oft lauten Applaus, helfen am Ende aber nicht weiter.“
Da wurde es interessant. Die ersten Reaktionen aus der CDU waren genau die, die man erwarten konnte und bereits aus der Urheberrechtsdebatte kannte: Da wurde einer jungen Stimme die Legitimität seiner Meinung entzogen und es gab Kommentare mit dem Vorwurf von Falschmeldungen. Da fehlten nur noch die Bots.
Amthor soll klären
Gestern wurde eine Videoreaktion mit dem CDU-Berufsjugendlichen Philipp Amthor angekündigt und gefühlt saßen seit gestern Nachmittag die meisten (jüngeren) Politikjournalisten vor ihren Bildschirmen, klickten auf Reload und warteten auf das Video, auch in der Hoffnung, dass ein langweiliger Onlinewahlkampf zum Schluss nochmal interessant werden könnte. Ich saß auch davor und wartete. Vergebens.
Es wird kein Video geben, obwohl dieses bereits mit Amthor produziert wurde. Aber vermutlich bekam man es nicht so hin, dass es auch cool ist und eine junge Zielgruppe begeistern kann. Heute dann auch ein rhetorischer Rückzug von Paul Ziemiak, der heute auf einmal versöhnliche Töne anstimmte, in einen Dialog treten will und dem wahrscheinlich Krisenkommunikationsexperten erklärt hatten, dass seine Linie der letzten Tage nicht durchzuhalten ist.
So weit, so gut vorhersehbar. Andere Aspekte der Debatte sind auch spannender und interessanter als eine gewollt-cool gemachte Reaktion von Philipp Amthor.
Doppelstandards FTW
Ich bin ja mal gespannt, ob zukünftig bei allen Kolumnist:innen von klassischen Medien dieselben Maßstäbe angewendet werden, die Konservative in den vergangenen Tagen gegen Rezo vorbrachten. In vielen Kolumnen, Kommentaren und Glossen wird auch gerne einseitig argumentiert, werden komplexe Sachverhalte vereinfacht. In der Regel ohne überhaupt eine einzige Quelle zu benennen. Rezo dagegen hat eine lange Quellenliste, die man hinterfragen kann. Und das, ohne dass er den Anspruch erhebt, Journalismus zu machen. Er hat eine Meinung und argumentiert.
Warum jetzt doppelte Standards – nur weil ein wütender, junger Mensch den Nerv von vielen anderen jungen Menschen erreicht, die gerne bessere Bildungschancen für alle und vor allem mehr Tätigkeit bei der Klimarettung wünschen und ständig von den älteren Teilen unserer Gesellschaft enttäuscht werden, die gerne kurzfristig an ihre Bedürfnisse denken.
Es geht hier auch im Subtext um Jung vs. Alt und die CDU/CSU steht stellvertretend für ihre größten Wähler-Zielgruppen und das sind nun mal die Alten, die weniger Interesse an gleichberechtigten Bildungschancen und Klimarettung haben als die Jungen, die mit unserer Erde und unserer Gesellschaft noch den größten Teil ihres Leben verbringen müssen.
Natürlich ist es ein Problem, wenn vor allem junge Menschen Influencern alles glauben, was die erzählen, aber das ist doch nicht die Schuld von Rezo und seinem Video. Sondern da könnte man mal die politisch Verantwortlichen fragen, warum so wenig Geld für die Förderung von Digital- und Medienkompetenz ausgegeben wird und warum wir dafür noch kein Schulfach haben. Da wären wir dann aber wieder bei den Bildungsausgaben, die Rezo thematisiert. Hallo CDU?!
Aber am lustigsten ist der Vorwurf von Konservativen, dass Rezo behauptet, seine Meinung wäre alternativlos. Das ist ein 26-jähriger, der 13 Jahre lang mit einer Kanzlerin aufgewachsen ist, die ihr Handeln immer mit „Das ist alternativlos“ begründet hat. Der es aber geschafft hat, mit viel Mühe und Arbeit eine gesellschaftliche Debatte um ihm wichtige Themen anzuregen.
Davon brauchen wir mehr.
