Öffentlichkeit

Heute geschlossen: Die Wikipedia demonstriert gegen Uploadfilter

Mal kurz auf der Wikipedia schauen, wer alles im Europaparlament sitzt? Oder in welcher Organisation Micki Meuser tätig ist? Das geht heute nicht, denn die große, freie Enzyklopädie hat aus Protest und Solidarität zugemacht.

Diese Seite sehen deutschsprachige Wikipedia-Nutzer:innen am 21. März 2019.

Zum allerersten Mal hat heute die deutschsprachige Wikipedia für 24 Stunden geschlossen. Aus Protest gegen die Uploadfilter in der EU-Urheberrechtsreform ist die Enzyklopädie symbolisch abgeschaltet.

Der Blackout ist das schärfste Schwert, das der Wikipedia zur Verfügung steht, schreibt der Initiator der Aktion im Blog von Wikimedia. In einer Ur-Abstimmung schlossen sich mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden der Forderung des Protestes an. Über 80 Prozent entschieden sich im zweiten Schritt für die komplette Abschaltung des Angebots. Die Wikipedia fordert mit der Abschaltung die Streichung der Artikel 11 und 13 aus der EU-Urheberrechtsreform.

Die Abschaltung von Wikipedia ist ein Akt der Solidarität, denn die Wikipedia selbst ist von den Regelungen der Reform ausgenommen. Trotzdem will sich die Community nicht entspannt zurücklehnen: „Unser Ziel ist es aber nicht, eine Oase Freien Wissens in einer unfreien Wüste des Internets zu sein. Unsere Solidarität gilt den vielen kleinen und mittelgroßen Foren, sozialen Netzwerken, Wissens- und Informationsplattformen.“

Entgegen der in der Wikipedia-Community abgestimmten Version, gibt es in der heute gezeigten Fassung keinen Aufruf zu den europaweiten Demonstrationen am 23. März. Ein Hinweis auf diese war damals noch enthalten gewesen – ist nun aber verschwunden. Auf Nachfrage von netzpolitik.org, erklärt Wikimedia Deutschland die Streichung mit strengen Gemeinnützigkeitsregeln in den USA, man habe eine Parteiunterstützung oder Wahlempfehlung vermeiden wollen.

Breiter Protest gegen sperriges Thema

Dennoch: Dass die deutschsprachige Wikipedia diesen ungewöhnlichen Schritt des „Blackouts“ geht, ist ein weiteres Zeichen für die mittlerweile enorme Breite des Protestes: In Deutschland kritisieren ihn Parteien bis in die Regierung, Wissenschaftler warnen davor, IT-Unternehmen fürchten um die digitale Zukunft, Foren sehen schwarz für ihre Zukunft, der Bundesdatenschutzbeauftragte sieht große Probleme, der UN-Sonderbeauftragte für Meinungsfreiheit kritisiert den Entwurf – und in vielen Städten Deutschlands sind in den letzten Wochen tausende Menschen immer wieder auf die Straßen gegangen. Bei so einem sperrigen und schwer vermittelbaren Thema ist das mehr als beachtlich.

Am Wochenende wird in 78 europäischen Städten demonstriert. Zu den größten Demonstrationen dürfte am 23. März sicherlich Berlin zählen, wo ein breites Bündnis „Berlin gegen 13“ zum Protest aufruft. Übersichten zu den Protesten gibt es in unserem Überblick, auf savetheinternet.net und in dieser Google-Karte.

In der kommenden Woche wird im EU-Parlament dann über die Urheberrechtsreform final abgestimmt.

Update:

Mit Pornhub hat sich eine der größten Plattformen für Erotikvideos dem Protest angeschlossen. Mit einem Banner verweist die Plattform auf die Anruf-Aktion Pledge2019.eu.

Screenshot Pornhub.com am 21.3.2019

5 Ergänzungen
  1. Technisch gesehen ist die deutsche Wikipedia nicht „geschlossen“ oder „abgeschaltet“, der HTML-Code der Seiten wird wunderbar ausgeliefert. Lediglich die Darstellung der Seiten in gängigen Browsern ist so verändert, dass man nur eine schwarze Seite mit dem Aufruf und nicht den Inhalt der Artikel sieht. Eine einfache Möglichkeit dennoch Wikipedia-Artikel zu lesen, ist die Leseansicht im Firefox. (Oder man spielt mit CSS herum.) Auch die Wikipedia-App funktioniert problemlos.

    Die Tatsache, wieviele Leute sich durch solche Taschenspielertricks verunsichern lassen, zeigt deutlich, wie wenig Computertechnik verstanden wird.

    1. Uns ist auch bewusst, dass man das mit ein bisschen Geschick und Verständnis ausblenden kann. Aber hand aufs Herz: Es geht um eine symbolische Abschaltung und die wird bei der überwältigenden Mehrheit der Nutzer:innen auch als Abschaltung wahrgenommen.

  2. Zietat von Gustav; „Die Tatsache, wieviele Leute sich durch solche Taschenspielertricks verunsichern lassen, zeigt deutlich, wie wenig Computertechnik verstanden wird.“
    Du wirst feststellen, dass die Möglichkeiten der Vermittlung begrenzt sind und Materie komplex ist. Nicht jeder ist ein ITler.

  3. Weitaus tragischer ist in diesem Zusammenhang, dass die einschlägigen Sprachassistenten (Sprachassistentinnen) per API auch heute (21. März 2019) problemlos das Wissen der Wikipedia (de.wikepedia.org) abfragen können – trotz Sperre.

    Die unterschiedlichen Zweige (z. B.: de.wiktionary.org) sind von der Sperre nicht betroffen und können heute (21. März 2019) ebenfalls problemlos abgefragt werden.

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