Der Attentäter von Halle hat seine Taten per Helmkamera live auf der Plattform Twitch ins Internet gestreamt. Es war Teil seines Konzepts, bei dem das internationale Publikum eine feste Rolle spielt.
Wie hätte man den Livestream unterbinden können? Wie bereits nach dem Attentat von Christchurch stellen Medien diese Frage. Sie führt aber in eine falsche Richtung, denn der Livestream ist nur ein Puzzlestück in dieser neuen Form des rechten Terrorismus, der sich seine tödliche Verschwörungstheorie aus den in der Gesellschaft weit verbreiteten Ideologien Antifeminismus, Rassismus und Antisemitismus zusammenstrickt.
Ideologie des „Großen Austausches“ auch in der AfD
Die wichtigen Fragen sind doch: Wie konnte es soweit kommen, dass einer der ideologischen Grundpfeiler des Attentäters, nämlich die Verschwörungsideologie des „Großen Austausches“, nicht nur unter Nazis, Identitären und AfDlern Anklang findet, sondern bis in die CDU/CSU diskutiert wird? Und warum erweisen etablierte Medien, allen voran die Bild-Zeitung, dem Attentäter einen Dienst und verbreiten seine Bilder? Während der Livestream auf der Gaming-Plattform Twitch laut Aussage des Unternehmens fünf Menschen erreichte, die Aufzeichnung später von 2.200 gesehen wurde, spielt die Bild-Zeitung Millionen Menschen den vollen Namen, die Bilder und die Botschaften des Attentäters in die Newsfeeds und in die Zeitung.
Warum zeigen Medien sein Gesicht, ikonisieren den Attentäter darüber zusätzlich? Warum nennen sie seinen Namen, machen ihn unsterblich dadurch? Warum dämonisieren sie ihn und werten ihn damit auf? Das alles hat der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann treffend beschrieben. Nachahmungstäter werden durch diesen falschen medialen Umgang motiviert.
Und zuletzt müssen wir uns fragen: Warum werden zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Rechtsextremismus von der Bundesregierung gegängelt und zusammengespart? Warum werden Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus verharmlost, indem sie ständig mit Linksextremismus gleichgesetzt werden?
Kein Tech-Fix gegen Terror
Eine Beschränkung des Livestreamings im Internet, zum Beispiel durch Zeitverzögerungen, würde nicht nur alle Live-Interaktionsformate zerstören. Sie wäre eine reale Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit. Einmal eingeführte gesetzliche Beschränkungen können ausgeweitet werden und zu einem Overblocking legitimer und legaler Inhalte führen. Wer garantiert, dass neue Regulierungen nicht von autoritären Staaten dazu genutzt werden, um die Verbreitung der Livestreams von demokratischen Protesten einzuschränken?
Livestreams bieten den Rezipient:innen einen weniger gefilterten Einblick auf Ereignisse und sind so ein wichtiger Pfeiler für die Meinungsbildung geworden. Livestreams haben das „Live“ demokratisiert. Sie erlauben heute, bei Veranstaltungen und Protesten dabei zu sein – auch wenn Fernsehsender nicht live übertragen.
Jede Einschränkung von Livestreams ist mit der Gefahr verbunden, dass wir diese mediale Fortentwicklung und damit Medienvielfalt verlieren. Wer die Verbreitung der Bilder und Botschaften von Attentätern wie in Halle eindämmen will, braucht dazu keine Livestream-Regeln. Eine Diskussion über den Pressekodex und vor allem die Anerkenntnis, dass Deutschland ein echtes Problem mit Rechtsterrorismus und den geistigen Brandstiftern von AfD & Co hat, wäre deutlich zielführender.
