Öffentlichkeit

Türkei: Starke Selbstzensur und weniger Tweets nach Putschversuch

Die Einschüchterung der türkischen Gesellschaft wirkt sich auch auf Twitter aus. Eine Studie hat die Nutzung des sozialen Netzwerks vor und nach dem Putschversuch untersucht.

Das Motiv des Twitterlogos mit Gasmaske, tauchte an den Hauswänden Istanbuls während der Gezi-Proteste 2013 auf. Seitdem hat sich viel verändert - auch auf Twitter. CC-BY 2.0 igb

Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 hatte auch Folgen für die Twitternutzung im Land, wie eine Forschung von Rima S. Tanash und anderen Wissenschaftlern der texanischen Rice-Universität belegt. Grundlage hierfür waren 5,6 Millionen Tweets aus den 24 Tagen vor den Parlamentswahlen im Juni 2015 und 8,5 Millionen Tweets aus den 75 Tagen nach dem Putschversuch. Die Erhebung beschränkte sich dabei auf Tweets aus den Großstädten Ankara, Izmir und Istanbul.

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Zunächst einmal konnten die Forscher feststellen, dass nach dem Putsch in der Türkei deutlich weniger getwittert wurde als vor der Wahl im Juni 2015: Insgesamt gab es einen Rückgang von 43 Prozent bei der Twitter-Nutzung.

Angst vor staatlichen Repressionen

Die Forscher haben herausgefunden, dass viele Nutzer sich selbst zensiert haben, indem sie ihre Accounts auf privat schalteten beziehungsweise einzelne Tweets oder auch ihren gesamten Account löschten. Insgesamt waren 18 Prozent der erstellten Tweets nicht mehr erreichbar, wobei insgesamt 41 Prozent der User derartige Maßnahmen getroffen haben. Grund hierfür könnte die Angst vor staatlichen Repressionen sein, schreiben die Wissenschaftler. Auffällig ist auch, dass diejenigen am meisten Selbstzensur ausübten, die am wenigsten politisch twitterten.

Neben Selbstzensur beschäftigten sich die Forscher auch mit der staatlichen Zensur in der Türkei: Hier kam es infolge der Selbstzensur auch zu weniger Zensur von staatlicher Seite. Anscheinend twitterten die Nutzer nach dem Putsch über weniger sensible Themen. Von staatlicher Seite gelöscht wurden hierbei nach dem Putsch vor allem Tweets, die sich positiv zur Gülen-Bewegung äußerten. Parallel kam es zu einem Anstieg von Gülen-kritischen Tweets.

In keinem Land wird Twitter mehr zensiert, als in der Türkei, aus der 78 Prozent aller in den vergangenen fünf Jahren auf staatlicher Anordnung gelöschter Tweets stammen. Die tatsächliche Zahl von 6.402 im letzten Jahr von staatlicher Seite gelöschten Tweets überschreitet dabei deutlich die von Twitter in seinem Transparenzbericht angegebenen Zahlen (489 gelöschte Tweets), was laut den Forschern Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Transparenzberichts aufkommen lässt.

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Ein Kommentar
  1. Angst vor staatlichen Repressionen!!!

    Sind wir nicht auch schon an dieser Schwelle angelangt!? Wenn wegen Post auf Facebook oder Twitter die Kavallerie anrückt und dir die Bude auf den Kopfstellt wie bei einem Schwerverbrecher.
    Meinungs- und Pressefreiheit war ein hohes Gut. Diese GroKo braucht nichts, aber auch gar nichts gegen die Türkei sagen. Der dumme Michel lässt es mit sich machen!!!

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