Fachgespräch im Bundestag: Experten halten Einfluss von Social Bots für überschätzt

Gleich zwei Ausschüsse befassten sich in der letzten Woche im Bundestag mit Social Bots. Politiker befürchten, dass solche Meinungsroboter zur Manipulation der Bundestagswahl genutzt werden könnten. Doch dafür gibt es bislang keine Belege, erklärten die meisten Experten.

Linus Neumann vom CCC machte den Politologen Simon Hegelich für den Medien-Hype um Social Bots verantwortlich. Foto: Screenshot bundestag.de

Bots, Bots, Bots – in der Bundespolitik ist die Sorge um Manipulationen durch Social Bots vor der anstehenden Bundestagswahl groß. Das zeigt sich auch in den Ausschüssen des Deutschen Bundestages. Gleich zwei nahmen sich in der vergangenen Woche dem Thema an und befragten Experten zu ihrer Einschätzung. Es zeigt sich: Fast jeder hat eine persönliche Bot-Anekdote auf dem Lager, über den Einfluss von Social Bots auf die Willensbildung ist jedoch wenig bekannt. Also viel Aufregung um nichts? Der Reihe nach.

Anhörung 1: Ausschuss für Digitale Agenda

Die Bot-Woche im Bundestag begann am Mittwoch, den 25. Januar mit einer Anhörung des Ausschusses Digitale Agenda, der fünf Sachverständige um ihre Einschätzung zu Fake News, Bots und IT-Sicherheit bat. Unter ihnen auch der netzpolitik.org-Redakteur Markus Reuter, der in seinem Statement (pdf) vor sinnlosem Aktionismus warnte:

Über die Wirkungen und Effekte von Fake News und Social Bots auf die politische Meinungs- und Willensbildung gibt es bislang weder in den USA noch in Deutschland ausreichende und ergiebige Studien, weswegen eine Regulierung zum jetzigen Zeitpunkt ohne eine empirische Grundlage passieren würde.

Anhörung 2: Ausschuss für Technikfolgenabschätzung

Am darauffolgenden Tag veranstaltete der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ein Fachgespräch mit ganzen 25 geladenen Experten (Liste). Unter ihnen Sozialwissenschaftler, Informatiker, das BKA, Politikberater und mit Marie-Teresa Weber vom IT-Verband Bitkom immerhin eine Frau. Dass so viele Sachverständige geladen wurden, kann zwei Dinge bedeuten. Entweder der Einfluss von Bots ist wahrhaftig so groß, wie von einigen behauptet wird oder wir werden Zeuge eines Medien-Hypes. Um es vorwegzunehmen: Nach dem Fachgespräch drängt sich der letztere Eindruck auf.

Grundlage der Diskussion im Ausschuss war ein Thesenpapier des Büros für Technikfolgenabschätzung, über das netzpolitik.org bereits ausführlich berichtete. Die Autoren definieren Social Bots als „Computerprogramme, die eine menschliche Identität vortäuschen und zu manipulativen Zwecken eingesetzt werden, indem sie wie Menschen im Internet kommunizieren“. Trotz der schwachen empirischen Grundlage schreibt die Studie dem Phänomen ein großes Gefahrenpotenzial zu.

Quantität bedeutet nicht Qualität

Es gebe eine umfassende empirische Grundlage, die bezeuge, dass Social Bots jeden relevanten Hashtag bei Facebook, Twitter und Co. bevölkern, erläuterte der Münchner Politikwissenschaftler Simon Hegelich. Die große Frage sei, ob jemand wirklich seine Meinung in Folge einer Bot-Nachricht ändere. Es sei schwierig diese Dinge empirisch stichhaltig zu beweisen. Hegelich warnte daher davor, aus Quantität auf die Qualität zu schließen.

Sein Münchner Kollege, Jürgen Pfeffer von der TU München, sprach sich gegen Ranglisten, die die Follower von Politikern vergleichen, aus. Da diese vor allem von Bots bevölkert seien, entstehe bei vielen ein falscher Eindruck über den Einfluss. Mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Nutzer von sozialen Netzwerken zeigte Alexander Sander von der Digitalen Gesellschaft. Nutzer würden erkennen, wenn Debatten von Bots zugespamt würden.

Kennzeichnungspflicht für Social Bots? „Völlig sinnlos“

Der Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Social Bots erteilten fast alle Experten eine Absage. Schon jetzt gebe es bei Facebook die Pflicht seinen Klarnamen anzugeben, die nicht kontrolliert werde. Wie und wer solle dann erst eine Pflicht zum Kennzeichen von Social Bots überprüfen, kritisierte Stephan Sachweh vom IT-Sicherheitsunternehmen Pallas. Der Vorschlag sei daher „völlig sinnlos“. Vor einem „sozialen Klimawandel“, ausgelöst durch Social Bots, warnte hingegen Dirk Helbing von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich eindringlich. Helbing sprach sich als einer der wenigen Anwesenden für eine Kennzeichnungspflicht aus, die von den Grünen gefordert wird.

Unverständnis über die große politische und mediale Aufmerksamkeit für Social Bots äußerte Linus Neumann vom Chaos Computer Club. Angesichts der dünnen Faktenlage hält Neumann die Rufe nach einer Kennzeichnungspflicht für „massiv überzogen“. Nicht Bots seien das Problem, sondern der Vertrauensverlust der Bürger in Politik und Medien. Zwar könnten Bots fremdenfeindliche Tendenzen verstärken, dies sei aber aufgrund der geringen Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zu vernachlässigen. Wahlmanipulation befürchtet er nicht. Privatfernsehen, Bild-Zeitung und lügende Innenminister würden die Menschen viel eher politisch beeinflussen, so Neumann im Ausschuss.

Medienkompetenz stärken

Dem Vorschlag aus dem Thesenpapier ein kostenpflichtiges und paralleles Internet „von und für Eliten“ zu schaffen, widersprach der Informatiker Christian Grimme von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster vehement. Dies verstoße gegen die grundlegenden Prinzipien des Internets. Stattdessen müsste die informationstechnische Grundbildung in der Gesellschaft verbessert werden, schon in der Schule. Jedoch nicht durch das wahllose Verteilen von Tablets, sondern durch die Vermittlung von grundlegenden technischen Zusammenhängen.

Aufklärung und Bildung sind laut Grimme der einzige Weg um den Einfluss von Bots zu minimieren. Denn Wirkung können Bot-Accounts nur entfalten, wenn leichtgläubige Nutzer sie für echt halten. Darin waren sich alle anwesenden Experten einig.

Fazit

Das zweieinhalbstündige Fachgespräch zeigte vor allem eins: Es gibt viel Redebedarf über Social Bots und sei es nur um Geschichten über virtuelle Bot-Begegnung zu teilen. Solange es jedoch keine stichhaltigen Belege für ihre Beeinflussung gibt, scheint eine Regulierung vorschnell und ist purer Aktionismus, geschweige denn in der Praxis umsetzbar.

In der Mediathek des Bundestages findet sich eine Aufzeichnung des Fachgesprächs.

12 Kommentare
  1. banality of evil 3. Feb 2017 @ 12:16
  2. M. Hübsch 4. Feb 2017 @ 12:46

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