Die Deutsche Telekom hat gestern angekündigt, ihre Präsenz am Internetknoten DE-CIX zu verstärken. Die offizielle Begründung: ausländischen Diensten das Abhören zu erschweren:
Uns geht es um mehr Sicherheit für Internetnutzer. Dafür muss gewährleistet sein, dass Daten auf möglichst kurzen Strecken vom Sender zum Empfänger gelangen.
Derzeit steht es nicht gut um die öffentliche Wahrnehmung des ehemaligen Staatskonzerns: Der Verantwortliche für Eikonal bezeichnet die Telekom als „Werkzeug des BND“, die Bundestags-Nachrichten schreiben von einer „Auskunftsblockade der Telekom“ im Untersuchungs-Ausschuss und der Pressesprecher will das per Blogpost rechtfertigen, was aber nicht so richtig klappt. Kein Wunder, dass man eine Image-Kampagne für Datenschutz starten will. Dumm nur, dass die Meldung damit überhaupt nichts zu tun hat.
Zur Erinnerung: Der DE-CIX ist einer von vielen Internet-Knoten, wo Netz-Betreiber ihre Netze verbinden (daher der Name „interconnected networks“.) Dort werden Peering- oder Transit-Abkommen zwischen den Netzbetreibern geschlossen, die dann ihren Daten direkt austauschen (kostenloses Peering will die Telekom nicht, sondern verlangt Geld dafür). Bisher sträubte sich die Telekom vehement gegen eine Präsenz am DE-CIX, weil sie stattdessen lieber ihre eigenen Internet-Austauschpunkte betreibt und Transit- (also Geschäfts-)Partner dahin zwingen will.
Und daran hat sich nichts geändert. Ein Branchenkenner bestätigte gegenüber netzpolitik.org unsere These: „Es gibt überhaupt keine Änderung an der Peering-Policy der Telekom.“ Und: „Der Anschluss hat technisch überhaupt nichts mit einem ‚Routing der kurzen Wege’ zu tun.“
Das berichtet auch Dusan Zivadinovic auf heise online:
Auch das hehre Hauptargument der Telekom, sie habe sich aus Gründen besserer Abhörsicherheit zu diesem Schritt entschieden, bröckelt, wenn man Branchenkenner zu dem Thema hört. Demnach sei über die erhöhte Präsenz der Telekom am DE-CIX in Branchenkreisen schon länger gemunkelt worden. Anfangs habe man sich noch gewundert, weshalb die Telekom nach so vielen Jahren Abstinenz jetzt an den Peering-Punkt kommt. Wilhelm Boeddinghaus, bis vor kurzem Vorstand des Berliner Austauschknotens BCIX und nun als Beirat aktiv, meint, dass die Abhörsicherheit nicht der wichtigste Grund ist.
Wir hatten der Telekom folgende Fragen gestellt:
Die reine Präsenz am DE-CIX ändert gar nichts an irgendeinem Routing. Welche neuen Routen werden damit aufgesetzt, welche alten ggf. beendet?
„Die Telekom schlägt jetzt vor, dass sich alle Anbieter darauf verpflichten, Daten ohne Umwege durch andere Rechtsräume vom Sender zum Empfänger zu leiten.“ -> Das ist mir zu viel PR und zu wenig technisch. Was bedeutet das konkret? Gibt es den Formulierungsvorschlag für diese Verpflichtung im Volltext?
Die Antwort von Philipp Blank:
Per se ändert das am Routing noch nichts, wir sind damit aber auf die Wettbewerber zugegangen. Im Gegenzug erhoffen wir uns jetzt, dass sie eine Selbstverpflichtung eingehen, Daten nicht unnötig über andere Rechtsräume zu leiten. Wir haben dafür einen Vorschlag, aber den würden wir gerne erst mit den Wettbewerbern diskutieren, bevor wir ihn veröffentlichen.
Und auf weitere Nachfrage:
An unserer Praxis der Netzzusammenschaltung ändert sich nichts.
Das Framing, dass der jetzige Schritt bereits zu einem „Internet der kurzen Wege“ führe, ist daher getrost als unwahr zu bezeichnen. Unser Branchenkenner kommentiert gar: „Man führt die Netzgemeinde vor!“
Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Telekom ihre Marktmacht nutzen könnte, kleinere Provider mit dem PR-Framing eines Schengen-Routings zum Kauf von Peering/Transit zu zwingen. Nach unseren Informationen soll es demnächst eine Veranstaltung geben, wo die Telekom andere Netz-Betreiber dazu bringen will, ein „nationales Routing der kurzen Wege“ zu betreiben. Dann könnten kleinere Provider gezwungen sein, Peering zu kaufen. „Das wäre fatal!“, so unsere Quelle.
Das sieht auch Wilhelm Boeddinghaus, bis vor kurzem Vorstand des Berliner Austauschknotens BCIX so:
Die Daten in Deutschland zu halten, meint Boeddinghaus, ist eine gute Idee. Aber das darf nicht zu einer Abschottung des deutschen Internet á la „Schlandnetz“ führen. „Das wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Die Telekom muss kaufmännisch überzeugen und darf nicht versuchen mit Druck auf die Politik Zwang auf andere Provider auszuüben“.
Wir sind gespannt auf die Formulierungs-Vorschläge und Vertrags-Details des Telekom-Vorschlags. Da die Telekom uns den noch nicht geben möchte, nehmen wir ihn gern über die üblichen Kanäle entgegen.
Bisher ist jedenfalls die angekündigte Verzwanzigfachung des Datenaufkommens in der Ankündigung „ein Witz“. Wieder heise online, unter Berufung auf Harald Summa, Geschäftsführer des DE-CIX:
Näher besehen stellt sich die Änderung jedoch als kleiner Hüpfer auf der Tera-Bit-Skala dar: Die Telekom erhöht ihre Präsenz von einem 1‑GBit-Port auf zwei 10-GBit-Ports. Der DE-CIX führt heute aber auch schon Kunden, die mehr als einen 100-GBit-Port schalten.
Ganz allgemein ist die Idee eines Schlandnet sowieso für den Arsch. Ob nur BND oder auch GHCQ und NSA mich abhören, ist dann auch egal, man wird ja nicht noch schwangerer. Viel wichtiger wäre eine konsequente Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und ein striktes Verbot unverschlüsselter Kommunikation.
