Dystopia wird Wirklichkeit: Was ist dran an Chinas „Social Credit System“?

Sina Weibo: Der chinesische Twitter-Dienst (Screenshot)

Startseite von Sina Weibo: Auf dem chinesischen Microblogging-Dienst veröffentlichen Hunderttausende ihre Kredit-Rankings (Screenshot).

Die chinesische Regierung plant, das eigene Volk mit einem umfassenden „social credit system“ zu überwachen. Die entsprechende Direktive der Zentralen Volksregierung (inoffizielle Übersetzung) will die „Mentalität der Ehrlichkeit“ befördern, um den ökonomischen und sozialen Fortschritt anzutreiben. Für Individuen und Unternehmen, die das „gesellschaftliche Vertrauen brechen“, soll es Mechanismen der Bestrafung geben.

Das großangelegte System klingt nach der Verwirklichung einer Überwachungs-Dystopie von Cory Doctorow oder Dave Eggers. Die Berichterstattung in westlichen Medien hat das geplante System der Zentralregierung jedoch oft fälschlicherweise mit bereits bestehenden Rating-Systemen von Alibaba und Tencent gleichgesetzt. Was steckt also hinter den Meldungen – und wann wird das System auch bei uns eingeführt?

Die Pläne der chinesischen Regierung

Zum System der Regierung ist bisher nicht mehr als die Direktive bekannt. Diese legt den Rahmen fest: Bis 2020 soll das „social credit system“ alle Einwohner_innen der Volksrepublik erfassen. Es überwacht auch produzierende Unternehmen, Handelssunternehmen, die Finanzbranche und verschiedene Dienstleister. Für Beamte und Richter soll es separate „sincerity dossiers“ geben, verknüpft mit dem persönlichen Profil. Die Identifizierung erfolgt über die Ausweisnummer, gespeichert wird in einer zentralen Datenbank. Damit werden alle Personen und Organisationen umfassend durchleuchtet, Algorithmen werden auch Vermögensdaten und Angaben über gezahlte Steuern sammlen und auswerten.

Bei diesem System zur Verbesserung der „Selbstdisziplin“ und des „gegenseitigen Vertrauens“ dürfen auch Sanktionsmechanismen nicht fehlen:

Vigorously spread the socialized application of credit products, stimulate the interaction, exchange, coordination and sharing of credit information, complete combined social credit reward and punishment mechanisms, construct a social credit environment of sincerity, self-discipline, trust-keeping and mutual trust.

Gerade im Bereich der Online-Aktivitäten will die Regierung die Maßnahmen gegen unliebsame Stimmen verstärken:

Forcefully move forward the construction of online sincerity, foster ideas of running the Internet according to the law and using the Internet in a sincere manner, progressively implement the online real-name system […]. Establish online credit black list systems, list enterprises and individuals engaging in online swindles, rumourmongering, infringement of other persons‘ lawful rights and interests and other grave acts of breaking trust online onto black lists, adopt measures against subjects listed on black lists including limitation of online conduct and barring sectoral access, and report them to corresponding departments for publication and exposure.

Nach einem Medienbericht obliegt die Umsetzung einer solchen Agenda Orwell 2020 der National Development and Reform Commission (NDRC) und der People’s Bank of China (PBC), die mit dem „Credit China Rating“ bereits heute ein öffentlich einsehbares Register der Kreditwürdigkeit führt.

Die Vorarbeit der IT-Giganten Tencent und Alibaba

Alipay: Der Dienst des Alibaba Group bietet neben Fahrkarten auch

Alipay: Der Dienst des Online-Giganten Alibaba bietet neben Geldtransfers und Fahrkarten auch „Sesame Credit“ an (Screenshot).

Was ein „social credit system“ bedeutet, demonstrieren die chinesischen IT-Unternehmen Tencent und Alibaba schon heute. Anders als in einigen Medien berichtet und unter anderem von der ACLU übernommen, hat das staatlich geplante System jedoch (noch) keine Verbindung zu Tencent und Alibaba.

Doch auf der privaten Technologie und Datenbasis könnte die Zentralregierung beim Aufbau des „social credit system“ zurückgreifen. Einem Bericht zufolge hat Alibaba hierüber bereits Vereinbarungen mit der Regierung getroffen. Das Unternehmen hält sich jedoch bedeckt und bestätigte die Meldung nicht.

In China gab es lange kein umfassendes Scoring der Kreditwürdigkeit – wie etwa in Deutschland durch die umstrittene „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“ (Schufa). Aus diesem Grund war vielen Chinesinnen und Chinesen der Zugang zum Kreditmarkt verwehrt geblieben, bis die PBC acht Unternehmen eigene Kreditratings erlaubte, wohl zur Föderung des Konsums. Die Tencent Holding („WeChat“, „QQ“) betreibt nun seit Kurzem ein solches System, das auf den Daten der hauseigenen sozialen Medien basiert. Dabei beeinflussen auch die Ergebnisse der Freunde die eigene Bewertung.

Ant Financial Services, Tochter des Online-Händlers Alibaba („Taobao“, „Tmall“) betreibt den Dienst „Alipay“. Alipay ist mehr als ein Paypal für den chinesischen Markt: Es vereint Funktionen wie Geldtransfers, den Kauf von Bahntickets und die Bezahlung beim lokalen Supermarkt – und seit Juni eben auch „Sesame Credit“. „Sesame Credit“ bewertet die Kreditwürdigkeit auf einer Skala von 350 bis 950, ähnlich wie beim FICO-Rating in den USA. Die eigene Bewertung lässt sich über eine App einsehen:

Sesame Credit combines traditional sources of information for assessing creditworthiness such as public records with vast amounts of online data from more than 300 million real-name registered users and 37 million small businesses from Alibaba […]. In addition, public agencies, financial institutions, and merchants are other sources of data.

Nach Angaben von Alibaba setzt sich der „Sesame Score“ aus fünf Komponenten zusammen:

  • Credit History reflects a user’s past payment history and indebtedness, for example credit card repayment and utility bill payments.
  • Behavior and Preference reveals a user’s online behavior on the websites they visit, the product categories they shop, etc.
  • Fulfillment Capacity shows a user’s ability to fulfill his/her contract obligations. Indicators include use of financial products and services and Alipay account balances.
  • Personal Characteristics examine the extent and accuracy of personal information, for example home address and length of time of residence, mobile phone numbers, etc.
  • Interpersonal Relationships reflect the online characteristics of a user’s friends and the interactions between the user and his/her friends.

Neben den Daten aus den eigenen sozialen Medien arbeitet „Sesame Credit“ aktiv mit Behörden und Banken zusammen, versichert das Unternehmen. Kunden mit einem Rating über 600 haben erleichterten Zugang zu Krediten beim Einkauf bei Alibaba. Bei höheren Werten werden Medienberichten zufolge Visa-Erleichterungen in Aussicht gestellt.

Obwohl die Teilnahme an den Scoring-Systemen von Tencent und „Sesame Credit“ freiwillig ist, sorgt sozialer Druck heute schon dafür, dass tausende Chinesen ihre Ratings auf Sina Weibo, dem chinesischen Twitter, veröffentlichen. „Sesame Credit“ hatte sogar einen Wettbewerb um das höchste Rating unter Studenten ausgeschrieben.

Was macht der Westen?

Wir sollten besser nicht vom hohen Ross über das chinesische System urteilen. CC-BY 3.0 by atistatplay

Sollte der Westen wirklich vom hohen Ross aus über das chinesische System urteilen? (CC BY 3.0 by atistaplay)

Bei der weiteren Entwicklung solcher Systeme dürften die Forschungen zu sozialer „Governance“, „Gamification“ und „Nudging“ hilfreich sein, was auf das Missbrauchspotential dieser florierenden Konzepte verweisen dürfte. Michael Fertig, Autor der „Reputation Economy“, kommentiert die Pläne Chinas gegenüber dem niederländischen de Volkskrant bei aller Kritik nicht ohne eine Prise Begeisterung:

This is the most staggering, publicly announced, scaled use of big data I’ve ever seen. […] It certainly feels about as Orwellian as your nightmares would have it be. On the other hand, it is probably a fairly inevitable evolution – an updated, Big Data version – of the longstanding Communist Party’s grading of China’s citizens. It’s exactly what any Command state would like to do with data.

Unabhängig, ob wir es als Fluch oder Segen bezeichnen wollen: Die Auseinandersetzung mit dem chinesischen System sollte der Westen nicht vom hohen Ross führen. Auch Warnungen vor einer hiesigen „Agenda Orwell“ könnten wir durchaus mehr Gehör schenken. Denn während in China die staatliche Überwachung öffentlich bekannt ist und als Kontrollregulativ wirken soll, findet sie hier zum größten Teil ver- und staatlich gedeckt statt. Auch privatwirtschaftliche Datensammlungen erfreuen sich an stetigen Zuwächsen: Würden sich Facebook und Amazon – gewissermaßen die Tencents und Alibabas der westlichen Welt – zusammentun, wäre die Datenbasis für Ratings aller Art enorm: Politische Äußerungen, Beziehungsnetzwerke, Haustiere, Aufenthaltsprofile sowie Einkäufe von Büchern und Elektronik werden heute schon von Algorithmen erfasst und ausgewertet.

Dazu passt ein Patent, das Facebook im März angemeldet hat:

When an individual applies for a loan, the lender examines the credit ratings of members of the individual’s social network who are connected to the individual through authorized nodes. If the average credit rating of these members is at least a minimum credit score, the lender continues to process the loan application. Otherwise, the loan application is rejected.

7 Kommentare
    • Fabian Warislohner 12. Okt 2015 @ 12:45
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