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Verteidigungsministerium entwickelt ebenfalls Software zum automatisierten Ausspähen von Twitter und Facebook

"Führungsinformationssystem" der Bundeswehr. Hier sollen Ergebnisse der Analyse von Sozialen Netzwerken eingepflegt werden.
„Führungsinformationssystem“ der Bundeswehr. Hier sollen Ergebnisse der Analyse von Sozialen Netzwerken eingepflegt werden.

Auch das Verteidigungsministerium betreibt Forschungen zur automatisierten Analyse von öffentlichen Quellen im Internet. Das vor genau einem Monat gestartete Projekt trägt den Namen „Wissenserschließung aus offenen Quellen“ (WeroQ). Dies geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage vom März diesen Jahres hervor. Jedoch wurde zunächst behauptet, Soziale Medien seien „davon ausgenommen“ und würden „nicht betrachtet“. Erst letzten Monat wurde diese Version von der Bundesregierung in einem Schreiben an den Fragesteller Andrej Hunko dementiert. Der Grund für die wochenlange Falschbehauptung sei demnach ein „Büroversehen“ gewesen.


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Die Ausspähung des öffentlich zugänglichen Internet wird als „Open Source Intelligence” (OSINT) oder „Reality Mining“ bezeichnet. In der Anfrage hatte sich der Abgeordnete erkundigt, ob auch Behörden des Bundeskanzleramtes mit der computergestützten Auswertung von sozialen Medien (darunter Twitter, Facebook) befasst sind. Die Frage zielte auf den Bundesnachrichtendienst (BND). Das Projekt „Echtzeitanalyse von Streaming-Daten“ wurde den Parlamentariern in der Antwort vom März trotz expliziter Nachfrage verheimlicht. Am Freitag hatte der Rechercheverbund des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung Details zu dem Vorhaben aufgedeckt.

Die Journalisten schreiben, der BND habe die Bundeswehruniversität mit den Forschungen beauftragt. Welche Firmen oder Institute Einzelaufträge erhalten, welche Kosten entstehen oder wann die Forschungen beendet sein sollen bleibt aber offen. Jedoch heißt es, dass durch die neuen digitalen Spähwerkzeuge „Stimmungen in der Bevölkerung“ aufgespürt werden sollten.

„Blick in die Zukunft“ durch datenbasierte Auswertung der Vergangenheit

Die Formulierung erinnert an die Datenbank „Global Data on Events, Location and Tone“ (GDELT), die von dem Informatiker Kalev Leetaru mit genau diesem Ziel errichtet wird und als statistische Grundlage dienen soll. Ziel ist das Aufspüren zukünftiger Unruhen, Revolten oder Anschläge. GDELT wertet täglich Tausende Berichte aus öffentlich zugänglichen Medien aus. In einem Interview erklärt Leetaru dazu:

Den emotionalen Ton globaler Medienberichte heranzuziehen, um Konflikte und Stabilität zu analysieren, ist ziemlich neu. Fast jede Firma wertet heute den Tonfall in den Medien aus, um in Erfahrung zu bringen, was die Leute über sie denken, aber es gibt nicht viele, die mit dieser Methode versuchen, die globale Politik vorherzusagen.

Auch das von Google und dem US-Geheimdienst CIA gegründete Unternehmen „Recorded Future“ bietet entsprechende Dienste an. Unter anderem hatte das US-Militär derartige Verfahren 2011 im Rahmen seiner Intervention in Libyen eingesetzt. Das US-Militär hatte damals angekündigt, noch mehr Anstrengungen zum Aufbau von OSINT-Maßnahmen zu stecken. Profitieren sollen nicht nur alle Teile des Militärs und der Geheimdienste, sondern auch der „Heimatschutz” im Innern.

Im deutschsprachigen Raum wird das automatisierte Ausspähen des öffentlich zugänglichen Internet unter anderem vom selbsternannten „Sicherheitsberater“ Florian Peil bekannt gemacht. Peil, der seine Laufbahn nach eigenen Angaben „in einer deutschen Sicherheitsbehörde“ begann und in einem Berliner Sicherheitsverbund organisiert ist, beschreibt politische Ereignisse als ein „großes Datenproblem“.

Bislang ist unklar, nach welcher Methode der BND Soziale Netzwerke scannen möchte. Letztes Jahr hatte die Bundesregierung jegliche Kenntnisse über GDELT oder „Recorded Future“ dementiert. In dem Bericht des Konglomerats aus NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung ist jedoch von einer „Überwachung in Echtzeit“ die Rede. Entsprechende Auffälligkeiten würden dann in Lagebilder des BND einfließen.

Für eine ähnliche Anwendung, die in einem EU-Projekt beforscht wird, hatte sich bereits das Bundeskriminalamt (BKA) interessiert. Dabei handele es sich laut dem Bundesinnenministerium um ein „automatisiertes datenbankgestütztes Tool zur Datensammlung, Auswertung, Analyse und visuellen Darstellung“. Ausgewertet würden auch Daten aus Suchmaschinen. Einsatzgebiete seien etwa „besondere Gefahrenabwehranlässe“.

Aufträge des Verteidigungsministeriums an IBM und Fraunhofer

Die in WeroQ entwickelten Werkzeuge dienen vermutlich der „vorhersagenden Analyse“. Die Software wird in vielen Bereichen der Wirtschaft genutzt, als einer der Marktführer in diesem Bereich gilt der US-Konzern IBM. Die Firma will die Anwendungen auch in Deutschland verstärkt an Polizeien und Geheimdienste vermarkten. IBM ist hierfür eine Kooperation mit der Universität Freiburg eingegangen, die sich auch das BKA vorführen ließ. Der US-Konzern hatte damals weitere Projekte angekündigt.

Anscheinend war IBM beim deutschen Verteidigungsministerium erfolgreich: Denn die Firma bringt bei WeroQ sein Produkt „Content Analytics“ ein. Hauptauftragnehmer der militärischen Ausforschung von Twitter und Facebook ist aber die Fraunhofer Gesellschaft mit ihrem Forschungsinstitut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FhG FKIE). Auf der Webseite des Instituts fehlt aber jede Angabe zu den Forschungen, lediglich entsprechende Kleine Anfragen und deren Berichte in Zeitungen werden aufgeführt.

Die Forschungen an WeroQ laufen bis Ende Dezember 2016, geplant sind Haushaltsmittel in Höhe von 1,35 Millionen Euro. Nicht ganz klar ist, wo die entwickelten Anwendungen dann eingesetzt werden sollen. In der Antwort heißt es dazu, sie sollten „in ein Führungsinformationssystem der Bundeswehr überführt“ werden. An diesen so genannten „FüInfoSys“ der Bundeswehr hatte auch der US-Geheimdienstpartner CSC Solutions mitgewirkt.

Jedoch seien bei WeroQ laut der Bundesregierung „keine weiteren Teilnehmer und Beobachter beteiligt“. Glaubhaft ist das angesichts der beschriebenen Lügen und Heimlichkeiten zu den beiden Internetscannern von BND und Verteidigungsministerium nicht.

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21 Kommentare
  1. Den Wunsch durch „Reality Mining“ in öffentlichen Daten politische Stimmungen aufzuspüren höre ich seit ca. 12 Jahren immer wieder und nach meine Einschätzung hat sich die damit verbundene gedankliche Trugschluss kein Stück verändert.

    Was wird denn passieren, wenn irgendeine Regierung die daraus gezogenen Schlüsse zur Grundlage ihres Handelns macht? Es wird findige Lobbygruppen geben, die die dahinter liegenden Algorithmen analysiert und die Datengrundlage manipuliert. Ändlich wie Link-Farmen für SEO wird es dann Opinion-Farmen für die „Realitätsoptimierung“ geben. Super, ich freu mich drauf.

    Wie wäre es, wenn die 600 MdBs mit ihren Mitarbeitern einfach ihre Arbeit machen und durch offenen und ehrlichen Dialog mit ihren Wählern in DIalog treten? Gerne durch soziale Medien, Online-DIaloge, Befragungen, Sprechstunden. Aber bitte mit offenem Visier und nicht mit Schlapphut. Dann können sie repräsentieren, wie es im Wortsinne auch gemeint ist.

  2. Sehen wir der Sache doch mal ins Auge: Alle Regierungen und Dienste wollen uns alle weltweit überwachen. Egal, was wir tun (Revolution und Köppe ab vielleicht mal ausgeschlossen), es wird schon praktiziert bzw. wird so kommen – allumfassend und permanent. Da wir bis auf unsere kleine Privatsphäre ja nichts zu verbergen haben, und alle (!) bisherigen Gegenmaßnahmen allenfalls kaum spürbare Verzögerungen bewirkten, sollten wir vielleicht mal die Marschrichtung ändern: Einfach jeden noch so privaten Umsinn, inkl. banale Urlaubs-/Katzenbilder etc. als Screenshots an eine Mail anhängen und per Verteiler direkt zur Archivierung an die verschiedenen Landeskriminalämter, Verfassungsschutzämter, Verteidigungs- und Innenministerium, etc. schicken. So ein paar hunderttausend Mails pro Tag mit jeweils ein paar MB „aussagekräftigem“ Material im Anhang sollte für hinreichend guten Willen stehen und unseren Datensammlern ein paar fröhliche Monate/Jahre beim Sortieren bescheren.

  3. Die Macht über den Bürger wird vollkommen sein, seine Unfreiheit grenzenlos. Damit hätte ich nie gerechnet. 1933 war ein Spaziergang gegen das, was jetzt passiert.

  4. Im Gegensatz zum BND sehe ich, mit Ausnahme vielleicht des Militärischen Abschirmdienstes keinen Grund, warum die Bundeswehr über solche Fähigkeiten verfügen sollte. Auch Polizeibehörden sind nicht dafür zuständig durch Breitenüberwachung potentielle Gefahren zu erkennen, alle privaten Meinungskanäle zu durchsuchen kann man auch nicht mehr mit verdachtsunabhängiger Ermittlung für Gefahrenabwehr rechtfertigen.

  5. Oh scheiße. Da bin ich jetzt demonstrieren gegangen und hab so viele Kommentare geschrieben und die hören nicht auf damit? Woah!
    Ist doch klasse. Ich (ggf „wir“ einsetzen) dachte(n) einmal, das Internet könnte ein tolles Kommunikationmedium sein. Ein Mittel, nicht ein Zweck, mit dem es möglich sein könnte an Informationen schneller und breiter herankommen zu können. Dass andere erweiterte (bessere) Kommunikationsformen entstehen können … dass Daten besser verarbeitet, zugänglicher, transparenter sein können … dass es nicht mehr nur Empfänger gibt sondern auch Sender …. und das alles gut sein würde.
    Dass wir nicht ständig, anstatt wirkliche Probleme anzugehen, über das Mittel als Zweck reden. Dass wir unablässig verstumpfen weil hier etwas verteidigt wird, was verbraucht ist. Ein Mittel das in seiner ursprünglichen Nutzungsanweisung unnutzbar geworden ist. So what, scheiß doch drauf. facebook? twitter? gMail? blogs? candyCrusher? FlappyBirds? Im Ernst?
    Get a life.

    1. Demonstrieren ist schon richtig. Kommentare schreiben erreicht aber die Regierung nicht.

      E-Mail mit GnuPG funktioniert übrigens immernoch gut. Und Systeme wie Freenet (das Freenet Projekt, nicht der Provider) nutzen das Internet, um wirklich verborgene Kommunikation zu ermöglichen (über das freemail plugin).

  6. Ha. Ha. Ha.
    Man will also die ‚Stimmungen in der Bevölkerung‘ ermitteln?
    Also das, was die Meinungsforschungsinstitute auch schon machen? Ein wahnsinniger Fortschritt.
    Ich bin ganz sicher, das sie als erstes feststellen werden, dass die Bevölkerung nicht ausgeschnüffelt und überwacht werden möchte und daher die ganzen Projekte ganz schnell wieder eingestellt werden!

  7. komisch ist wieso sich die Bemühungen des Verfassungsschutzes eher nach Innen richten und nicht etwas vehemennter Gegenspionage anvisiert wird..

    Die Tools dafür sind übrigens alle Open Source und jeder gewiefte Sprachwissenschaftler kann sich zusammen mit ein paar Statistikern, Datenwissenschaftlern mit etwas R , Hadoop und Python zusammenbasteln .Was da großspurig als Entwicklung bezeichnet wird ist doch eher das Versenken von Budgets an Amigos auf der anderen Seite des Atlantiks. IBM beauftragen das ist ja zum schieflachen…

    . Wenn sie meinen, dass diese Tools das Gemeinwohl der bundesrepuplikanischen Volksgemeinschaft unabdingbar sind, sollen sie doch gefälligst inländische Ressourcen nutzen.

    Dass IBM damit beauftragt wird ist eine Lachnummer und ein Skandal…da ist ja der Algorythmus zur Weitermeldung an NSA und Konsorten gleich miteingebaut..

    hoffentlich hat irgendein Politiker /Fraktion die Chupse das auf den Tisch zu bringen… Eigentlich sollten hiesige Informatiker, Verbände und Universitäten da auch auf den Putz hauen..

    1. Das wird nicht mehr begründet, das wird einfach nur benötigt.

      Das ist ja das perfide dabei. Man hat früher noch einen Grund gebraucht, aber inzwischen hat sich die Bevölkerung daran gewöhnt.

      Es könnte sich auch morgen ein Politiker hinstellen und DNA-Abgabe aller Menschen fordern. Zur ihrer eigenen Sicherheit. Es würde niemanden mehr stören, keiner wird dagegen protestieren.

      Greetz,
      GHad

  8. Das Ganze erinnert schwer an Goldgräberstimmung. Der Rausch nach Gold lässt alle Vernunft fahren. Man investiert alles und merkt gar nicht, dass man nur Verluste einfährt. Die einzigen die verdienen sind die, die die Schaufeln verkaufen ;)

    Für die Regierung sind Telefon-, Emailnetze und Internet ein grundrechtsfreier Raum.

    Interessant was den BND Neubau betrifft: „Auch eine Schule für BND und Verfassungsschutz wird es geben.“ [bild de] BND (außen)- und Verfassungsschutzmitarbeiter (innen) werden also zusammen, an einem Ort, beim BND, vermutlich zusammen von den selben Ausbildern ausgebildet! Da darf jetzt jeder mal selber drüber nachdenken …

    „“Stimmungen in der Bevölkerung” aufgespürt““ Dachte, es solle „nur“ um Metadaten gehen, wie soll daraus die Stimmung der Bevölkerung aufgespürt werden?

    Das läuft alles völlig aus dem Ruder.

  9. Na, das war zu erwarten, dass mal hier mal da was „Neues“ auftaucht.
    Neu ist das wohl nicht, das war schon längst geplant und dem „Staat“ ist das GG bzw. Menschenrechte ein Dorn in Auge, da sie aufgrund der bestehende Gesetzlage nicht willkürlich zu ihrem Gunsten eingreifen können.

    Es scheint, sie wollen die Meinungsfreiheit des Bürgers wieder verbieten!
    Man denke an, Revolten, Widerstände aller NGOs.
    Dies ist bisher Nachteile des Staates.
    Nun wollen die Staat durch die Hintertüren ins Demokratie rangehen und dort manipulieren, so dass die NGOs einander zerfleischen „sollten“.

    Dies müssen wir in Hinterkopf haben, dass es möglich passieren wird.
    D. H. Wir müssen achtsam werden.

  10. Hallo,

    war ja klar dass der BND da nachziehen muss…! Wie es mit unseren Rechten aussieht ist da wohl die nächste Frage.

    Leben wir in einer Demokratie? Ich denke leider nein…!

    Grüße

  11. cool. dann erstell ich mir paar tausend Gesichtsbuch Accounts spam Nachrichten wie Merkel,Bombe unsw.. zwischen denen hin und her und schon verkriecht sich Merkel in den Bunker???

  12. keine panik. alles grundrechtsschonend und alternativlos. wenn man glück hat gibts mehr netto vom brutto. wer dagegen ist, ist neugotisch desaströs.

  13. Nur ein kleiner Hinweis. Das Unternehmen Recorded Future ist nicht von Google und der CIA gegründet worden. Google und der Investment-Arm der CIA, In-Q-Tel, haben allerdings Wagniskapital in das Unternehmen investiert.

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