Die deutschen Teilstreitkräfte Heer und Marine ziehen sich komplett aus der geplanten Beschaffung von Helikopter-Drohnen der Firma Schiebel zurück. Dies teilt das Verteidigungsministerium in der Antwort auf eine Kleine Anfrage mit. Zu den Gründen heißt es, eine Prüfung habe ein „nicht akzeptables zeitliches, technisches und finanzielles Risiko für den Zulassungsprozess“ ergeben.
Über den anvisierten Kaufpreis der für Aufklärung und Überwachung gebauten Drohnen schweigt sich die Bundesregierung aus, auch die für die Zulassung zusätzlich erwarteten Kosten werden nicht beziffert. Schon letztes Jahr hatte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) beim Drohnenprojekt „Euro Hawk“ die „Reißleine“ gezogen: Die Zulassung eines Prototypen der Riesendrohne hätte nach Schätzungen eine weitere halbe Milliarde Euro verschlungen, die Bestellung weiterer „Euro Hawk“ wurde deshalb storniert.
Marine wollte sechs „Camcopter“ kaufen
Beim unbemannten Aufklärungssystem „Camcopter S‑100“ handelt es sich um senkrechtstartende Helikopter-Drohnen, die als „Vertical Take Off and Landing“ (VTOL) bezeichnet werden. Sie sind besonders für den Einsatz auf Schiffen geeignet, da diese meist über wenig Platz und keine Rollbahn verfügen. Ein „Camcopter“ ist rund drei Meter lang und hat einen Rotordurchmesser von 3,4 Metern. Deshalb kann das Gerät bequem im Hangar kleinerer Fregatten und Korvetten geparkt werden.
Die Drohne hat eine Reichweite von bis zu 180 Kilometern. Sie verfügt über eine Nutzlast von 34 Kilogramm und kann mit umfangreicher Aufklärungssensorik bestückt werden, darunter auch kleine Radargeräte und Infrarotkamaeras. Obwohl Bilder von „Camcoptern“ mit kleinen Raketen kursieren, beteuert der Hersteller dass die Drohnen nicht bewaffnet werden könnten.
Nach umfangreichen Tests 2008 hatte die Marine eine entsprechende Beschaffung für Korvetten der sogenannten „Braunschweig-Klasse“ vorbereitet. Geplant war, sechs „Camcopter“ zu kaufen. Für die Vermarktung in Deutschland arbeitet Schiebel mit dem deutschen Rüstungskonzern Diehl BGT Defence zusammen. Zum System gehören auch Bodenkontrollstationen, die ebenfalls auf den Korvetten untergebracht werden sollten. Die Drohnen hätten als „System zur Abbildenden Aufklärung in der Tiefe des Einsatzgebietes“ fungieren sollen. Damit wird beim Militär das Aufklären gegnerischer Stellungen bezeichnet, wobei feindliche Linien überflogen werden.
„Notwendigkeit zur Reduzierung erkannter technischer und wirtschaftlicher Risiken“
Laut der Bundeswehr wäre die Reichweite wegen unzureichender Leistungsfähigkeit genutzter Antennen zunächst auf 100 Kilometer begrenzt gewesen. Trotzdem hätte das System die „Arbeit von Spezialkräften“ unterstützen können. Als Beispiel werden Einsätze von „Boarding-Teams“ beim Entern von Schiffen genannt.
Nach der Marine hatte auch das Heer Interesse an der Beschaffung von „Camcoptern“ entwickelt. Zwar gab es keine konkreten Planungen, jedoch habe die „Heeresaufklärungstruppe“ laut der Webseite der Bundeswehr einen Einsatz „vor allem im Bereich der Ziel- und Wirkungsaufklärung“ geplant. Heer und Marine hatten sich in einer Arbeitsgruppe zusammengetan und funktionale Forderungen erarbeitet. Die Heeres- und Marineversion des „Camcopters“ ist wohl identisch, jedoch werden die Kontrollstationen an Land in Container eingerüstet.
Noch im Dezember hatte die Webseite der Bundeswehr euphorisch von der Beschaffung für die Teilstreitkräfte geschrieben. Daraus wird nun nichts: Das Verteidigungsministerium teilte zunächst im August äußerst knapp mit, „alle Aktivitäten hinsichtlich Ausstattung der Deutschen Marine mit Camcopter S 100“ seien im zweiten Halbjahr 2013 eingestellt worden. Zu den Gründen heißt es nun, die Bundeswehr sehe eine „Notwendigkeit zur Reduzierung erkannter technischer und wirtschaftlicher Risiken“. Anscheinend hatten sich die Bodentruppen zuerst aus der Beschaffung zurückgezogen. In der Antwort klingt das so, als gebe es inzwischen attraktivere und leistungsfähigere Drohnen: So habe das Heer für die „Bedarfsdeckung“ ein „geändertes Marktumfeld“ registriert.
Vermutlich wurde das System deshalb auch für die Marine weniger attraktiv, denn das Risiko einer womöglich teuren Erlangung der Zulassungsfähigkeit musste nun allein getragen werden. In der Antwort heißt es, die von Schiebel übermittelten „zulassungsrelevanten Unterlagen“ seien für eine Musterzulassung unzureichend gewesen.
Schiebel-Drohne trotzdem populär
Nun wird sich die Marine nach neuen Drohnen für die Korvetten umsehen, denn eine Bestückung der Schiffe mit unbemannten Systemen gilt als „integraler Bestandteil“ und wird als „Fähigkeitslücke“ bezeichnet. Interessanterweise scheint aber auch die Beschaffung von gewöhnlichen, nicht senkrecht startenden Drohnen in Erwägung gezogen zu werden, die Helikopterdrohnen seien lediglich „eine der betrachteten Lösungsalternativen“.
Trotz des Ausstiegs der Bundeswehr aus dem „Camcopter“-Vorhaben ist die Schiebel-Drohne derzeit überaus populär. Zur Überwachung des Waffenstillstands in der Ostukraine hat die OSZE vier „Camcopter“ beschafft, die ersten beiden haben vergangenen Freitag erste Einsätze geflogen. Erstmals gibt es Angaben über Preise: Laut der Bundesregierung seien der OSZE im ersten Monat Kosten in Höhe von rund 2,7 Millionen Euro entstanden, in den Folgemonaten seien weitere Ausgaben in Höhe von jeweils rund 1,4 Millionen zu erwarten. Nach Medienberichten lässt eine dubiose Aachener Sicherheitsfirma Söldner an den OSZE-Drohnen ausbilden.
Schiebel-Drohnen werden vorwiegend an Militärs geliefert. Nach unterschiedlichen Angaben sollen die ferngesteuerten Helikopter an Libyen, USA, Jordanien, China und Saudi-Arabien verkauft worden sein. Das italienische Militär hat ebenfalls mehrere „Camcopter“ gekauft. Tests auf Schiffen der italienischen Marine sind nach Berichten des Verteidigungsministeriums abgeschlossen, seit September seien die Drohnen startbereit. Im Mittelmeer sollen sie beim Aufspüren unerwünschter MigrantInnen helfen.
Schiebel lässt die Drohne auch in Lizenz in Russland produzieren. Russische Sicherheitsbehörden hatten die Geräte unter anderem bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi eingesetzt. Die Niederlande testen „Camcopter“ angeblich über der Nordsee, die Bundespolizei hatte solche Tests mit einer ähnlichen Drohne eines Konkurrenten von Schiebel auf der Ostsee geflogen. Die Helikopter-Drohnen sind vor allem für jene Polizeibehörden interessant, die bereits Erfahrungen mit Drohnen mit sehr geringer Nutzlast gesammelt haben. Laut dem Hersteller können „Camcopter“ beispielsweise Seile oder Netze abwerfen. Damit wären sie bestens für ein EU-Forschungsprojekt geeignet, das polizeiliche Möglichkeiten zum Stoppen von Fahrzeugen oder Booten aus der Luft untersucht.
