In der Pressemitteilung zum „Bundeslagebild Cybercrime 2013“, die Bundeskriminalamt und BITKOM bemerkenswerterweise gemeinsam identisch veröffentlichten, heißt es reißerisch:
Nach einer repräsentativen BITKOM-Umfrage unter 1.000 Internetnutzern in Deutschland sind mit 55 Prozent mehr als die Hälfte in den vergangenen 12 Monaten Opfer von Cybercrime geworden. Das entspricht rund 29 Millionen Betroffenen. „Cyberkriminalität kann jeden treffen“, sagte BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf.
Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind Opfer von Cybercrime! Der Untergang des Cyberlandes steht kurz bevor! Dieses Narrativ war absehbar, kam bei jedem Lagebilder Cybercrime (früher IuK-Kriminalität) und wird auch in Zukunft wieder so lauten. Das BKA braucht dieses Bedrohungsszenario für seine Überwachungswünsche (Ziercke: „Die Zunahme von Cybercrime und mangelnde Aufklärungserfolge] sind auch ein Effekt der fehlenden Verkehrsdatenspeicherung, von Anonymisierung und Kryptieren.“) Und der Branchenverband der Informations- und Telekommunikationsbranche fürchtet um seinen Umsatz, wenn Leute kein Vertrauen im Cyberraum haben und auf bestimmte Dienste lieber verzichten.
Aber ein unaufgeregter Blick hinter die Schlagzeile hilft manchmal. Daher haben wir beim BITKOM mal nach der Umfrage gefragt. Aber die Studie oder Rohdaten will man nicht herausgeben. Also müssen wir uns mit den Slides zur Pressekonferenz zufrieden geben. Dort wird aus Cybercrime dann „kriminelle Vorfälle im Internet“. Mit diesen Kategorien:

Dieser „Cybercrime“, das sind also vor allem Viren und Spam. Also alltägliche Unannehmlichkeiten im Netz, die ihre Ursachen aber viel mehr in laxem Umgang haben als in mangelnden Überwachungsbefugnissen. Ole hat auf SpOn „wenige einfache Tricks“ aufgeschrieben, mit denen sich „oft das Schlimmste verhindern“ lässt. Ganz ohne Vorratsdatenspeicherung und neuen Befugnissen.
Und immerhin: Selbstschutz scheint seit den Enthüllungen über die Vollüberwachungen der digitalen Welt auf dem Vormarsch zu sein:
Also: Software-Updates, gute Passwörter, und nicht auf jeden komischen Link klicken. Dann klappt’s auch mit dem Cyber der Sicherheit. Auch wenn BKA und BITKOM nächstes Jahr wieder etwas anderes sagen werden.
Update: Jetzt haben wir die vollständige Frageformulierung und Antworten erhalten. Frage 8 lautete: „Welche der folgenden Erfahrungen mit kriminellen Vorfällen haben Sie persönlich in den vergangenen 12 Monaten im Internet gemacht?“ Die Antworten:
| Basis (Fallzahl gew.) | 1002 | 100,00% |
|---|---|---|
| Mein Computer wurde mit Schadprogrammen, z.B. Viren, infiziert. | 405 | 40,40% |
| In meinem Namen wurden unerwünschte E‑Mails versendet. | 156 | 15,50% |
| Ich bin beim Einkaufen, einer Auktion oder einem privaten Verkauf im Internet von einem Geschäftspartner betrogen worden. | 138 | 13,70% |
| Meine Zugangsdaten zu einer Plattform im Internet, z. B. Einem sozialen Netzwerk oder einem Online-Forum, wurden ausspioniert. | 103 | 10,20% |
| Meine Zugangsdaten zu einem Internet-Shop oder ‑Auktionshaus wurden ausspioniert. | 85 | 8,50% |
| Meine persönlichen Daten wurden ausgespäht und illegal genutzt. | 42 | 4,10% |
| Ich bin Opfer eines Betrugs beim Online-Banking geworden. | 37 | 3,70% |
| Ich habe durch Schadprogramme oder infolge eines Datendiebstahls im Internet einen finanziellen Schaden erlitten. | 18 | 1,80% |
| Meine Zugangsdaten zum Online- Banking wurden ausspioniert. | 14 | 1,40% |
| andere Erfahrungen mit Kriminalität im Internet | 69 | 6,80% |
| Ich habe noch keine Erfahrungen mit Kriminalität im Internet gemacht | 417 | 41,60% |
| Weiß nicht/keine Angabe | 38 | 3,80% |

